„Es erschien ihnen nur so…“ – Inkarnatorische Realität oder mythische Rede?

„Es erschien ihnen nur so…“ – Inkarnatorische Realität oder mythische Rede?

Wir glauben… an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn,
der aus dem Vater geboren ist vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott,
geboren, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn sind alle Dinge geschaffen.

Er ist für uns Menschen und zu unserm Heil vom Himmel gekommen,
Fleisch geworden durch den Heiligen Geist und die Jungfrau
Maria und ist Mensch geworden,
er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
er ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

So lautet das nizänische Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 381 n.Chr. Stimmt das eigentlich? Ist Jesus wirklich der Sohn Gottes? Ist er wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich? Ist Jesus der Mensch gewordene Gott?

Bei der Frage der Inkarnation, also der tatsächlichen Menschwerdung des ewigen Gottessohnes, sind wir zugleich im Zentrum und an der Grenze des neutestamentlich verankerten christlichen Glaubens. Im Zentrum, weil sich die Botschaft von Jesus, dem Messias, hier verdichtet, und an der Grenze, weil alles, was sich jenseits eines klaren Bekenntnisses zur Menschwerdung Jesu an religiösen Erscheinungen abspielt, nicht mehr „christlich“ im eigentlichen Sinn genannt werden kann.

 

Stolperstein Christus

In der Religionsgeschichte bzw. der Religionswissenschaft wird zuweilen von „nachchristlichen“ Religionen gesprochen. Während vor- und nebenchristliche Religionen solche Glaubensformen meinen, die ohne Berührung mit dem Christentum entstanden sind und existieren – wie z.B. der Hinduismus, der Buddhismus sowie einheimische Religionen und Kulte in traditionellen Völkern, sind nachchristliche Religionen solche, die in irgendeiner Weise auf den christlichen Glauben bzw. die Bibel Bezug nehmen und darauf reagieren, und sich gleichzeitig deutlich davon abgrenzen, so dass sie eine eigenständige, neue religiöse Gestalt hervorbringen. Einleuchtende Beispiele dafür sind unter anderem der Manichäismus in der Antike, die im 19. Jahrhundert entstandenen Zeugen Jehovas und Mormonen, die „Vereinigungskirche“/Mun-Sekte, und nicht zuletzt der Islam. Diese teilweise sehr verschiedenen Religionen haben eins gemeinsam: Sie reagieren auf das Christentum. Sie setzen sich mit ihm auseinander und nehmen bestimmte Elemente der christlichen Botschaft auf, verändern und verformen andere, und lehnen weitere völlig ab. Und zwar meist die ganz zentralen Aussagen des Christentums.

Das ist also das Kennzeichen so genannter „nachchristlicher“ Religionen: Sie haben sich mit Jesus Christus auseinandergesetzt. Zumeist bauen sie Jesus in irgendeiner Form ein, weil sie nicht an ihm vorbeikommen. Zu hoch ragt die Gestalt von Jesus Christus in der Weltgeschichte auf, als dass man ihn einfach übersehen oder ignorieren könnte. Jesus ist wie ein Stolperstein, über den die nachkommenden Religionsstifter zu Fall kommen oder den sie behutsam aufzuheben und in ihr System einzubauen versuchen.

So ist in der „Vereinigungskirche“ Jesus der erste, gescheiterte Messias, der nur eine „geistige Erlösung“ gebracht habe, wobei San Myung Mun, der „Herr der Wiederkunft“, der zweite Messias ist, der jetzt die ganzheitliche Erlösung bringt. Genauso spart Mohammed in seinem Koran nicht mit Ehrentiteln für Jesus, bezeichnet ihn als „Wort von Gott“ und „Geist von Gott“, berichtet von seinen Wundern und lobt ihn als größten Propheten. Mehr darf Jesus allerdings nicht sein. Er ist der Vorläufer für ihn, Mohammed, das „Siegel der Propheten“.  Ähnliche Versuche, Jesus auf der einen Seite einzubauen, ihn aber auf der anderen Seite auch unschädlich zu machen, ließen sich in allen „nach-christlichen“ Religionen aufzeigen. Klar ist: Jesus ist und bleibt der Stolperstein, an dem man nicht vorbei kommt.

