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Kategorie: Reggae, Rum und real Worship

23. Unbekannte Helden

23. Unbekannte Helden

Ich war im Frühjahr wieder einmal einige Wochen im Sudan. Es war, wenn ich richtig zähle, mein fünfzehnter Aufenthalt in diesem größten Land Afrikas. Ein Land voller Gegensätze: Hundertausende Quadratkilometer Wüste im Norden, Steppen, Wälder und Nilsümpfe im Süden. Ein Land, in dem einige wenige sehr Reiche leben, und Unzählige, die so arm sind, daß mir die Worte fehlen, es zu beschreiben.
Ein Land, in dem — mit nur kurzen Unterbrechungen — seit über dreißig Jahren Krieg herrscht, in dem ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht sind, ganze Sippen sich vor den Soldaten in den Sümpfen verstecken, in dem ganze Stämme vom Aussterben bedroht sind.
Bevor wir fuhren, wünschte uns jemand einen schönen Urlaub. Urlaub? Zum Urlaub würde ich wahrhaftig woanders hinfahren als in dieses Land, dessen Menschen ich schätzen und lieben gelernt habe, und das doch so zerrissen und geschlagen ist.

Meet my world — Gott mutet mir zu, diesem Stück seiner Welt zu begegnen, immer wieder. Den Sandsturm zu erleben, bei dem sich die Sonne verdunkelt und der Staub durch jede Ritze dringt. Die bettelnden Kinder zu sehen, deren Eltern im Krieg umgekommen sind, und die jetzt auf den Straßen der Hauptstadt um ihr Überleben kämpfen. Zu erfahren, daß nur wenige hundert Meter von dem Haus entfernt, in dem wir wohnen, ein Mann wegen des Besitzes von Alkohol öffentlich ausgepeitscht wird, während die schaulustige Menge gafft und grölt.
Von Freunden, Muslimen und Christen, zu hören, wie sehr sie unter der gegenwärtigen Situation leiden.
Mitten drin begegne ich ihnen. Denen, über die nie ein Buch geschrieben oder ein Film gedreht werden wird. Denen, die keiner kennt, deren Lebensspuren in den Sand geschrieben sind. Den unbekannten Helden, die aber bei Gott bekannt sind.
Und während ich das schreibe, höre ich die Stimmen von einigen von euch, die das lesen: Roland, meinst du das ernst? Willst du schon wieder was über den Sudan schreiben? Wen interessiert das schon, was Leute dort irgendwo im Nordosten Afrikas erleben? Das wahre Leben, das spielt doch ganz woanders — in Hollywood, in Cannes, in New York, Berlin und Paris. Dort geht der Punk ab. Dort ist die Action. Wer da ist, der hat es wirklich geschafft! Über die sollte man schreiben, die erfolgreich, schön und millionenschwer sind. Über die Berühmten, Bekannten und Beliebten.
Oder schreib doch zumindest etwas über die, die in der christlichen Szene bekannt und beliebt sind, Musiker, Künstler, ja, auch Prediger. Aber Leute, die keiner kennt, die in einer ganz anderen Kultur leben, die keine Ahnung von unserer Musik, unseren Problemen, unserer Lebenswelt haben … was gehen die uns an?
Meet my world. Für mich ist das wie ein Wort von Gott: Laß dir die Augen öffnen für die wahre Welt, die reale Welt. Die Welt, in der es wirkliches Leiden gibt, wirkliche Angst, wirkliche Hoffnung und wirkliche Helden.
Einer zum Beispiel starb vor zwei Monaten in einem großen Gefängnis. Er hatte seinen Bruder umgebracht. Seine ganze Familie — Mitglieder der koptischen Kirche, ursprünglich aus Ägypten stammend — wollte, daß er seine Tat mit dem Tod büßte. Er war auch zum Tod verurteilt worden. Im Gefängnis war er durch Mitgefangene Christ geworden. Er wurde dort getauft und erzählte allen von seinem neuen Glauben. Der Tag der Hinrichtung kam nahe. Die Aufseher gaben ihm eine letzte Chance: Wenn du sagst: Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet, wenn du Muslim wirst, dann lassen wir dich leben.
Doch er lehnte ab. Er ließ vor der Hinrichtung noch zwei Christen kommen und gab ihnen einen Brief, in dem stand: Wenn sie sagen, daß ich vor meinem Tod doch noch Muslim geworden bin, dann glaubt ihnen nicht! Ich gehöre zu Jesus und im Glauben an ihn sterbe ich.
So starb er. Einer der unbekannten Helden, der sein Leben ganz leicht hätte retten können. Er hätte nur Jesus aufgeben müssen. Doch er ist kein Einzelfall.

Es gibt sie, auch in unserer Zeit. Die, von denen die Bibel sagt: Sie haben überwunden durch das Wort ihres Zeugnisses und durch das Blut des Lammes und haben ihr Leben nicht geliebt bis an den Tod. Immer wenn ich einer oder einem von ihnen begegne, spüre ich den Atem Gottes in meinem Gesicht. Es gibt sie, mehr als wir denken, diese unbekannten Helden. Auch bei uns. Es sind die, die nicht mehr für sich selbst leben, nicht für ihre Ehre, ihre Selbstbestätigung, ihre Organisation, ihr Recht, sondern die Jesus wirklich kennen und deshalb nicht anders können als für ihn zu leben. Sie reden nicht viel. Sie kommen nicht groß raus. Sie verlieren nicht viele Worte. Aber sie sind durch Jesus Salz der Erde und Licht der Welt. So möchte ich auch sein.

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22. Veränderungen

22. Veränderungen

Nun bin ich im letzten Jahr doch tatsächlich vierzig Jahre alt geworden! Unglaublich! Als Zwanzigjähriger dachte ich, daß es am besten sei, mit dreißig zu sterben. Danach kommt sowieso nichts mehr, meinte ich damals. Manchmal, wenn ich so in den Spiegel gucke, denke ich, daß ich damals recht hatte. Aber hier bin ich jetzt, ein ältergewordener Jugendlicher bzw. ein junggebliebener Opa, und denke laut vermittels einer Kolumne in dran über Gott, die Welt, meine Mitmenschen und mich nach. Wenn man alt wird, sinniert man schon manchmal. Also: Heute denke ich über Veränderungen nach.
Was hat sich eigentlich verändert, seit ich zwanzig war? Da fällt mir witzigerweise zuerst die Mongolei ein. Ein Land, in dem ich noch nie war. Aber ich erinnere mich, daß ich früher etwas darüber gelesen habe. Zum Beispiel im Buch „Gebet für die Welt“. Da hieß es: Mongolei. Hauptstadt Ulan Bator. Kommunistisch regiert. Bekannte Christen: im Land keine. Außerhalb einer oder zwei.
WOW! Veränderung! Heute, zwanzig Jahre später, geht die Zahl der Christen in die Tausende. Überall im Land entstehen Gemeinden. Eine neue mongolische Bibelübersetzung ist in der Mache. Es gibt verschiedene Bibelschulen, in denen einheimische Pastoren ausgebildet werden. Und überall kann in völliger Freiheit die Botschaft von Jesus verkündet werden. Hilfstransporte und neue soziale Einrichtungen helfen, Not zu lindern, wo sie am größten ist. Veränderungen überall. Die Mongolei ist für mich eins der eindrücklichsten Beispiele.

Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf, und sie wandern ein paar tausend Kilometer nach Süden. Nepal. Als ich Anfang zwanzig war, flog ein Freund von mir, der Medizin studierte, für einige Monate dorthin, um in der Stadt Pokhara in einem christlichen Leprakrankenhaus mitzuarbeiten. Die Zahl der Christen war klein in diesem Land, in dem der König göttlichen Status für sich beansprucht. Wenn jemand getauft wurde, mußte er damit rechnen, ins Gefängnis zu kommen. Besonders derjenige, der taufte, mußte mit harten Strafen rechnen. Heute, zwanzig Jahre später, ist durch eine einheimische Bewegung die Zahl der Christen auf über hunderttausend angewachsen. Trotz Verfolgung und Behinderung lassen es die nepalesischen Christen sich nicht nehmen, ihren Landsleuten die beste aller Nachrichten weiterzugeben. Veränderungen.

