Kleine Tugendlehre Teil 3

Kleine Tugendlehre Teil 3

Die Liebe zu allen Menschen

Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. 

Matthäus 5, 44

So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld und in der Geduld Frömmigkeit und in der Frömmigkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe die Liebe zu allen Menschen. 

2. Petrus 1, 5-7

Die Christen sind im Fleische, leben aber nicht nach dem Fleische. Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben, Sie sind arm und machen viele reich; sie leiden Mangel an allem und haben doch auch wieder an allem Überfluss, Sie werden missachtet und in der Missachtung verherrlicht; sie werden geschmäht und doch als gerecht befunden. Sie werden gekränkt und segnen, werden verspottet und erweisen Ehre, Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter gestraft; mit dem Tode bestraft, freuen sie sich, als würden sie zum Leben erweckt.

Brief des Diognet, frühchristliche Schrift, ca. 150 bis 200  n. Chr. 

Christen sind nicht besser, sie sind nur besser dran! Diesen häufig gehörten Satz würde Petrus wohl nicht unterschreiben. Vor allem dann nicht, wenn er dazu verwendet werden soll, um sich vor der Herausforderung zu drücken, an seinem eigenen Charakter zu arbeiten. Vielleicht hätte er ihn so umformuliert: Zwar sind Christen nicht automatisch besser als andere, weil von Natur her alle Menschen Sünder sind. Und sicher sind Christen besser dran, weil sie Gottes Vergebung und die Wirklichkeit des Heiligen Geistes in ihrem Leben erfahren haben. Aber auf jeden Fall sollten Christen sich darum bemühen, „besser“ zu werden. Denn das Geschenk der Gnade, das sie in Jesus erhalten haben, kann und darf nicht ohne Folgen bleiben.

Und so zählt er in seiner „kleinen Tugendlehre“ im zweiten Petrusbrief eine Reihe von Eigenschaften, oder besser gesagt, Lebenseinstellungen und Verhaltensweisen auf, die für ihn ein Ausdruck der gelebten Gottesbeziehung von Christen sind. Wie eine Perlenschnur aufgereiht erscheinen diese Tugenden: Glauben, Erkenntnis, Mäßigkeit,  Geduld, Frömmigkeit, brüderliche Liebe und schließlich die Liebe zu allen Menschen. 

Petrus – und bis zum Beweis des Gegenteils sehe ich ihn gemeinsam mit der alten Kirche als Verfasser dieses häufig vernachlässigten neutestamentlichen Briefs an – zeichnet damit eine Art Charakterbild eines gereiften Christen. Wenn wir das Leben von Petrus selbst anschauen, merken wir, dass ihm diese Eigenschaften auch nicht von selbst in den Schoß gefallen sind. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – malt er seinen Adressaten dieses Bild so deutlich vor Augen. Im Tiefsten ist es ein Bild von Jesus. In ihm haben alle diese Tugenden ihren vollkommensten Ausdruck gefunden. Und ein Christ ist nicht mehr und nicht weniger als ein Mensch, der von Jesus Christus geprägt ist.

Glauben ohne Mühe?

Der zweite Petrusbrief beginnt seine Aufzählung ganz realistisch mit der Aufforderung: „Wendet alle Mühe daran!“ Die von ihm beschriebenen Lebenstugenden sollen also unter Mühe und Anstrengung erarbeitet werden.

Kein Wunder, dass manche Forscher allein schon hierin einen Beweis dafür sehen wollten, dass diese Schrift in die Reihe der so genannten „frühkatholischen“ Briefe gehören müsse, in der das urchristliche Prinzip „sola gratia“ – „allein aus Gnade“ verlassen worden sei und sich die ersten Anzeichen einer im Grunde unevangelischen Gesetzlichkeit offenbarten. Und dass deshalb der geschichtliche Petrus nicht der Verfasser dieses Briefs sein könnte, sondern ein späterer Schreiber, der schon nicht mehr von der Gnade allein bestimmt ist, sondern von der ansetzenden kirchlichen Morallehre.

