Der Skandal um Gottes Sohn

Der Skandal um Gottes Sohn

Ein Mensch stirbt für uns alle, um uns durch seinen Tod am Kreuz mit Gott zu versöhnen. Das regt die Menschheit auf – damals wie heute.

Es war ohne Zweifel eine der grausamsten Methoden, mit der Menschen auf brutale und schreckliche Weise getötet wurden: Zwei Balken. Der eine in die Erde gerammt, der andere hochgezogen und oben quer in eine Einkerbung eingepasst. Daran ein Mensch, angenagelt, bis er stirbt. Kreuzigung im Römischen Reich.

In Sachen Kreuzigung hatten sich die Römer zu Experten entwickelt. Sie hatten diese grausame Hinrichtungsart von ihren Erzfeinden, den Karthagern, übernommen, die sie in den drei großen punischen Kriegen niedergezwungen hatten. Eine Kreuzigung und damit auch das Kreuz hatte für die Römer jedoch immer den Geruch des Ausländischen und Anstößigen. Cicero drückte die Abscheu des römischen Bürgers gegenüber der Kreuzigung so aus: „Henker, Verhüllung des Hauptes und schon das bloße Wort ‚Kreuz’ sollen fernbleiben nicht nur dem Leib der römischen Bürger, sondern auch ihren Gedanken, ihren Augen, ihren Ohren.“

Für die Römer war das Kreuz abstoßend und Ekel erregend. Deshalb wurde die Kreuzigung als Todesstrafe nur bei extremen Verbrechen angesetzt – bei Aufruhr, Hochverrat, Tempelraub und Mord. Sie war die Strafe für die Niedrigen, die Rechtlosen. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Die Hinrichtung am Kreuz war zu schmachvoll, als dass ein freier römischer Bürger, selbst wenn er ein Kapitalverbrechen begangen hatte, ihr unterzogen werden durfte.

 

Ein Skandal

Doch nicht nur die Römer nahmen Anstoß am Kreuz. Für die Juden war dieser Tod ein Zeichen für die größte Schande. Wer am Kreuz hing, war nicht nur von der Volksgemeinschaft ausgeschlossen, sondern unverkennbar von Gott gestraft und verlassen worden. Wenn einer am Kreuz hing, war das der absolute Beweis dafür, dass Gott sich von ihm abgewendet und ihn verflucht hatte.

Diese Ansicht gründete auf einer Aussage im Alten Testament, die von den Juden zur damaligen Zeit auf die Kreuzigung bezogen wurde. Im mosaischen Gesetz heißt es: „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott –, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der Herr, dein Gott, zum Erbe gibt“ (5.Mose 21,22–23).

Ursprünglich sollte mit diesen Zeilen verboten werden, dass ein Hingerichteter nach seinem Tod zur öffentlichen Zurschaustellung an einen Pfahl gehängt wurde. Bevor die Römer kamen, wurde die Kreuzigung in Israel gar nicht praktiziert. Später bezog man diese Anweisung aus dem Buch Mose jedoch auch auf die am Kreuz Hängenden, wie wir aus den Berichten der Evangelien wissen. Dass dann ausgerechnet ein Gekreuzigter der Messias, der Sohn Gottes und Erlöser der Welt, sein sollte, war für die antike Welt eine unerhörte Zumutung. Für solch einen Gedanken konnte man nur Spott und Unverständnis ernten.

In den Ruinen des alten Rom gibt es ein Graffito; eine Wandkritzelei, die dieses Unverständnis ausdrückt: An einem Kreuz hängt ein Mann mit einem Eselskopf. Vor ihm kniet ein junger Mann, der seine Hand zum Gebet erhebt. Daneben die Worte: „Alexamenos betet seinen Gott an!“ Mit dieser Zeichnung wollte augenscheinlich ein Sklave einen anderen Sklaven, der Christ war, verspotten: Wie kann Alexamenos so verrückt sein, an einen Gott am Kreuz zu glauben? Wer einen Gekreuzigten, also einen verabscheuungswürdigen Verbrecher, als Gott anbetet, der kann genauso gut einen Esel anbeten!

