Wie der Wind weht… Weltweite geistige Strömungen unserer Zeit

Wie der Wind weht… Weltweite geistige Strömungen unserer Zeit

Ja, wie sieht sie denn aus, die geistige – und auch geistliche – Großwetterlage? Was können wir über weltweite Entwicklungen wissen und mit Bestimmtheit aussagen? Wohin dreht sich der Wind der Meinungen und Überzeugungen?

Es kann kaum ein spannenderes Thema geben, denn wir spüren, dass weltweite Veränderungen uns mehr und mehr auch in unserem eigenen Umfeld betreffen. Die oft beschworene Globalisierung ist nicht nur auf der Ebene unseres Denkens angekommen, sondern wird zunehmend zu einer gefühlten Wirklichkeit. Dabei geht es nicht nur um solche symbolhaften Realitäten wie der erstaunlichen Tatsache, dass inzwischen McDonalds nicht in den USA und Kanada, sondern auch auf dem europäischen Kontinent, ja in Moskau, Kairo, Tel Aviv, in Tokio, Seoul und sogar in Peking die Menschen zu einer Ernährungsumstellung anregt. Nein, die Globalisierung hat nicht nur das Konsumverhalten bei der Nahrungsaufnahme und auch nicht nur die sich vereinheitlichende Kleidung oder das weltweit von Hollywood und jetzt auch von Bollywood vorgegebenen Freizeitverhalten radikal verändert. Sie ist spätestens seit dem 11. September auch in der Gefühlswelt angekommen. Instinktiv empfinden wir: Das, was im fernen Afghanistan gedacht und verkündet wird, das, was Koranschüler in ihren Schulen im Westen Pakistans lernen, das kann uns unmittelbar betreffen. Der Wind hat sich gedreht und bläst uns voll ins Gesicht.

 

Westwind, Ostwind, Südwind, Nordwind

Jahrhunderte lang weht er mit Macht, der Nordwind. Wir im Norden der Welthalbkugel waren die Tonangebenden. Mit der Macht der überlegenen Manufakturen und Fabriken und mit dem Willen zur Erforschung und Eroberung ausgestattet, machten sich die europäischen Mächte große Teile der Welt untertan, politisch, wirtschaftlich, ideologisch. Die christliche Mission segelte vielerorts in diesem Fahrwasser, war aber häufig auch ein notwendiges Korrektiv und geriet mit den Kolonialbehörden in schwere Konflikte. Häufig, aber leider nicht immer, standen die Missionare auf den Seiten der Einheimischen gegen die Wirtschafts- und Machtinteressen der europäischen Kolonisatoren. Auf jeden Fall waren wir in Europa das Zentrum der Welt und fühlten uns auch so. Der Nordwind blies in voller Stärke.

Dass sich der Wind im zwanzigsten Jahrhundert drehte, ärgert uns schon. Die USA wurden mehr und mehr zum Zentrum der Macht und auch der Kultur. Eine Kultur, für die wir „alten Europäer“ meist nur Geringschätzung empfinden. Das ist alles so kitschig, so oberflächlich, so wenig tief und durchdacht! So unser Vorurteil gegen die „neue Welt“. Und doch schmerzt uns der Westwind nicht wirklich sehr. Denn schließlich ist Amerika im Grunde nur eine Ausweitung des Abendlandes. Die Amerikaner sind ja letztlich doch Europäer, wenn auch erschreckend naive und ungehobelte! Aber ob wir nun Hamburger essen oder Pizzen, wir bleiben doch letztlich unter uns als Erben dessen, was einmal „christliches Abendland“ hieß.

Nordwind und Westwind vereint bestimmen das weltweite Wettergeschehen. Beziehungsweise „bestimmten“! Denn schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, spätestens aber beim Übergang zum 21. Jahrhundert, wurde klar, dass noch andere atmosphärische Strömungen das Weltwetter bestimmen wollen.

Da meldete sich der Südwind. Die ehemals kolonialisierten Staaten erheben ihr Haupt und entdecken ihre eigene Identität wieder. Afrika erlebt, trotz großer wirtschaftlicher Probleme, eine Renaissance der eigenen Kulturen. Die einheimischen Völker auf der Südhalbkugel suchen nach ihren Wurzeln. Sie wollen nicht länger nur Anhängsel des Nordens sein. Indien wird zur technologischen und atomaren Großmacht, gestützt von einem nicht aufzuhaltenden Bevölkerungswachstum. Und auch der Ostwind erhebt sich mit Macht. Die Länder Ostasiens und Südostasiens, Japan, Südkorea, Taiwan, Singapore, Malaysia und nicht zuletzt China erleben einen ungeahnten Aufschwung. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg geht einher eine materialistische Grundeinstellung, die von der buddhistischen Grundstimmung mit geprägt wird. Der lächelnde Buddha freut sich über Gewinnzuwachs.

Eins ist klar: Nordwind und Westwind sind längst nicht mehr ohne Konkurrenten. Und nur die Zukunft wird zeigen, welche Wirbel dieser weltweite Wettbewerb um die wirtschaftliche, politische und ideologische Vorherrschaft noch auslösen wird.