 

Mythos oder Historie?

Der Versuch, Jesus umzudeuten, gelingt nur dann, wenn man Jesus von der Geschichte löst. Erst dann kann man sich einen neuen Jesus schaffen, der in die eigene religiöse Vorstellungswelt hineinpasst und der das neu entstehende religiöse System stützt. Die Entwicklung immer neuer Jesusbilder hat von Anfang an Hochkonjunktur. Die Gnostiker schufen im 3. Jahrhundert nach Christus das Bild von Jesus als dem Seelenführer und Überbringer ewig geltender Erkenntnisse. Er war eine Emanation göttlichen Lichts, ein übermenschlicher Besucher unseres Planeten, der jedoch nicht wirklich ein Mensch aus Fleisch und Blut wurde. In der Gnosis wurde Jesus so sehr von der Geschichte abgelöst und völlig vergeistigt, dass er sich als historische Gestalt fast verflüchtigte. So ist es auch kein Wunder, dass die Gnostiker dann, vor allem in Ägypten, neue so genannte Evangelien verfassten, die diesen gnostischen Jesus bzw. vor allem seine Aussprüche, enthalten. Dass die Christen der damaligen Zeit diese „apokryphen Evangelien“ nicht akzeptierten, lag einfach an zwei Gründen: Sie wussten, dass diese Schriften neue Erfindungen waren. Und sie merkten, dass der Jesus, den diese vermeintlichen Evangelien, die sich durch den Rückgriff auf Namen aus dem Neuen Testament eine Glaubwürdigkeit verleihen wollten – wie das Thomasevangelium, das Petrusevangelium oder die Acta Pilati (Taten des Pilatus) – nur ein Widerschein der damaligen gnostischen Zeitgeistströmung waren, aber in Wirklichkeit nichts mit dem historischen Jesus von Nazareth zu tun hatten.

 

Bilder von Jesus – Spiegel des Zeitgeistes

Ein Blick durch die Geschichte zeigt, dass der Versuch, Jesus umzudeuten und ihm ein neues Gesicht zu geben, immer weiter ging. Und jedes Mal war das Bild von Jesus, das herauskam, ein Spiegel des jeweiligen Zeitgeistes. Die Nazis schufen sich in ihrer „deutschen Religionsgemeinschaft“ einen blonden, rein arischen, nicht-jüdischen Jesus. Die Erben der Aufklärung, die Theologen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts schufen sich einen Jesus als Lehrer von Weisheit und Moral, der natürlich keine Wunder vollbracht hat bzw. dessen Wunder man anders deuten muss. Irgendwie erinnert das Bild dieses Jesus der „liberalen Theologie“ an einen deutschen Universitätsgelehrten. Die Hippies schufen sich einen „Make-Love-Not-War“-Jesus, die Achtundsechziger einen revolutionären Jesus, der fast der Zwillingsbruder von Che Guevara sein konnte. Und so ging und geht es weiter, bis ins Unendliche. Die Jesusbilder sind letztlich ein Spiegelbild derer, die sie entwerfen.

 

Ein theologischer Holzweg

Auch die in der modernen Theologie häufig getroffene Unterscheidung zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus der Verkündigung“ kranken an der angeblichen Diskrepanz dieser beiden Gestalten. Um überhaupt zu solch einer Unterscheidung bzw. Trennung zu kommen, sind zwei Schritte notwendig.

Zuerst behauptet man, der historische Jesus habe „natürlich“ nicht die Wunder und übernatürlichen Zeichen getan, von denen die Evangelien berichten, und er habe sich auch nicht als Sohn Gottes gesehen. Also: Man „entmythologisiert“ Jesus, das heißt, man reduziert ihn auf ein menschliches Normalmaß. Der Jesus, der dabei übrig bleibt, ist ein Weisheitslehrer, ein revolutionärer Rabbi, ein Menschenfreund, ein außergewöhnlich begabter Psychologe oder eine Mischung aus all diesen rein natürlich erklärbaren Profilen. Jesus von Nazareth wird so zu einem bloßen Menschen zurechtgestutzt.

