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Kategorie: Erlebtes

Siehe, wie fein und lieblich…

Siehe, wie fein und lieblich…

…ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! (Psalm 133) Das erlebe ich jedes Jahr, wenn zwölf Freunde ihr Leben für eine Woche teilen. Seit 2007 sind wir eine Gemeinschaft auf dem Weg. Stationen unserer Reise: Marburg, Kloster Triefenstein, Charlotte (North Carolina), Jerusalem, Adelboden, Borkum, Kloster Volkenroda, Gussow. Tiefer Austausch, viel Lachen und Spaß, zuviel Essen, Ehrlichkeit und heiße Diskussionen.

Das Ganze ist Teil der Mentoring Community, die Leighton Ford initiiert hat, und die inzwischen zu einem Netzwerk von Gruppen auf verschiedenen Kontinenten geworden ist. Was uns verbindet? Wir sind Christinnen und Christen, die in ihrem persönlichen Leben und in ihrer Leiterschaft wachsen wollen. Wir wollen Jesus nachfolgen, einfach und konkret. Unser Ziel: Wir wollen „Kingdom seekers“ sein, nicht „Empire builders“. Also Leute, die nach Gottes guter Herrschaft suchen und keine Königreiche für sich selbst bauen wollen.

Dankbar für Tage mit Menschen, die immer mehr zu Freunden und Wegbegleitern füreinander werden.

Come and join the reapers
All the kingdom seekers
Laying down your life to
Find it in the end
Come and share the harvest
Help to light the darkness
For the Lord is calling faithful men
http://leightonfordministries.org/mentoring/
Frage auf Abgeordnetenwatch: Wie gefährlich ist die Wiederkunft Jesu?

Frage auf Abgeordnetenwatch: Wie gefährlich ist die Wiederkunft Jesu?

Ja, womit sich die Abgeordneten des Bundestages bzw. ihre Büromitarbeiter so alles beschäftigen dürfen!

Ein M.J. Grannenfeld fragt auf Abgeordnetenwatch das MdBundestages Dr. Fritz Felgentreu:

Frage zum Thema Bildung und Forschung
25.06.2015
Von:

Sehr geehrter Herr Dr. Felgentreu,

nachdem die Medien heute über eine vom wissenschaftlichen Dienst des Bundestags erstellte Studie mit dem Titel „Die Suche nach außerirdischem Leben und die Umsetzung der VN-Resolution A/33/426 zur Beobachtung unidentifizierter Flugobjekte und extraterrestrischen Lebensformen“ berichtet haben, möchte ich Sie als Abgeordneten meines Wahlkreises sowie als Mitglied der Ausschüsse für Verteidigung sowie für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung fragen, ob Ihnen eine Beschäftigung des Bundestags bzw. einer seiner Einrichtungen mit der innen- und außenpolitisch brisanten Frage bekannt ist, ob und wann die Wiederkunft Jesu Christi zu erwarten ist?

Ich frage dies vor dem Hintergrund, dass mindestens zwölf der Staaten, mit denen Deutschland diplomatische Beziehungen pflegt, das Christentum als Staatsreligion festgeschrieben haben; zwei davon (Irland und Griechenland) berufen sich in ihrer Verfassung sogar ausdrücklich auf die „Heilige Dreifaltigkeit“. Da die christliche Doktrin für die Zeit nach der Wiederkunft Christi die Königsherrschaft Jesu ankündigt, ist davon auszugehen, dass nicht nur die genannten Staaten nach diesem Ereignis in theokratische Monarchien umgewandelt werden, sondern dass auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund des weltumspannenden Anspruchs dieser Königsherrschaft („die Völker werden wandeln in ihrem Licht“, Bibel, Offenbarung Kap. 21) ernsthaft in Gefahr geraten wird.

Ist Ihnen bekannt, ob für diesen Fall Vorkehrungen zum Schutze unserer Staats- und Gesellschaftsordnung diskutiert bzw. getroffen werden?

Mit besten Grüßen,

Die Antwort von Dr. Felgentreu ist beruhigend: Von Jesus werden keine verfassungsfeindlichen Aktivitäten zu erwarten sein. Na, da bin ich ja beruhigt! Außerdem wird uns versichert, dass sich der Bundestag in naher Zukunft nicht mit der Wiederkunft Jesu Christi beschäftigen wird…

Dann kann ja alles entspannt weitergehen!

Hier die Antwort von Dr. Felgentreu:

Sehr geehrter Herr ,

vielen Dank für Ihre spannende Anfrage. Ich kann guten Gewissens sagen, dass sich der Bundestag in naher Zukunft nicht mit der Wiederkunft Jesu Christi beschäftigen wird. Auch erkenne ich in den diplomatischen Beziehungen mit Staaten, die das Christentum als Staatsreligion festgeschrieben haben, keine Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland. Sollte die Wiederkunft Christi in einem der genannten Staaten stattfinden, würde er gegebenenfalls als Staatsoberhaupt in Deutschland diplomatische Immunität genießen, könnte daraus aber keine Ansprüche ableiten. Als EU-Bürger käme er allenfalls in den Genuss der Arbeitnehmerfreizügigkeit. Verfassungsfeindliche Aktivitäten sind von Jesus nicht zu erwarten (Römer 13:1).
Mir persönlich bereitet daher derzeit der weltumspannende Anspruch des „Islamischen Staates“ in Syrien und im Irak mehr Kopfschmerzen als die von Ihnen beschriebene Gefahrensituation.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Fritz Felgentreu

Wow!

Wie gefährlich wäre es eigentlich, wenn Jesus heute wiederkommen würde? Ist das überhaupt zu erwarten? Oder ist das eine überholte christliche Vorstellung? Zumindest ein deutscher Politiker hat sich dazu einmal öffentlich geäußert, und zwar kein geringerer als der ehemalige Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann.

Beim Abschlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentags in Essen 1950 sagte er vor 180.000 Menschen:

„Unsere Freiheit wurde durch den Tod des Sohnes Gottes teuer erkauft. Niemand kann uns in neue Fesseln schlagen, denn Gottes Sohn ist auferstanden. Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen – unser Herr aber kommt!“

Ob die Wiederkunft Jesu gefährlich oder tröstlich ist, hängt sicher vom einzelnen Betrachter selbst ab.

