Gott – ein Suchbild?

Gott – ein Suchbild?

Gott zu finden ist möglich. Vom Ende der Religionen.

Es ist schon erstaunlich, dass sie immer neu gestellt wird: die Frage nach Gott. Zu allen Zeiten, in jeder Kultur, in jeder Region auf der Erde. Die Frage nach Gott lässt die Menschheit nicht los.

Dabei sind die Vorstellungen von Gott, von dem, wer oder was er ist, so vielfältig wie die Menschen selbst. Während uns die Frage, ob es einen Gott gibt (und wenn ja, wie er ist und was er will) vereint, trennen uns die Antworten umso deutlicher. Denn die Bilder von Gott, die in den verschiedenen Religionen zu finden sind, unterscheiden sich oft grundlegend voneinander.

 

Ein Gott oder viele Götter?

Während Judentum, Christentum und der Islam von einem einzigen Gott ausgehen, herrscht in vielen anderen Kulturen die Ansicht, dass der Himmel gleich mit einer ganzen Göttersippe bevölkert sei. So glaubten die Germanen an Odin und Freya, an Thor und Tiu und viele andere aus den Götterfamilien der Asen und Wanen. Die Griechen hatten Zeus und Hera, Aphrodite und Apollo sowie eine ganze Schar von Halbgöttern, die in nicht immer ungetrübter Eintracht auf dem Olymp hausten. Die Römer übernahmen die Idee der Griechen. So entsprach bei ihnen Jupiter dem griechischen Zeus, Venus der Aphrodite, Diana der Artemis und so weiter. Jede dieser Gottheiten hatte spezifische Aufgaben. Und auch die alten Ägypter identifizierten die verschiedenen Götter mit bestimmten Funktionen. Oder besser ausgedrückt: Bestimmte Naturphänomene wurden „vergottet“. So wurde die Sonne zum Sonnengott Re und auch der Nil war ein Gott.

In diesen Religionen waren die Götter verantwortlich für Teilbereiche der gesamten Schöpfung. Und um sie gnädig zu stimmen, mussten bestimmte Rituale ausgeführt, bestimmte Opfer gebracht und bestimmte Tabus beachtet werden.

Manchmal jedoch stritten die Götter auch gegeneinander. Der Ehezwist des Göttervaters Zeus mit seiner Gattin Hera sorgte für viel Stoff in den griechischen Mythen. Und bald bemerkte der kritische Beobachter mehr und mehr, dass diese Götter im tiefsten doch sehr menschlich waren. Sie waren unberechenbar, launenhaft, teilweise gefährlich oder auch bösartig. Sie wurden immer skeptischer gegenüber den Bildern der Götter, die sie von ihren Vorfahren übernommen hatten.

 

Der unbekannte Gott

Auf diesem Hintergrund entstanden philosophische Strömungen, die die Frage nach Gott ganz anders beantworteten. Die einen sagten, dass es sowieso unmöglich sei, Gott zu erkennen, und jeder Mensch müsse sein Schicksal in die eigene Hand nehmen.

Andere kamen zurück zu dem Gedanken, dass es in Wirklichkeit nur einen einzigen, ewigen Gott geben könnte. Er sei der Inbegriff des Guten und Schönen. Die Juden, die sich überall in der alten Welt ausgebreitet hatten, glaubten an diesen einen Gott und waren bereit, alles für ihren Glauben einzusetzen. Viele der umliegenden Völker waren beeindruckt von ihrer Glaubensstärke. Und so bewegte sich die antike Welt langsam wieder fort von der Vielgötterei.

Als der Apostel Paulus im Jahr 50 n. Chr. in die griechische Hauptstadt Athen kam, fand er einen Altar, der dem „unbekannten Gott“ geweiht war (siehe Apostelgeschichte 17). Im Rahmen der antiken Religiosität machte ein solcher Altar durchaus Sinn. Denn schließlich konnte es ja sein, dass man, obwohl man viele Götter verehrte, trotzdem einen Gott einfach übersehen hatte. Denn auch die andere, stärker philosophische Deutung war möglich: Vielleicht kann er nicht erkannt werden und bleibt uns daher unbekannt. Und so fasste dieser Altar das Ergebnis der Gottsuche des antiken Griechenland, das Ergebnis der alten Religion und der neueren Philosophie auf unübertreffbare Weise zusammen.