Doch stimmt es wirklich, dass Jesus selbst, und in seiner Nachfolge Petrus, Paulus, Johannes und Jakobus nur von Gnade und Vergebung, von Annahme und Versöhnung sprachen, ohne dass damit ein Anspruch auf Veränderung des Lebens verbunden war? Stimmt das verbreitete Geschichtsbild überhaupt, das davon ausgeht, dass die frühen Christen nur vom „Geist der Freiheit“ bewegt waren, während gegen Ende des ersten Jahrhunderts dann die Frage des Lebensstils in den Vordergrund getreten sei? Wer tiefer blickt, merkt, dass sich nirgendwo im Neuen Testament, weder bei der Lehre von Jesus, noch bei irgendeinem der Apostel dieser Gegensatz so aufrecht erhalten lässt. An keiner Stelle wird Glaube ohne Gehorsam, Gewissheit des Heils ohne gelebte Nachfolge oder die Erfahrung des Geistes ohne die daraus folgende Veränderung des Lebens verkündigt. 

Jesus selbst forderte seine Jünger auf: „Geht ein durch die enge Pforte!“ (Matthäus 7, 13) Und Paulus sprach vom „Kampf des Glaubens“ (1. Timotheus 6, 12) und  beschrieb seine Lebenseinstellung mit den ergreifenden Worten: „Ich jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung in Christus Jesus.“ (Philipper 3, 14) 

Immer wieder wird deutlich, dass Gottes Gnade kein Ruhekissen, sondern die Motivation zu einem das ganze Leben umfassenden Einsatz ist. So bleibt es bei dem klassischen Satz, den der Apostel Jakobus formulierte: „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.“ (Jakobus 2, 17) Es gibt kein Christsein ohne Bewegung, keinen Glauben ohne Bemühung, keine Gottesbeziehung ohne ein erneuertes Leben. Auf diesem Hintergrund ist klar: Die Aufforderung des Petrusbriefs, sich um die Tugenden zu bemühen, ist nichts „unevangelisches“. Sie steht in keiner Weise im Gegensatz zur Lehre von Jesus oder der frühen Apostel, sondern ist die logische Folgerung der geschenkten Christusbeziehung.

Der Kampf um das Herz

Doch wonach sollen wir streben? Was sind die Werke, die wir tun sollen? Hier ist es wichtig, genau hinzuschauen. Das Ziel von Petrus geforderten Bemühung ist nicht etwa, Gnade zu erlangen oder bei Gott angenommen zu werden. Dies wird uns ohne allen Zweifel ohne unser Verdienst oder eigenes Dazutun geschenkt. Vielmehr ist das Ziel sehr weit gespannt. Als Folge der „Mühe“, als letztes Glied der genannten Kette von Tugenden nennt er die „Liebe zu allen Menschen“, die aus der „brüderlichen Liebe“, also der Liebe zu den Mitchristen, erwächst. 

Liebe zu allen Menschen – ein höheres Ziel ist fast nicht denkbar. Denn hier geht es nicht etwas Äußeres, sondern um den Innenraum unseres Denkens und Fühlens. Das uns vorgegebene Ziel ist nicht äußeres Wachstum, ein Mehr an Einsatz oder ein Zugewinn von Wissen, sondern eine innere Transformation, eine durchgreifende Wandlung des eigenen Herzens. Das ist die Einsicht, die Petrus am Ende seines Lebens weitergeben will. In seinem ersten Brief fordert er auf: „Heiligt Christus als Herrn in euren Herzen!“ (1. Petrus 3, 15) Auch hier nennt er wiederum das Herz als entscheidenden der Kampfplatz. Denn die Frage, ob wir zu echter geschwisterlicher Liebe durchdringen und dann weiter zur Liebe gegenüber allen Menschen, entscheidet sich in unserem Herzen. In ähnlicher Weise 

„Habt eure Herzen gereinigt zu ungefärbter Bruderliebe!“ (1. Petrus 1, 22) Mit dieser Aufforderung legt Petrus seinen Finger auf das tiefere Problem: Unser Herz muss erst dazu befähigt, erzogen, oder, wie er hier sagt, gereinigt werden, damit wir diese Liebe zu allen Menschen entwickeln und leben können. Der Ort, wo es sich entscheidet, ob wir lieben können oder nicht, ist unser eigenes Herz. 

Das Merkmal der Christen?

Nichtchristliche Zeitgenossen sagten in den ersten Jahrhunderten halb spöttisch, halb bewundernd über die Christen: „Seht, wie sie einander lieb haben!“ Und Tacitus, der kein Freund der Christen war, beklagte, dass sie – im Gegensatz zu den heidnischen Römern – nicht nur für ihre eigenen Armen und Bedürftigen sorgten, sondern auch für viele andere, und dass sie damit einen großen Einfluss in der Gesellschaft ausübten. Die römische Christengemeinde allein versorgte um 250 regelmäßig 1.500 Arme und Bedürftige, die nicht zur Gemeinde gehörten, mit dem Lebensnotwendigen.