Mit lieben Grüßen

Euer

roland

International – wie sonst?

International – wie sonst?

Ich freue mich, das die Christus-Treff Gemeinde in Marburg so international ist. Heute beim Gesamtgottesdienst mit ca. 500 Leuten waren viele Nationen vertreten, neben den gut 50 Teens, die ihre Wohnwoche starteten. Gegrillt haben die Jungs vom Richtsberg, und wir haben Elsa und Michael Mohrmann in die CT-Arbeit in Jerusalem ausgesandt und das Team vom CT-Richtsberg gesegnet. Einfach klasse, dazuzugehören!

Das Bad in der Menge oder die Kerze der Hoffnung

Das Bad in der Menge oder die Kerze der Hoffnung

Gedanken zu Unsinn und Sinn christlicher Großveranstaltungen

Spätestens seit der Loveparade in meiner Heimatstadt Duisburg in diesem Jahr ist die Frage nach Sinn und Ziel, nach Chance und Grenze von Massenveranstaltungen nicht mehr wegzuwischen. Was macht den Reiz von Großveranstaltungen aus? Wozu soll das gut sein, wenn statt fünfzig oder hundert jungen Leuten in einem Club oder einer Disko fünfzigtausend oder gar mehrere hunderttausend zusammen kommen und gemeinsam tanzen? Was können solche Massenveranstaltungen an Positivem bewirken? Und wo liegen Gefährdungen und Begrenzungen? Warum suchen besonders auch junge Menschen immer wieder dieses Bad in der Menge?
Bevor ich versuche, mit dem Thema zu nähern, sei eine Vorbemerkung erlaubt. Ich schreibe diesen Beitrag auf Bitte der Redaktion, weil ich – so die Begründung – „selbst an einer Reihe von Großveranstaltungen mitgewirkt“ habe. Und ich soll bewusst auf Themen wie Kirchentag und Christival – ich war von 1993 bis 2010 Vorsitzender dieses Kongresses Junger Christen –  eingehen. Das tue ich gern, zumal ich auch vom Nutzen von solchen Veranstaltungen überzeugt bin. Ende der Vorbemerkung. Los geht’s.

Die Faszination der Zahl

Zuerst einmal gilt es, genau hinzuschauen. Gerade bei den Zahlen. Denn da klafft zuweilen eine ziemliche Kluft zwischen den erwarteten und tatsächlichen Besucherzahlen und häufig auch zwischen den veröffentlichten und den wirklichen Zahlen. Meist werden solche Diskrepanzen geflissentlich überdeckt. Manchmal jedoch scheinen sie durch, so wie neulich bei einem Radiobeitrag, den ich zufällig hörte. Der Sprecher sagte sinngemäß über eine große Straßenparty: „Nach Angaben der Veranstalter waren über 100.000 Besucher gekommen, die Polizei sprach von 8.000 bis 10.000.“ Diese Differenz ist kein Pappenstiel. Scheinbar war hier der Wunsch der Vater des Gedanken, und jeder Fußgänger, der zufällig in der Nähe der Parade vorbeikam, wurde von den Veranstaltern umgehend als Besucher mitgezählt. Mathematik ist offensichtlich nicht jedermanns Sache, und es stellt sich die Frage: Was bewegt Verantwortliche oder Berichterstatter von Großereignissen, die Zahlen aufzubauschen?
Die Gründe sind dafür sind vordergründig klar: Die Masse der Menschen beweist, dass die Veranstaltung gut war, cool, hipp, in, angesagt, gut organisiert, notwendig, politisch bedeutend usw. Und deshalb gilt: Größer ist besser. Nach wirtschaftlichen und werbestrategischen Beurteilungen mag das so sein. Doch gilt das auch grundsätzlich? Ist die große Zahl ein Anzeiger für Güte und Bedeutsamkeit?

Zahl und Identität

Die Motivation, Zahlen zu übertreiben, liegt meiner Meinung nach noch eine Schicht tiefer. Große Zahlen haben etwas mit unserer Identität zu tun. Die große Zahl gibt Sicherheit. Sie vermittelt dem Einzelnen: Du bist nicht allein! Und die Veranstaltung, an der du teilnimmst, ist wirklich bedeutsam. Da, wo du bist, bist du richtig! Denn all die anderen sind ja auch da. Da geht es nach dem Motto: „Millionen Fliegen können sich nicht irren…“
Die große Zahl stiftet – vermeintlich – Identität. Sie nährt, und da wird es gefährlich – möglicherweise auch Allmachtphantasien. Das, was ich allein nicht bewältigen kann, das können wir alle gemeinsam! Und so sind die Rufe nach der großen Zahl allgegenwärtig. „Die diesjährige Loveparade wird noch größer,  noch gigantischer, noch geiler!“ „Let’s find one million Christians on Facebook!“ Viele Beispiele für die Faszination der Menge wären anzuführen. Und immer wieder scheint durch, dass es um mehr geht als um eine reine Addition von Individuen. Vielmehr geht es um das große Erlebnis. Um eine Erfahrung, in der gerade das Individuum transzendiert wird. Die Faszination der Menge hat offensichtlich ganz tiefe Verwurzelungen in unserer Persönlichkeit.
Und so ist es verständlich, dass die Faszination der großen Zahl kein rein neuzeitliches Phänomen ist. Die gigantischen Bauten der Antike wie die Pyramiden in Ägypten sind Stein gewordener Beweis, dass sich damals ungeheure Menschenmengen in den Dienst einer Sache stellen ließen – höchstwahrscheinlich nicht ganz freiwillig. Das Kolosseum in Rom stellt einen unglaublichen Rekord in Sachen Massenbespaßung und Massenbegeisterung dar. Der Einwohner von Rom wurde Teil eines beispiellosen Schauspiels. Auf der einen Seite gab er seine Individualität auf und ließ sich einsaugen in eine Masse von sechzigtausend oder achtzigtausend Zuschauern. Auf der anderen Seite lebte er in dem Bewusstsein: So etwas gab es nur in Rom, in der Hauptstadt, und er war ein Teil davon!

