Demokratie. Gabe und Aufgabe. – Ein Zwischenruf

Demokratie. Gabe und Aufgabe. – Ein Zwischenruf

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Demokratie – nicht selbstverständlich

Dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, macht ein Blick in die Geschichte klar. Selbst das vielgerühmte Griechenland brachte in der klassischen Zeit keine echte Demokratie hervor, auch wenn sie sich so nannte. Denn beileibe nicht das ganze „Volk“ – das ist die Übersetzung des Wortes „demos“ wahr hier wahlberechtigt, sondern nur die freien Männer, die Land besaßen. Ausgeschlossen von Herrschaft und Wahlmöglichkeit waren die Frauen, die Unfreien und Sklaven und natürlich auch die Fremden. In den griechischen Stadtstaaten gab es also maximal eine Herrschaft der wenigen Reichen.

Dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, zeigt zweitens auch der Blick in die Welt um uns herum. Es gibt in unserer Zeit noch an vielen Stellen Diktaturen oder auch die Herrschaft einer Bevölkerungsgruppe über die anderen. Manchmal ist diese Wirklichkeit kaschiert durch scheinbar demokratische Formen. Doch Staaten mit Einparteiensystemen können nicht wirklich den Namen Demokratie für sich beanspruchen, auch, wenn der Form nach Wahlen durchgeführt wurden.

Die Länder, in denen wirkliche Demokratie herrscht, und zwar nicht nur dem Namen nach, sind immer noch in der Minderheit. Und ein zweites fällt auf: Es sind vor allem die Länder, die kulturell und geistesgeschichtlich zum so genannten „christlichen Abendland“ gehören, in denen sich demokratische Strukturen herausgebildet haben. Noch genauer gesagt: Es sind die Länder, die von der Reformation am stärksten beeinflusst wurden, in denen sich demokratische Staatsformen am deutlichsten und am dauerhaftesten herausbilden konnten.

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Demokratie – eine Frucht der Bibel

Das kommt nicht von ungefähr. Die Zugänglichkeit der Bibel in der Muttersprache spielte dabei eine zentrale Rolle. Denn in ihr werden grundlegende Wahrheiten gelehrt, die zur Entstehung und zum Erhalt von demokratischen Strukturen unerlässlich sind. Dazu gehört ganz zentral die Aussage, dass die Menschen, Männer und Frauen, im Ebenbild Gottes geschaffen sind und deshalb eine unveräußerliche Würde besitzen. Genauso wichtig war und ist die Betonung der Bibel auf Recht und Gerechtigkeit. Gerade die prophetischen Bücher des Alten Testament sparen nicht mit Kritik an den Herrschenden und fordern sie im Namen Gottes auf, gerecht zu handeln und das Recht des Einzelnen, auch gerade das des Armen und Schutzlosen zu achten und zu verteidigen. Im Alten Testament gibt es durchgängig eine Kritik an jeder Form von absoluter Herrschaft. Gerade weil Gott der wahre König ist, wird das Königtum kritisch gesehen und selbst Könige zur Rechenschaft gezogen.

Weil das Vorwort der frühen englischen Bibelübersetzung von Wycliffe genau diese Gedanken enthielt, war die Bibelübersetzung in England im späten Mittelalter verboten. Krone und Altar fürchteten sich vor der demokratisierenden Kraft der Bibel.

Es ist bezeichnend, dass die Worte von Thomas Jefferson über das „…..right“ aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fast wörtliche Zitat aus der Einleitung zur Bibel von Wycliffe sind.

Erst als die Bibel in den folgenden Jahrhunderten, vor allem durch die Reformation, den Menschen Europas in ihren Muttersprachen zugänglich wurden, konnten die Ansprüche des Papsttums und des Kaisertums auf absolute Macht zurückgedrängt werden. Dass das nicht ohne Kämpfe ging, zeigt die Geschichte besonders in Frankreich und im habsburgischen Österreich. In beiden Fällen war die Bibel nicht frei zugänglich – in Frankreich durch die Verfolgung der Hugenotten – oder für die einfachen Menschen verboten, so in der Gegenreformation der Habsburger Lande. Wo jedoch die Bibel auch in den Häusern gelesen und in den Kirchen gelehrt wurde, entwickelten ihre Gedanken eine Kraft, die schließlich nicht nur zur Aufklärung, sondern auch zur Entstehung der modernen demokratischen Staaten führte.

Durch die Missionen und auch durch den Einfluss des zumindest teilweise von dem Gedankengut und Wertesystem der Bibel geprägten Westens allgemein verbreiteten sich demokratische Gedanken in viele Länder weltweit. Wie schwer es jedoch ist, wirkliche Demokratie zu leben und echte demokratische Strukturen aufrecht zu erhalten ohne diese geistesgeschichtliche und werte-orientierte Grundlage, kann jeder aufmerksame Zeitgenosse tagtäglich in den Nachrichten beobachten. Denn Demokratie  ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ist eine Gabe und Frucht einer zumindest teilweise von der Bibel geprägten Gesellschaft, und muss deshalb immer neu erkämpft und gesichert werden.

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Der Kampf um die Demokratie

Das kostbare Gut der Demokratie ist Gabe und Aufgabe zugleich. Denn genauso wie ein demokratisches Weltbild sich entwickeln kann, und darauf demokratische Regierungsformen aufgebaut werden können, kann ein umgekehrter Prozess in Gang kommen. Diese Erfahrung hat es leider in der Geschichte auch immer wieder gegeben. Deshalb ist Demokratie – auf allen Ebenen – in der kleinsten Gemeinschaft bis hin zum Staat – immer neu zu erarbeiten, ja zu erkämpfen. Die Grundlage ist der Respekt vor der Würde und damit verbunden vor dem Gewissen des Einzelnen. Es war ein Meilenstein der Geschichte, als Martin Luther vor der versammelten Machtfülle des Reichs und der Kirche sich auf die klare Vernunft und sein an die Bibel gebundenes Gewissen bezog. Die Folgen waren für ihn unabsehbar. Er hätte wie Jan Hus 100 Jahr zuvor auf dem Scheiterhaufen brennen können. Stattdessen gefiel es der göttlichen Vorsehung, sein Bekenntnis zu einem weltbewegenden Fanal werden zu machen, aus dem nicht nur die Reformation und die daraus folgenden Erweckungsbewegungen mit ihrer Segensgeschichte von Diakonie und Volksmission entstanden, sondern letztlich auch die Impulse, die, verbunden mit anderen, zur Herausbildung unserer freiheitlichen Demokratie wurden. Dass auch heute Mut und Gottvertrauen dazu gehören, unsere demokratischen Freiheiten und Ordnungen langfristig zu sichern und zu gestalten, ist eine Lektion, die wir immer neu lernen müssen.

Dr. Dr. Roland Werner ist Professor für Theologie im globalen Kontext an der Ev. Hochschule Tabor und Vorsitzender von proChrist.

(Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Zeitschrift „Neues Leben 3.2017“)

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