Veränderungen auch bei uns im Land? Was ist anders geworden in den letzten zwanzig Jahren? Da fällt mir vieles ein. Natürlich die Wiedervereinigung. Niemand hätte beim Christival 1976 in Essen gedacht, daß das dritte Christival, zwanzig Jahre später, in Dresden stattfinden würde. Noch 1988, in Nürnberg, als nach vielem Hick-Hack schließlich doch einige Teilnehmer aus der DDR kommen konnten, hat es noch niemand geahnt. Wie prophetisch das Lied von Jörg Swoboda war, wurde uns erst hinterher bewußt: „Die Mächtigen kommen und gehen, und auch jeder Vorhang bald fällt …“ Veränderungen.
Oder die Veränderung in der kirchlichen Landschaft. Ein weitaus geringerer Teil der Bevölkerung gehört heute noch zur Kirche, als es noch vor zwanzig Jahren der Fall war. Die Kirchen sind leerer geworden, auch etwas ärmer. Immer weniger Menschen haben überhaupt noch einen Kontakt zur Kirche oder zu Gemeinden. Das ist eine deutliche Veränderung. Aber ob das auch eine innere Veränderung nach sich zieht — oder ob wir noch einmal zwanzig Jahre warten müssen? Ich bin gespannt. Noch sind die Zeichen für Umdenken oder neues missionarisches Bewußtsein sehr dünn gesät. Noch scheint man sehr auf Rechte, Ämter und Institutionen zu pochen und ist nur wenig zu den Menschen unterwegs. Veränderungen — ich hoffe, daß ich sie noch erleben werde.

Aber auch bei uns gibt es positive Veränderungen. Vor zwanzig Jahren war die Kluft zwischen den sogenannten Charismatikern und den übrigen Christen sehr groß. Man gehörte entweder zum einen oder zum anderen Lager. Brücken gab es wenige. Sehr viele Vorbehalte, Verdächtigungen, Vorwürfe und Vermutungen lagen in der Luft.
Häufig wurden die Andersdenkenden ausgegrenzt und ihnen sogar das Christsein abgesprochen. Das ist Gott sei Dank vielerorts anders geworden. Man läßt sich gegenseitig stehen. An manchen Stellen arbeiten die Leute sogar zusammen, ohne damit unbedingt ihre Gegensätzlichkeiten aufzugeben. Auch bei uns gibt es viele neue Impulse. Christen werden offener, Neues auszuprobieren. Das finde ich großartig. Veränderungen.
Beim Nachdenken darüber fällt mir auf: Veränderungen fallen nicht so einfach vom Himmel. Sie passieren nicht „einfach so“. Sondern: Ich bin ja mitten drin! Ich kann mitmachen bei Veränderungen. Meine Stimme zählt genauso wie die von jedem anderen. Wenn ich mich verändere, hat das Auswirkungen, zum Guten oder zum Schlechten.
Also, liebe Freunde, macht was draus! Die zwanzig besten Jahre liegen vor euch! Wenn ihr jetzt nichts wagt, wenn ihr jetzt keine radikale Jesus-Nachfolge lebt, werdet ihr sie aller Wahrscheinlichkeit mit vierzig oder älter auch nicht auf die Reihe kriegen! Veränderungen — bist du dabei, oder hockst du hinter dem Ofen? Die Wahl liegt bei dir.

Herzlich! Euer
Roland

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21. Verlorene Kinder

21. Verlorene Kinder

Die Meldung geht mir nicht aus dem Kopf. Ein vermisstes Mädchen. Vor wenigen Augenblicken noch auf dem Spielplatz gesehen. Dann nicht mehr da. Zuerst denken sich die Eltern nichts dabei. Sie wird wohl mit einer Freundin nach Hause gegangen sein. Der Abend kommt. Sie ist immer noch nicht da. Die Suche beginnt. Niemand weiß, wo sie steckt. Die Polizei wird eingeschaltet. Eine Großfahndung beginnt. Die Medien werden aufmerksam. Bald zittert die ganze Nation mit. Ist sie einfach fortgelaufen? Ist sie in die Hände einer Kinder-Porno-Bande geraten? War es ein Sexualmord? Lebt sie noch? Ist sie schon tot?
Ich muss gestehen, dass ich auch in der Gefahr stehe, abzustumpfen. So etwas passiert einfach in unserem Land.
Wo kommt das her? Wie kann es sein, dass Menschenleben zur Wegwerfware wird, wenn der Kick des Augenblicks es erfordert? Hängt es damit zusammen, dass im Namen des Fortschritts und der Selbstverwirklichung am Menschenrecht auf Leben gesägt wird, zuerst bei den noch nicht Geborenen, dann vielleicht bei den Alten und Behinderten, bei den Embryonalzellen, bei den „Vorformen“ von Menschsein? Könnte auch die Feindseligkeit gegen Ausländer und Andersdenkende ein Ergebnis davon sein, dass jeder nur noch sich selbst in den Mittelpunkt stellt?
Könnte es damit zu tun haben, dass wir in ein nachchristliches Zeitalter rutschen, wo es keinen Gott mehr gibt, und deshalb auch kein letztes Gericht, keine absolute Wahrheit und Verantwortlichkeit, kein Schwarz oder Weiß, sondern nur noch unterschiedliche Töne von Grau?
Oder sind das zu altmodische Gedanken? Sollte ich mich einfach damit abfinden, wie die Gesellschaft nun mal ist?

Der Gedanke ist verführerisch. Nur nicht anecken. Als Christ soll ich doch andere gewinnen, und das mache ich am besten, wenn ich immer nett und konform bin. Nur nicht den Kopf zu sehr aus der Masse herausstrecken und mich angreifbar machen! Ich will der nette Christ sein, angepasst, lässig, tolerant. Also lasse ich lieber die Finger von Gesellschaftskritik. Spreche ich lieber nicht gegen den herrschenden Egoismus, die Übersexualisierung der Medien, das Jagen nach Geld und die Schnelligkeit, mit der das, was seit Jahrhunderten als anerkannte Moral gegolten hat, über die Schiffswand gekippt wird.
Aber dann denke ich an die vermissten Kinder. Daran, dass es immer kälter wird um mich herum. Ich fange an, mich aufzuregen, dass auf der Jugendmesse YOU statt Bibeln Kondome als letzter Schrei verteilt wurden, als würde das die Probleme des Lebens lösen. Ich werde sauer, dass auf der Love Parade Drogen verteilt werden und dieses „Event der Liebe“ zum Einstiegstag für Hunderte Drogenkarrieren wird. Und ich werde traurig, dass viele in der Elterngeneration den Kids nicht mehr weiterzugeben haben als ein paar hohle Ratschläge und Knete. Ich merke, dass Jesu Voraussage anfängt, sich zu bewahrheiten: Ungerechtigkeit wird herrschen und die Liebe wird in vielen Menschen kalt werden.
Am meisten aber macht mich betroffen, dass wir Christen keine Alternative zu haben scheinen. Wir sehen, wie eine ganze Generation in einer gott-freien Zone heranwächst und stattdessen den Göttern der Geldverherrlichung, des Körperkultes und des totalen Kommerzes überlassen wird. Ich bin traurig, dass es so wenige echte Väter und Mütter in Christus gibt, die ein Herz für die junge Generation haben.

Vielleicht sagst du jetzt: Roland, du bist aber negativ drauf! So schlimm ist das nicht! Es gibt doch auch viele Gegenbeispiele!
Sicher. Aber selbst ein einziges verlorenes Kind ist zu viel. Mich hat es aus meiner Gleichgültigkeit gerissen, als ich mitbekam, dass ein Kind, das vor wenigen Wochen tot und verstümmelt aufgefunden wurde, die Nichte einer Mitarbeiterin war. Das hat mich geschockt. Da stand die Frage auf einmal groß im Raum: Was ist ein Menschenleben wert -– das Leben eines achtjährigen Mädchens?
Die Gleichgültigkeit war wie weggeblasen. Und dann habe ich angefangen nachzudenken. Dabei bin ich darüber erschrocken, dass in unseren Jugendstunden, Predigten und Planungsmeetings die Frage so selten vorkommt: Wie können wir so etwas verhindern? Wie können wir als Christen an einer besseren Zukunft bauen? Was können wir tun, dass das Evangelium wieder ins Zentrum der Gesellschaft kommt und deshalb mehr für Menschen getan wird, die in der schwächeren Position sind?

Ich bin zornig über eine Kirche, der es scheinbar egal ist, dass eine ganze Generation aus der Kirche auswandert. Und erschüttert darüber, dass vielen Verantwortlichen ihre Traditionen wichtiger sind als dass junge Leute einen Ort in den Gemeinden finden. Dabei ist die junge Generation offen für Gott wie seit Jahren nicht. Sie suchen nach etwas, das wirklich ihr Leben erfüllen kann. Wo ihnen Jesus pur angeboten wird, kommen sie zu Hunderten und nehmen es auf wie trockene Schwämme. Der Run zu Jesus hat ganz neu begonnen. Erschreckend ist, dass viele Freikirchler und Landeskirchler das noch nicht gemerkt haben. Aber wer sich für zu fein und zu gebildet hält, einer verlorenen Generation Jesus zu verkündigen, und zwar nicht nur durch Worte, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.
Andres und Christian, Juliane und Nadine, Per und Marvin, Silja und Friederike warten auf Menschen, die ihnen die wahrste aller Nachrichten überbringen: Dass es einen Vater im Himmel gibt, der sie ganz persönlich sieht und segnen will.
Wenn Christen heute wach wären, würden sie überall Kinder- und Teenclubs aufmachen wie die Blöden. Die Zeit ist reif, dass wir die Kids nicht mehr dem Teufel überlassen. In den Siebzigern lautete ein christlicher Hit: Why should the Devil have all the good music? Heute müsste ein neuer Ohrwurm geschrieben werden: Why should the Devil have all the kids?