Individuum und Kollektiv

Hier kommen wir also näher an eine Erklärung heran. Das Besondere, das Prickelnde ist die Beziehung zwischen dem Individuum und der Menge. Was reizt daran? Vielleicht ist es dieses Moment: Ich als Einzelner werde Teil der Masse und verschwinde in ihr. Auf der anderen Seite würde die Menschenmenge ohne mich kleiner, geringer, unbedeutender sein. Ich als Individuum gebe gleichzeitig Kontrolle auf, aber habe auch die höchste Kontrolle. Denn ich bin ja wesentlich mit verantwortlich dafür, dass dieses Menschenmeer überhaupt erst entsteht. So ist die große Masse gleichzeitig ein Werkzeug der Relativierung und der Stärkung des Individuums.

Menschenmengen und die Bibel

Auch in der Bibel schlägt sich die Faszination der Zahl nieder. So beispielsweise beim legendären König David. Er beschloss, gegen die Warnung des Propheten Gad, eine allgemeine Volkszählung in seinem Reich durchzuführen. Da es dabei um die Einschätzung der eigenen militärischen Stärke und um eine geplante Mobilmachung für weitere Eroberungskriege ging, fand sein Plan nicht das Wohlgefallen Gottes. König David wurde für seinen Größenwahn hart bestraft. (2. Samuel 24)
Dabei ist Zählen als solches weder im Alten noch Neuen Testament verpönt. Teilweise wird sehr genau berichtet, wie viele Menschen zu welchem Zeitpunkt wo waren. Die Zahl der Juden, die nach dem Exil wieder nach Jerusalem zurückkehrten, wird genau festgehalten (1. Chronik 9), die Zahl der Sänger im Tempel (1. Chronik 25), der Torhüter (1. Chronik 26), der Heerführer, Stammesfürsten und so weiter (1. Chronik 27). Klassisch sind auch die Zahlen bei der Speisung der 5.000 und 4.000 Männer – ohne Frauen und  Kinder – von denen alle vier Evangelisten berichten. Und auch am Pfingsttag, dem Geburtstag der Kirche, wird gezählt: 3.000 Menschen ließen sich an diesem Tag taufen. So berichtet es der Arzt und Historiker Lukas (Apg 2).
Die Liste ließe sich beliebig lang weiterführen: 12 Jünger beruft Jesus (Mk 3), 70 seiner Nachfolger sendet er aus in die Dörfer und Städte Galiläas (Lk 10), 500 Menschen sehen gleichzeitig den Auferstandenen (1. Kor. 15), 144.000 Vertreter der Zwölf Stämme des Gottesvolkes Israel loben Gott in der himmlischen Wirklichkeit (Off 7).
Was ist der Sinn all dieser Zahlen – besonders der großen Zahlen in der Bibel? Begegnen wir hier einfach einer weiteren Variante des menschlichen Bedürfnisses, Dinge zu quantifizieren und dadurch die Bedeutung des Ereignisses oder der eigenen Sache besonders zu betonen? Mag sein, dass das auch bei manchen der berichteten Zahlenereignissen eine Rolle spielte. Schließlich berichtet die Bibel von Menschen, von ihren Irrungen und Wirrungen, ihren Hoffnungen und Träumen und sicher auch ihrer Lust am Zählen. Und doch ist mehr dahinter. Denn die Zahl in der Bibel ist mehr als eine reine Zahl. Das zeigt nicht zuletzt ein Blick auf Jesus und sein Verhältnis zur Zahl.

Der Einzelne und die Masse bei Jesus

Es besteht schon eine seltsame Spannung in den Berichten der Evangelien. Auf der einen Seite sehen wir Jesus als den Liebhaber der kleinen Zahl. Auf sie legte er eine Verheißung: „Wo auch immer zwei oder drei in meinem Namen zusammenstehen, dort bin ich selbst in ihrer Mitte gegenwärtig.“ (Mt 18, 20, das buch.NT) Und so wählte Jesus unter all seinen Anhängern 12 Jünger und, unter ihnen noch einmal 3 Lieblingsjünger, das Brüderpaar Petrus und Andreas sowie Johannes. Überall lesen wir in den Evangelien davon, wie er sich intensiv und exklusiv Einzelnen zuwendet.
Und doch lässt Jesus auch zu, dass ihm große Volksmengen folgen. Die Bergpredigt (Mt 5-7), die Feldpredigt (Lk 6) und die Predigt am Seeufer (Lk 5) geschehen vor großen Menschenmassen. Auch die mehrfach berichtete Speisung der Tausende (u.a. Jh 6) und der triumphale Einzug in Jerusalem (u.a. Mt 21) sind Massenereignisse, die Jesus inszenierte oder zumindest gestaltete.
Es wäre jetzt wenig hilfreich, diese Berichte der Evangelien unter einem rein historischen Aspekt beurteilen zu wollen, etwa mit der Fragestellung: Wie wahrscheinlich ist das dort Berichtete? Ist es denkbar, dass es wirklich zu solchen Massenspeisungen kam, und wenn ja, wie? Schließlich sehen wir heutzutage als Kinder der Aufklärung die neutestamentlichen Wunder eher kritisch. Jedoch ist auch solche Kritik als weltanschaulich und zeitlich bedingt kritisch zu hinterfragen. Doch ganz abgesehen von der historischen Frage ist die tiefer greifende, also die theologische Frage zu stellen, was der Stellenwert von kleiner Gruppe und großer Menschenmenge im Neuen Testament ist.

