Aufmerksamkeit: Ein anderes Wort für Liebe

Aufmerksamkeit: Ein anderes Wort für Liebe

Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.

Apg 3, 4-5

Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.

Mk 10, 21

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.

Antoine de St. Exupéry

 

Aufmerksamkeit ist das Herz des Gebets. So formulierte es die französische Philosophin Simone Weil, die in einer jüdischen Familie aufwuchs und als Erwachsene eine bewusste Hinwendung zu Christus vollzog.

Aufmerksamkeit ist auch die Grundvoraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten. Denn schließlich kann man nur das untersuchen und erforschen, was man aufmerksam betrachtet.

Aufmerksamkeit gehört aber auch grundlegend zu einem geistlichen Leben. Mein väterlicher Freund und langjähriger Mentor Leighton Ford, der Schwager von Billy Graham, hat vor wenigen Wochen ein neues Buch herausgebracht. Es trägt den Titel „The Attentive Life“ – „Das aufmerksame Leben“. Im Untertitel macht er deutlich, worum es dabei im Tiefsten geht: „Gottes Gegenwart in allen Dingen erkennen“. Wir können lernen, aufmerksam durch die Welt zu gehen und überall Gottes Spuren zu entdecken.

Offen für Gottes Wunder?

Weil Gott alles erschaffen hat, sind seine Spuren auch in allen seinen Geschöpfen zu entdecken. Der Sonnenaufgang und der Sternenhimmel, die kleinste Blume und der größte Berg, der Flug der Vögel und die Wege der Fische im Meer, das kleinste Kristall und die Galaxien – alles ist von Gott voller Sorgfalt und liebevoll gestaltet. Die Welt besteht aus unzähligen Wundern. Doch leben wir häufig so oberflächlich, so hektisch und schnell, dass wir an genau diesen Wundern Gottes vorübergehen. Wir haben die Augen schon wieder auf dem nächsten Ziel, wir denken an unsere nächste oder übernächste Aufgabe, und übersehen dabei das, was direkt vor unseren Augen liegt. Und so werden wir unfähig, wahrzunehmen, wo Gott in unserem Leben am Werk ist.

Die Unfähigkeit zu hören und zu sehen

Jesus forderte seine Zuhörer immer wieder auf, wirklich hinzuhören: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (z.B. Lk 8, 8). Er beklagte die Unfähigkeit seiner Zeitgenossen, Gottes Wirken wahrzunehmen: „…damit sie es mit sehenden Augen sehen und doch nicht sehen und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen…“ (Mk 4, 12).

Diese Unfähigkeit zur geistlichen Aufmerksamkeit führte schließlich dazu, dass die religiösen Führer seiner Zeit Jesus ablehnten. Sie hatten nicht gemerkt, dass er es war, auf den ihr Volk seit Jahrhunderten wartete. Sie nahmen nicht wahr, dass hier in Jesus die Erfüllung ihrer Hoffnungen und der Verheißungen der Heiligen Schrift leibhaftig vor ihnen stand. Jesus beklagt diese mangelnde Wahrnehmung diese Verstocktheit, diese fehlenden Aufmerksamkeit: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen!“ (Lk 19, 42) Doch die Menschen seiner Zeit waren nicht in der Lage, wirklich zu verstehen, was doch so deutlich und unübersehbar vor ihren Augen geschah.

Diese Unfähigkeit, zu sehen und hören, wirklich wahrzunehmen und aufzunehmen, was Gott hier und jetzt tut und was er tun will, ist natürlich nicht auf die Zeitgenossen von Jesus beschränkt. Zu allen Zeiten ist stellt sich diese Frage. Zu allen Zeiten ist dieser Kampf um unser Denken und Fühlen, der Kampf um unser Herz in vollem Gange. Was nehmen wir wahr? Worauf achten wir? Haben wir offene Augen und Ohren für unsere Umwelt, für unseren Nächsten, für Gott? Wie kann es uns gelingen, wirklich aufmerksam zu werden, also aufzumerken und zu merken, was uns entgegenkommt – in der Situation, in der wir stehen, in dem Menschen, der uns begegnet, in Gott, der doch in unserem Leben deutlich handelt?