In diesem Sinne herzlich
euer hoffnungsvoller
Roland Werner

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20. Wer wird Millionär?

20. Wer wird Millionär?

Wenige Fernsehshows sind so beliebt wie die Quizsendungen, in denen es wirklich etwas zu verdienen gibt. Ich gebe es zu: Auch ich sitze gern auf der Couch, ziehe mir kleine Snacks rein (seit neuestem gibt es von Elke liebevoll klein geschnittene Apfelstückchen) und fiebere mit, wenn die Kandidaten Fragen zu Erdkunde, Geschichte, Kultur, Sport und vielem mehr beantworten müssen.
Meist weiß ich die Antworten –- sodass mich Elke schon häufig aufgefordert hat, bei den Sendern anzurufen und zu versuchen mitzumachen. Das wäre doch toll: Eine Million Mark –- und wir hätten keine finanziellen Probleme mehr -– weder persönlich noch beim Christus-Treff noch bei Friends. Ich gebe zu, es lockt mich schon gewaltig, das Geld.
Außerdem — ich im Fernsehen! Ich könnte so ganz nebenbei was über Jesus und den Glauben erwähnen. Wäre schon cool.

Aber Geld ist für mich natürlich nicht das Wichtigste. Denn ich bin doch Christ. Und wir Christen sind von der Herrschaft fremder Mächte und Gewalten befreit und haben Jesus an die erste Stelle gesetzt. Aber es ist doch irre, was man mit Geld alles machen kann.
Zum Beispiel den Hunger in der Welt bekämpfen. Und endlich den Schuldenberg des Christus-Treff reduzieren. Und arme Jugendarbeiter und junge Evangelisten unterstützen. Es wäre schon toll, wenn ich Geld hätte. Dann könnte ich wirklich etwas bewegen.

Luther hat 95 Thesen an die Tür in Wittenberg genagelt. Das hat die Reformation ausgelöst. Ich will 20 Thesen (und Tipps) in den PC hämmern. Ich glaube, dass eine Erweckung dann kommen würde, wenn die Christen ihr Verhältnis zum Geld regeln würden. Mehr braucht es nicht.
Hier also meine Tipps und Thesen:
1. Die meisten Christen sind an Geld gebunden -– an das, was sie haben und an das, was sie nicht haben.
2. Wer die Herrschaft des Geldes, des Sicherheitsstrebens und des Sorgengeistes nicht überwindet, fügt sich selbst und allen, für die er Verantwortung trägt, dauerhaften Schaden zu.
3. Alles, was wir haben, ist uns nur anvertraut -– zum selber Genießen, zum Helfen und zum Weitergeben. Alle unsere Ressourcen -– Geld, Zeit, Kraft usw. -– gehören nicht uns selbst, sondern letztlich Gott.
4. Gott nimmt uns ernst und vertraut uns die Erde und ihre Schätze an. Unsere Aufgabe ist es, zu „bebauen und zu bewahren“, also Haushalterschaft einzuüben.
5. Wir brauchen eine neue Kultur der Askese, die wir in allen Bereichen einüben müssen, wenn wir nicht an unserem Materialismus ersticken wollen. Wer verzichten lernt, kann auch wieder ganz neu genießen lernen.
6. Obwohl unser ganzes Geld Gott gehört, erlaubt er uns, das meiste zu behalten. Im Alten Testament gebietet er dem Volk Israel, regelmäßig den zehnten Teil ihres Einkommens für die geistliche Arbeit, also den Tempel, die Leviten und Priester, zu geben. Außerdem verbietet er, die Armen auszunutzen, statt dessen sollen die Wohlhabenden ihnen helfen.
7. Keine Gemeinde, kein Missionswerk, keine christliche Organisation müsste noch einen einzigen Spendenaufruf schreiben, wenn die Christen ihre finanzielle Verantwortung übernehmen würden.
8. Obwohl das Gebot des Zehntengebens im Neuen Testament nicht wiederholt wird und also im strengen Sinne nicht gilt, ist der Zehnte ein guter Maßstab. Wir sollten uns nicht lumpen lassen.
9. Gott ist nicht an deinem Geld interessiert, sondern an deinem Herzen. Widerwillig gegebenes Geld will Gott gar nicht haben. Die Bibel sagt eindeutig, dass Gott einen fröhlichen Geber lieb hat.
10. Dein Zehnter gehört dem Reich Gottes. Darüber hinaus bist zu frei, noch zusätzliche Opfer zu geben, Projekte zu unterstützen, den Armen zu helfen usw.
11. Wenn du anfängst den Zehnten zu geben, wirst du erleben, dass du nicht weniger hast, sondern mehr, weil Gott dich um so mehr segnet (Maleachi 3).
12. Das Geben des Zehnten kann dir helfen, mit Geld bewusster umzugehen.
13. Anhand des Zehnten kannst du lernen, einen Lebensstil des Gebens auch in anderen Bereichen einzuüben: Zeit, Kraft, Aufmerksamkeit, praktische Hilfe.
14. Mein persönlicher Ratschlag: Gib mindestens die Hälfte deines Zehnten in die örtliche Gemeinschaft von Christen, zu der du gehört. Bei der anderen Hälfte lass dir von Gott zeigen, welche Projekte oder Personen du unterstützen sollst.
15. Warte mit dem Zehnten nicht, bis du viel Geld verdienst oder ein festes Einkommen hast. Je früher du das Teilen einübst, um so leichter wird es dir fallen, wenn du mehr hast.
16. Der Zehnte ist der Maßstab unseres Vertrauens auf Gott.
17. Versuche, einen weiteren Zehnten in die Vorsorge für die Zukunft zu stecken –- in Form eines Sparbuchs, Bausparvertrages oder ähnliches. Wenn du ständig ein überzogenes Konto hast, stimmt etwas mit deinem Umgang mit Geld nicht und du bist stark gefährdet, dir langfristig große Probleme einzuhandeln.
18. Sei korrekt in allen Gelddingen. Bezahle Schulden so schnell wie möglich zurück. Geldschulden sind Bringschulden. Versuche nicht, irgendjemanden übers Ohr zu hauen, auch nicht das Finanzamt.
19. Entwickle Großzügigkeit. Klebe nicht am Geld. Setze den Satz von Jesus immer wieder in die Tat um: Geben ist heilbringender als Nehmen!
20. Erkenne, wie reich du in Wirklichkeit bist und lass dein Denken, Fühlen und Handeln von Dankbarkeit und Vertrauen prägen. So wirst du ein echter Millionär.

Wer wird Millionär? Du kannst einer werden, wenn du diese Tipps und Thesen in dein Handeln einbeziehst.

Herzlich
dein
Roland

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19. Worlds of Worship oder: Macht mehr Musik!

19. Worlds of Worship oder: Macht mehr Musik!

Manche denken ja, Geld bewege die Welt. Mag sein. Musik aber mindestens ebenso. Zumindest die Welt der Christen. Obwohl es viele nicht zugeben würden, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen bei einer Gemeindesuche – meist hinter vorgehaltener Hand – wohl diese: Welche Musik machen die denn so?
Nicht etwa: Wird dort das lautere Evangelium verkündigt? Oder: Ist diese Gemeinde missionarisch oder sozial engagiert? Noch nicht einmal die naheliegende Frage: Sind die Frauen dort attraktiv? Oder: Gibt es dort millionenschwere Junggesellen?

All dies scheint keinen zu interessieren. Stattdessen geht es schlicht und ergreifend um die Musik. Und je nachdem, wie die Antwort ausfällt, hat einer Lust, dahin zu gehen oder auch nicht. Wer meint, die Gemeindeleiter oder Prediger seien die Bosse in Gemeinden, hat sich stark getäuscht. Und auch die Altarblumensteckerinnen, Gemeindesekretärinnen, Frauenhilfeleiterinnen, Küsterinnen oder Synodalbeauftragtinnen sind -– trotz aller ihnen inne- und beiwohnenden Machtfülle –- nicht die wirklichen Herrscher der Herde. Nein, es sind die Musiker –- je nach Tradition Leviten, Organisten, Kantoren, Wörshiplihder, Flötengruppenvorsteher, Vorsänger, Anbetungsbandanführer oder Kirchenmusiker genannt. Denn: Music is where the heart is. Frei übersetzt für alle Englischhasser: Musik is wo dat Herz is.