Die grenzenlose Zuwendung

Eine theologische Betrachtung wird schnell fündig: In seinem gesamten Verhalten will Jesus Aussagen über Gott machen. In Wort und Tat verkörpert er die Offenbarung Gottes. In seiner Zuwendung zu einzelnen und in der Bereitschaft, die „Vielen“ zu sehen und an sich heran zu lassen. Insofern kann man auch im Verhalten von Jesus von einer Inszenierung sprechen. Er wollte das Wesen seines himmlischen Vaters „in Szene“ setzen, verständlich und begreifbar machen. In der Brotvermehrung macht er deutlich, dass Gott der Versorger, der gute Hirte für alle Menschen ist und die Fülle für alle hat. In der Bergpredigt macht er deutlich, dass alle ein Recht darauf haben, das gute Wort Gottes zu hören.
Diese bewusste Inszenierung Jesu ist Teil seiner Inkarnation. Jesus macht deutlich: So ist Gott. Er ist der Zugewandte, der sowohl den Einzelnen als auch die Masse im Blick hat. Er ist der, in dessen Haus Platz für alle ist. Er ist der Gastgeber, der seine Diener, nachdem die Eingeladenen nicht zur Party kommen wollen, immer wieder hinaus schickt, um an den Hecken und Zäunen alle einzuladen, damit sein Haus voll wird (Lk 14, 15-24).

Christliche Großveranstaltungen in der Spur von Jesus?

Damit wäre ja alles geklärt: Schon Jesus organisierte Großveranstaltungen. Dass seine Nachfolger es ihm bis auf den heutigen Tag nachtun, ist damit nur recht und billig. Also: Ja zu Kirchentagen, ja zu Jugendkongressen wie dem Christival. ja zu Festivals, ja zu Pilgerreisen, bei denen die Massen in Bewegung kommen! Das ist doch, wie nachgewiesen wurde, biblisch und auch jesuanisch eindeutig legitimiert. Und schließlich sind evangelische Christen mit ihrer Liebe zu Großveranstaltungen nicht allein. Hunderttausende katholische Christen pilgern jedes Jahr nach Lourdes und Rom, Unzählige Christen aus allen Konfessionen besuchen die Stätten des Wirkens von Jesus im Heiligen Land oder pilgern nach Santiago des Compostela. Und verglichen mit den Millionen von Muslimen, die jährlich nach strengen Länderquoten nach Mekka pilgern, sind die christlichen Großveranstaltungen allesamt eher gemütliche Clubtreffen. Das Bedürfnis, sich in großen Gruppen zu versammeln, scheint der Spezies Mensch innezuwohnen. Und da weder ein biblisches noch ein kirchliches „obstat“ im Wege steht, könnte hier die Reflexion getrost enden. Großveranstaltungen sind in, sind gefragt und sind okay. Und damit ist alles gesagt. Oder?
Es wäre so, wenn nicht noch ein kleines „Aber“ im Hinterkopf ertönen würde. Und diese kleine Stimme fragt an, ob hiermit schon alles gesagt ist. Geht es nur um Quantität oder auch um Qualität? Geht es nur um Event oder nicht vor allem um Begegnung? Geht es bloß um Gefühl oder auch um Inhalt? Die Stimme erinnert daran, dass Jesus die Massen nicht hungrig weggehen ließ, sondern dafür sorgte, dass jeder zu essen bekam. Sie erzählt, dass Jesus selbst sich dem Sog der Masse immer wieder entzog, um in der Einsamkeit zu beten. Und sie erinnert daran, dass es die gleiche Masse von Pilgern in Jerusalem war, die ihm zuerst mit „Hosianna“ zujubelte und wenige Tage später „Kreuzige ihn!“ schrie. Und dass es am Ende nicht mehr die große Menge der Jünger war, die ihn in den letzten Stunden begleitete, sondern nur ein paar Frauen und Männer, die am Kreuz ausharrten. Sie erinnert an die Aussage von Jesus, dass es die „kleine Herde“ ist, der sein Vater im Himmel sein Reich versprochen hat (Lk 12, 32).

Die Gemeinschaft der Hoffnung

Es ist und bleibt ein Drahtseilakt. Die Spannung bleibt bis zuletzt und wird nicht aufgelöst. Quantität ist nicht gleich Qualität. Und dennoch gilt der Umkehrschluss auch nicht: Weil viele da sind und mitmachen, kann es nichts Gutes sein. Weder die kleine noch die große Zahl sind ein endgültiger Erweis von Güte einer Veranstaltung. Was zählt, ist, dass der Einzelne nicht unter die Räder, sondern zu seinem Recht kommt, dass keine Massenhysterie entsteht, und doch das Erlebnis der die eigene Existenz übersteigenden Gemeinschaft einen Raum findet. Wichtig ist, dass kleine und große Veranstaltungen einen Raum eröffnen, in dem viele Einzelne neu Glauben, Hoffnung und Liebe erfahren können. Und in dem die Freiheit des Heiligen Geistes regiert, der die Individualität jedes Einzelnen respektiert und gleichzeitig den Raum der Begegnung mit Gott und anderen aufschließt. Christliche Großveranstaltungen haben so lange eine Berechtigung und ihren Sinn, wie Menschen auf ihnen sich selbst, einander, und Gott begegnen können. Denn was sich dann an Synergie ereignet, kann die Kreativität und Vielfalt des Schöpfers darstellen. Das Miteinander und die Begegnung von unterschiedlichsten Menschen kann ein Potenzial der Erneuerung und Veränderung freisetzen. Und wer weiß, vielleicht werden auf der nächsten Großveranstaltung die Kerzen für eine neue friedliche Revolution entzündet.

Roland Werner

Früher … lernten wir noch Latein

Früher … lernten wir noch Latein

Kein Scherz, und kein Jägerlatein! Schon in der Sexta – sorry, in der fünften Klasse – kam ich in den Genuss dieser alten Sprache. Bis zur Oberprima – sorry, bis zur Dreizehn – hatte ich täglich 4, 5 oder 6 Stunden, bei denen es um amicus, Attilus und asinus ging. (Für Nicht-Lateiner: um „Freund“, Attilus“ und „Esel“) Was für eine Freude! Und nicht genug damit. Die römische Geschichte nahmen wir gleich drei Mal durch. Natürlich unter dem Blickwinkel, dass die klassische Antike der Höhepunkt der Menschheitsentwicklung war. Und dann durften wir auch die lateinischen Autoren lesen, Männer wie Cicero und Seneca, Vergil und Ovid. Bildung war das Zauberwort.

