Von Jesus sehen lernen – Ein biblischer Zwischenruf zur Debatte um Moral und Toleranz

Von Jesus sehen lernen – Ein biblischer Zwischenruf zur Debatte um Moral und Toleranz

Als Jesus die Menschenmassen sah, erfasste ihn großes Erbarmen mit ihnen, denn sie waren völlig am Ende, verlassen und verloren wie Schafe, um die sich kein Hirte kümmert. Da schärfte er seinen Schülern ein: »Schaut genau hin! Hier ist eine große Möglichkeit zu ernten! Doch es gibt nur wenige Menschen, die mit ganzer Kraft daran arbeiten, dass diese Ernte eingefahren wird. Deshalb bittet den Herrn, dem die Erntefelder gehören, darum, dass er seine Erntearbeiter auf die Felder hinausschickt!«

Mt 9, 36-38 (Übersetzung: das buch.)

 

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.

Antoine de St. Exupéry

 

Was gibt es Neues?

Dass es Sünde in der Welt gibt, ist noch keine Neuigkeit mit Nachrichtenwert. Dass es Vergebung und Lebenserneuerung gibt, schon. Denn das ist das Unerwartete. Und das ist der Kern des Evangeliums. Denn „Evangelium“ bedeutet „gute Nachricht“. Die Nachricht, dass es eine Lösung gibt, die von Gott kommt und die er sicher durchsetzen wird, zum Heil und Wohl der Welt. Deshalb lautet die Botschaft der Engel auch: „Habt keine Angst! Denn ich bin hier, um euch eine wunderbare Nachricht zu bringen! Große Freude bedeutet sie für alle Menschen. Heute ist für euch der Weltenretter geboren, der Messias, der rechtmäßige Herr, und zwar in dem Heimatort von David.“ (Lukas 2, 10-11, Übersetzung „das buch.“)

Dass es Sünde in der Welt gibt, sollte uns nicht überraschen. Aber dass es einen gibt, der alles verändern kann, der die Vollmacht hat, Menschen aus ihrer Verfallenheit an Sünde zu lösen, das ist die Nachricht, der wir als Nachfolger von Jesus unsere Existenz verdanken. Und das ist die Wahrheit, die wir zu bezeugen aufgefordert sind.

 

Falsche Brille aufgesetzt?

Wenn Christen auf den Zustand der Welt schauen, können sie verschiedene Brillen aufsetzen. Je nachdem wird ihre Sicht der Welt ganz anders gefärbt sein.

Eine häufig aufgesetzte Brille ist die „moralisch-empörte“. Sie färbt die Weltsicht in dramatischen Farben ein. Sie führt dazu, dass ihre Träger die Fehler und Mängel der anderen ganz besonders deutlich sehen. Ein gewisser Nachteil besteht jedoch darin, dass man die eigenen Fehler nicht ganz so klar sehen kann. Diese Brille gibt es ihn vielen verschiedenen Ausgaben, von rechts bis links sind Modelle vorhanden. Gemeinsam ist ihnen aber eins, dass sie das Fehlverhalten anderer, besonders derer mit abweichender Meinung, hervorheben. Doch sie hat keine Spiegelfunktion, ihr Träger ist immer in der Situation des Beurteilenden und häufig des Verurteilenden.

Eine andere Brille ist die „rosarote“. Sie hat die Eigenschaft, die Umwelt in eine unnatürliche exaltierte Farbgebung einzutauchen. Wer sie trägt, kann meist überhaupt kein Problem erkennen, an keiner Stelle. Für die Träger der rosaroten Brille ist alles okay, es gibt kein „Falsch“ oder „Richtig“, keine Wahrheit oder Lüge, kein Schwarz oder Weiß, sondern nur verschiedene Schattierungen von Grau. Für ihn ist alles Reden von „Sünde“ veraltet und überholt, und er hat eine Erklärung für alles. Und wenn für ihn überhaupt jemand an irgendetwas „schuld“ ist, dann immer nur die Gesellschaft, und zwar immer die westliche. Aber wer das denn genau ist, darauf hat er keine befriedigende Antwort. Auf jeden Fall sind das für ihn immer die anderen.