Danach schaut man sich im zweiten Schritt an, was die Evangelien und das gesamte Neue Testament über Jesus sagen, und erkennt, dass dort Jesus unglaubliche Hoheitstitel zuerkannt werden: Er wird als Sohn Gottes, als Menschensohn, das heißt in Anlehnung an Daniel 7 als von Gott eingesetzter Weltenrichter beschrieben. Man erkennt, dass das Neue Testament ihn als auferstandenen und wiederkommenden Herrn aller Herren bezeichnet. Diesen nennt man jetzt den „Christus des Kerymas“, also den „Christus der Verkündigung“. Und nachdem man Jesus Christus so seziert und auseinander dividiert hat, fragt man sich, wie die ersten Christen dazu kamen, dem „einfachen Menschen“ Jesus solch eine erhöhte, gottgleiche Stellung zuzuschreiben.

Dass dieses ganze theologische Konstrukt im Grunde schon ein Zirkelschluss ist, fällt nur den wenigsten auf.

 

Jesus im Koran: Ein widersprüchliches Bild

Schon ein oberflächlicher Blick in den Koran zeigt, dass Jesus eine herausragende Position in dieser Sammlung der Aussprüche Mohammeds einnimmt, von der die Muslime glauben, dass es die unveränderten, ewigen Worte Gottes selbst – in arabischer Sprache – seien. Die schon genannten koranischen Ehrentitel für Jesus sind nur ein Ausschnitt von dem, was über ihn gesagt wird. Im Koran werden Wunder von Jesus bezeugt, auch solche, die sich nicht in den historischen, kanonischen Evangelien finden, sondern die ihren Ursprung in apokryphen, im 3. Jahrhundert entstandenen sogenannten Evangelien haben. Dass Jesus ein Wundertäter, ein von Gott Gesandter und eine ganz entscheidende Gestalt der Weltgeschichte ist, das bestätigt Mohammed. Aber in zwei Punkten widerspricht er ganz bestimmt und betont den neutestamentlichen Aussagen über Jesus. Zum einen leugnet Mohammed, dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Das geht hervor aus Sure 4, 157+158, die über die Juden sagt: (Die Texte in Klammern sind Hinzufügungen des Übersetzers Rudi Paret):

„… und (weil sie) sagten: ‚Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Gottes, getötet.’ – Aber sie haben ihn (in Wirklichkeit) nicht getötet und (auch) nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen (ein anderer) ähnlich (so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten) … Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet (d. h. sie können nicht mit Gewissheit sagen, dass sie ihn getötet haben). Nein, Gott hat ihn zu sich (in den Himmel) erhoben„.

Zum zweiten leugnet Mohammed, dass Jesus der Sohn Gottes ist. In Sure 19, 35 heißt es: „Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen.“ Hinter dieser Formulierung steht das Missverständnis, dass die Aussage, dass Jesus der Sohn Gottes ist, eine geschlechtliche Zeugung meine. So ist die Aussage von Sure 112 auch ein zentrales Bekenntnis der Muslime: „Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, Gott der Ewige! Er zeugt nicht, und er wurde nicht gezeugt! Und es gibt niemand, der ihm gleicht!“

 