Ja, Musik bewegt die Welt. Keine Autofahrt ohne Musik aus Radio, CD- oder Kassettenspieler. Keine Gemeindebusfahrt ohne gemeinsames Singen. Keine Jungschar, kein Jugendkreis, keine Seniorengottesdienst, kein Geburtstag (doch, doch: Häppi Börsdeh und so!), keine Weihnachtsfeier ohne Musik. Nur eine Veranstaltung hat der Musikbelagerung vielerorts getrotzt wie weiland die Gallier den Römern: Der Kirchenvorstand. Mit Rücksicht auf…. na eigentlich alles und jeden, wird dort nicht gesungen. Aber ansonsten steht Musik an erster Stelle in der christlichen Gemeinde.
Dabei ist der Musikmarkt in der Christenheit ziemlich klein geraten. Zumindest bei uns in deutschen Land. Und das ist der Grund meiner Klage: Ich fordere mehr Musik! Und zwar mehr unterschiedliche! Sonst mach ich nicht mehr mit!

Aber zuerst etwas Hintergrundinformation, sozusagen ein kleiner geistlicher Musikführer, völlig willkürlich aus meinem Leben gegriffen. Denn ich kann mit Fug und Recht behaupten, ein Stück Musikgeschichte miterlebt und miterlitten zu haben (wenn schon nicht mitgeschrieben …).
Ich war dabei. Ich bin Ohrenzeuge: Eine kleine Kostprobe folgt. Dabei muss ich darauf hinweisen, dass jeder Titel für etwa 400 bis 600 ähnliche, ebenfalls zitierbare steht. Los geht’s:

Auf den Urlaubsfahrten mit der Großfamilie: Gott ist die Liebe („Drum sag ich’s noch einmal …“ — meistens mehrere hundert Male, bis wir in Italien waren). In der Jungschar: „Fest und treu wie Daniel war …“ Im Kindergottesdienst: „Wie mit grimm’gem Unverstand Wellen sich bewegen …“ (Kennt das einer von meinen Lesern? Wenn ja, bitte schreiben!) Im Jugendkreis: „Kennt ihr schon den Bericht von Petrus?“ In der Kirche: „Es kommt ein Schiff, geladen“. (Übrigens von mir auf der Orgel begleitet!) Bei den Jesus People: „Die Blumen blühen – sie blühen für Jesus! Die Vögel singen …“ Im Austauschjahr in Seattle: „We’re marching to Zion!“ (Mit Marschierübungen in der Kirche). Im Weiglehaus: „Steil und dornig ist der Pfad, der uns zur Vollendung leitet“. In der SMD: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Beim CVJM: „Geh, Abraham, geh!“ In der Brüdergemeinde: „Es ist das ewige Erbarmen …“ Bei der Jesus-Bruderschaft: „Ihr seid das Salz der Erde.“ In der Pfingstgemeinde: „O dass du könntest glauben!“ In St. Aldate“s in Oxford: „Wind, wind, blow on me!“ In Assuan: „Stark ist meines Jesu Hand!“ Im Christus-Treff: „Jeder, der Durst hat …“(ein Zungenbrecher, der nur von Insidern beherrscht wird). In der internationalen Gemeinde in Khartum: „Great is thy faithfulness.“ Beim Posaunenfest des Gemeinschaftverbandes: „Ein feste Burg ist unser Gott.“ (Ist bei achthundert Posaunen auch notwendig.) Im Gefängnisgottesdienst in der sudanesischen Wüste: Samamtu anni, atba’ Yasuu’i -– Ich bin entschieden zu folgen Jesus. (Bewegend angesichts der muslimischen Übermacht, der die Gefangenen ausgeliefert sind.)

Und so weiter und so fort. Wie gesagt, das ist nur eine Auswahl. Man
verzeihe mir, dass ich Klassiker wie: „Man sagt, er war ein Gammler“ und „Mein
schönste Zier und Kleinod bist“ nicht erwähnt habe, ebenso wenig wie „It’s
me, it’me, it’s me, o Lord“, „Hevenu shalom alechem“ oder „Wenn das rote Meer grüne Welle hat“.
Worlds of Worship. Welten der Anbetung. Oder sollte ich sagen: Wellen der Anbetung? Ich finde es großartig, dass es so viele verschiedene Lieder gibt, Musikrichtungen und Stile. Das ist ein ungeheurer Reichtum.
Und dennoch, finde ich, liegen ganze Bereiche lahm, wie gesagt, vor allem
bei uns in unserem Land. Zum Beispiel: Volkslieder. Ich finde, es sollte Volkslieder-Gottesdienste geben. Mit Schunkeln, Dirndl und allem Drum und Dran. Da wäre die Bude voll, und zwar mit Leuten, die sonst nie oder nur sehr selten in die Kirche kommen.

Oder Schlagergottesdienste. Warum haben wir keinen Guildo Horn auf geistlich? Oder Stefan Raab als Anbetungsleiter? Wo sind die christlichen Abbas, die Antons aus Tirol, die Christian Anderse und Marianne, wie hieß sie noch gleich? Oder: Country-Western Gottesdienste im Saloon. Oder: Opern als Gottesdienste. Mit großer Besetzung, tiefsten Bässen und hohem C und allem Lärm, der so richtig unter die Haut geht.

Ja, warum nicht? Denn nur so können wir die unterschiedlichsten Geschmäcker erreichen. Ich fordere angemessene Musik für meine Altersstufe! Wollt ihr mir wirklich Hip-Hop-Gottesdienste als Alternative anbieten? Meine Gehörgänge kriegen die Reime nicht mehr schnell genug sortiert. Oder Dancefloor-Events? Meine alten Knochen tun mir schon beim Zuschauen weh. Oder soll ich mich jetzt nur noch nach überseeischen Anbetungsmelodien aus dem soften Kalifornien im Takte wiegen? Ich gebe zu, das tut meinem Bluthochdruck gut.
Und dennoch: Ich fordere Musik, die auf mich und meinesgleichen als Zielgruppe zugeschnitten ist! Denn wir Senioren sind sowieso die größte gesellschaftliche Gruppe der Zukunft. Also: Drauf einstellen! Ich fordere: Macht mehr Musik! Damit die Leute wieder kommen. Denn die leben nach dem Satz: Wo man singt, da lass dich ruhig nieder…

Also: Ich freu mich drauf! Auf die musikalische Revolution. Denn schließlich fordert die Bibel: Singt dem Herrn ein neues Lied! So können wir die Welt für Jesus gewinnen – mit einem Lied. Oder auch ein paar mehr, wenn es nötig ist!

Herzlich
Euer
Roland

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18. Christenverfolgung im Christus-Treff und anderswo

18. Christenverfolgung im Christus-Treff und anderswo

Ich weiß nicht, ob du schon einmal donnerstags abends bei uns in Marburg in der Lutherischen Pfarrkirche warst. Je nach Wetterlage und Jahreszeit versammeln sich dort jede Woche um acht Uhr zwischen 300 und 400 Leute, manchmal auch ein paar mehr, zu einem Gottesdienst. Locker, flockig, rockig ist die Musik – meistens -, spontan und kreativ viele Beiträge und vor allem eine relaxte Atmosphäre bei gleichzeitigem Tiefgang. Für viele ein Trend-Gottesdienst, wobei die Ansichten auseinander gehen könnten, ob es der Trend von heute, von morgen oder von gestern ist. Auf jeden Fall ein attraktiver Gottesdienst — vielleicht vor allem wegen der Möglichkeit, hinterher noch in eine der vielen Kneipen der Oberstadt zu gehen — und sicher kein Ort, wo man das Thema Christenverfolgung vermutet.
Um es klar zu stellen: Mit Christenverfolgung meine ich nicht das Phänomen, dass junge Männer deshalb in den Gottesdienst kommen, weil dort eine attraktive junge Dame anwesend ist, deren Spuren sie errötend folgen.
Und ich meine auch nicht die Buhrufe, die auf manchen Ein-Meter-achtzig-oder mehr- Mann niederprasseln könnten, weil er während des Worships mit erhobenen Händen dasteht und für die hinten Sitzenden den Blick auf die Leinwand verdeckt.

Als Christenverfolgung will ich es auch nicht bezeichnen, wenn wir wieder einmal — wie es regelmäßig alle Jahre geschieht — in irgendwelchen Blättern und Zeitschriften aus dem Uni-Bereich angegriffen werden. Das erhöht nur die Öffentlichkeitswirksamkeit nach dem Motto „Viel Feind — viel Ehr'“. Selbst wenn es teilweise zu massiverer übler Nachrede kommt, ist das noch nicht unter dem Thema Verfolgung zu verbuchen. Da wird höchstens ein bisschen das Ansehen und der Name beschädigt, etwas, das völlig normal ist in der realen Welt. Ich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass uns alle lieb haben werden, wenn wir bewusst als Christen leben.