Von Jesus Aufmerksamkeit lernen

Beim Lesen der Evangelien entdecken wir Jesus als einen Meister der Aufmerksamkeit. Er hört seinen Gesprächspartnern aufmerksam zu. Er stellt ihnen direkte Fragen, die zum Kern des Problems führen. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ So fragt er den Blinden in Jericho. „Willst du gesund werden?“ So fragt der den Gelähmten am Teich Bethesda. „Wer hat mich berührt?“ So fragt er in die Menge hinein, die sich um ihn drängte und eröffnet so der blutflüssigen Frau den Weg zur vollen Heilung – denn so konnte sie endlich die Not ihres heimlichen Leidens, das sie so lange ausgrenzt hatte, vor allen sagen. Und so erlebte sie auch, dass dieses Leid ein Ende hatte.

Die Fragen von Jesus sind Ausdruck seines starken Interesses am Einzelnen. Er ging mit offenen Augen durch die Dörfer und Städte. Da gab es niemanden, der ihm egal war. Er wandte sich dem Theologieprofessor Nikodemus ebenso zu wie den Kindern, die zu ihm gebracht wurden, dem reichen jungen Mann ebenso wie den zehn Aussätzigen, den religiösen und national bewegten Pharisäern ebenso wie den Steuereintreibern, die mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. Immer sah er den Einzelnen, immer war er ganz zugewandt.

Diese grundsätzliche Zugewandtheit, dieses konzentrierte Offenheit, diese geistliche Fähigkeit der Wahrnehmung wollte er auch seinen Nachfolgern vermitteln. „Seht ihr die Felder? Sie sind weiß zur Ernte!“ „Seht auf die Spatzen unter dem Himmel! Sie säen nicht und ernten nicht und werden doch versorgt!“ „Seht die Lilien auf dem Felde! Obwohl sie sich keine Kleider herstellen, sind sie doch wunderbar gekleidet!“ „Schaut euch die Menschen an! Sie sind hilflos und schutzlos, wie Schafe, die sich auf den Bergen verirrt haben.“

Jesus lehrte seine Jünger, wirklich hinzusehen. Wahrzunehmen, was ihnen vor Augen lag. Und auch weiter zu sehen, tiefer und klarer, und die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit zu sehen. Gottes Wirken mitten im Alltag, seine Pinselstriche auf der Leinwand dieser Welt

Diese Fähigkeit, Gott am Werk zu sehen, ja, Gott selbst mitten im Leben wahrnehmen zu können, wünschte sich der evangelische Mystiker Gerhard Tersteegen in seinem Lied „Gott ist gegenwärtig“: „Wo ich geh’, sitz’ und steh’, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken!“

Hilfen zur Aufmerksamkeit

Wie können wir lernen, aufmerksam zu sein? In der Heiligen Schrift begegnen uns immer wieder Ratschläge für diesen Weg des Achthabens.

Der erste ist das Erinnern – als Hilfe gegen das Vergessen: „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ (Psalm 103) Mit anderen Worten: Achte auf das, was schon war, vergegenwärtige dir und bewahre dir das Gute, das Gott schon in dein Leben hinein gegeben hat!

Der zweite Ratschlag zeigt uns die Notwendigkeit und die Chance des Innehaltens. Er will uns helfen, mitten im Alltag anzuhalten: „Seid still und erkennt, dass ich der Herr bin!“ (Psalm 46, 11) Die Erkenntnis und Anerkenntnis Gottes wird uns da möglich, wo wir zur Ruhe kommen und uns selbst und die vielen Dinge aus dem Fokus herausnehmen. Ein aufmerksames Leben wird da möglich, wo wir uns bewusst begrenzen und uns Zeit nehmen und Zeit lassen, um uns auf das Wesentliche konzentrieren. Diese Aufforderung zur Stille, zur Kontemplation, bewegte und bewegt Nachfolger von Christus zu einem Leben der Konzentration, der Abgeschiedenheit, der Entschiedenheit, und dass nicht nur in Klöstern und Konventen. Es war schon immer ein Kennzeichen von Menschen, die „mit Ernst Christen sein wollten“.

Das bewusste Zur-Stille-Kommen zu bestimmten Zeiten ist eine großartige Möglichkeit, mitten im hektischen Alltag Abstand zu gewinnen und aus diesem Abstand heraus neu das Wesentliche wahrzunehmen, das, worauf es wirklich ankommt.