Die moralische und die rosarote Brille sind nicht die einzigen, durch die Menschen und auch Christen schauen. Es gibt viele solcher Brillen, viele Vorgaben, unter denen man die Welt ansehen kann, religiöse, politische, ideologische, psychologische, kritische, verharmlosende, revolutionäre, materialistische und viele mehr. Und eins haben die Träger dieser Brillen alle gemeinsam: Sie alle sind überzeugt, dass ihre Brille die richtige ist. Die meisten, wenn nicht vielleicht alle, können in ihrem Innersten das Gebet des Pharisäers mitsprechen: „Herr, ich danke dir, dass nicht so bin wie die anderen, besonders wie dieser da …!“

 

Der Blick der Selbstgerechtigkeit

Diesen – häufig geheimen – Blick der Selbstgerechtigkeit entlarvt Jesus in der grundlegenden Unterweisung für seine Nachfolger, in der so genannten Bergpredigt. Dort warnt er sie:

Fällt kein abschätziges Urteil über andere, damit auch ihr nicht vorschnell abgeurteilt werdet! Denn mit dem Maßstab, den ihr an andere anlegt, werdet ihr auch gemessen werden. Und die Erwartungen, die ihr anderen gegenüber habt, werden auch an euch gestellt!

Warum starrst du auf den kleinen blinden Fleck im Auge deines Mitmenschen und nimmst gleichzeitig das dicke Brett nicht wahr, das dir den Blick auf die Wirklichkeit und auf dich selbst vollkommen verstellt? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Komm her, ich wische dir deinen blinden Fleck weg! – wenn du gleichzeitig ein dickes Brett mit dir herumschleppst, das dir den Blick versperrt? Damit täuschst du dich selbst und versuchst die anderen zu täuschen. Deshalb: Schau erst einmal der ungeschminkten Wahrheit über dich selbst ins Auge! Dann wirst du auch deinem Mitmenschen helfen können, seinen blinden Fleck zu überwinden.“ (Mt 7, 1-5, Übersetzung „das buch.“)

Der Blick der Selbstgerechtigkeit ist übrigens nicht nur bei religiösen Menschen zu finden. Wer immer meint, für eine gute und gerechte Sache einstehen zu müssen, ist meist so überzeugt davon, dass er Teile der Wirklichkeit völlig ausblendet. Nicht nur die katholischen Eroberer Lateinamerikas waren von der Rechtmäßigkeit ihrer Sache überzeugt und deshalb bereit, Gewalt anzuwenden. Auch die Nationalsozialisten und Faschisten und ebenso die Bolschewisten und Kommunisten waren der Überzeugung, für eine gerechte Sache zu kämpfen und waren dann auch bereit, über Leichen zu gehen. Der Zweck heiligte in ihren Augen die Mittel.

 

Die Intoleranz der Überzeugten

Wo immer Menschen im Brustton der Überzeugung anderen eine abweichende Meinung nicht zugestehen, erhebt das Gespenst der Intoleranz sein hässliches Haupt. Waren in der Kirchengeschichte immer wieder auch kirchliche Instanzen von diesem Geist der Intoleranz beseelt, ist die andere Seite der Geschichte häufig weniger bekannt. Denn es waren ja häufig einfache Christen, die gerade unter der unheiligen Allianz von Kirche und Staat, von Thron und Altar leiden mussten. Gerade im so genannten christlichen Abendland waren es immer wieder Christen, die Verfolgung bis hin zu Vertreibung und Ausrottung erdulden mussten: Die Waldenser und die Hussiten, die Hutterer und die Hugenotten, die Mennoniten und die Baptisten, die Pietisten und die Pfingstler und viele mehr. Mit Schmähworten und Beschimpfungen wie „Ketzer“, „Sektierer“ und anderen wurden sie erst gebrandmarkt und schließlich direkt angegriffen.

Dass sich auch in unserer Zeit ähnliche intolerante Tendenzen neu erheben, gerade von solchen, die sich selbst für tolerante Gutmenschen halten, sollte Jesusnachfolger nicht verwundern. Es ist nur folgerichtig. Und so wundert es nicht, dass Demonstranten, die angeblich – und in ihren Augen sicher auch aufrichtig – für „Toleranz“ protestierten, auf junge Christinnen und Christen beim Eröffnungsgottesdienst von Christival 2008 mit Rufen wie „Nazis!“ und anderen sowie Flaschen und Säurebeutel auf sie warfen. Es wundert ebenso wenig, dass Demonstranten für „Toleranz“ anlässlich des Marburger Kongresses der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge mit Slogans wie „Wir wollen eure religiösen Gefühle verletzen“, „Gangbang statt Gebet“ und ähnlichem auftraten und meinten, damit einer guten Sache zu dienen.

