Etwas Schönes für Gott: Grundlagen einer geistlichen Ästhetik

Etwas Schönes für Gott: Grundlagen einer geistlichen Ästhetik

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Siehe, ich habe mit Namen berufen Bezalel, den Sohn Uris, des Sohnes Hurs, vom Stamm Juda, und habe ihn erfüllt mit dem Geist Gottes, mit Weisheit und Verstand und Erkenntnis und mit aller Geschicklichkeit, kunstreich zu arbeiten in Gold, Silber, Kupfer, kunstreich Steine zu schneiden und einzusetzen und kunstreich zu schnitzen in Holz, um jede Arbeit zu vollbringen.

2. Mose 31, 1-5

Deine Augen werden den König sehen in seiner Schönheit; du wirst ein weites Land sehen.

Jesaja 33, 17

Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem hernieder kommen aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes; ihr Licht war gleich dem alleredelsten Stein, einem Jaspis, klar wie Kristall.

Offenbarung 21, 10-11

Schönheit ist ein Thema in der Bibel vom ersten bis zum letzten Kapitel. Jeder einzelne Schöpfungstag wird kommentiert mit dem Satz: „Und siehe, war gut!“ Hierin – in der guten Schöpfung – ist auch das Merkmal der Schönheit mit enthalten. Das zeigt jeder Blick in die Natur, im kleinsten Detail und im großen Rahmen: Gott hat die Welt schön geschaffen. Die Psalmen besingen diese Schönheit der Schöpfung und zeigen, dass sich gerade darin die Herrlichkeit Gottes zeigt.

Schönheit in der Bibel

Wer die Bibel einmal unter diesem Blickwinkel durchschaut, der wird sich schnell davon überzeugen, dass in ihr Schönheit von Bedeutung ist. Die Orte der Gottesbegegnung, am Anfang bei der Wüstenwanderung die bewegliche  Stiftshütte und später der feste Tempel wurden kunstvoll geschaffen, jedes Detail war wichtig.

Überall in der Bibel ist ein Sinn für Schönheit, für das angemessene Maß, für Gestaltung, für Form und Darbietung zu erkennen. Die Psalmen und Sprüche sind poetisch durchgeformt. Die Propheten verwendeten Merksprüche und einprägsame Bilder, um ihre Botschaft zu verdeutlichen. Die Künstler, die das Zelt der Gottesbegegnung, die tragbare Stiftshütte herstellen sollten, wurden von Gott eigens dazu ausgewählt und mit seinem Geist begabt. Schon Adam und Eva wurden von Gott dazu berufen und eingesetzt, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Sie sollten die schöne Ordnung Gottes in dieser Welt erhalten und pflegen. Indem Adam den Tieren Namen gibt, ordnet er diesen Teil der Schöpfung, macht ihn erkennbar und benennbar.

Gott liebt Schönheit. Er hat sie in die Grundstruktur der Schöpfung hinein gegeben. Und unser menschliches Tun kann und soll eine Antwort darauf geben. Wir können etwas von der Schönheit und Kreativität Gottes widerspiegeln. Der Gottesdienst im Tempel ist ein Beispiel dafür, wie Schönheit und Wahrheit, Form und Inhalt zusammen gehören. Die Posaunen, die Lobgesänge, die Opferhandlungen, die Gebete, alle stellen dar, dass Gott gut und schön ist, und dass wir Menschen Antwort geben müssen. Antwort darauf, wer Gott ist, wie er ist, und wozu er uns geschaffen hat.

Ästhetik der Liebe

Hier wird der tiefste Grund für eine geistliche Ästhetik offen gelegt. Es geht nicht um „l’art pour l’art“ – Kunst um der Kunst willen. Es geht auch nicht um einen Wettbewerb der Talente und Begabungen. Sondern es geht um die Antwort des Herzens auf Gott. Und damit sind wir bei Frage der Liebe. Jesus betont die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Hingabe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lukas 10, 27) Damit wird ein ganz neuer Maßstab für Schönheit und Wahrheit gesetzt. Nicht äußere Gegebenheiten sind entscheidend, nicht das Aussehen oder der Schein, sondern die Absicht des Herzens.