In diese Situation hinein konnte Paulus dann die erstaunliche Botschaft bringen, dass Gott nicht länger „unbekannt“ sein wollte, sondern sich den Menschen bekannt gemacht hatte. Er war nicht mehr fern, sondern ganz nah gekommen. Der unbekannte Gott war unterwegs zu den Menschen. Diese Botschaft sorgte naturgemäß für Aufruhr.

 

Die Frage nach Gott heute

Ein Blick in die heutige Welt zeigt, dass sich die Situation nicht sehr verändert hat. Nach wie vor gibt es viele unterschiedliche Vorstellungen von Gott. Und je enger die Welt zusammenrückt, umso deutlicher wird das.

Da sind auf der einen Seite die Muslime, die behaupten, Gott habe zwar auch zu den aus der Bibel bekannten Personen Abraham, Moses und David gesprochen. Doch die entscheidende, letzte Botschaft habe er dem arabischen Propheten Mohammed gegeben. Sie sei in der ganzen Welt zu verbreiten – wenn nötig, auch mit Gewalt. Und so breitet sich seit 1.400 Jahren auch der Islam, die Religion Mohammeds, scheinbar unaufhaltsam aus.

Auf der anderen Seite gibt es die Nachfolger Buddhas, die in vielen asiatischen Ländern das religiöse Bild bestimmen. So vielfältig auch die Erscheinungsformen und Ausdrucksweisen des Buddhismus sind, sie vereint die grundlegende Lehre ihres Religionsgründers: Das Leben in der Welt ist letztlich von Leiden bestimmt. Ziel des Lebens muss es sein, dieses Leiden zu überwinden und aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten befreit zu werden und in das Nirwana, den Zustand des Nichts, einzugehen. Denn wo „Nichts“ ist, da ist auch kein Leiden mehr. Diese Grundlehre des Buddhismus ist sehr pessimistisch. Denn Buddha hatte keine Antwort auf die Gottesfrage. Er kannte keinen Gott, der alles geschaffen hat. Doch mit einer solchen Weltsicht scheint man schlecht auf Dauer leben zu können. Kein Wunder also, dass im Lauf der Jahrhunderte seine Lehre überlagert wurde mit dem Glauben an viele Götter, Geister, Mächte und Erscheinungen Buddhas. Kein Wunder auch, dass es in der Geschichte immer wieder kriegerische Konflikte zwischen Buddhisten und den Muslimen gab, die als Eroberer in den indischen Subkontinent eindrangen.

Im Hinduismus, der alten, einheimischen Religion Indiens, begegnen uns Tausende, ja Millionen von Göttern. Sie alle haben, wie in den alten Religionen Europas, bestimmte Funktionen. Sie werden verehrt und angebetet in der Hoffnung, dass sie dafür die Gläubigen schützen und segnen. Doch auch der Hinduismus kennt verschiedene Ausformungen. Auf der einen Seite wächst wie bei den alten Griechen die Überzeugung, dass hinter den unzähligen Gottheiten und Göttern doch ein einziger, ewiger Gott sein müsse. Bei der Ausformung dieser Ansicht spielt auch das Christentum, das schon seit der Zeit der Apostel in Indien heimisch ist, keine unbedeutende Rolle als Vorbild und Anstoß. Auf der anderen Seite findet sich im Hinduismus ein starker Geister- und Dämonenglaube, der oft in direkte Magie übergeht. Darin deckt er sich mit vielen so genannten Naturreligionen in aller Welt, die mehr vom Glauben an Geister, Dämonen und Naturkräfte bestimmt sind – oder, um es genauer zu sagen, von der Angst vor diesen –, als von der Frage nach Gott. Magische Praktiken werden angewandt, um die Geister zu beruhigen, zu vertreiben oder den Menschen gefügig zu machen.