Wie steht es mit uns heute? Was wäre das für eine Welt, in der die Christen vor allem durch ihre „allgemeine Menschenliebe“ bekannt wären? Wie sähen unsere Gemeinden und Kommunen aus, wenn wir Christen diese Lektion wirklich lernen und diese Tugend zum zentralen Thema unseres Lebens erheben würden? Sicher geschieht es an vielen Stellen, dass Christen über den eigenen Horizont hinaus sehen. Die Bereitschaft zum Spenden, also zum finanziellen Opfer, um Menschen zu helfen, ist bei vielen Christen viel größer als im allgemeinen Durchschnitt der Gesellschaft. Und doch bleibt die Frage, ob wir wirklich diese „allgemeinen Menschenliebe“ ausstrahlen und ausleben, oder ob wir eher von Abgrenzung, Kritiksucht, Richtgeist und Überheblichkeit geprägt sind. Die von Petrus als Ziel des Tugendweges genannte Liebe zu allen Menschen ist eigentlich nichts anderes als die Widerspiegelung der uneingeschränkten Liebe Gottes, die allen gilt. Sie wird an vielen Stellen im Neuen Testament beschrieben: „So sehr hat Gott die Welt geliebt…“ (Johannes 3, 16), „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5, 8), und nicht zuletzt die klassische Aussage von Paulus: „Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig…“ (Titus 3, 4f).

Liebe ist im Neuen Testament ein Hauptwort und ein Tätigkeitswort zugleich. Liebe ist ein unveräußerliches Wesensmerkmal Gottes (1. Johannes 4, 16)  und ein unverzichtbarer Auftrag für die Menschen, die Gott „von Herzen nachwandeln“ (Psalm 84, 6) wollen.

Schritte zur Menschenliebe

Dass uns diese „Liebe zu allen Menschen“ nicht von selbst in den Schoß fällt, macht der zweite Petrusbrief deutlich, indem er einen Weg der Selbsterziehung beschreibt, auf dem der Christ sozusagen Schritt für Schritt voranschreiten soll. Das große Wort „Menschenliebe“ – auf griechisch „philanthropia“ – umfasst viele Aspekte des Denkens, Fühlens und Handelns. Zu ihr gehört, dass wir die anderen überhaupt zuerst einmal wahrnehmen, dass wir also so sehr von uns selbst und unseren eigenen Belangen gelöst sind, dass wir unsere Augen auf das richten können, was den anderen bedrückt oder erfreut. Zu dieser Wahrnehmung kommt dann das Ernstnehmen, das Achten und Wertschätzen der anderen. Interesse und Anteilnahme am Ergehen anderer Menschen sind also unverzichtbare Bestandteile dieser „allgemeinen Menschenliebe“. Offene Augen, offene Herzen und offene Hände gehören ebenso dazu wie die Bereitschaft, anderen höflich und respektvoll zu begegnen. Hinschauen statt weg zu sehen, zuhören statt die Ohren zu verschließen, zupacken statt achtlos vorüber zu gehen – dies und mehr ist Ausdruck einer Liebe, die keine Unterscheidungen vornimmt und sich allen zuwendet.

Jesus zeichnet das Bild eines Menschen, der diese bedingungslose Liebe lebt, in seiner unvergesslichen Gleichnisgeschichte vom barmherzigen Samariter. In seiner Fürsorge und Vorsorge nimmt die alle Grenzen überwindende Menschenliebe Gestalt an. Dass er damit fast unbemerkt ein Bild von sich selber zeichnete, der ja auch von den herrschenden religiösen Führern abgelehnt und verachtet wurde, und sich gerade denen, die am Wegrand lagen, zuwandte, verankert dieses Gleichnis noch tiefer im Leben und Wesen von Jesus selbst. So ist es das Ziel christlicher Selbsterziehung, immer mehr in das Bild von Jesus selbst hinein zu wachsen, ihm ähnlicher zu werden, dessen gesamtes Leben eine einzige Offenbarung der Liebe Gottes war, die allen Menschen ohne Unterschied gilt.

© roland werner, zuerst erschienen in Aufatmen 2007, 1-4.

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