Aber es gibt schon krassere Dinge. Zum Beispiel dies: Gestern Abend erhielt ich eine e-mail. Freunde von mir, Christus-Treffler, bauen in einem arabischen Land ein medizinisches Dorfprojekt auf und zwar in einem Teil des Landes, wo es kaum medizinische Versorgung gibt. Sie wohnen in einer Stadt und betreuen von dort aus eine Reihe von Dörfern, in denen kein Arzt, keine Krankenversorgung und häufig auch kein Wasser und Strom ist. Außerdem haben sie Kontakt zu verschiedenen Beduinensippen, denen sie helfen. Sie engagieren sich in Gesundheitserziehung und Dorfentwicklung, was besonders für die armen Leute dort ein echte Hilfe bedeutet.
Jetzt ist Folgendes passiert: Am letzten Freitag wurde während der Freitagspredigt in allen Moscheen im Umkreis von 100 Kilometern gleichzeitig vor unseren Freunden gewarnt. Sie wurden mit verschiedenen Vorwürfen beschuldigt — und die Leute aufgefordert, keinen Kontakt mit ihnen zu haben. Wenn es nur in einer Moschee gewesen wäre, hätte das vielleicht keine große Bedeutung. Hier handelt es sich aber anscheinend um eine durchorganisierte und abgestimmte Aktion. Wie geht es weiter? Das ist nicht klar. Eine Möglichkeit ist, dass alles wieder abflaut und im Sand verläuft. Eine andere, dass der Druck steigt und unsere Freunde das Land verlassen müssen. Oder auch, dass sie verhört und möglicherweise sogar verhaftet werden. Obwohl sie als Europäer sicher schonender behandelt werden als die einheimischen Christen in diesem Land. Denn es ist dort bei Todesstrafe verboten, Christ zu werden und Christ zu sein. Und das im Jahr 2001 nach Christus.

Ist doch normal, oder? Nicht, dass ihr mich missversteht. Aber Christenverfolgung ist nichts Ungewöhnliches in diesen Tagen. Während wir uns über der Frage die Köpfe einschlagen, wie viele moderne Lieder in einem Gottesdienst gesungen werden dürfen, werden in Indonesien Kirchen abgefackelt und zwar charismatische und nicht-charismatische, evangelische und katholische.

In Nordnigeria passiert genau dasselbe. Im schönen Urlaubsparadies der Malediven ist es den Einheimischen verboten eine Bibel oder christliche Literatur zu besitzen, geschweige denn Christen zu sein. Während wir uns am Strand räkeln, sitzen im gleichen Land Menschen in Gefängnissen, weil sie an Jesus glauben.

Mich lässt das nicht kalt. Denn die Beispiele ließen sich vielfältig vermehren. Im 20. Jahrhundert sind nach unserem Wissen mehr Christen um ihres Glaubens willen verfolgt, ins Gefängnis geworfen, gefoltert und getötet worden als in jedem anderen vorher. Und zwar nicht nur bei den Nazis im Dritten Reich, nicht nur unter Lenin und Stalin in der Sowjetunion, nicht nur im Tschad in den Siebzigerjahren (wo Christen in den Sand gegraben wurden, sodass nur der Kopf herausschaute und sie so entweder langsam starben oder von einem Elefanten kurz und klein gemacht wurden), nicht nur in den islamischen Ländern, nicht nur bis noch vor wenigen Jahren in Nepal und Albanien, sondern auch gegenwärtig zum Beispiel in Indien und selbst in Israel. Israel? Ja, wenn die Gemeindehäuser messianischer Juden mit Steinen beworfen oder angezündet werden – und das nicht etwa von Arabern, sondern von ultra-orthodoxen Juden.

Christenverfolgung war eine Realität im 20. Jahrhundert und wird es aller Voraussicht nach auch im 21. Jahrhundert sein. Lächerlich ist dagegen das, was ich auf manchen amerikanischen christlichen Fernsehstationen erlebe: die endlosen theoretischen Sendungen über die neuste Erkenntnis zur Prophetie und dem Ablaufplan der Zukunft. Da werden die genaueren Umstände der Erscheinung des Antichristen diskutiert und terminiert und das, obwohl Jesus uns eindeutig gesagt hat, dass wir nicht Zeit noch Stunde wissen werden. Klar, antworten sie, aber Monat und Jahr können wir schon errechnen! Eindringlich wird vor Augen gemalt, dass dann eine Zeit der großen Bedrängnis für Christen kommen wird, wo sie um ihres Glaubens willen Verfolgung erleben, verhaftet und getötet werden. Christen in anderen Ländern erleben das längst und haben gar keine Zeit, sich mit dem Zeitplan des Antichristen zu beschäftigen.
Christenverfolgung ist ein Thema hier und heute und nicht erst irgendwann in der so genannten Endzeit. Und als Christen sollten wir wachsam sein und solidarisch, sollten uns zu unseren Schwestern und Brüdern stellen, die verfolgt werden. Wir sollten uns informieren, protestieren, beten und praktische Hilfe und Unterstützung leisten.
Denn so weit weg ist das Thema dann doch nicht. Und es fängt auch hier und jetzt schon bei uns an. Wie zum Beispiel bei der Person aus dem Christus-Treff, die vor wenigen Wochen von ihren Eltern enterbt wurde, weil sie Christ ist. Irgendwie beschäftigt mich das Thema Christenverfolgung. Dich auch?

Herzlich
dein
Roland Werner

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17. Holy Ghost Power

17. Holy Ghost Power

Ich stamme ja noch aus der Zeit der Jesus-Revolution Anfang der siebziger Jahre. Ja, das stimmt, wer mich ansieht, sieht ein Stück antiker Kirchengeschichte. In diese Zeit fallen meine ersten Begegnungen mit dem Heiligen Geist — genauer gesagt: Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass der Heilige Geist da ist. Denn seine Geschichte mit mir ist sicher viel länger, als ich es bewusst wahrgenommen habe.
Es war in Duisburg, wo ich geboren und aufgewachsen bin. In der Innenstadt, direkt vor dem Karstadt, gab es einen Bereich, der bei uns „Heiratsmarkt“ hieß. Ein Platz, auf dem viele junge Leute sich regelmäßig trafen, und wo neben interessierten Blicken aufs andere Geschlecht auch Drogen wie Hasch usw. getauscht wurden. Kleiderzwang herrschte zwar nicht gerade, aber es war doch von Vorteil, wenn man ausgefranste Jeans, selbst gebatikte Hemden oder wenigstens bestickte Hemden aus dem Indienshop trug — und an den Füßen sogenannte Jesuslatschen oder Clogs (eine Kreuzung zwischen holländischen Holzpantoffeln und Krankenpflegerschuhen). Die Haare waren lang — und wer schon konnte, trug auch einen Ziegenbart, allerdings etwas länger als er neuerdings wieder in Mode gekommen ist.

Auf diesem „Heiratsmarkt“ traf ich sie öfter nach der Schule — ein Clique von fünf, sechs Leuten, die sich mit Taschen voller Traktakte um die Schulter und buntbemalten Bibeln in der Hand unters Volk mischten und mit einzelnen sprachen. Als frischgebackener Christ war ich von dieser Gruppe christlicher Untergrundkämpfer beeindruckt und nahm mit ihnen Kontakt auf. Sie waren vom Stil und Auftreten her ungefähr das, was den Bildern, die ich von den Jesus-People in Kalifornien gesehen hatte, am nächsten kam. Von ihnen hörte ich, wie wichtig der Heilige Geist ist, und bekam zum ersten Mal mit, wie jemand in Sprachen betete.
Klar, dass ich beeindruckt war. Die Begegnung mit ihnen hatte zur Auswirkung, dass ich mich auf die Suche machte. Auf die Suche nach dem Heiligen Geist, nach seinen Gaben und seiner Kraft. Und natürlich auch nach dem Lebensstil, der von Paulus als „Frucht des Heiligen Geistes“ beschrieben wird.

Es war eine Suche mit Hindernissen. Denn schließlich gab es ja nicht nur meine frisch-fromm-fröhlich-freien Freunde mit ihren Heilig-Geist-Erfahrungen. Es gab ja auch noch die anderen, die bei der bloßen Erwähnung des Wortes „Heiliger Geist“ die Hände in die Luft warfen, die Finger warnend schwenkten und manchmal so weit gingen, jeden, der etwas mit dem Heiligen Geist erlebt hatte, als wahrscheinlich dämonisch verführt und deshalb gefährlich ansahen. So sah ich mich in einer Spannung, die mich mit meinen sechzehn oder siebzehn Jahren fast zu zerreißen schien.
Auf der einen Seite sang ich die Lieder der Jesus-People, machte erste Erfahrungen mit den Geistesgaben und der bewegenden Kraft des Geistes, und auf der anderen Seite las ich wissbegierig und fast süchtig die Anti-Geist-Bücher und kämpfte mit der Frage, ob dies nicht alles Blendwerk des Teufels ist.