Außer ein bisschen Englisch – wer braucht diesen neumodischen Kram eigentlich überhaupt? – kamen noch fünf Jahre Griechisch dazu – mit ähnlichem Programm: Plato und Sophokles, Tuchydikes und Sophokles und wie die Brüder alle hießen. Ein bisschen Hebräisch hatten wir auch noch als AG, weil uns der Bildungshunger gepackt hatte.

Bildung war sowieso das Zauberwort, und zwar humanistische Bildung. Neben der Antike wurde die Klassik von Goethe, Schiller und Lessing der Höhepunkt der Menschheitsentwicklung angesehen, und natürlich die Aufklärung: Kant, Schopenhauer, Feuerbach und dann auch noch ihre Nachfahren Nietzsche, Hesse und zur Not auch noch Freud. Für Gott war in dem allen nicht viel Platz, und erst recht nicht für Martin Luther, Paulus oder gar Jesus.

Das bekam nicht nur ich zu spüren. Denn wir erlebten – ganz gegen den Trend unserer Schule – in unserer Klasse eine kleine Erweckung. Übrigens, das habe ich wohl zu sagen vergessen, waren wir nur Jungs. Bei Beginn über 30, zum Abitur waren wir dann auf 14 geschrumpft. Von denen waren während der 9. Klasse, ich meine natürlich während der Obersekunda, gut die Hälfte zum Glauben an Jesus gekommen. Das gab Zoff! Vor allem mit unserem Religionslehrer, einem evangelischen Pfarrer, der sich als Buddhist outete und es als erklärtes Ziel hatte, uns unseren Jesusglauben wieder auszutreiben. Das gelang ihm aber nicht.

Was für mich in dieser Zeit aber deutlich wurde, ist dies: Es gibt nicht nur eine grobschlächtige, populistische Ablehnung des Glaubens an Gott, – also eine Gott-ist-tot- Ideologie auf Bildzeitungsniveau. Das, was ich in meiner Schule erlebte, war anders. Es war eine unter freundlichen Worten getarnte, als aufklärerische, tolerante Bildung deklarierte Ablehnung Gottes. Dazu mussten die klassischen Autoren herhalten, genauso wie die auf der sogenannten Aufklärung konzentrierte Darstellung der europäischen Geistesgeschichte.

Dass es die Christen waren, die Mönche des Mittelalters und die Gelehrten der Reformation, die überhaupt die klassische Bildung, die alten Sprachen und die antiken Autoren überliefert haben, wurde uns in dieser Zeit nicht beigebracht. Beim Abitur spitzte sich das Ganze zu. In den Monaten vorher gab es immensen Stress mit unserem Klassenlehrer, einem Lateiner und Philosophen. Es herrschte richtiger Kampf. Und zwar nicht zwischen uns Christen und ihm, sondern mit seinen Lieblingen, den Gottesleugnern. Die Situation war so verfahren, dass keiner von ihnen mehr bereit war, die Abiturrede zu halten. Schließlich wurde ich gefragt, der ich früher halb-liebevoll öfters als „Moses“ oder „Jesus“ bezeichnet wurde, wegen meines Glaubens und meines Engagements im Schulgottesdienst. Natürlich nutzte ich die Abiturfeier, um der versammelten Bildungselite den Unterschied zwischen klassischem Humanismus und Evangelium deutlich zu machen. Nur durch das Evangelium, nur durch Jesus gibt es Vergebung und Versöhnung. Ob das manche der eingefleischten Humanisten zum Nachdenken brachte? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall nutzte ich die Abiturfeier als missionarische Chance. Ich wollte nicht von dieser Bildungsanstalt Richtung Studium abdampfen, ohne noch einmal deutlich zu machen: Verbum Dei manet in aeternum.

Roland Werner, August 2013

Früher … sorgten Evangelisationen noch für Aufruhr

Früher … sorgten Evangelisationen noch für Aufruhr

So zum Beispiel in Marburg. Es war in den achtziger Jahren. Einige Gemeinden und Jugendgruppen hatten sich zusammen getan, um gemeinsam eine Evangelisation durchzuführen. Stopp, es stimmt, vielleicht sollte ich das Wort „Evangelisation“ erst einmal erklären. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass jeder Leser sich darunter etwas vorstellen kann. Denn sie scheinen etwas aus der Mode gekommen zu sein, die Evangelisationen, ähnlich wie Faltenröcke oder auch der Tyrannosaurus Rex.
Also, das zugegebenermaßen nicht sehr schöne und eingängige Wort „Evangelisation“ – erstens ein Fremdwort und zweitens eins mit sechs Silben – bedeutet meist eine Veranstaltungsreihe in einem öffentlichen oder kirchlichen Gebäude. In diesen Veranstaltungen gab es meist Musik, persönliche Berichte von Einzelnen über ihr Leben und ihren Glauben, und dann eine längere Predigt. Diese endete mit einer Einladung zum Gespräch und der Ermutigung an die Zuhörer, selbst Schritte im Glauben an Jesus zu tun.
Soweit so gut. Das ist in sich ja noch nicht sehr spannend oder revolutionär. Dennoch erhitzten solche Veranstaltungen gelegentlich die Gemüter sehr. So damals in Marburg. Mehrere Hundert meist junge Leute kamen jeden Abend in das eigens aufgebaute Zelt. Dort gab es regelmäßig erhitzte Diskussionen. Im Vorfeld hatte es auch kleinere Demonstrationen gegen die Veranstaltung gegeben, sowie einen Artikel in einem Marburger Verteilblatt. Den schärfsten Gegenwind jedoch erlebten die, die am Eingang zur Mensa, also zum Studentencafé, Einladungen verteilten. In Marburg liegt die Mensa direkt neben der Lahn, und der Zugang führt über eine kleine Fußgängerbrücke. Dort hatten einige Mitarbeiter einen kleinen Büchertisch aufgebaut, schön dekoriert unter anderem mit Teddybären. Sympathische, friedfertige Plüschtiere also, nett anzusehen. Doch das half ihnen nicht viel. Plötzlich stürmte eine politisch motivierte Gruppe auf den Büchertisch zu, schnappte ihn und warf ihn samt Einladungen, Bibeln und Teddybären ins Wasser. Hier offenbarte sich rohe Gewalt gegen Plüschtiere! Vor allem aber eine ideologisch motivierte Intoleranz gegen Christen und ihre Botschaft.
Evangelisationen waren halt heiß umkämpft. Damals. Es ging nicht immer harmonisch zu. Wir machten dennoch weiter. Denn klein beigeben oder den Mund halten, das war nicht unsere Sache. Die Botschaft von Jesus muss doch zu den Leuten! Und so scheuten wir die Konflikte nicht. Und veranstalteten weiter Evangelisationen. Auch wenn sie für Aufruhr sorgten. Wir fanden das normal, dass Christen eine Botschaft hatten, die sich vom Mainstream des Zeitgeistes unterschied. Und wir waren bereit, dafür auch Widerstand in Kauf zu nehmen. So war das damals. Damals eben.

