Kleine Tugendlehre Teil 1

Kleine Tugendlehre Teil 1

Ein Lob der Tugend

Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht.

Philipper 4, 8

So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld und in der Geduld Frömmigkeit und in der Frömmigkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe die Liebe zu allen Menschen. Denn wenn dies alles reichlich bei euch ist, wird’s euch nicht faul und unfruchtbar sein lassen in der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus.

1. Petrus 1, 5-8

Von Tugend zu reden fällt uns nicht leicht. Jedenfalls uns Evangelischen nicht. Denn schließlich haben wir es gelernt, ja regelrecht mit der Muttermilch aufgesogen, dass wir durch die Gnade allein gerettet sind. Sola gratia – die alleingenügsame Gnade –, das ist der Grund unserer Existenz als Christen. Gott tut alles, und wir können nichts – oder fast nichts – tun. Welchen Platz hat da überhaupt das Reden von „Tugenden“? Schmeckt dieses Wort nicht nach Werkgerechtigkeit, danach, dass wir uns selbst unser Heil basteln wollen? Und riecht es nicht nach moralischer Selbstverbesserung, danach, dass man sich selbst einen höheren Stand erarbeiten will, von dem aus man dann die anderen herablassend beurteilen und vielleicht auch verurteilen kann?

Tugend in der Bibel

Im Alten Testament kommt das Wort Tugend nur einmal vor, in der Geschichte von Ruth. Boas sagt ihr: „Alles, was du sagst, will ich dir tun; denn das ganze Volk in meiner Stadt weiß, dass du ein tugendsames Weib bist.“ (Ruth 3,12) Ganz wörtlich nennt Boas sie eine „eschet chail“, „eine Frau der Kraft.“

Der Sinn ist hier eindeutig – Ruth ist eben keine lockere Frau, die sich selbst nicht im Griff hat und leicht zu haben ist, sondern eine, die auf ihre Ehre achtet und moralisch unanfechtbar lebt. Obwohl das Wort „Tugend“ nur dieses eine Mal vorkommt, ist die Sache, um die es geht, natürlich an vielen Orten im Alten Testament zu finden: Ein Leben in Selbstbeherrschung, die auf der Gottesfurcht basiert.

Die beiden Stellen im Neuen Testament, wo Tugend eigens genannt ist, finden sich in Abschnitten aus Briefen an Christen, die zu einem Gott wohlgefälligen Leben ermutigt werden sollen. Paulus ermuntert die Christen in der nordgriechischen Stadt Philippi dazu, positiv zu denken und zu reden. Sie sollen auf „Tugend“ bedacht sein. (Philipper 4, 8)

Und im zweiten Petrusbrief wird geradezu ein sich immer weiter steigernder Weg der Tugend“ beschrieben. Die Grundlage ist der Glaube, aus dem die „Tugend“ hervorgeht. Diese bringt dann eine ganze Reihe von guten Lebenshaltungen hervor – die Tugend wirkt sich aus in „Erkenntnis“, diese bewirkt „Mäßigkeit“, und die Mäßigkeit bewährt sich in der „Geduld“. Die Geduld bringt „Frömmigkeit“ hervor, und diese wird vollendet in der „brüderlichen Liebe“ und führt schließlich zur „Liebe zu allen Menschen“ (2. Petrus 1, 5-7).

So soll der Christ von einer „Tugend“ zur nächsten voranschreiten soll und so in allem Jesus Christus nachfolgen.

Das griechische Wort, das in der Lutherbibel als „Tugend“ übersetzt wird, ist ein beiden Fällen aretä. Das bedeutet wörtlich „Männlichkeit“ oder „Mannbarkeit“. So übersetzt die lateinische Bibel diesen griechischen Ausdruck folgerichtig als „virtus“ von „vir“, der Mann.

Was Tugend eigentlich meint

Dass nicht nur Männer in diesem Sinne „mannbar“, „stark“ oder „tugendhaft“ sein können, hat das Beispiel von Ruth gezeigt. Alle Christen sind aufgefordert, ihrem Beispiel zu folgen und ihr Leben bewusst und mit Überzeugung nach dem Maßstab der Tugend zu gestalten.

Das erfordert ein bewusstes Nachdenken über die Tugend und all das, was ihr wesensmäßig verwandt ist. So sagt es Paulus: „Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!“ (Philipper 4, 8) Tugend geschieht also nicht einfach so automatisch, sondern muss ins Auge gefasst, gewollt und angestrebt werden.

Und Petrus betont, dass Tugend Teil eines Gesamtpakets ist, und dass es also um die Gesamtheit der geistlichen Lebensgestaltung geht.
Und damit sind wir am entscheidenden Punkt. Das Wort Tugend meint eine Grundeinstellung und eine Verhaltensweise zugleich. Eine ganz bestimmte Sicht auf das Leben und den Willen, diese Sicht auch in der eigenen Lebenspraxis umzusetzen. Tugendhaft leben zu wollen bedeutet, bewusst einen Maßstab für sein Leben anzunehmen und ihn dann auch einzuüben und konkret zu verwirklichen.