Irgendwann steckte ich mitten drin in der Geist-Krise. Ich wusste nicht mehr, was richtig war. War alles vom Teufel — und ich war verführt, und merkte es nur nicht? Würde ich irgendwann am Ende meines Lebens aufwachen und Gott zu mir sagen: Mein Lieber, du hast dich getäuscht. Das, was du für den Heiligen Geist gehalten hast, war ein Trick des Teufels, tut mir leid? Oder war ich Gott ungehorsam, wenn ich nicht noch mehr Erfahrungen mit dem Heiligen Geist suchte, noch mehr auf Konferenzen fuhr, wo solche Erlebnisse zu finden waren? Ich wollte mir einerseits Gottes Geist nicht miesmachen lassen und meine geistliche Erfahrung auf ein scheinbar sicheres Mittelmaß beschränken, nur aus Angst, etwas falsch zu machen. Auf der anderen Seite wollte ich aber auch nicht von irgendwelchen Geistern oder Mächten an der Nase herumgeführt werden und am Ende dumm und mit leeren Händen dastehen. In den inneren Kämpfen, die ich durchlebte, wurden mir ein paar Dinge klar.

Erstens: Gott spielt kein falsches Spiel mit uns. Weil er der liebevolle Herr über alles ist, wird er nicht zulassen, dass ich in die Irre gehe, wenn ich ernsthaft nach seinem Willen suche. Er ist liebevoll und täuscht seine Kinder nicht. Und er ist allmächtig und kann und wird uns deshalb behüten und bewahren vor dem Bösen. Wenn ich ihn um ein Brot bitte, wird er mir nicht einen Stein geben. Das hat Jesus klar versprochen. Darauf kann ich mich verlasen.

Zweitens: Ich kann nie genug Heiligen Geist haben. Das gibt es nie: „genug“. Denn ich werde immer bedürftig, schwach und armselig sein. Sicher erfüllt uns Gott mit seinem Geist. Aber unser Problem ist, dass wir Lecks haben, undichte Stellen, wo die Kraft und Gegenwart Gottes verloren geht. Solche Lecks können alles mögliche sein: Sünden, Schwächen, Unglaube, falsche Zielsetzungen, die Hektik des Alltags und vieles mehr. Deshalb will ich nie aufhören zu beten: Komm, Heiliger Geist, erfülle mich neu! Das ist für mich eins der grundlegenden Gebete und ist in der zweiten Bitte des Vaterunsers mit enthalten, wo Jesus uns lehrt zu beten: Dein Reich komme!

Drittens: Der Heilige Geist ist kein niedliches Spielzeug, sondern ist die kraftvolle Gegenwart Gottes. Er ist wirklich Power. Wer den Heiligen Geist wirklich haben will, muss deshalb bereit sein, die Kontrolle abzugeben. Als es vor einigen Jahren eine Welle von Kraftwirkungen des Heiligen Geistes gab, war die Hauptfrage die Frage nach der Kontrolle. Die einen wollten den Geist Gottes so kontrollieren und bestimmen, dass er ja nichts Außergewöhnliches tun sollte. Die anderen wollten den Heiligen Geist dazu bringen, immer dann etwas zu tun, wenn sie es gerade wollten. Sowohl die Befürworter wie auch die Gegner der Bewegung standen letztlich vor der Frage der Kontrollierbarkeit. Doch beim Heiligen Geist haben wir schlechte Karten bei allen Versuchen, ihn zu beherrschen, ihn entweder einzuengen oder zu drücken. Denn schließlich ist der Heilige Geist niemand anderes als der Herr selbst, wie Paulus sagt (2.Kor. 3, 18), und wie die ganze Bibel deutlich macht.

Es sind jetzt fast dreißig Jahre seit meinen ersten bewussten Erlebnissen mit der Kraft des schöpferischen Geistes. Ich muss sagen, dass mein größtes Bedauern da liegt, wo ich ihn nicht genug gesucht, erbeten und ihm Raum gegeben habe. Aber vielleicht gibt mir Gott ja noch ein paar Chancen, das zu ändern. Ich jedenfalls will kein Christsein ohne Heiligen Geist. Das wäre fad und kraftlos, bedeutungslos und letztendlich auch schädlich. Ich will weiter darum beten: Komm, Heiliger Geist. Und ich bin gewiss, dass dann meine Erfahrungen mit ihm, wenn ich siebzig bin und vielleicht im Rollstuhl sitze, noch spannender sein werden, als sie es waren, als ich siebzehn war.

In diesem Sinne herzlich Euer Roland Werner

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16. Wessen heiliges Land?

16. Wessen heiliges Land?

Vor einigen Tagen brachen Unruhen auf dem Tempelberg aus, auf dem jetzt der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee stehen und jeden Freitag mehrere zehntausend Muslime sich zum gemeinsamen Gebet und zum Anhören aufheizender Predigten versammeln.
Direkt unterhalb des Tempelberges, an der so genannten Klagemauer oder Westmauer, beten jeden Tag tausende von frommen Juden. Sowohl oben auf dem Tempelbergplateau als auch unten an der Umfassungsmauer sind täglich Massen von Touristen aus aller Welt zu sehen.
Nicht weit davon entfernt befindet sich die Grabeskirche. Auch hier finden sich täglich ungezählte Pilger und Touristen aus aller Herren Länder ein.

Das heilige Land — einer der Siedepunkte auf unserem Planeten. Von vielen wird es verklärt — von Muslimen, Juden und Christen in gleicher Weise. Die Muslime halten den Felsendom für den drittheiligsten Ort ihrer Religion, weil Muhammads Pferd dort auf seinem mystischen Ritt in den Himmel mit dem Huf aufgesetzt habe. Muhammad war jedoch nie in Jerusalem.
Die Juden knüpfen an die Tradition der Verheißung des Landes an die Erzväter, an die Landnahme unter Josua und nicht zuletzt an die Eroberung Jerusalems durch David. Sie denken an den Tempel, den Salomo gebaut hatte und der von den Babyloniern zerstört wurde, an den zweiten, wieder aufgebauten Tempel, den die Römer 70 n.Chr. verbrannten. Allerdings sind es nur religiöse Splittergruppen, die den Wiederaufbau des Tempels wollen und planen.
Die orthodoxen Christen pilgern zum Heiligen Grab als Zentrum ihrer Andacht. Die westlichen Christen, die mit der orientalischen Fülle der Grabeskirche nicht so gut zurechtkommen, bevorzugen zumeist die Orte des Lebens Jesu und das sogenannte Gartengrab, obwohl es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das Grab von Jesus ist.
Manche Christen kaufen für gute Dollar Flaschen mit Jordanwasser, um damit zu Hause in den USA ihre Kinder taufen zu lassen. Leichter und billiger wäre es, wenn sie einfach den Wasserhahn in ihrem Hotel aufdrehen und das Wasser von dort mitnehmen würden, denn alles Wasser, das in Israel durch die Wasserleitungen rauscht, stammt aus dem Jordan.

Religiöser Eifer im heiligen Land. Problematisch wird es, wenn sich Ansprüche auf Besitz und Macht mit hineinmischen. Nicht erst die Kreuzfahrer haben gedacht, Gott einen Dienst zu tun, wenn sie das Heilige Land erobern. Die Muslime, die im siebten Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel ins Land eindrangen, sind mit dem Schlachtruf „Gott ist größer“ über die einheimische, vorrangig christliche Bevölkerung Palästinas hergefallen.
Im Islam wird grundsätzlich die Größe Gottes dadurch verdeutlicht, dass Muslime die weltliche Herrschaft in einem bestimmten Bereich haben — Juden und Christen werden meist toleriert, aber doch nur als Bürger mit eingeschränkten Rechten. Kein Wunder, dass die Errichtung eines jüdischen, also fremdreligiösen Staates auf lange Zeit islamisch beherrschtem Gebiet eine unerträgliche Wunde für das Selbstbewusstsein und Gottesbewusstsein eines ernsten Muslimen sein muss.
Aber auch auf jüdischer Seite ist eine Vermischung von Glaube und Macht zu bemerken. Der Zionismus, dessen Ziel am Anfang nicht religiös war, sondern einfach darin bestand, eine sichere und eigenständige Heimstätte für die über Jahrhunderte benachteiligten und zum Teil verfolgten Juden im Land ihrer Vorväter zu schaffen, ist mehr und mehr zu einer religiös-politischen Bewegung geworden. Die Begründung lautet etwa so: Weil das Land unseren Vorfahren verheißen ist, haben wir das Recht und die religiöse Verpflichtung, zurückzukehren. Manche, aber längst nicht alle jüdischen Richtungen verbinden das mit dem Kommen des Messias.
In der religiösen Sicht des Landes, dass keine Handbreit „heiligen Landes“ an die arabische Bevölkerung zurückgegeben werden darf, werden jüdisch-zionistische Gruppen von manchen Christen unterstützt. Sie beten darum und spenden dafür, dass möglichst viele Juden nach Israel einwandern. Ihre Hoffnung ist anscheinend, dass dann der Messias schneller kommen kann.