Roland Werner, August 2013

Früher … beteten wir noch gegen Sexshops

Früher … beteten wir noch gegen Sexshops

Es war in den Siebzigern. Die so genannte sexuelle Revolution war noch in der Startphase. Die Hippiebewegung hatte die „freie Liebe“ propagiert. Jetzt ging es einen Schritt weiter in Richtung Kommerz. Die ersten Sexshops wurden eröffnet. Auch in meiner Heimatsstadt Duisburg. Für die meisten Leute war das ein Skandal. Mitten in der Innenstadt machte Beate Uhse einen Laden auf. Ein weiterer Schritt für ihr Millionen-Imperium. Wir fanden das skandalös. Wie konnten erwachsene Männer, verheiratete noch dazu, in solche Läden gehen? Und – was machte das mit ihrer Seele? Vielleicht waren wir naiv – aus heutiger Sicht sicher. Auf jeden Fall beteten wir gegen solche Shops. Nein, es waren keine Sit-Ins. Nur das Gebet, dass möglichst wenige Leute da hinein gehen. Dass die Ehen nicht zerbrechen. Dass die Läden möglichst bald wieder schließen würden. Auf dem Pflaster vor dem Shop stand plötzlich in großen, farbigen Lettern: „Jesus bietet mehr als Sex!“ Wir wussten nicht, wer das dorthin geschrieben hatte. Wahrscheinlich die Jesus-People aus dem Duisburger Süden. Viele Monate war die Schrift sichtbar. Jeder, der den Laden betrat, hatte sie vorher gelesen. Schließlich wurden die Pflasterplatten vertauscht, so dass man den Sinn der Buchstaben nicht mehr erkennen konnte.
Na ja, heute gibt es in unseren Großstädten nicht nur einen Sexshop, sondern gleich mehrere. Es ist offenbar normal geworden, da hinein zu gehen. Gesellschaftlich geächtet ist es jedenfalls nicht mehr wirklich. Und außerdem – durch das Internet kann sich jetzt jeder seine Pornos direkt ins Wohnzimmer holen. Auch vor Christen macht das nicht halt. Ist doch alles nicht so schlimm! Wir wollen doch schließlich nicht verklemmt sein!
Doch, was als Versprechen einer großen Freiheit begann, ist längst für viele zu einer weiteren Variante von Sucht geworden. Anstatt uns in die Freiheit zu führen, hat die sexuelle Revolution viele Menschen in Süchte und Zwanghaftigkeiten geführt. Die Sexualisierung hat längst auch Jugendliche und Kinder erreicht. Pornofilme und teilweise perverse Bilder werden in den Schulklassen untereinander weitergegeben. Was auf der Strecke bleibt, ist die Würde der Menschen, besonders der Frauen. Die Bilder, die wir sehen, brennen sich in unseren Köpfen ein. Und manch einer wird dadurch nicht nur belastet, sondern unfähig, eine gesunde Sexualität zu entwickeln.
Während ich schreibe, merke ich, dass das so ganz gegen den Geist unserer Zeit geht. Es ist einfach uncool, den Finger auf diese Sache zu legen. „Du sollst nicht ehebrechen…“ Ja, ja, habe ich schon mal gehört. „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau…“ Okay, steht auch in der Bibel. Aber – muss man das wirklich so ernst nehmen? „Unter euch sollen sexuelles Fehlverhalten oder Unreinheit und auch die Gier nach Reichtum noch nicht einmal Gesprächsgegenstand sein.“ (Epheser 5, 3,dasbuchNT.) Zum Christsein gehörte einfach sexuelle Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe. Früher war das so. Na ja, früher eben.

