Einsteigen in die Jesus-Geschichte – Wie wir heute Erfahrungen mit dem wirklichen Jesus machen können

Einsteigen in die Jesus-Geschichte – Wie wir heute Erfahrungen mit dem wirklichen Jesus machen können

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens … was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt, und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

  1. Johannes 1, 1-3

 

Anfang der neunziger Jahre war ich in Moskau zu missionarischen Vorträgen an der Universität. Nachdem ich vor der Fakultät über Jesus gesprochen hatte und einige Hinweise auf außerbiblische Quellen und Belege gebracht hatte, meldete sich ein Professor mit folgender Frage: „Verstehe ich Sie richtig, dass Sie sagen wollen, dass Jesus eine reale historische Person war?“ Diese Frage erstaunte mich, und ich fragte zurück, dass ich das sehr wohl meine, aber was der Grund seiner Frage sei. Er antwortete: „Wir haben gelernt, dass Jesus eine Märchengestalt ohne historische Wirklichkeit ist.“ Und er erzählte dann einige Gründe, die in der sowjetischen Erziehung für die angebliche Geschichtslosigkeit von Jesus angegeben wurde.

Dieses Erlebnis und viele Diskussionen mit Professoren und Studenten in Deutschland und anderswo haben mir deutlich gemacht, dass unser geistliches Leben eine feste Grundlage braucht. Nämlich die Grundlage einer – auch denkerischen – Überzeugung, dass die Sache mit Jesus wirklich wahr ist. Und zwar nicht nur in einem „geistlichen“, abgehobenen Sinn, auch nicht nur in einem psychologischen Sinn, also dass sie mir „hilft“ oder „gut für mich ist“, sondern in einem tatsächlichen, geschichtlichen, historischen Sinn. Nur, wenn ich davon überzeugt bin, wird mein Glaube die Grundlage haben, die er braucht, um auch in Stürmen und Schwierigkeiten zu überleben. Nur die Erfahrung von Gemeinschaft allein, Erlebnisse in der Anbetung oder im Gebet, erhebende Gottesdienste und ähnliches kann dann, wenn die Krise kommt, meinen Glauben nicht aufrecht erhalten, wenn ich tief in meinem Herzen den Verdacht habe, dass die Sache mit Jesus möglicherweise doch nicht stimmt oder dass die Bibel wissenschaftlich widerlegt oder ausgehebelt sei.

Am Anfang meines Theologiestudiums vor über 25 Jahren herrschte an den Unis noch ein anderer Wind als heute. Damals war die radikale Kritik an der Tagesordnung. Es blieb kein Stein auf dem anderen in dem Gebäude der Bibel – und wenn sich dann der Staub gelegt hatte, war oft nicht mehr viel übrig von dem zentralen Jesus-Glauben, mit dem mancher Student ins Theologie-Studium gekommen war. Gott sei Dank ist das nicht mehr überall so. Es hat sich in der theologischen Wissenschaft einiges getan. Viele Forscher und Professoren sehen heute die Aussagen des Neuen Testamentes – auch in den historischen Bezügen – viel positiver, als das noch vor zwei oder drei Jahrzehnten der Fall war. Vieles, was als „wissenschaftliche Widerlegung“ von biblischen Aussagen hochgejubelt wurde, hat sich inzwischen als falscher Alarm herausgestellt. Je länger, desto mehr werden die brüchigen und unzureichenden Grundlagen der sogenannten historisch-kritischen Forschung offenbar, und ein neues Vertrauen zum Neuen Testament als historisch verlässlichem Dokument wächst. Ständige neue archäologische Entdeckungen tragen ihren wichtigen Teil dazu bei und untermauern immer wieder die Aussagen der Bibel. Und Stück für Stück wird der wirkliche historische Jesus wieder sichtbar, der erstaunlicherweise dem Jesus, wie er von den vier Evangelisten beschrieben wird, wieder äußerst ähnlich sieht. Und dieser Jesus ist es, dem wir als Christen folgen, den wir immer mehr entdecken und verstehen und dem wir ähnlicher werden wollen. Es ist der historische, wirkliche Jesus, kein mythischer, mystischer „Christus des Glaubens“. Dieser ist eine Erfindung der Theologen. An solch einem erfundenen Christus wären die ersten Christen sicher nicht interessiert gewesen.

Genau das machen alle Autoren des Neuen Testamentes klar. Das betont auch Johannes in seinem Brief: „Das, was von Anfang an – wirklich – da war, das, was wir angefasst, gefühlt, erlebt haben … das geben wir euch als Botschaft weiter.“ Keine Rede davon, dass die historische Frage gleichgültig wäre. Keine Spur davon, dass die ersten Christen nur an netten Jesus-Geschichtchen interessiert gewesen wären, dass ihnen aber die Frage, ob das tatsächlich so geschehen ist, gleichgültig gewesen sei. Nein, ihnen genügte es nicht, sich fromme Gedanken über die Sturmstillung zu machen mit der Hoffnung, dass Jesus irgendwie die Stürme ihres Lebens stillen würde. Sondern sie waren wirklich davon überzeugt, dass Jesus den echten, realen Sturm damals gestillt hatte, so wie es ihnen die erzählt hatten, die das als Augenzeugen miterlebt hatten. Und erst aufgrund dieser Tatsache trauten sie dem Jesus, der inzwischen gestorben und – real! – auferstanden war, auch ihre Lebensstürme zu bewältigen.