Allerdings habe ich Probleme, eine Begründung dafür in der Bibel zu finden. Nirgendwo im Neuen Testament werden Christen aufgefordert dafür zu sorgen, dass Juden ins Heilige Land ziehen. Stattdessen ist das Gebot Jesu an uns, das Evangelium allen Völkern — Juden und Nichtjuden in gleicher Weise — zu bringen: „Gehet hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker“. — „Dieses Evangelium vom Reich wird verkündet werden allen Völkern und dann wird das Ende kommen.“ Von der Rückkehr aller Juden ins Land Israel als Vorbedingung für die Wiederkunft Jesu lesen wir im Neuen Testament nichts.
Und ist die besondere Bedeutung Jerusalems als heiliger Ort noch von Bedeutung, wenn Jesus sagt: „Es wird die Zeit kommen, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet … Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, wo die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“ (Joh. 4, 21 und 23).
Ist die Unterscheidung zwischen Juden und Nicht-Juden noch von Bedeutung, wenn doch Jesus am Kreuz den Zaun der Feindschaft niedergerissen hat und durch sich selbst einen neuen Menschen geschaffen und Frieden gestiftet hat (vgl. Eph. 2, 11-22)?
Und ist der Aufbau eines Tempels überhaupt sinnvoll, wenn Jesus ein für alle Mal ein vollkommenes Opfer durch den Tempel seines Leibes gebracht hat (Hebr. 10, 1-18)?
Und ist der wirkliche Tempel Gottes auf der Welt jetzt nicht die große Zahl aller Menschen, in denen Gottes Heiliger Geist wohnt (1. Kor. 6, 19; Eph. 2, 19-22)?

Wessen heiliges Land? Meine Antwort ist klar: Niemand hat ein Recht auf das, was letztlich einem anderen gehört. Der Landstreifen zwischen Jordan und Mittelmeer, zwischen dem Roten Meer und dem Hermongebirge gehört niemandem außer Gott selbst — wie jedes Stück der Erde. Er gibt und nimmt, wie er will. Das sehen wir schon im Alten Testament. Er gab dem Volk Israel das Land und nahm es ihm wieder, je nachdem, ob sie Recht und Gerechtigkeit verwirklichten oder nicht, ob sie Gott ehrten und ihm gehorchten oder nicht.
Deshalb sollten wir uns als Christen nicht um Geografie Gedanken machen. Unsere Sache ist es, Jesus nachzufolgen, der nicht zurückschlug, als er geschlagen wurde, der nicht um Recht und Macht kämpfte, sondern sein Leben hingab für alle. Und wir sollten den Auftrag von Jesus ernst nehmen, allen die beste aller Nachrichten nahe zu bringen. Bei Gott sind alle willkommen — im irdischen und im himmlischen Jerusalem.
Deshalb sind für mich <I>die<D> Juden und <I>die<D> Araber, die Jesus lieb haben, die wirklichen Hoffnungsträger im Heiligen Land. Es gibt sie, in den messianischen und in den christlich-arabischen Gemeinden. Das sind die echten Hoffnungszeichen, wo Juden und Palästinenser zusammenkommen, ihre Grenzen überwinden lernen und gemeinsam Jesus feiern.
Wessen Heiliges Land? Denkt mal darüber nach.

Herzlich Euer
Roland Werner

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15. Lust und Frust im Raum der Hoffnung

15. Lust und Frust im Raum der Hoffnung

„Entschuldigung, ist das hier der Raum der Stille?“ Ich weiß nicht, wie oft mir diese Frage gestellt wurde. Nein, still ist es hier meistens nicht. Jeden Tag gehen zwischen 6.000 und 7000 Besucher durch den Wal, das Wahrzeichen am Südende der EXPO. Weil architektonisch alles offen ist, dringen die Geräusche der Ausstellungsebene auch voll zu uns herein.
„Nein, dies ist der Raum der Hoffnung!“ Der Raum der Hoffnung, mein Arbeitsbereich für die fünf EXPO-Monate. 153 Tage lang ständig neue Menschen mit ihrem Interesse oder Desinteresse, ihrer Freude und ihrer Müdigkeit nach einem langen EXPO-Tag.
Hier sitze ich also wie Jona im Bauch des Wals. Genauer gesagt: Im Herzen des Wals. Denn das ist er, der „Raum der Hoffnung“. Mehr als die Hälfte unserer Besucher wandert durch das Kino, und schaut sich den Film an: „The Choice“ — die Entscheidung. Danach geht es eine Rolltreppe hoch in die obere Ebene des Wals — und jetzt steht der Besucher wirklich vor einer Entscheidung: Tritt er in den „Raum der Hoffnung“ ein, der direkt vor ihm liegt — oder dreht er nach links oder rechts ab, um den Rest der Ausstellung anzuschauen oder vielleicht auch einfach nur schnell die Toiletten oder den Ausgang zu suchen?
Hier ist also mein Arbeitsfeld. Zusammen mit wöchentlich wechselnden Teams, zusammen mit Gottfried Müller, der mit mir den Raum der Hoffnung leitet, zusammen mit Mitarbeitern aus den verschiedensten Ländern.
Die Halbzeit ist lang vorbei, es ist an der Zeit, ein Fazit zu ziehen. Also: Lust und Frust im Raum der Hoffnung.

Zuerst einmal möchte ich etwas über die Mitarbeiter sagen. Sie waren und sind super. Im Lauf der Monate hatten wir allein bei uns im Room of Hope Mitarbeiter aus Kanada, England, den USA, Indien, Sri Lanka, Jamaika, Belgien, der Schweiz sowie aus allen Teilen Deutschlands und aus allen möglichen Gemeinden, Kirchen und missionarischen Werken. Die Gemeinschaft der Mitarbeiter war einfach umwerfend. Im Pavillon als ganzes waren es über 1400 Mitarbeiter aus über 30 Ländern. Zusammen mit den Musikern, Projektmitarbeitern kommen wir wohl auf mehr als 5000 unterschiedliche Leute, die beim Pavillon der Hoffnung mitgearbeitet haben. Das ist in sich schon eine hervorragende Sache und fördert die Verbindung von engagierten Christen untereinander. Also: Das größte Highlight waren und sind für mich die Mitarbeiter.

Auf die „Lust-Seite“ gehören auch unsere Begegnungen mit den Besuchern. Im Durchschnitt kommen nach jeder Filmvorführung 30 Leute in den Raum der Hoffnung. Es können auch mal nur fünf oder zehn sein, oft sind es aber auch fünfzig oder mehr. Täglich also bei 20 bis 22 Vorführungen also gut 600 Leute, die unserer Kurzmoderation zuhören, in der wir den Film erklären und einladen, das „Gebet der Hoffnung“ mitzulesen oder mitzubeten. Das macht über die ganze EXPO-Zeit vorsichtig geschätzt etwa 90.000 Leute, die sich die Zeit genommen haben, die Geschichte hinter dem Film erklärt zu bekommen.
Und die hat es in sich. Es ist die unvergleichliche Bespielgeschichte, die Jesus erzählt hat. Die Geschichte vom wiedergefundenen Sohn, die Geschichte von der uneingeschränkten Freude des Vaters, die Geschichte über die Bitterkeit und Aggression des älteren Bruders, oder einfach, wie die meisten sie kennen: die Geschichte vom verlorenen Sohn. Biblischer Elementarunterricht, der erstaunlich gut ankommt. Und das „Gebet der Hoffnung“, das wir jedes Mal vorlesen, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Es ist für mich eine großartige Sache, dass die Leute sitzen bleiben, die
Erklärung anhören, und das Gebet auf sich wirken lassen und vielleicht sogar mitbeten. Irre ist auch, wie viel Literatur mitgenommen wird. Die englisch-deutschen Neuen Testamente, die bei uns ausliegen, gehen in großen Mengen raus. Also: Besucher laufen zu achtzig Prozent auf das Konto „Lust“.