Ihnen allen – und uns, wenn wir uns ähnlich aufführen – gilt die Warnung von Jesus in der Bergpredigt: Menschen zu Feinden zu erklären, sie beleidigen und kleinmachen zu wollen, ihnen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und offenen Diskurs nehmen zu wollen, verrät einen erschreckenden Mangel an Selbsterkenntnis. Die „Intoleranz der Überzeugten“ in der Geschichte und Gegenwart offenbart dabei immer wieder die tief eingewurzelte Selbstgerechtigkeit unseres menschlichen Herzens, vor der niemand gefeit ist. Auch gerade wir Christen müssen uns das immer wieder deutlich machen, selbst wenn wir, wie bei den genannten Beispielen, Zielscheibe dieser „Überzeugungsintoleranz“ werden.

 

Tiefer sehen lernen

Die ersten Nachfolger von Jesus mussten vieles ganz neu lernen in der Zeit ihres Intensivtrainings. Sie mussten zunächst einmal verstehen, wer Jesus war und ist. Das war ein nicht immer geradliniger Prozess, der in den Evangelien nachgezeichnet wird. Dann mussten sie lernen, sich selbst zu erkennen im Licht von Jesus. Von Simon Petrus, einem der engsten Freunde von Jesus, werden diese Stunden der Selbsterkenntnis berichtet. Nach dem überraschend großen Fischfang, bei dem er Jesus als Herrn sogar über die Naturmächte begreift, erkennt er sich selbst in bis dahin unbekannten Tiefen: „Geh fort von mir, Herr! Ich bin ganz und gar in meinen Sünden gefangen!“ (Lukas 4, 8 Übersetzung „das buch.“) Und in der Nacht, als er sich von Jesus distanzierte und leugnete, ihn überhaupt zu kennen, lief er schließlich fort und weinte voller Scham und Reue. (Lukas 22, 54-62)

Von Jesus sehen lernen, bedeutet zunächst, ihn richtig sehen zu lernen. Und damit eng verbunden, auch sich selbst richtig zu sehen, sich selbst zu erkennen. Das ist es auch, was Paulus im Römerbrief in unvergleichlicher Weise darstellt. Im ersten Kapitel spricht er von Gottes Gericht über eine Menschheit, die alles andere, nur nicht ihn, zum obersten Ziel und Maßstab macht. Er beschreibt die Menschen so: Sie sind preisgegeben an die Mächte und Gewalten, die Gewohnheiten und Verfehlungen, denen sie sich selbst ausgeliefert haben. Dieses „Dahingegebensein“ zeigt er als gerechtes Gericht Gottes.

Im zweiten Kapitel spricht Paulus dann darüber, dass auch der fromme Mensch, der meint, die anderen beurteilen und richten zu können, unter demselben Urteil Gottes steht. Und dann kommt er zur klassischen Schlussfolgerung: „Daraus folgt: Kein einziger Mensch kann sich selbst aufgrund seiner eigenen Taten vor Gott gerecht machen. Denn das Gottesgesetz macht deutlich, was Sünde wirklich ist.“ (Röm 3, 20, Übersetzung „das buch.“)

Hier gibt es überhaupt keinen Unterschied: Alle Menschen haben gesündigt und bleiben deshalb weit hinter dem Anspruch Gottes zurück, der in seinem wunderbaren Wesen begründet ist. Doch sie alle werden aufgrund seiner gnadenvollen Zuwendung gerecht und freigesprochen durch die Erlösung, die der Messias Jesus bewirkt hat … (Römer 3, 22b.-24, Übersetzung „das buch.“)

 

Sünde und Erlösung

Diese Schlussfolgerung von Paulus ist im Einklang mit der gesamten Botschaft der Bibel: Kein einziger Mensch ist vor Gott gerecht. Es gibt keinen, der sich über andere erheben könnte. Denn in uns allen ist das Potenzial zum Bösen angelegt. Und deshalb gewinnt in allen Menschen, und sei es nur in Ansätzen, eben dieses Böse, dieses Zerstörerische, dieses Verneinende, dieses Selbstgerechte und Selbstbezogene immer wieder Gestalt.