Auch in Europa sind solche Vorstellungen wieder auf dem Vormarsch. So ist in der heutigen Welt – insbesondere in der westlichen – die Frage nach Gott genauso offen und ungeklärt wie in der Antike. Doch wer hat Recht? Der Islam oder das Judentum? Der Hinduismus oder der Buddhismus? Die Naturreligionen oder der christliche Glaube? Oder haben alle gleichermaßen Recht? Oder haben alle Unrecht? Oder sind diese Fragen sowieso völlig egal?

 

Gibt es die eine Wahrheit?

Während die Anhänger der verschiedenen Religionen ganz natürlich davon ausgehen, dass ihre Auffassung die richtige ist, ist das ehemals christliche Abendland in der Frage nach Gott völlig verunsichert. Großen Einfluss auf unser heutiges Denken hatte unter anderem das 1779 erschienene Drama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing, in dem die „Ringparabel“ den Höhepunkt bildet: Ein Vater gibt auf seinem Sterbebett seinen drei Söhnen drei identisch aussehende Ringe, von denen nur einer echt ist. Doch die Söhne wissen nicht, welcher es ist. Und so lebt fortan jeder in dem Bewusstsein, sein Ring sei der richtige. Moral der Geschichte: Die Wahrheitsfrage ist nicht zu klären. Jeder soll seiner Überzeugung gewiss sein und mit den anderen in Frieden leben.

Diese Lösung scheint auf den ersten Blick die Frage nach Gott zu beantworten. Keiner hat die letztgültige Wahrheit und so sollten wir alle mit dem zufrieden sein, was wir glauben, und den anderen in Ruhe lassen. „Leben und leben lassen“ – das ist die Haltung, die in den Jahrhunderten seit der Aufklärung die westliche Einstellung zur Religion zunehmend prägt.

Doch ist das wirklich die Lösung? Ich würde als erstes den Charakter eines Vaters hinterfragen, der seine Söhne bewusst täuscht. Ist es tatsächlich glaubwürdig, dass Gott uns bewusst in Unkenntnis lassen will? Auch der Vorschlag, jeder solle seiner Ansicht gewiss sein, löst das Problem der Auseinandersetzungen in der Wahrheitsfrage nicht wirklich. Vielmehr ist jetzt erst recht die Saat der Feindschaft unter den Brüdern gesät. Ich glaube nicht, dass uns Lessings Ringparabel weiterführt – ebenso wenig wie die im Westen stark verbreitete Auffassung, dass alle Religionen im tiefsten identisch seien und doch nur das Gleiche wollten. Darum seien sie auch allesamt gleich gültig und die Frage nach der Wahrheit damit gleichgültig.

Wer im Blick auf die Wahrheit gleichgültig wird, verliert den Kurs und befindet sich auf dem Holzweg. Denn je unvoreingenommener und intensiver man sich mit den verschiedenen Religionen befasst, um so deutlicher wird, dass sie eben doch nicht dasselbe über Gott sagen. Entweder hat der Buddhismus oder das Judentum, der Islam, der Hinduismus oder aber das Christentum Recht. Alles gleich zu machen und die Unterschiede zu verwischen, wird den Religionen nicht gerecht, denn dazu geben sie einfach zu unterschiedliche Antworten. Darum bietet dieser Ansatz bloß eine Scheinlösung, aber keine glaubwürdige Antwort.

 

Das Ende der Ungewissheit

Kann man Gott erkennen? Darum geht es im Eigentlichen. Wir Menschen ahnen, dass es einen Gott gibt. Und doch tappen wir im Dunkeln. Darum sind wir abhängig davon, dass Gott sich selbst zu erkennen gibt, sind angewiesen auf seine Selbstoffenbarung.

Davon berichtet die Bibel. Sie sagt uns, dass Gott auf vielfältige Weise zu den Menschen gesprochen hat. So zeigt zum Beispiel die Schöpfung seine Weisheit, Güte und Größe. Und doch ist die Schöpfung nicht Gott. Geschöpfe anzubeten, und seien sie noch so groß und scheinbar mächtig wie Sonne, Mond und Sterne, ist ein Irrweg (vgl. Römer 1,19–25).

