Christsein im Gegenwind?!

Christsein im Gegenwind?!

Für Christinnen und Christen in unseren Breitengraden ist es ja eine relativ neue Erfahrung, so massiv und systematisch angegriffen zu werden, wie das in den letzten ein, zwei Jahren verstärkt geschieht. Für andere ist das schon immer das tägliche Brot. Ungehindert den christlichen Glauben praktizieren kann man, wie hoffentlich allseits bekannt ist, längst nicht in allen Ländern dieser Welt. Die meisten islamischen Staaten sind dabei ganz vorn in der traurigen Weltrangliste für Mangel an Religionsfreiheit und Unterdrückung von Andersgläubigen, vor allem von Christen. Aber auch Indien mit seinem neu erwachenden national-religiösen Hinduismus, manche in ideologischer Hinsicht sklerotisch gewordenen kommunistische Staaten wie China und Vietnam, aber auch Kuba und, in ganz verschärften Maß, Nordkorea, gehören ebenfalls dazu. Bemerkenswert ist, dass es immer wieder gerade das Christentum ist, das diesen Systemen und ihren Machthabern ein Dorn im Auge ist. Es wäre einmal eine Untersuchung wert, was es eigentlich am christlichen Glauben ist, das so sehr den Zorn hervorruft. Vielleicht käme dabei ja heraus, dass es so wie damals im Römischen Reich der Anspruch ist, dass Jesus der Kyrios, der Herr ist, und eben nicht andere Herren oder Mächte.

Und dann wären wir wieder einmal ganz nahe an der Positionierung, die die Bekennende Kirche in ihrer konstituierenden Synode in Wuppertal-Barmen im Jahr 1934 angesichts der nationalsozialistischen Angriffe auf die Glaubens- und Verkündigungsfreiheit der Kirche so ausgedrückt hat:

 

These 1:

Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh 14,6)
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9)

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

 

Aus These 2:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.

 

Aus These 3:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.

 

Aus These 4:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.

 

Der Geisteskampf tobt immer wieder, und auch heute in Europa. Manche Christen sehen erste Anzeichen eines neuen totalitären Meinungsterrors in Europa. Was wäre, wenn diese Befürchtungen wahr werden?

Zur Erinnerung: Die Freiheit der Rede, der Meinung, der Verkündigung und des Gewissens ist auch in Europa ein junges Pflänzchen. Jahrhunderte lang gab es in der Allianz zwischen Kirche und Staat ein Monopol der Meinung und der „richtigen Religion“. „Cuius regio, eius religio“ – dieses Prinzip aus der Nachreformation, das den Frieden in Deutschland ermöglichen sollte – führte zu vielfältigen erzwungenen Konfessionswechseln, zu Vertreibung oder zum freiwilligen Verlassen der Heimat, um nicht seine Überzeugungen opfern zu müssen. Gerade in der Gegenreformation wurden Unzählige gezwungen, ihrem evangelischen Glauben abzuschwören oder das Land zu verlassen. Kinder wurden ihren Eltern entrissen und zwangskatholisiert. So wurden weite Teile Österreichs, aber auch Kroatiens und anderer Länder wieder der römisch-katholischen Kirche einverleibt. Die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich ist ein weiteres Beispiel für dieses dunkle Kapitel europäischer Geschichte.

Aber auch die protestantischen Konfessionskirchen zeigten sich leider meist nicht sehr tolerant. So wurden die so genannten Wiedertäufer verfolgt, die Mennoniten und anderen Vertreter der Friedenskirchen. Viele flohen nach Russland – und kehren heute nach zweihundert Jahren wieder zurück. Andere siedelten nach Amerika über, wo Kirche und Staat getrennt waren und jeder seiner Überzeugung folgen durfte.

Durch das Bündnis von Staat und Kirche gab es über Jahrhunderte nur eine offiziell gültige und geduldete Meinung. Anscheinend hat sich diese Mentalität bis in unsere Zeit fortgesetzt. Anscheinend hat der Mitteleuropäer an sich Schwierigkeiten damit, divergierende Meinungen zuzulassen und auszuhalten. Jedenfalls ist häufig ein freier Diskurs kaum möglich, und bei bestimmten Themen erhebt sich das hässliche Haupt des Meinungsterrors.

In letzter Zeit scheint es so zu sein, dass die „öffentliche“ Meinung, oder zumindest die in den Medien „veröffentlichte“ Meinung, gerade bei bestimmten ethischen Themen kontra Christentum und christliche Ethikauffassungen zu stehen.

Und dann kann es ganz schön aggressiv werden. Angefangen mit gezielt gesetzten Falschbehauptungen, mit Übertreibungen und Überzeichnungen, mit einseitigen Berichterstattungen und persönlichen Diffamierungen, bis hin zu tätlichen Angriffen und Verletzungen.