Die Tür zu einem Leben der Tugend

An vielen Stellen in seinen Briefen beschreibt Paulus, wie es zu solch einem Leben der Tugend kommen kann. Eine klassische Stelle ist der Anfang des praktischen Teils des Römerbriefs. In den ersten acht Kapiteln legt er dar, was Gott in seiner Gnade für uns getan hat und endet mit dem Fazit: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Jesus Christus sind.“ (Römer 8, 1) Nach einem Einschub, bei dem es um die bleibende Bedeutung von Israel geht, wendet er sich in den letzten Kapiteln der Frage zu, wie Christen denn jetzt praktisch leben sollen. Was bedeutet die Erfahrung der unverdienten und geschenkten Gnade Gottes für unser Verhalten? Den Übergang von dem, was Gott für uns getan hat zu dem, was wir als Konsequenz daraus tun sollen, beschreibt er in den unvergleichlichen Eingangsworten von Kapitel 12:

„Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Römer 12, 1-2

Besser kann die Begründung biblischer Ethik nicht beschrieben werden. Paulus macht deutlich: Die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes führt zu einem neuen Leben. Einem Leben, das sich als Maßstab das „Gute“ und „Wohlgefällige“ und „Vollkommene“ gewählt hat. Einem Leben, in dem sich christliche Tugend verwirklicht.

An dieser Stelle wird auch der scheinbare Gegensatz zwischen der Erfahrung der Gnade Gottes und unserem eigenen Bemühen aufgehoben. Was manchmal wie ein unüberbrückbarer Gegensatz aussieht, gehört in Wirklichkeit unauflöslich zusammen. Es ist gerade die erfahrene Barmherzigkeit Gottes, die uns motiviert und zu einem neuen Leben bewegt.

Glaube, der Gestalt gewinnt

Das Bemühen um Tugend, oder anders ausgedrückt, die Einübung neuer Einstellungen und Handlungen ist also nichts Unevangelisches oder gar Unbiblisches. Im Gegenteil! Gerade daran, dass unser Leben in eine neue Spur kommt, wird deutlich, dass die Gnade Gottes bei uns zum Zug gekommen ist. Unser Glaube an die rettende Gnade darf ja nicht zur Entschuldigung für ein ansonsten unverändertes, eigensinniges und selbstbezogenes Leben werden. Nein, gerade in der Disziplin der Nachfolge zeigt sich die Wirklichkeit und die Wirksamkeit dessen, was Jesus uns schenkt.

Unser Glaube soll und kann Gestalt gewinnen. Und die Tugend ist eine der grundlegenden Gestalten geistlicher Existenz. Die von Paulus im Brief an die Galater (5, 22) genannten „Früchte des Geistes“ sind im eigentlichen Gestalt gewordene Tugenden. Sieben zählt er auf: Liebe, die zur Tat wird, Frieden, der um sich greift, Freude, der die sichtbar ist, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut und Reinheit.

In den gelebten Tugenden wird der unsichtbare Glaube sichtbar. Wer einem wahrhaft tugendhaften Menschen begegnet, spürt, dass ihm mehr entgegentritt als nur dieser Mensch an sich. Das, was in ihm Gestalt gewonnen hat, ist transparent. Das, was durch ihn hindurch scheint, ist mehr als neu eine Idee oder ein fester Wille. Es ist Jesus selbst in seiner Reinheit, seiner Sanftmut, seinem Frieden, seiner Freude, seiner Treue und Entschlossenheit, seiner Demut und Leidensbereitschaft, der hier in einem Menschen Gestalt gewinnt.

Der Weg zur Tugend

Keiner wird tugendhaft geboren. Ebenso wenig kommt niemand durch und durch verdorben auf die Welt. Was wir heute sind, ist das Ergebnis vieler kleiner und großer Entscheidungen. Das, was wir in der Vergangenheit gedacht, gefühlt, geliebt und getan haben, hat einen Einfluss auf uns.

Durch die Gegenwart des Geistes Gottes in unserem Leben haben wir die reale Möglichkeit, mit der Vergangenheit zu brechen und neu zu starten. Doch diese Chance muss ergriffen werden. Deshalb finden wir in der Bibel nicht nur Zusagen, sondern auch Aufforderungen. Christsein ist nicht nur ein Zustand, sondern auch ein Werden. Die Ermutigung des alt gewordenen Apostels Paulus an seinen jüngeren Mitarbeiter Timotheus ist nur eine davon: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist!“ (1. Timotheus 6, 12).

Ein Leben der Tugend fällt uns nicht in den Schoß. Es ist ein Weg der Übung, ein Weg, bei dem man immer wieder neu den Entschluss fassen muss, sich selbst zu überwinden und das Richtige zu tun, auch wenn die Gefühle diese Entscheidung nicht unterstützen. Wer sich von seinen Vorlieben und Launen, von seinen Stimmungen und Verstimmungen bestimmen und leiten lässt, ist fern vom Pfad der Tugend. Doch wer sich immer neu dafür entscheidet, das in die Tat umzusetzen, was wahr und gut ist und was dem Willen Gottes entspricht, der wird entdecken, dass dieser Weg seinen eigenen Lohn mit sich bringt.

Allein muss jedoch keiner bleiben. Denn der Helfer, der Tröster, den Jesus verheißen hat, der Geist Gottes, will und wird uns in alle Wahrheit leiten. (Johannes 16, 13)

Und diese Wahrheit ist eben nicht nur ein theoretisches Gedankenspiel. Die Wahrheit, von er Jesus hier spricht, ist die Wahrheit eines Lebens, das „in der Wahrheit“ gelebt wird. Ein Leben, das ihn widerspiegelt, bis in die ganz konkreten Einstellungen und Verhalten im Alltag. Denn Tugend ist kein Hauptwort, sondern ein Tätigkeitswort. Das, was am Ende zählt, ist das, was wir wirklich tun. Was wir denken, wie wir reden, was wir tun. Diese Wahrheit drückte der Theologe Martin Kähler unübertroffen aus in seinem Gebet: „Hilf aus den Gedanken ins Leben hinein, ganz ohne Wanken dein Eigen zu sein.“

(c) roland werner

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