Dabei spricht die Bibel von „Sünde“ nicht in moralischen Kategorien, wie häufig angenommen. Sondern sie spricht von der „Sünde“ als einer Macht, die uns im Griff hat, und aus der wir uns selbst nicht befreien können. Deshalb brauchen wir Erlösung und Vergebung als Mächte, die stärker sind. Deshalb brauchen wir einen Erlöser, einen Retter. Deshalb ist die Botschaft des Engels so tröstlich und zukunftsweisend: „Maria wird einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Denn er wird – wie der Name sagt – sein Volk von allen Sünden befreien.“ (Mt 1, 21, Übersetzung „das buch.“)

So endet Paulus ja auch seine Argumentation am Anfange des Römerbriefs. Doch sie alle werden aufgrund seiner gnadenvollen Zuwendung gerecht und freigesprochen durch die Erlösung, die der Messias Jesus bewirkt hat: (Römer 3, 24, „das buch.“)

 

Sehen lernen, wie Jesus sieht

Das ist das eigentlich Neue an der Botschaft der Bibel. Von der Wirklichkeit der Sünde reden ja alle Religionen, wenn sie sie auch verschieden nennen und zu erklären versuchen. Und alle suchen nach Wegen der Überwindung dieser grundlegenden Realität unserer Welt. Meist sind es Versuche der Selbsterlösung, der Überwindung durch Askese oder moralische Anstrengung, durch Androhung von Strafe und Verheißung einer Belohnung.

Auch Jesusnachfolger verschließen ihre Augen nicht vor der Realität der Sünde – in der Geschichte der Menschheit, in den Ungerechtigkeiten der Welt und im eigenen Leben. Aber sie können dennoch anders darauf schauen. Denn sie können von Jesus lernen. Lernen zu sehen, lernen zu reden und lernen zu handeln.

Als Jesus die Menschen seiner Zeit ansah, sah er zweierlei: Die Wirklichkeit der Verlorenheit und die Möglichkeit der Erlösung. Er sah sie wie Schafe, die von ihren Hirten verlassen sind – ein Bild für Bedrohung und Zerstörung. Aber er sah sie auch wie eine große Ernte – ein positives Bild von dem, was im Leben genau dieser Menschen an Frucht möglich ist. Denn Jesus sah immer die Wirklichkeit dieser Welt und die Möglichkeiten Gottes zusammen. Und über allem war er von Mitgefühl bewegt. Das wollte er auch seinen Schülern vermitteln. Sie sollten lernen, zu sehen, wie er sieht: „Als Jesus die Menschenmassen sah, erfasste ihn großes Erbarmen mit ihnen!“ (Mt 9, 35, „das buch.“)

Der Blick des Erbarmens, der Blick der Barmherzigkeit ist der Blick von Jesus. Diese Weltsicht ist die wirklich Christliche. Nicht der scharfe moralische Blick der Selbstgerechtigkeit, nicht der letztlich unbarmherzige, weil unbeteiligte Blick der Gleichgültigkeit ist das, was wir von Jesus lernen.

Wer von Jesus lernen will, wie er richtig auf die Welt und ihre Verfallenheit sieht, wird immer diesen Blick entwickeln und von diesem Wissen geprägt sein:

 

Ja, es gibt Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Aufbauendes und Zerstörendes

Ja, auch ich bin gefangen in dieser Realität der Sünde, des Schuldigwerdens und des Erleidens der Schuld von anderen.

Ja, auch ich brauche Vergebung, Erlösung und Erneuerung, wie alle anderen. Ich bin nicht besser als andere.

Ja, auch für mich und für die anderen gilt Gottes Liebe. Dafür ist Jesus der Garant.

Ja, Gottes Möglichkeiten sind immer stärker als unsere Wirklichkeit.

Ja, Gott kann und wird auch da wirken, wo ich es nicht für möglich halte. Das bewirkt die Kraft seines Geistes.

 

Wer so von Jesus neu sehen lernt, kann furchtlos leben – auch angesichts dunkler werdender Weltszenarien – und diese Welt mitgestalten. Denn er steht unter der Zusage von Jesus: „Wenn sich all dies anbahnt, dann schaut auf und hebt eure Köpfe hoch, denn dann ist die Zeit eurer endgültigen Befreiung nahe herbeigekommen.“ (Lk 21, 28, „das buch.“)

Und bis dahin gilt für uns die Ermutigung, die Menschen um uns herum anzusehen mit dem Blick der Anteilnahme und Liebe, der so typisch für Jesus ist.

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