Roland Werner, Juni 2013

Früher … wählten wir Christen SPD

Früher … wählten wir Christen SPD

Jedenfalls wir im Ruhrgebiet. Das war doch klar. Schließlich war Johannes Rau, der langjährige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, bekennender Christ und SPDler. Und der frühere Bundespräsident, Gustav Heinemann, war Vorsitzender des CVJM Essen und vom Weigle-Haus, und hatte in der nationalsozialistischen Zeit als bekennender Christ diese Jugendwerke zu schützen versucht. Auch er gehörte damals zur SPD. Für uns war das klar: Wir als missionarische, evangelische Christen wählten sozialdemokratisch.
Die CDU, die wurde – in unserer Wahrnehmung – vor allem von Katholiken aus Köln gewählt. Und beides war für uns ziemlich weit entfernt. Es war klar: Wir als Teil der Bevölkerung der Arbeiterstadtteile im Ruhrgebiet gehörten auf die Seite der Arbeiterpartei. So war unser damaliges politisches Weltbild relativ einfach gestrickt.
Ich erinnere mich noch, wie schockiert ich war, als ich zum ersten Mal Christen aus Süddeutschland begegnete, die CDU wählten! Wie konnten die nur! Was mich besonders schockte, war, dass sie, genau wie ich, evangelisch und überdies noch missionarisch aktiv waren. Das kriegte ich in meinem Kopf nicht zusammen. Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, als Elke und ich bei einem Kreativworkshop von Jugend mit einer Mission in Altensteig waren. In diese Zeit fiel die Bundestagswahl. Die dortigen charismatischen Christen beteten, dass die CDU die Wahl gewinnt. In was für ein Babel war ich da geraten!
In jener Wahl entschied ich mich, wenn ich mich richtig erinnere, für die Grünen. Was Elke wählte, weiß ich natürlich aufgrund des Wahlgeheimnisses nicht.
Wie gesagt, so war es früher. Für mich war die politische Welt ziemlich klar.
Nie hätte ich damals die nachfolgenden Veränderungen im Kurs der politischen Parteien geahnt. Genauso wenig, dass manche im Lauf der Zeit einen immer stärker kirchenkritischen und christenfeindlichen Kurs entwickeln würden. Ich jedenfalls habe meine damalige klare politische Weltsicht längst durch eine – so hoffe ich – realistischere Sicht ersetzt. Dass es die eine, von Christen zu wählende Partei geben kann, glaube ich längst nicht mehr. Aber auch heute bleibt für mich als wichtiges Kriterium, ob glaubhafte Christen in einer Partei zu finden sind, und ob sie Gottes lebensfördernde Maßstäbe ernster nehmen als den kurzfristigen politischen Erfolg.

Roland Werner, Juni 2013

Früher … waren Birkenstocksandalen Pflicht

Früher … waren Birkenstocksandalen Pflicht

Das war die Kleiderordnung. Ausgewaschene Jeans, möglichst unten ausgefranst. Schlabberige Pullover. Bei Männern, wenn schon wachsend, auch ein Bart, in der Marke irgendwo zwischen Karl Marx und Apostel Paulus. Die karierten Hemden, sie später überhandnahmen, waren zu meiner Zeit noch als modische Neuerung verpönt. Lange, häufig über mehrere Tage ungewaschene Haare, im Winter Rollkragenpullover, und dann natürlich die besagten Birkenstocksandalen. Jedenfalls für die, die sie sich leisten konnten. Ich gehörte meist nicht dazu, sondern trug irgendwelche abgetragenen Turnschuhe. Ja, früher waren Birkenstocksandalen Pflicht für einen wirklich ernsthaften Christen. Das war die geistliche verordnete Kleiderordnung.
Und dann gab es auch noch Regeln darüber, was man Essen durfte und was nicht. Beliebt war Vollkornbrot und Müsli, Tee in jeder Varianz, und selbstgebackene Plätzchen. Essen bei McDonalds andererseits war für Christen mega-out. Es gab, man höre und staune, sogar richtige Resolutionen  und in intensiven Diskussionen erstrittene Beschlüsse innerhalb der evangelischen Jugend, ja nicht bei McD… zu essen.  Warum, ist schnell nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich ja um eine amerikanische Schnell-Ess-Kette. Und damit war klar, wer hier isst, unterstützt damit direkt oder indirekt die amerikanischen Großmachtbestrebungen weltweit.
Als politisch bewusster Christ aß man also nicht bei McDonalds. Auch einfache Pommesbuden waren verpönt, aber eher aus ästhetischen Gründen. Doch ließ sich ein gelegentlicher Ausflug dorthin nicht ganz vermeiden. Denn schließlich schmeckte das doch zu gut, Pommes mit Ketchup und Mayo, oder, wie manche der Einfachheit halber sagten: Pommes Rot-Weiß.
Christsein definierte sich also durch Kleidungsstil und Essensvorschriften. Nein, halt, das stimmt ja gar nicht. Sondern – Christsein war eine innere Haltung, die sich auch in diesen scheinbaren Äußerlichkeiten zeigte. Das würden die Verfechter dieser Regeln jedenfalls vehement behaupten.
Und da sind wir schon fast bei heute angelangt. Denn so völlig anders ist unsere heutige christliche Szene vielleicht gar nicht. Sicher, wir tragen keine Schlabberklamotten mehr, sondern bewegen uns irgendwie zwischen urbanem Chic und biologisch angebauten Fäden. Und auch bei dem, was wir verspeisen, sind wir nicht so ideologisch. Wir essen auch schon mal bei einem Schnellrestaurant, und achten höchstens drauf, ob dort der Müll einigermaßen vernünftig getrennt wird. Gegen Amerika sind wir immer noch irgendwie unterbewusst, schauen uns aber gern in den Spätvorstellungen die neusten Hollywoodfilme an. Denn schließlich braucht man ja etwas, worüber man sprechen oder auch, wenn man in einer der neuen Jugendgemeinden ist, worüber man predigen kann.
Also sind wir insgesamt etwas lockerer geworden, und die Gesichtsbehaarung hat bei den Männern auch abgenommen. Zumindest wird sie nicht mehr als Ausweis geistlichen Ernstes oder politischer Gesinnung zur Schau getragen. Also: Entspannung auf der Speise- und Kleidungsfront?
Paulus, der Apostel, nimmt ja interessanterweise in seinem Brief an die Christen in Kolossä zu solchen Fragen Stellung. Deshalb lasst euch jetzt auch nicht mehr von ihnen in die Ecke stellen! Das, was sie bestimmen wollen, zum Beispiel, was man essen oder trinken darf oder welche besonderen Festtage man einhalten und auf welche Neumondfeiern oder Sabbate man achten soll – all das sind nicht mehr als nur Vorschatten von dem, was in der Zukunft einmal kommen sollte. Jetzt aber ist es da…. Ihr seid deshalb nicht mehr bestimmt von den grundlegenden Denkvorstellungen dieser Welt. Warum unterwerft ihr euch ihnen dann noch? Diese Regeln lauten: »Das sollst du nicht anfassen! Das darfst du nicht kosten! Das sollst du nicht berühren!« All dies sind doch nur vergängliche Dinge, die schnell verderben. Das alles sind nur von Menschen ausgedachte Vorschriften und Lehrmeinungen. Es sind Aussagen, die ihre angebliche Weisheit aus einer selbst erfundenen Religiosität beziehen.“  (Kol 2)
Das finde ich nun wirklich interessant! Kann es sein, dass wir – damals, als wir noch Birkenstockfreaks waren und heute, wo wir andere Normen für selbstverständlich halten – unbewusst oder halbbewusst von den „grundlegenden Denkvorstellungen“ unserer Welt, unserer Zeit, unserer Gesellschaft geprägt sind? Kann es sein, dass wir selbst in unserem „Alternativ-Sein“ immer noch ziemlich angepasst sind und letztlich nur eine christliche verbrämte Version des Zeitgeistes leben?
Hmmm, was denkt ihr? Auf jeden Fall, persönlich bin ich dankbar, dass die Schlabberklamotten out sind und die Birkenstockpflicht abgeschafft wurde. Und sicher sind die meisten Produkte von TheNorthFace  kleidsamer als die Jute-Säcke der 80er. Und nicht immer Müsli essen und roten Tee trinken zu müssen ist auch ganz befreiend. Und doch: Mit dem Blick eines, der seit mehreren Jahrzehnten als Christ unterwegs, frage ich mich schon, ob alle gegenwärtigen Trends und Themen in den christlichen Gemeinden wirklich so tiefgründig und zukunftsweisend sind. Mal sehen, was einer so in 30 Jahren über uns schreibt. Über früher eben.