 

Der Wind aus der Wüste

Doch mittendrin, und von allen lange unterschätzt, wirbelt noch ein weiterer Wind viel Staub auf und bringt die Wetterlage durcheinander. Seinen Ursprung hatte er vor gut 1400 Jahren, als ein Mann namens Mohammed in der zentralarabischen Stadt Mekka seine Stimme erhob. Mit dem Kampfruf „Allahu akbar!“ – „(Unser) Gott ist der Größte!“ eroberten seine Nachfolger große Teile der damaligen christlichen Kulturwelt. Nicht nur Damaskus, Jerusalem und Kairo fielen in kürzester Zeit vor dem Ansturm der muslimischen Heere. Nein, bald klopften sie an die Tore Europas, überrannten Spanien und wurden nur mühsam von einem fränkischen Heer über die Pyrenäen zurückgeschlagen. Mehrmals standen sie vor Byzanz, der ehrwürdigen Hauptstadt Ostroms, bis sie – gut tausend Jahre nach der Gründung dieser Stadt durch den ersten christlichen Kaiser, Konstantin, den Halbmond über der ehemals größten Kirche der Christenheit, der Hagia Sophia, aufpflanzen konnten und sie in eine Moschee verwandelten, in der die Gläubigen sich nach Mekka verneigen mussten. Im Mittelalter wusste man in Europa von der Gewalt dieses Sturmwinds und versuchte sich, so gut es ging, zu wappnen. Erst in der Neuzeit schien es, als hätte die technische Überlegenheit die Macht des Wüstensturms gebannt, und man begann, sich romantische Bilder vom Orient zu malen. Goethes „West-östlicher Diwan“ ist ein Beispiel dafür. Und dennoch hörte der Wüstenwind nicht auf zu wehen. Unter dem Schutz der Kolonialmächte breitete sich der Islam in Afrika und Südostasien, z.B. in Indonesien, immer weiter aus. Und auch an Europas Türen klopfte er weiter. Weithin vergessen scheint der nicht nur nationalistisch, sondern auch islamisch motivierte Genozid an den Armeniern vor hundert Jahren, die millionenfache Vertreibung der griechischen Christen aus der Westtürkei und auch die türkische Besetzung der Insel Zypern in den sechziger Jahren. Der den Südsudanesen aufgezwungene Bürgerkrieg, die mehrheitlich Anhänger traditioneller afrikanischer Religionen oder Christen sind, steht unverhohlen unter dem Banner des „Djihad“, des islamischen Eroberungskrieges. Und spätestens seit dem 11. September 2001 hat der Wüstensturm den Westen erreicht, der sich verschlafen die Augen reibt und immer noch nicht begreifen kann, dass im Zeitalter der Toleranz Menschen wirklich aus religiösen Motiven Menschen töten wollen. Selbstzweiflerisch sucht er die Schuld bei sich selbst, anstatt die Augen zu öffnen und zu erkennen, dass der Wüstensturm wirklich auf Welteroberung aus ist. Dass das so ist, ist kein Geheimnis für den, der den Koran, das Leben Mohammeds und die islamische Geschichte studiert.

 

Der Wettstreit der Strömungen

So kämpfen Norden und Westen, Süden und Osten, und die Wüste um die Vorherrschaft. Wer wird sich durchsetzen? Der Westen mit seinem selbstgefälligen Globalisierungsprogramm? Der Osten mit seiner technologischen Überholjagd? Der Süden mit seinen Menschenmassen? Der Norden mit seiner ehrwürdigen Tradition? Oder die Wüste mit ihrem landhungrigen Expansionswillen?

Noch wird die Geschichte des 21. Jahrhunderts geschrieben. Und zwar von uns allen. Dabei ist die politische und wirtschaftliche Geschichte nur ein Widerhall der noch tieferen, wesentlichen Geistesgeschichte. Denn alle Strömungen sind auf Bekehrung aus. Komm zu uns, werde ein Teil von uns! – So tönt der lockende Ruf. Nicht wenige verschreiben sich den Geistern, die hinter den Großmächten stehen: Dem Kapitalismus, dem Materialismus, dem Nationalismus, dem Traditionalismus, dem Buddhismus, dem Hinduismus, dem Islamismus, und in geringerem Maß auch dem Sozialismus, dem Atheismus, dem Kommunismus und dem Nihilismus. Es ist ein Kampf um die Seele entbrannt. Ein Kampf um die Seele Europas und Amerikas, ein Kampf um die Seele Russlands und Afrikas, ein Kampf um die Seele Asiens und Lateinamerikas. Und auch ein Kampf um die Seele der islamischen Welt, denn nicht wenige Menschen dort wollen aus dem Gefängnis der Zwangsislamisierung ausbrechen und frei wählen wollen, ob sie nun ihre Knie gegen Mekka beugen oder nicht.

 

Das leise Wehen des Geistes

Fast unbemerkt und doch real, unter, hinter, neben und über all diesen Strömungen, weht noch ein Weltenwind: Der Wind des Heiligen Geistes. Gegen alle Erwartungen, trotz aller Störmanöver, gegen alle Trends setzt er sich durch. In West und Ost, in Nord und Süd. Und, trotz heftigster Anfeindungen, auch in der Wüste. Er weht, sanft und doch unaufhörlich. Deshalb ist die Zukunft nicht ohne ihn zu denken. Daniel beschreibt in seiner prophetischen Schau das Kommen und Gehen der Weltmächte. Imposant und gewaltig stehen sie da, furchteinflößend und scheinbar unüberwindbar. Und dennoch haben sie nicht das letzte Wort. Den ein kleiner Stein, nicht von Menschenhänden gemacht, kommt herbeigerollt, wird größer und größer und stößt schließlich das Standbild vom Sockel. Der Stein ist das Reich Gottes, das die Reiche der Welt überdauern wird. Jede Zeitanalyse, die dieses Wirken Gottes außer Acht lässt, bleibt im Vorletzten stecken. Wer aber verständig ist, der spürt dem Wehen des Gottesgeistes nach und stellt seine Segel so, dass er mit voller Kraft hinein blasen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.