 

Ein Widerspruch

Auch heute ist das Kreuz noch anstößig. Trotz einer über tausendjährigen christlichen Geschichte ist die Sache mit dem Kreuz für viele Menschen im Abendland überhaupt nicht klar. Was wahrscheinlich daran liegt, dass das, was die Bibel über das Kreuz sagt, unserem natürlichen Wesen widerspricht. Es gibt immer wieder Zweifel und unzählige Fragen zu der biblischen Aussage, dass sich hier, in dem gekreuzigten Jesus, die Liebe Gottes zu unserer verlorenen Welt zeigt.

Wie soll man sich das auch vorstellen, dass Gott sich in dem gekreuzigten Jesus offenbar? Findet man Gott nicht eher im Schönen und Guten? Im romantischen Sonnenuntergang, im Rauschen der Wälder und in der Unermesslichkeit des Weltalls? Warum brauchen wir überhaupt diesen brutalen Tod am Kreuz? Kann Gott nicht auch so vergeben, ohne dieses hässliche Spektakel? Widerspricht es nicht geradezu der Liebe Gottes, wenn er zulässt, dass sein Sohn Jesus auf diese furchtbare Weise stirbt? Fragen über Fragen.

Nicht nur der moderne Mensch stellt sie sich. Schon damals stieß die Verkündigung des Todes Jesu am Kreuz als zentrales Ereignis der Gottesgeschichte auf Unverständnis, Kopfschütteln und blankes Entsetzen. Der große Völkermissionar Paulus empfand vor seinem Bekehrungserlebnis genau so. Doch nachdem er dem lebendigen Jesus begegnet war, wurde ausgerechnet er zum Verkündiger dieser offensichtlich absurden Botschaft. Er war sich der Schwierigkeit bewusst, diese Nachricht an den Mann zu bringen.

Für die frommen Juden war es undenkbar, dass ein Gekreuzigter der Messias sein sollte. Aus ihrer Sicht zeigte der Tod am Kreuz, dass Jesus von Gott verlassen, ja sogar von ihm verstoßen worden war. Im Brief an die neu gewonnen Christen in Rom beschreibt Paulus diese Hürden so: „Die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“ (1. Korinther 1, 22–23).

Für die gebildeten Griechen war jeder Nichtgrieche ein Barbar und der höchste Gott, wenn er überhaupt existierte, der Inbegriff des Guten und Schönen. Wenn sich ein Gott den Menschen offenbaren würde, dann doch sicherlich den Griechen. Schließlich waren die großen Philosophen wie Sokrates, Platon und Aristoteles Griechen – und nicht zuletzt alle großen Dichter und Autoren, wie Homer und Thukydides. Wie sollte man sich das, bitteschön, vorstellen, dass Gott sich bei den barbarischen Juden offenbart? Und was hatte ein offensichtlich gescheiterter Möchtegern-Philosoph aus dem obskuren Ort Nazareth damit zu tun?

 

Eine Niederlage

Nicht nur Juden und Griechen hatten Schwierigkeiten mit dem Kreuz. Ähnlich ging es einem Mann, der an der Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert nach Christus auf der arabischen Halbinsel mit dem Anspruch auftrat, ein Prophet Gottes zu sein. Und zwar des Gottes, der zu den Juden und den Christen gesprochen hatte. Sein Name war Mohammed.

Er konnte nicht lesen und schreiben und war daher auf die Erzählungen anderer angewiesen. Diese waren allerdings nicht immer genau. Im Koran finden wir viele der biblischen Geschichten wieder – allerdings abgeändert. Manchmal sind es offensichtliche historische Fehler. Mohammed macht zum Beispiel aus Mirjam, der Schwester des Mose, und der Mutter Jesu, Maria (deren hebräische Namensform Mirjam ist) eine Person und überspringt somit einfach weit über tausend Jahre (siehe Sure 19 des Koran).

Viel gravierender als solche historischen Fehler ist aber die Leugnung des Koran, dass Jesus überhaupt gekreuzigt wurde. Bis auf den heutigen Tag gehört diese Ansicht zur offiziellen islamischen Lehre. Dabei hatte Mohammed, der im Abstand mehrerer Jahrhunderte im weit entfernten Mekka lebte, keine neuen Quellen zur Verfügung, die ihm hätten sagen können, was damals um das Jahr 30 in Jerusalem wirklich geschehen war. Die Kreuzigung eines Propheten, was Jesus für ihn war, passte einfach nicht in seine Vorstellung dessen, wie Gott handelt. Wenn Gott allmächtig ist, so argumentierte Mohammed, dann ist er stärker als die Juden, die Jesus umbringen wollten, und kann ihre Pläne vereiteln.