Das Wort „Ästhetik“ leitet sich vom griechischen Wort „aisthesis“ ab, das „Gefühl, Empfindung“ bedeutet. Es geht um etwas Inneres. Ästhetik bedeutet die Fähigkeit, richtig und angemessen zu empfinden.

Jesus gibt in seiner Aufforderung, Gott zu lieben und den Nächsten – und zwar mit allen Sinnen und Fähigkeiten – die Richtung an, in der sich eine geistliche Lebensästhetik entwickeln kann. Die Liebe zu Gott soll die Grundlage solch einer geistlichen Ästhetik bilden. Und hier ist ein entscheidender Unterschied zu anderen Ansätzen. Denn weder ist die Zweckmäßigkeit der Maßstab für das, was gut, schön und richtig ist, noch die äußere Erscheinung allein.

Eine geistliche Ästhetik muss immer eine Ästhetik der Liebe sein.

Etwas Schönes für Gott

So ist entscheidend, was innere Motivation für unsere Taten ist. Es geht nicht darum, einen schön aussehenden äußeren Schein zu produzieren. Sondern es geht vor allem um die Haltung des Herzens. Ob etwas für Gott und in Gott getan ist, ob es ein echter Ausdruck geistlicher Ästhetik ist, hängt also sehr davon ab, mit welcher Einstellung wir etwas tun. Dies betonten auch die Propheten des Alten Testaments immer wieder. Nicht der äußere Gottesdienst, sondern die Haltung des Herzens ist entscheidend. Jesus setzt ebenfalls das Augenmerk auf das das Herz des Menschen. In der Auseinandersetzung über den Sabbat, und wie er so eingehalten werden kann, dass es Gott wirklich gefällt, sagt Jesus: „‚Ich verlange nach Menschen, deren Herz weit offen ist für andere. An rituellen Opfern liegt mir überhaupt nichts!’ Wenn ihr das verstanden hättet, würdet ihr nicht ständig unschuldige Leute verurteilen!“ (Matthäus 12, 7, eigene Übersetzung).

Etwas Schönes für Gott zu tun bedeutet also, mit einem offenen Herzen, einem Herzen voller Liebe und Dankbarkeit das zu tun, was in einer Situation das Richtige und Angemessene ist: Zu helfen, zu stützen, die Wahrheit zu sagen, Kranke zu trösten, Arme zu unterstützen und vieles mehr. Die geistliche Ästhetik der herzlichen Liebe zu Gott und den Menschen zeigt sich dann in der Umsetzung unseres Lebens. Schön ist, was die Liebe und Wahrheit Gottes offenbart. Ein anderes Wort für Schönheit ist Herrlichkeit. Herrlichkeit ist noch mehr. Herrlichkeit ist das Offenbarwerden Gottes in dieser Welt. „Wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des einzigen, aus ihm geborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1, 14)

Jesus ist die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in Person. In dem, was er tat, wie er lebte, was er lehrte und wie er heilte, zeigt sich der ewige Gott. Die Herrlichkeit Gottes offenbart sich dann in einzigartiger Weise am Kreuz und beim leeren Grab. Das Sterben von Jesus – in aller Brutalität und Grausamkeit – ist ebenso Offenbarung der Herrlichkeit Gottes wie der Sieg seiner Auferstehung. So ist das „Haupt voll Blut und Wunden“, der Mann, an dem wir keine „Gestalt noch Schönheit“ mehr wahrnehmen können, in Gottes Augen schön, wenn auch vielleicht nicht in unseren.

Geistliche Ästhetik ist also immer auch kreuzförmig. Nicht die „Reichen und Schönen“ sind unbedingt „schön“ und angenehm in Gottes Augen, sondern die, die Gottes Liebe und Wahrheit in ihrem Leben widerspiegeln.