Drittens: Die Fähigkeit zum Hören kann sich ebenfalls entwickeln. Sie muss ebenso eingeübt werden. Viele sind nicht in der Lage, länger als wenige Minuten wirklich konzentriert zuzuhören. In unserer Gemeinschaft üben wir das seit vielen Jahren im Austausch. Wir nehmen uns oft einen ganzen Abend lang Zeit, intensiv aufeinander zu hören und dann die gehörten Erlebnisse, Erfahrungen und Anliegen mit ins Gebet für einander zu nehmen. Im Buch des Propheten Jesaja wird der einzigartige Knecht Gottes in verschiedenen kurzen Abschnitten beschrieben, die als „Gottesknechtlieder“ bekannt sind. Eins von ihnen beschreibt ihn mit folgenden Worten: „Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“ (Jes 50, 4)

Die Fähigkeit zum Hören wird hier als Voraussetzung zum Anteil nehmenden, tröstenden und heilenden Reden genannt. Diese Voraussage erfüllte sich genau wie die vielen anderen, die wir im Alten Testament finden, bei Jesus. Von Jesus zu lernen, bedeutet, aufmerksam zuhören zu lernen. Und dann auch entsprechend aufmerksam, einfühlsam und wahrhaftig zu sprechen.

Und zuletzt möchte ich noch einmal zum Sehen zurückkommen. Genau hinschauen statt wegschauen, jemanden ansehen anstatt ihn oder sie zu übersehen, die Augen und damit das Herz zu öffnen für den anderen ist ein Ausdruck des Interesses und auch der Liebe.

Aufmerksam sein, mitten im Alltag, das sehen wir in einer kleinen und doch so bedeutsamen Geschichte im Buch der Aposteltaten. Dort wird uns berichtet: Johannes und Petrus waren auf dem Weg zum Tempel. Sie sehen den Mann, der dort bettelnd sitzt. Er ist gelähmt, bewegungsunfähig, abhängig. Er ist ganz angewiesen auf andere:

Und es wurde ein Mann herbei getragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.“ (Apg 3, 2-5)

Wir merken: Dieser Mann war „täglich“ dort. Johannes und Petrus waren sicher auch nicht das erste Mal auf dem Weg zur Gebetszeit im Tempel. Dennoch geschieht diesmal etwas Besonderes. Ein Wunder bahnt sich an. Petrus blickt den Gelähmten an und fordert ihn auf: Sieh uns an!

Hier geht es um Aufmerksamkeit. Petrus und Johannes sind aufmerksam und fordern den Mann auf, wirklich aufmerksam zu werden. In diesem Zwischenraum der Aufmerksamkeit von Menschen, die einander wahrnehmen, kann Gott handeln.

Wir denken manchmal, Gott handelt, wenn wir unsere Augen verschließen vor der Wirklichkeit dieser Welt. Doch die Bibel zeigt uns etwas anderes: Gerade das Wahrnehmen des anderen, auch der Situation um uns herum, bringt uns in Kontakt mit dem, was Gott tun will. Denn Gott ist ein der Welt zugewandter Gott.

In der Haltung der Aufmerksamkeit erkennen die beiden Freunde, dass sich etwas bewegt: „Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.“ Sicher erwartete er zunächst einfach Geld. Doch Johannes und Petrus sehen noch mehr als den vordergründigen Wunsch des kranken Bettlers, Geld zu bekommen. Sie nehmen sein dahinter liegendes, sicher schon lang verdrängtes Verlangen, doch wieder ganz gesund zu werden. Und sie sehen, dass Gott im Begriff ist, etwas zu tun. Ihre Augen und Ohren sind nicht nur geöffnet für diesen Mann, sondern auch für Gott

Und so geschieht das Wunder. Das Wunder der Heilung, das Wunder der Verwandlung und der Versöhnung.

Wir können keine Wunder bewirken. Aber wir können lernen, unsere Augen und Ohren zu öffnen und wahrzunehmen, wo unser großer Gott im Begriff ist, ein Wunder zu tun.

Erinnern, Innehalten, Hören und Sehen sind somit Ausdruck von Aufmerksamkeit. Und ein anderes Wort für Aufmerksamkeit ist Liebe.

 

(c) roland werner (zuerst erschienen in AufAtmen 2.2008)

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