Gott hat auch in der Geschichte der Menschen gesprochen. Das sehen wir besonders an der Geschichte Israels. Aber nicht nur dort. Immer wieder entdecken Menschen Spuren des Handelns Gottes in ihrem Leben. Damit will er sie locken, sich auf die Suche nach ihm zu machen (vgl. Apostelgeschichte 17,27).

Die Frage nach Gott muss nicht unbeantwortet bleiben. Wir können Gewissheit finden. Denn Gott hat sich gezeigt. Nicht in einem Buch, nicht in einer Lehre, nicht in einer Moralphilosophie und auch nicht in Ritualen. Sondern: Das Unvorstellbare ist Wirklichkeit geworden.

Was würde geschehen, wenn der Schöpfer in die von ihm geschaffene Schöpfung einträte? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder würde die begrenzte Schöpfung aufgesprengt, weil sie den unbegrenzten Schöpfer nicht fassen kann. Oder der Schöpfer müsste sich selbst begrenzen. Im Bild der Dimensionen gesprochen: Er müsste sich selbst reduzieren auf die begrenzt-dimensionale Welt von Raum und Zeit.

Diesen Vorgang beschreibt ein früher Hymnus, den Paulus schon in seinem Brief an die Christen in der griechischen Stadt Philippi zitiert, gerade zwei Jahrzehnte nach dem Tod und der Auferstehung von Jesus. In eindrücklicher Weise besangen die ersten Christen diesen alle Vorstellung übersteigenden Vorgang, dass der Schöpfer in die Schöpfung eintritt: „Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz“ (Philipper 2,6–8).

Das ist die Geschichte von Weihnachten. Jesus Christus ist „das Ende der Religionen“, wie der bekannte Theologe Karl Barth es ausdrückte. Die Religionen drücken unsere menschliche Suche nach Gott aus. Jesus Christus aber ist Gott, der auf der Suche nach uns ist. In Jesus ist er erkennbar geworden. Jesus hat es einmal so ausgedrückt: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Johannesevangelium 14,9). Der unbekannte Gott hat sich bekannt gemacht und seither kann jeder Mensch ihn finden.

Jesus Christus ist das Ende der Ungewissheit in Sachen Gott. Endlich ist es Menschen möglich, den unsichtbaren Gott zu erkennen. Und wir erkennen an Jesus nicht nur, dass Gott existiert, sondern auch wie er ist. Gott ist wie Jesus! Noch mehr: Jesus ist Gott. Gott, der in unsere Raum-Zeit-Wirklichkeit hineingekommen ist. Er ist allmächtig und unbegreiflich. Und doch ist sein Wesen im tiefsten Liebe, die sich hingibt. Deshalb ist auch das Kreuz so zentral. Denn hier offenbart sich das tiefste Geheimnis Gottes.

 

Das göttliche Paradox

Wenden wir darum noch einmal unseren Blick zurück zum Kreuz. Der scheinbare Widerspruch zwischen unseren Bildern von Gottes Macht, zwischen unseren Erwartungen, wie Gott sich zeigen oder eingreifen müsste und seinem scheinbaren Schweigen angesichts des ungerechten Leidens seines Gesandten, wird nicht durch menschliche Maßnahmen oder Mittel aufgelöst. Jesus schlug nicht zurück, als er geschlagen wurde. Er setzte seine Macht, die Naturgewalten bewegen und die Engelheere Gottes rufen konnte, nicht ein, als es um sein eigenes Leben ging. Vielmehr ging er bewusst den Weg ins Leiden, in der Erfüllung der Voraussagen, die Jahrhunderte zuvor durch den Propheten Jesaja gemacht wurden: „Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. … Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf“ (Jesaja 53,2–3+7).

Warum? Weil Gott eben genau so ist! Das ist das göttliche Paradox, dass an der Stelle der größten Schande und des größten Leidens die Offenbarung des Herzens Gottes geschieht. Es ist seine Liebe, die Jesus an den tiefsten Ort trieb. Am Kreuz identifiziert er sich mit der geschundenen Schöpfung und nimmt deren Leiden auf sich. Wir sehen: Jesus ist ganz und gar einer von uns. Und gleichzeitig: Jesus ist völlig anders. Jesus gehört ganz zu uns – ebenso gehört er ganz auf die Seite Gottes und hat die Welt in der Hand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.