In Sure 4,156–158 sagt er: „…und weil sie [die Juden] ungläubig waren und gegen Maria eine gewaltige Verleumdung vorbrachten [dass sie mit einem Mann geschlafen hätte], und [weil sie] sagten: ‚Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Gottes, gekreuzigt’. Aber sie haben ihn [in Wirklichkeit} nicht getötet und auch nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen [ein anderer] ähnlich [so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten]. Und diejenigen, die über ihn uneins sind, gehen vielmehr Vermutungen nach. Sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet. Nein, Gott hat ihn zu sich [in den Himmel] gehoben. Gott ist mächtig und weise.“

Ohne diesen Vers jetzt im Einzelnen zu erklären, wird jedoch eines klar: Mohammed sieht im Kreuz eine Niederlage beziehungsweise einen Sieg der Juden über Gott – dieser kann aber seinen Propheten Jesus schützen und rettet ihn durch einen Trick, bei dem die Juden meinen, sie hätten Jesus gekreuzigt, den Gott aber schon längst zu sich in den Himmel erhoben hat.

 

Die Wahrheit über das Kreuz

Je mehr wir uns mit den Missverständnissen und Einwänden gegenüber dem Kreuz befassen, umso deutlicher wird: Wir müssen uns mit der biblischen Botschaft befassen. Werfen wir einen Blick in die Berichte der Zeitgenossen von Jesus, in die Evangelien, die allesamt auf den Aussagen von Augenzeugen basieren. Diese nüchtern geschriebenen Berichte über die letzten Tage und Stunden von Jesus sind spannend zu lesen. Nehmen Sie sich doch einen Augenblick Zeit zu und lesen sie selbst nach – vielleicht zum wiederholten Mal, vielleicht aber auch zum ersten Mal.

Zunächst fällt der knappe Stil auf. Hier wird nichts emotional ausgemalt oder dramatisch übertrieben. Die Evangelien lesen sich wie Zeitungsberichte. Kurz, präzise, informativ. Und sie zeigen uns den außergewöhnlichen Charakter von Jesus. Ruhig und bestimmt tritt er seinen Anklägern entgegen. Bis zum Ende zeigt er die einzigartige Verbindung von Wahrheit und Klarheit auf der einen und Liebe und Barmherzigkeit auf der anderen Seite. Selbst am Kreuz, unter größten Schmerzen, wendet er sich noch den Menschen zu, die um ihn herum sind, und betete sogar für die, die ihn quälen und umbringen.

Und wir erfahren noch etwas: Die Kreuzigung von Jesus war kein „Unfall der Geschichte“ in dem Sinne, dass Gottes Plan durch dieses Verbrechen durcheinander gekommen wäre. Im Gegenteil: Sie ist die Erfüllung uralter Vorhersagen. Eine dieser Prophezeiungen zieht sich durch das gesamte Alte Testament. Sie beginnt mit der Aussage am Anfang der Bibel, dass ein Nachkomme von Adam und Eva der „Schlange“, also dem Bösen, den Kopf zertreten, dabei aber selbst tödlich verwundet werden wird. Diese Hoffnung auf einen Erlöser zog sich durch die Geschichte des Volkes Israel. Oft wurde dieser Retter vor allem als politischer Befreier aus der Unterdrückung fremder Mächte verstanden. Es scheint aber immer mehr hindurch, dass es um eine noch tiefere Befreiung geht.

Der Prophet Jesaja sprach bereits rund 700 Jahre vor Jesu Geburt vom Kommen des „Gottesknechts“ und beschrieb ihn so: Er wird den Unterdrückten die Freiheit bringen und den Blinden das Augenlicht. Er wird den Armen eine gute Botschaft verkündigen und die zerbrochenen Herzen heilen (vgl. Jesaja 61,1ff.). Dabei wird er selbst geschlagen, gequält, ja sogar getötet werden. Das alles aber soll geschehen, damit die Menschen von der Last der Schuld und der Macht der Sünde befreit werden (vgl. Jesaja 53,1–7). Am Ende wird er selbst den Tod überwinden und Gottes Befreiung allen Menschen auf der ganzen Welt bringen (vgl. Jesaja 53).