Die Sache Jesus war historisch wahr – das allein erklärt das Verhalten der ersten Christen. Das erst erklärt ihren dynamischen Glauben, der die Welt überwinden konnte und der allen Verfolgungen zum Trotz den Sieg über das römische Weltreich errang.

Aber das allein ist nicht genug. Es gibt noch eine andere Seite der Medaille. So wenig ein persönlicher, emotionaler, geistiger oder geistlicher Glaube ohne eine verlässliche historische Grundlage sinnvoll ist, genauso wenig bringt es, wenn ein Mensch nur die Historie glaubt, aber das ihn nicht wirklich und grundsätzlich selbst erfasst, erschüttert und verändert. Angelus Silesius drückte diese Wahrheit einmal mit folgenden Worten aus: „Und wäre Jesus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir, du bliebest doch verloren!“

Johannes schlägt auch diese Brücke: Die Christen, an die er schreibt, sind eingeladen in die gleiche Erfahrung, die sie als Augenzeugen hatten. Wenn es auch nicht mehr direkt möglich ist, Jesus anzufassen und seine leibliche Stimme zu hören, so ist es doch möglich, durch die Brücke der Augenzeugenberichte einzusteigen in die selbe Erfahrung wie diese. So meint er es, wenn er sagt: „Das verkündigen wir euch, damit ihr Gemeinschaft mit uns habt … und damit unsere – gemeinsame – Freude vollkommen wird.“

Er lädt die Christen, die Jesus nicht mehr persönlich kannten, ein, in die Erfahrung der Jesus-Geschichte einzusteigen. Und er geht noch einen Schritt weiter: Durch dieses Einsteigen entsteht nicht nur Gemeinschaft mit ihm und den anderen Augenzeugen, sondern auch die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, selbst.

Was kann das für uns heute praktisch heißen? Wie können wir heute, im 21. Jahrhundert, einsteigen in die Erfahrung der Jesus-Geschichte? Sicher, ein Teil der Antwort ist die, dass der Heilige Geist diese Brücke bildet. Er ist es, der Jesus in uns verlebendigt und seine Gestalt in uns entstehen lässt. Aber das ist nicht alles. Ich glaube, dass wir eine aktive Rolle mitspielen können. Wir selbst können einsteigen in die Jesus-Geschichte. Wir können Gleichzeitigkeit mit Jesus erfahren.

Wie kann das konkret geschehen? Für mich sieht das ganz praktisch so aus: Ich versuche immer wieder, mich intensiv in die Jesus-Geschichte zu vertiefen. Ich lese das Neue Testament und die Evangelien immer und immer wieder. Ich versuche, der Gewöhnung entgegenzuwirken auf vielerlei Weisen: Durch lautes Lesen, durch Lesen verschiedener Übersetzungen, auch durch das Lesen in verschiedenen Sprachen, durch Anhören von Hörbibeln. Und immer wieder versuche ich, mich in die Geschichte und die Geschichten von Jesus hineinzuzeichnen. Was hätte ich auf seine Fragen geantwortet? Wie hätte ich an den Krisenpunkten reagiert? Was hätte ich gesagt, gefühlt, getan, wenn vor meinen Augen eine der vielen Heilungen stattgefunden hätte?

Eintauchen in die Jesus-Geschichte. Ein Teil davon werden. Das ist das Angebot an uns heute. Das Nacherleben und Miterleben des letzten Abendessens von Jesus in immer neuer Art und Weise ist ein weiterer hilfreicher Weg. Stück für Stück können wir erfahren, dass „Christus in uns“ Gestalt annimmt. Dabei gehen geistliche Wirklichkeit, persönliches Nachlesen und Nacherleben, historische Wirklichkeit und die Erfahrung der anderen Christen, die auch in die Jesus-Geschichte einsteigen, Hand in Hand. Stück für Stück entsteht ein lebendiges Bild, besser gesagt ein Dokumentarfilm, in dem Jesus die Hauptrolle spielt, wir aber als Mitspieler auch unsere ganz persönliche Rolle finden. Aber nicht nur als Statisten und erst recht nicht als Regisseure, sondern als Mitwirkende, die mehr und mehr erleben, dass dieser Film kein frommes Mysterienspiel ist, sondern eine Wirklichkeit, die in der historischen Realität von Jesus von Nazareth ihre Wurzel hat und immer weiter sich entfaltet bis hin zu dem Tag, an dem wir Jesus „von Angesicht zu Angesicht“ gegenüberstehen werden.

Das Hauptthema dieser großartigen Geschichte ist nichts anderes als die Liebe des ewigen Gottes, die sich in Jesus offenbart. Und die uns einlädt, einzusteigen, mitzumachen, Jüngerinnen und Jünger von Jesus hier und heute zu werden.

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