Roland Werner, März 2013

Früher … dachten wir das Ende der Welt wäre nahe

Früher … dachten wir das Ende der Welt wäre nahe

Ja, das stimmt wirklich. Ich war als Schüler zu einem Austauschjahr in den USA. Und zwar 1973-1974. Ich gebe zu, das war in der grauen Vorzeit. Die meisten meiner heutigen Leser waren da wahrscheinlich noch gar nicht geboren. Jedenfalls gab es dort einen großen Buchschlager mit dem Titel „Alter Planet Erde – wohin?“ Der amerikanische Originaltitel war noch reißerischer: „The Late Planet Earth“. Zu Deutsch etwa: „Der inzwischen verstorbene Planet Erde“. Mehrere Millionen stark war die Auflage. Und sicher hat der Autor Hal Lindsey daran auch nicht schlecht verdient. Auf jeden Fall war es in aller Munde, das Thema: Wie lange haben wir noch? Wann kommt Jesus wieder? Wann wird das Ende der Welt, wie wir sie kennen, eingeläutet?

Am Sylvesterabend 1973/1974 gingen wir dann mit unserer amerikanischen Familie in die große Stadthalle von Seattle. Dort trat Hal auf und malte ein düsteres Szenario. Die erste Ölkrise hatte die westliche Welt und die USA gerade erschüttert. Und so schaffte er es, die politischen Zeitereignisse ganz eng mit den biblischen Aussagen über die Wiederkunft von Jesu zu verknüpfen. Ich weiß noch, dass ich am Ende des Abends verunsichert war, ob wir das Jahr 1974 noch ganz erleben würden.

Kurz darauf traten selbsternannte Endzeitpropheten auf. Der Komet Kohoutek war im Begriff, sich Ende Januar 1974 der Erde zu nähern. Könnte diese ein weiteres Zeichen des nahenden Endes sein? Als dann der Januar und schließlich das ganze Jahr vorübergegangen war, war ich schlauer. Und ich erinnerte mich an die Aussage von Jesus: „Es steht euch nicht zu, die Zeiten oder genauen Zeitumstände zu kennen, die der Vater in seiner ihm eigenen Vollmacht festgesetzt hat…“ (Apg 1, 7) Und ich merkte, dass es nicht so wichtig ist, zu wissen, wann genau Jesus kommt, sondern so zu leben, dass wir an jedem Tag auf ihn ausgerichtet sind.

Als dann die Zeugen Jehovas für 1975 die Wiederkunft von Jesus ankündigten, war ich gewappnet. Im Gespräch hielt ich einem „Zeugen“ diese Aussage von Jesus vor, dass wir weder Zeit noch Stunde wissen können. Seine Antwort war für mich spitzfindig und wenig überzeugend: „Ja, Zeit und Stunde wissen wir nicht, aber Monat und Jahr können wir schon wissen!“ Und doch war dies auch dieses Mal eine falsche Voraussage der „Wachturmgesellschaft“, wie schon 1898 und 1925. Gott lässt sich eben nicht in die Karten schauen.

Ist das Thema damit abgehakt? Mir fällt jedenfalls auf, dass es in der Christenheit nicht wirklich diskutiert wird. Zwar sprechen wir sonntags im Glaubensbekenntnis: „…aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes des Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten…“ Doch dass darüber hinaus das zweite Kommen von Jesus eine Rolle spielt in unseren theologischen Gesprächen und in unserer Alltagsgestaltung, kann ich nicht wirklich erkennen.

Das finde ich schade. Und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes. Es ist ein Schaden für uns als Christen, wenn wir die Hoffnungsperspektive, die das Neue Testament uns eröffnet, ausblenden. Es ist fast so, als wüssten wir, dass da irgendwo in unserem Glaubenshaus ein Fenster ist, wir es aber nie öffnen. Natürlich ist es ganz richtig und wichtig, dass wir uns mit unserer vollen Kraft der gegenwärtigen Welt zuwenden. Dass wir uns einsetzen für Gerechtigkeit und Frieden, im Großen und im Kleinen, für Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Und dennoch haben wir noch mehr und noch anderes zu sagen, als alle anderen. Wir wissen, dass Jesus nicht nur eine Figur der Vergangenheit ist, und nicht nur ein Begleiter unserer Gegenwart, sondern dass er der Herr der Zukunft ist. Das, was der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann auf dem Kirchentag in Essen 1955 sagte, ist und bleibt dabei wegweisend: „Die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt!“ Ich würde mir wünschen, dass das heute wieder mehr in unser Bewusstsein dringt. Und dass wir mehr darüber nachdenken und miteinander sprechen. Wie früher eben.

Roland Werner, Februar 2013