Jetzt aber zum Frust. Frustpunkt eins: Die Nörgler und Besserwisser. Achtzig bis neunzig Prozent der Filmbesucher lassen ihn auf sich wirken und nehmen positiv etwas mit. Manche aber kommen höchst erzürnt aus dem Film. Darunter viele Christen.
Ihnen ist der Film zu laut und heftig (kommt öfters vor, besonders bei älteren Besuchern). Oder sie finden ihn zu missionarisch und überdeutlich. Oder sie finden ihn nicht deutlich und missionarisch genug. Besonders kritisch sind Theologen und Pfarrer — aber nicht alle. Die Religionslehrer auf der anderen Seite sind zumeist begeistert und wollen ein Video vom Film für ihren Unterricht. Bischöfe sind meist positiv, Leute im mittleren Kirchenmanagement eher negativ.
Besonders frustig ist es, wenn ich — wie vor einigen Tagen geschehen — regelrecht angeschrieen werde. Und zwar im Namen der Toleranz. Das ist sowieso eine erhellende Erfahrung, dass die, die das Wort Toleranz auf ihre Banner geschrieben haben, häufig die Intolerantesten sind.
Frustpunkt zwei sind die Christen, die sich zu meinen Freunden zählen. Ja, wirklich. Ich will das erklären: Wir stehen also oben im Raum der Hoffnung und hoffen, dass die Besucher, die aus dem Film auf der Rolltreppe in die obere Ebene kommen, direkt geradeaus durch das große Eingangsportal in den Raum der Hoffnung kommen. Mit dem Kopfmikro laden wir sie ein. Auf einmal sehe ich bekannte Gesichter. Ich freue mich — lade sie ein. Jetzt kommt das Erstaunliche: Während „normale“ Besucher gern hereinkommen, sind es gerade diese Freunde von mir (Namen will ich nicht nennen, aber sicher würden viele Leser sie kennen), die nicht hereinkommen.
Statt dessen winken sie etwa eine Minute freundlich von außen, blockieren so den Eingang für zwanzig bis dreissig andere, die in der Zwischenzeit die Rolltreppe heraufkommen, und gehen schließlich weg, obwohl ich sie inständig bitte, hereinzukommen. Ihre Mission ist anscheinend erfüllt: anderen den Weg zu versperren. Manchmal treffe ich sie einige Minuten später, nachdem die Präsentation vorbei ist: „Warum seid ihr nicht hereingekommen?“ Die Antworten sind interessant: „Ich kenne das schon alles!“ Wirklich? Woher weißt du eigentlich vorher, was ich sagen werde? „Das ist nichts für mich, ich wollte anderen den Vortritt lassen!“ Woher weißt du, dass es nichts für dich ist?
Na ja, ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Je besser ich jemanden kenne, um so sicherer kann ich sein, dass er nicht auf meine Einladung reagieren wird. Ein für mich kaum verständliches Phänomen. Ist es die Scheu davor, von mir noch einmal bekehrt zu werden? Ist es die Scheu, sich eindeutig zur christlichen Sache zu stellen? Ist es die Borniertheit, die denkt, man wüsste sowieso schon alles? Ist es Angst, ich würde beißen? Ist es die Demut, die einredet, man wäre nicht so wichtig? Fragen über Fragen, die mich in der Nacht umtreiben.

Frust und Lust im Raum der Hoffnung. Am ermutigendsten ist es, wenn junge Leute, die keine Ahnung von Gott, Kirche, Gemeinde oder dran haben, sitzen bleiben, mit uns über ihre Fragen und Hoffnungen sprechen und dann sagen, dass sie weiter über Gott und Jesus nachdenken wollen. Und Highlights sind es immer wieder, wenn einer sagt: „Ich bin so ein verlorener Sohn wie der im Film. Aber ich will jetzt zu Gott zurückkehren.“ Das ist inzwischen nicht nur einmal passiert. Und dafür lohnt sich Lust und Frust im Raum der Hoffnung.

Herzlich Euer
Roland Werner

P.S. Ich vergebe hiermit großzügig allen, die mich gefrustet haben und bitte auch, mir ebenso großzügig zu vergeben, dass ich euch in dieser Kolumne verwurstet habe …

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14. Kings and Queens will shake

14. Kings and Queens will shake

Jesus-Tag in Berlin. 20 Mai. Ein großes Ereignis. Über 50.000 Christen waren dabei — aus allen möglichen Kirchen, Konfessionen und Ländern. Ich hatte bewusst keine besondere Aufgabe beim Jesus-Tag übernommen. Aber einige Wochen vorher kam eine Anfrage an mich und das Christustreff-Team. Es hatte sich die Möglichkeit ergeben, am Abend des Jesus-Tages ein Gebetskonzert im Berliner Dom durchzuführen. Also fuhren wir zum Lokaltermin …

Berliner Dom — dem Namen nach kannte ich ihn. Ich wusste auch, wo er steht — nämlich direkt gegenüber der Volkskammer, dem ehemaligen Parlamentsgebäude der DDR,???Palast der Republik??? und dem Berliner Stadtschloss, also mitten im Zentrum. Lange Jahre war der Dom geschlossen — erst wegen Baufälligkeit, dann wegen aufwändiger Renovierungsarbeiten. Jetzt ist er wieder auferstanden aus Ruinen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Als wir drinnen standen, waren wir ganz überwältigt von so viel Gold und Schönheit. Preußens Glanz und Glorie umgaben uns. Eine Freundin aus dem Hochadel hatte mich schon vorgewarnt. Aber es war gewaltiger, als ich es mir vorgestellt hatte. Hier lagen sie also begraben, preußische Königinnen und Könige und Mitglieder der kaiserlichen Familie. Deutsche Geschichte pur — mitten in der alten und neuen Hauptstadt, in Stein gehauen und vergoldet.
Guido hatte schon im Vorfeld gewitzelt und vorgeschlagen, das Lied zu singen: „Is it true today, that when people pray, kings and queens will shake …?“ Es wäre schon nett gewesen mitzuerleben, wie einer der Könige aufsteht und während des Gebetskonzertes hereinkommt und sagt:
„Hallo, ich bin Friedrich Wilhelm, kann ich mitmachen?“
Denn Christen sind einige von ihnen ja gewesen.

Es war dann ein toller Abend. Die Befürchtung, dass nach dem langen Jesus-Tag keiner mehr kommen würde, erwies sich als unbegründet. Der Dom war gerammelt voll, über 1.700 Leute, bis die Ordner die Türen schlossen.
Unsere Tanzgruppe „Imago Dei“ gab ihr Bestes — und das ist ziemlich gut! — auf der extra aufgebauten Bühne. Guido und Band nahmen uns mit in himmlischen Lobpreis. In der so genannten Tauf- und Traukapelle direkt neben dem Hauptsaal war ein Gebetsteam, bestehend aus Berlinern und Marburgern, ständig damit beschäftigt für Leute zu beten und sie zu segnen. Es war ein großartiger Abend, der nach Wiederholung ruft. Ein besonderer Dank geht an die Berliner Organisatoren, die mit großem Einsatz und viel Gebet den Abend vorbereitet hatten. Ob die Kings und Queens wirklich gewackelt haben, bleibt abzuwarten.

Aber warum erzähl ich das eigentlich? Erstens: So ist das halt bei „Meet my world“ — ich erzähle, was ich so erlebe. Egal wo oder wann. Vielleicht sollte man die Kolumne in „Rolands Nähkästchen“ umbenennen. Dann ginge es sicher noch mehr zur Sache.
Zweitens: Kings und Queens scheinen wieder in zu sein. Spätestens nach dem hundertsten Geburtstag der Queen Mum ist die Trauer ausgebrochen, dass wir so etwas nicht zu bieten haben.
Drittens: Ich finde es gut, dass wir als Christen an historischen Orten zusammenkommen um für unser Land und unsere Generation zu beten. Geschichtliches Bewusstsein ist eine große Hilfe gegen Selbstüberschätzung und Verrennen in Sackgassen. Ein bisschen mehr Bildung wäre für die meisten von uns nicht falsch.
Viertens: Ich finde es einfach gut, wenn Königinnen und Könige anfangen zu wackeln und zu zittern. Denn schließlich gibt es nur einen echten König, der unbeweglich bleiben wird. Nur: Wer sind denn heute die Königinnen und Könige?

Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen im Westen heutzutage komfortabler leben und größere persönliche Freiheit haben als die Könige und Fürsten vor hundert oder zweihundert Jahren.
Wir in der westlichen Welt sind die Oberschicht des 21. Jahrhunderts. Während in anderen Ländern Millionen am Existenzminimum leben, können wir uns Sachen erlauben, von denen sie nur träumen können. Sicher gibt es auch das andere bei uns: Altersarmut, Kinderarmut, Armut von Familien und Einzelnen. Doch den meisten von uns geht es gut. Und wir haben -– wie die Könige früher — viel damit zu tun, unsere Fassaden zu vergolden und unser Leben sturmfest zu machen. Wir bauen und bauen, sichern, befestigen, sorgen vor, planen und programmieren. Unser Leben, unsere Altersversorgung, unsere Karriere, unser Eigenheim, unsere Kinderzahl und die Daten ihrer Geburt. Alles muss sicher und fest sein, versichert und verfestigt. Nicht viel mit shake.

Viele Christen, die ich kenne, könnten das mal gut gebrauchen — durchgeschüttelt zu werden. Jesus hat ja gleich eine kleine Serie von Stachelgeschichten erzählt, wo es um das Durchschütteln geht. Erinnerst du dich? Die Titel im Lutherdeutsch klingen harmlos, aber der Inhalt ist hammermäßig: der reiche Kornbauer, der plötzlich sterben muss. Das Ackerfeld, das so verhärtet ist, dass die Vögel kommen und die Samenkörner wegfressen. Das Haus, das auf Sand gebaut ist und plötzlich weggeschwemmt wird. Und der Sohn, der abhaut und bei den Schweinen landet.
Is it true today, that when people pray, kings and queens will shake …?
Ich weiß es nicht so genau. Gut wäre es schon. Oder nicht?

Herzlich
Roland Werner

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