Raum für Schönheit

So ist geistliche Ästhetik zuerst „geistlich“ zu beurteilen. Der Apostel Paulus stellt klar: „Wir beurteilen niemanden mehr nach menschlichen Maßstäben („nach dem Fleisch“).“ (2. Korinther 5, 14) Entscheidend ist, was Gott sieht – und der urteilt nicht nach dem Äußeren, sondern sieht auf das Herz.

Und doch: All das bisher Gesagte über geistliche Ästhetik soll nicht als Gegenargument dafür verwendet werden, dass wir Dinge schön und ansehnlich gestalten. Denn Inneres und Äußeres hängen zusammen. Weil Gott die Materie erschaffen hat, weil das „Wort“ zu uns gekommen und „Fleisch“ geworden ist, dürfen wir unsere Aufmerksamkeit auch darauf richten, wie wir etwas tun, und nicht nur, was wir tun.

So entsteht der Raum für Schönheit. Und zwar für Schönheit, die die Wahrheit ausdrückt, die sie darstellen soll. Wenn z.B. Engel, die nach der Aussage der Bibel mächtige Geistwesen sind, als harmlose, verfettete Babys dargestellt werden, dann mag das zwar nett oder sogar „schön“ aussehen, ist aber unter dem Blickpunkt einer geistlichen Ästhetik abzulehnen. Denn diese fragt nicht nur nach „Schönheit“, sondern auch nach Wahrheit.

Dass unsere Kirchen, unsere Gemeindehäuser, unsere Gottesdienst und unser Zusammenleben insgesamt ein Ausdruck geistlicher Ästhetik sein sollte, versteht sich von selbst. Denn wir müssen immer neu den Weg der Inkarnation, der Menschwerdung Jesus, nachgehen. Das Wort muss immer neu Gestalt gewinnen, so dass Menschen in den unterschiedlichsten Kulturen in ihrer Sprache, und auch ihrer Form- und Sinnensprache, die gute Nachricht verstehen. So wird für einen Asiaten eine geistliche Ästhetik andere Formen annehmen als für einen Afrikaner oder Südamerikaner. Eine Jugendkirche wird andere Musik, andere Bilder und auch andere Verhaltensformen als ästhetisch angemessenen Ausdruck einer geistlichen Wahrheit empfinden als eine Gemeinde, die vor allem aus Senioren besteht.

Es muss Raum sein, Raum für Wahrheit, Raum für Schönheit, Raum für Vielfalt. Denn in dem allen kann sich etwas von der Schönheit Gottes widerspiegeln: in der Liebe – also der Ästhetik des Herzens- , in der Wahrheit, – also der Ästhetik des Wortes – , im Dienst – der Ästhetik der Tat -, und in der Schönheit – der Ästhetik der Sinne.

In all dem soll unser Wesen und Wirken den widerspiegeln, von dem der Psalmbeter singt:

„Der Herr ist König und herrlich geschmückt;

der Herr ist geschmückt und umgürtet mit Kraft.

Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt…

Von Anbeginn steht dein Thron fest; du bist ewig.

Dein Wort ist wahrhaftig und gewiss;

Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses, Herr, für alle Zeit.“

Psalm 93, 1-2.5

 

(c) roland werner, zuerst erschienen in AufAtmen 1.2008

Ein Gedanke zu „Etwas Schönes für Gott: Grundlagen einer geistlichen Ästhetik

  1. Bis zum fetten Kinderengel alles o.k. Babies sind nicht mager. Das sagt die Mutter schlanker Kinder und Arztgattin, die so’n Engel als schöne Deko und Kerzenständer im Wohnzimmer hat. Tja. Da lass ich die Passage aus ästhetischen Gründen nachher im Hauskreis aus. LG Ute Kömp, Dipl.Dol.

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