Das Christival 2008 war ein Lehrbeispiel dafür. Ein Lehrbeispiel dafür, wie sich im Namen der Toleranz und im Brustton der Selbstgerechtigkeit Intoleranz breitmachte. Wie Politiker ihre Stellung gebrauchten, um persönliche Kämpfe auszufechten.

Und wie manche Personen der Öffentlichkeit durch ihr Schweigen die Atmosphäre der Verleumdung und Verunglimpfung, wenn auch nicht aktiv gefördert, so doch billigend zugelassen haben. Gott sei Dank gab es eine Reihe von Bischöfen, und auch die EKD, der Ratsvorsitzende Bischof Dr. Wolfgang Huber und andere kirchliche Vertreter, die dem entgegentraten.

Doch was sollen Christen nun in einem solchen Klima tun? Denn Christival ist ja nur ein Beispiel. Die Ereignisse um den Kongress der christlichen Akademie für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg, die sich gerade erst anbahnen, und deren weitere Entwicklung ich nicht vorhersagen kann, während ich diese Zeilen Mitte April schreibe, sind ein weiteres Beispiel. Weitere werden sicherlich folgen.

Wie sollen wir uns als Christen verhalten? Ich will ein paar kurze Hinweise geben.

 

  1. Souverän und freundlich

Wie sollten und können nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Das hat uns Jesus vorgemacht. Das hat er in der Bergpredigt geboten: Segnet, die euch fluchen. Betet für die, die euch verfolgen. Diese Souveränität können wir uns leisten, dass wir uns nicht auf das Niveau derer begeben, die meinen, unsere Widersacher sein zu müssen.

 

  1. Sachlich und informativ

Wie sollten und können sachliche Information weitergeben statt den Stil unsachlicher Polemik nachzumachen. Bei unserer Informationsweitergabe dürfen wir allerdings nicht nachlässig sein. Wir sollten intensiv sachlich alle Verantwortlichen in Kirche, Politik, Öffentlichkeit und Medien informieren. Selbst, wenn das, was wir sagen, nicht gehört, verzerrt weitergegeben oder totgeschwiegen wird. Hier gibt es viele Wege: Persönliche Briefe, offene Briefe, Presseerklärungen und vieles mehr. Vor allem aber sollten wir das persönliche Gespräch suchen.

 

  1. Mutig und öffentlich

Wie sollten und können öffentlich für Meinungs-, Rede-, Glaubens- und Forschungsfreiheit einstehen. Denn es geht dabei um mehr als um den konkreten Anlass. Es geht um ein gesamtgesellschaftliches Klima. Die Gefahr der „political correctness“ ist es, dass Meinungsabweichler zu Unpersonen abgestempelt werden können. Wohin das führen kann, haben wir in der Geschichte unseres Landes leidvoll durchexerziert. Deshalb gilt es, den Anfängen zu wehren und deutlich die bürgerlichen Freiheitsrechte zu verteidigen, und zwar nicht nur für uns, sondern für alle.

 

  1. Gemeinsam und vorausblickend

Wie sollten und können zusammenstehen und für einander stehen, auch über Konfessions- und Parteigrenzen hinaus. Martin Niemöller hat einmal den wichtigen Satz über die Lehren aus dem so genannten Dritten Reich gesagt:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie die Juden holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

(Anmerkung: Es gibt hierbei eine Reihe leicht voneinander abweichender Textversionen.).

 

  1. Lernbereit und geschichtsbewusst

Lernen von den Christen des 1. Jahrhunderts. Gerade die neutestamentlichen Texte, die in Zeiten der Bedrängnis und Verfolgung geschrieben sind, wie z.B. der 1. Petrusbrief, sind hier sehr hilfreich. Ein immer neues Studium der Geschichte und der Kirchengeschichte kann uns zeigen, dass wir als Christen einen Auftrag haben, für Gerechtigkeit, Freiheit und Wahrheit einzutreten.

 

  1. Fürbittend und zuversichtlich

Wir sollten und können Fürbitte tun. Und zwar für alle, auch für die, die uns für ihre Gegner oder Feinde halten. Denn wir kämpfen nie gegen Menschen, sondern immer für Menschen und um Menschen. Und wir setzen uns ein für die Zukunft unserer Kirche(n) und Gesellschaft. Angesichts der Ungewissheit der politischen Zukunft kann uns das Wort unseres früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann ermutigen: „Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!“

 

Alle Erfahrungen der Geschichte, und auch die des Christivals, lehren: Gerade der Gegenwind kann zum Aufwind werden, wenn wir unsere Arme ausbreiten lassen und uns der Macht und Liebe unseres Gottes anvertrauen. Der Wind seines Geistes kann und wird uns führen, so dass am Ende nicht „Wir“ siegen oder „die Anderen“ siegen, sondern dass Gott in seiner Wahrheit und Liebe Recht behält.

© 2009

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