Salz im religiösen Eintopf? – Missionarisch leben im Zeitalter oberflächlicher Toleranz

Salz im religiösen Eintopf? – Missionarisch leben im Zeitalter oberflächlicher Toleranz

In der Ringparabel in „Nathan der Weise“ erzählt Gotthold Ephraim Lessing von einem Vater, der einen wertvollen Ring besitzt. Auf seinem Sterbebett lässt er seine drei Söhne kommen. Jedem übergibt er einen Ring mit der Aussage, dass dieser der wahre sei. Dann stirbt er. Keiner der Söhne weiß, ob er das Original oder die Kopie hat. Jeder glaubt aber natürlich, dass sein Ring der echte ist.

Diese Ringparabel drückt eine Grundauffassung der Aufklärung aus: Die Religionen – hier durch die Ringe symbolisiert – sind alle nützlich, da und insoweit sie dem Gläubigen das Gefühl geben, etwas Wertvolles zu besitzen. Sie sind aber da schädlich, wo sie zur Abgrenzung von den anderen und einem absoluten Wahrheitsanspruch führen. Die Moral von der Geschichte: Jeder soll seine eigene Auffassung haben, diese aber nicht zur Norm erheben. Nur, wenn der eigene Glaube mit Zweifel gepaart ist, kann Religion nützlich sein und ihr friedensgefährdendes Potential in Schach gehalten werden.

 

Ein denkerischer Holzweg

Doch diese Auffassung, die das Denken der „Moderne“ – das Zeitalter, das von der Aufklärung und dem Glauben an den Vorrang von Wissenschaft und Vernunft geprägt ist, – und auch die entstehende Geisteshaltung der Postmoderne – in der auf der Basis eines zurückgenommenen Wahrheitsanspruchs, nunmehr eine neue Offenheit für spirituelle und geistige Erfahrungen aller möglichen Arten vorherrscht – , bestimmt, ist nur auf den ersten Blick befriedigend. Denn gerade der Verzicht auf objektive Wahrheit, mit der daraus folgenden Unsicherheit, öffnet dem Kampf der Meinungen das Tor. Jede ideologische Unwahrheit kann sich jetzt mit dem gleichen Recht brüsten wie das, was wirklich wahr ist. Keiner hat gewonnen, wenn der Glaube an Elfen und Trolle, an die altgermanischen Götter und afrikanische Baumgeister ebenso Wahrheit verkörpern soll wie der jüdische Monotheismus, die christliche Offenbarung oder der islamische Determinismus. Genauso gut kann natürlich auch die buddhistische Vermeidung der Gottesfrage oder der krasse Atheismus Schopenhauers, Nietzsches und ihrer Nachfolger „wahr“ sein.

Wir merken: Der Verzicht auf das Stellen der Wahrheitsfrage führt in einen veritablen Dschungel einander völlig widersprechender und gegeneinander stehender Weltanschauungen. Die Absage an die eigene kritische Urteilsfähigkeit, die hier gefordert wird – von Lessing bis zu heutigen Talkshowphilosophen – führt in eine intellektuelle Sackgasse, und damit auch zu einer emotionalen Überforderung. Wenn alles „gleich wahr“ sein soll, kann ja nichts mehr wirklich wahr sein. Und wenn alles „gleich gut“ und „gleich gültig“ ist, dann ist nichts mehr wirklich gut, und alles wird letztlich gleichgültig.

 

Die Krankheit des Christentums

Nun ist beim genaueren Hinsehen in Wirklichkeit nur ein Kulturkreis vom Unschärfevirus der Aufklärung geprägt, nämlich das ehemals christliche Abendland. Schon ein Blick in die Welt der russischen, griechischen und orientalischen Orthodoxie und erst recht das Anschauen des heutigen Islam zeigt, dass diese Glaubensrichtungen den Anspruch der Aufklärung zur religiösen Selbstrelativierung weit von sich weisen. Ebenso ist sich der Buddhismus in seinen vielfältigen Ausformungen und erst recht der militante, national orientierte Hinduismus seiner Sache gewiss. Nur die westlichen Christen oder Halbchristen scheinen von Selbstzweifeln geplagt. Die sich selbst freiwillig aufgelegte Selbstrelativierung des Christentums führt jedoch – entgegen der Erwartung „aufgeklärter“ Philosophen und auch Theologen – nun nicht dazu, dass die Vertreter anderer Religionen ihren Anspruch auf Wahrheit aufgeben, in dem Sinne von: „Wenn ihr eure eigenen Wahrheit in Frage stellt, dann stellen wir höflicherweise unseren eigenen Glauben auch in Frage!“

Das Gegenteil geschieht, zur ratlosen Verwunderung der modernen und postmodernen Experten. Gerade in der gegen das Christentum gerichteten Apologetik des gegenwärtigen Islam ist das spürbar. Dort heißt es: „Seht doch, selbst die christlichen Theologen stellen die Bibel in Frage! Das zeigt doch, dass wir schon immer Recht hatten mit der Aussage, dass das der Islam die wahre Religion ist!“

Gegenüber dem selbstbewussten Auftreten der anderen Religionen und Weltanschauungen hat ein sich seiner selbst ungewiss gewordenes Christentum keine Chance.