Die Absage, die Mohammeds Koran und mit ihm alle Muslime bis auf den heutigen Tag den zentralen Aussagen des Neuen Testaments erteilen, könnte deutlicher nicht sein. Bei einem ehrlichen Dialog von Muslimen und Christen kommen wir nicht an diesen zentralen Gegensätzen vorbei. Die Frage ist, woher diese starken Abgrenzungen Mohammeds gegenüber dem biblischen Zeugnis stammen. Neue historische Informationen wird er ja etwa 600 Jahre nach Jesus nicht gehabt haben. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Mohammed von Nebenströmungen der Christenheit beeinflusst war. Dass es den Juden nach Mohammeds Aussage nur so „schien“, dass sie Jesus kreuzigten, ist eine Spätfrucht der doketischen Irrlehre (von griechisch dokeo „scheinen“). Mohammed konnte sich nicht vorstellen, dass Gott es zulassen würde, dass sein Prophet Jesus getötet wird. Denn das hätte ja die Allmacht Gottes in Frage gestellt. So leugnet er einfach die geschichtliche Tatsache der Kreuzigung und lässt Jesus ohne Leiden und Tod in den Himmel erheben. Hier scheint Mohammed einen zum Leiden unfähigen, unirdischen, fast gnostischen Jesus darzustellen.

Ganz anders ist es bei seiner Leugnung der Gottessohnschaft Jesu. Hier pocht Mohammed auf dem großen Abstand zwischen Gott und Mensch. Gott hat – anders als die Menschen – eben keinen Sohn! Doch sein Missverständnis beruht auf einer biologischen Vorstellung. Die Aussage, dass Jesus der Sohn ist, bedeutet in der Bibel nicht, dass Gott in biologischem Sinn mit einer Frau einen Sohn produziert. „Sohn Gottes“ ist ein geistlich zu deutender Titel für den Messias. Bei diesem Missverständnis will der Koran den Menschen Jesus ganz von dem allmächtigen Gott abtrennen.

Eine Tiefenuntersuchung der koranischen Aussagen offenbart die innere Diskrepanz, die aus einer letztlich unreflektierten Aufnahme unterschiedlicher christlicher und nebenchristlicher Strömungen, die in Zentralarabien zur Zeit Mohammeds wirksam waren, stammen. Mit der Leugnung der biblischen Aussagen über Jesus fällt der Koran gleich in zwei eigentlich völlig gegensätzliche Fallen gleichzeitig: Er mythologisiert Jesus auf der einen und biologisiert ihn auf der anderen Seite.

 

Die Notwendigkeit der Inkarnation

Mohammeds Neuinterpretation Jesu ist an dieser Stelle nur als ein Beispiel für andere nachchristliche Jesus-Deutungen aufgeführt worden, da sie einerseits einen großen Einfluss auf Millionen von Menschen ausübt, die diesem Jesusbild Glauben schenken, und andererseits beide Nebenwege gleichzeitig beschreitet: Den mythologischen („Jesus kann nicht leiden, er ist eine Art Übermensch!“) und den positivistischen („Das geht doch nicht, dass Gott einen Sohn hat!“). Dass aber, wie schon die alte Kirche erkannt hat, die Inkarnation, also die Menschwerdung, noch genauer die „Fleischwerdung“ Jesu für die Wahrheit und das Wesen des christlichen Glaubens entscheidend ist, wird angesichts dieser Versuche von Neuinterpretationen umso klarer. So bleiben wir am Ende unserer Betrachtung vor dem Zeugnis des Johannesevangeliums stehen:

Ein wirklicher Mensch aus Fleisch und Blut – dazu wurde das Wort. Mitten unter uns hat er gewohnt und wir konnten ihn betrachten. Da war sein herrlicher Glanz. Er strahlte durch ihn hindurch, durch ihn, den einzig geborenen Sohn des Vaters. Ganz erfüllt war er von Gottes Wesen: Wunderbar großzügig und durch und durch wahr war er.“ (Joh 1, 14, das buch.NT)

Weil Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist, kann er die Brücke bilden zwischen dem Himmel und der Erde. Fest verankert auf beiden Seiten, die Arme ausgestreckt am Kreuz, ist er im Zentrum der Weltgeschichte und der Himmelsgeschichte. Die Inkarnation ist notwendig. Denn nur so geschieht die ewig-gültige Erlösung. Und sie ist wahr.

Letztlich begreifen können wir dieses Geheimnis nicht. Aber das können wir: Staunen und anbeten.

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