Wer sich eingehend damit befasst, merkt, dass Jesu Leben – und auch sein Tod – bis in die Einzelheiten hinein den Voraussagen des Alten Testaments entspricht. Die Augenzeugen kamen genau zu diesem Schluss: Jesus Christus ist wirklich der versprochene Retter!

 

Die Notwendigkeit des Kreuzes

Warum aber musste Jesus sterben? Um zu verstehen, warum das Kreuz notwendig war, müssen wir etwas tiefer schauen. Der Schlüssel zum Kreuz findet sich im Herzen Gottes. Die Bibel sagt über Gott, dass er heilig und gerecht ist. Er kann und will kein Unrecht dulden. Lüge, Hass, Mord, Missgunst, Verleumdung und was wir sonst noch in dieser Welt produzieren, sind seinem Wesen zuwider. Gott ist der Schöpfer und Richter; der Anfang des Lebens und der, zu dem alles zurückkehrt.

Jeder Einzelne wird einmal Rechenschaft für sein Leben vor Gott ablegen. Dieses Wissen ist tief in der Menschheit verankert. Wir wissen, dass wir uns für unsere Taten verantworten müssen, und wir wissen, dass wir schuldig geworden sind. Und wer bei sich selbst keine Schuld erkennen kann, sieht sie umso deutlicher bei allen anderen. Der Mensch wird schuldig. Das ist eine Tatsache. Zerbrochene Beziehungen zeigen das ebenso wie unsere Entfremdung von Gott.

Doch die Bibel zeigt uns, dass Gott nicht nur der Schöpfer und Richter ist, sondern auch ein liebender Vater. Ihm ist die Entfremdung der Menschen von ihm und untereinander nicht gleichgültig. Deshalb ergreift er die Initiative. Auch das wird schon im Alten Testament angekündigt: „Er wird sind unser wieder erbarmen und unsere Schuld unter seine Füße treten“ (Micha 7,19). Er weiß, dass wir mit dem Problem des Unrechts und der Schuld aus eigener Kraft nicht fertig werden. Und dann geschieht das Undenkbare: Gott, der Richter, kommt und tritt an die Stelle des Schuldigen. Er nimmt die Last der Sünde auf sich. Es ist Gott selbst, der in Jesus die Schuld der Welt trägt: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2.Korinther 5,19).

Gott hat den unschuldigen Jesus nicht sterben lassen, während er unbeteiligt vom Himmel herab schaute. Nein, Gottes Herz zerbrach dort am Kreuz. Er starb selber, um die von ihm getrennte Schöpfung wieder zu sich zurückzuholen. Das Leiden Jesu ist das Leiden Gottes, des Vaters. Damit tritt er in das Leiden der Menschheit ein. Das Kreuz ist der Ort, an dem sich Gottes Gerechtigkeit und Liebe in vollkommener Weise zeigen. So ist Gott: Er liebt uns so sehr, dass er das Leid, die Schmerzen, ja sogar die Schuld und den Tod der Menschen auf sich nimmt.

 

Die offene Frage

Der Tod von Jesus am Kreuz ist nicht das Ende der Geschichte. Deshalb feiern wir Ostern. Der Tod konnte ihn, den Herrn des Lebens, nicht halten. Die Auferstehung von Jesus ist das Siegel unter seinem Leben und Sterben. Sie zeigt: Alles, was Jesus gesagt und getan hat, ist wahr. Er ist wirklich der Erlöser der Welt. Bei ihm findet man die Antwort auf die Frage der Sünde, des Leides und des Todes.

Dennoch bleibt eine Frage offen: Nehmen wir das, was Gott dort für uns getan hat, an? Oder versuchen wir, die Krankheit unseres Lebens aus eigener Kraft zu heilen. Am Kreuz hat Gott für jeden eine Tür geöffnet. Hindurchgehen muss aber jeder selbst.

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