Das zeigt auch die statistische Entwicklung der weltweiten Kirche, für den, der es wahrnehmen will. Denn überall, allen voran in den USA, aber auch bei uns, schrumpfen die von „liberaler“, das heißt im Klartext „aufklärerischer“ Theologie geprägten Kirchen in erschreckender Geschwindigkeit. Ihre Verluste gehen nicht mehr nur in die Hunderttausende, sondern sind nur noch in Millionen zu beziffern. Ein wahrheitsloses und inhaltsentleertes Christentum reißt keinen mehr vom Hocker, und jagt auch niemanden am Sonntagmorgen aus dem Bett. „Atheistisch an Gott glauben“ (Dorothee Sölle) kann man schließlich auch zu Hause.

Dem gegenüber wächst der Islam, auch im Kerngebiet des christlichen Abendlandes. Was ebenfalls wächst, sind bemerkenswerterweise die Kirchen, die am historischen Christentum und den biblischen und altkirchlichen Überzeugungen festhalten, seien sie evangelikaler, pfingstkirchlicher oder orthodoxer Ausprägung. Der gemeinsame Nenner für ihr Wachstum ist eindeutig das Festhalten am Glauben: „… dass ihr für den Glauben kämpft, der ein für allemal den Heiligen überliefert ist.“ (Jud 1, 3)

 

Salz in die Suppe!

Hier zeigt sich auch der Ansatz der Heilung. Das Entscheidende in der gegenwärtigen weltgeschichtlichen Situation ist das, was die Liedstrophe von Philipp Spitta unübertroffen ausdrückt: „Es gilt ein frei Geständnis in dieser, unsrer Zeit. Ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit. Trotz aller Feinde Toben, trotz allem Heidentum zu preisen und zu loben das Evangelium.“

Das Bekenntnis zur Wahrheit ist das Gegenmittel gegen die nachchristliche Resignation und Glaubensmüdigkeit. Die Ahnungslosigkeit der Mehrzahl unserer Mitbürger in Sachen Gott, Jesus, Bibel und Glauben sollte uns zu kreativem, fantasiereichen und liebevollem Zeugnis motivieren. Je mehr Christen Flagge zeigen, um so mehr werden sie respektiert und um Rat gefragt, vorausgesetzt, dass ihr Leben ihren Glauben unterstreicht und dem nicht eklatant widerspricht. Die neue postmoderne Offenheit ist geradezu eine Einladung an unser Zeugnis. Denn dahinter verbirgt sich die Sehnsucht nach verlässlicher Lebensorientierung und nach einem Fundament, das feststeht, auch in den sicher kommenden Stürmen des Lebens.

Leider haben wir Christen uns vielfach in einem selbst auferlegten Schweigen verklemmt und vielfach die Fähigkeit verloren, natürlich, unverkrampft und selbstverständlich unsere christliche Identität zur Sprache zu bringen. Doch wo wir es wagen, begegnen wir einer erstaunlichen Offenheit für den Glauben, vorausgesetzt natürlich, dass wir es lernen, verständlich zu reden.

Wenn überhaupt irgendwann, dann ist jetzt die Zeit für eine klare, öffentliche Positionierung der Christen bei ihrem Zentrum, nämlich dem Vertrauen auf Gott in Jesus Christus, geboten. Die Menschen warten förmlich darauf. Und nicht nur bei uns, auch in den Gebieten, in denen andere Religionen ihren Besitzanspruch verteidigen. Die Angst des Islams vor der christlichen Botschaft, die sich z.B. im Bibelverbot oder Unterdrückung der christlichen Minderheiten und gerade der zum Glauben an Christus gekommenen Ex-Muslime zeigt, offenbart die uneingestandene Schwäche und Selbstunsicherheit. Meine Erfahrungen zeigen mir, dass dort die Sehnsucht nach Informationen über den christlichen Glauben sehr stark ausgeprägt ist. Auch hier sollten wir, gerade im Zeitalter der massiv voranschreitenden Globalisierung, unser Zeugnis nicht verschweigen.

Das Salz gehört in die Suppe. Das Wort vom Kreuz und von der Auferstehung gehört in den religiösen Eintopf hier bei uns und weltweit. Denn schließlich sehnt sich der Vater, wie Jesus in seiner berühmten Gleichnisgeschichte vom „Verlorenen Sohn“ deutlich macht, nach nichts mehr als danach, seinem verlorenen Sohn endlich den echten Ring an den Finger stecken zu können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.