Der Schatz in der Krippe: Von der bleibenden Geltung der Heiligen Schrift

Der Schatz in der Krippe: Von der bleibenden Geltung der Heiligen Schrift

Der Schatz in der Krippe

Von der bleibenden Geltung der Heiligen Schrift

Roland Werner

„Darum lass deinen Dünkel und Fühlen fahren, und halte von dieser Schrift als von dem allerhöchsten, edelsten Heiligthum, als von der allerreichsten Fundgrube, die nimmer genug ausgegründet werden mag, auf dass du die göttliche Weisheit finden mögest, welche Gott hier so alber (= einfach) und schlicht vorlegt, dass er allen Hochmuth dämpfe. Hier wirst du die Windeln und die Krippe finden, da Christus inne liegt, dahin auch der Engel die Hirten weist, Luc. 2,12. Schlichte und geringe Windeln sind es, aber theuer ist der Schatz, Christus, der drinnen liegt.“ (Martin Luther: Vorrede auf das Alte Testament)

„Der Herrn und Fürsten Briefe, sagt man, soll man dreimal lesen; aber wahrlich, unsers Herrn Gottes Briefe (denn so nennt St. Gregorius die Heilige Schrift) soll man dreimal, siebenmal, ja siebenzigmal siebenmal, oder, dass ich noch mehr sage, unendlichemal lesen.“ (Martin Luther zu 1. Mose 17,7)

Was auf dem Spiel steht

Kann man der Bibel vertrauen? Kann ich, will ich der Bibel vertrauen? Und wenn ja, warum und bei welchen Themenbereichen? Gibt es Teile der Bibel, die wichtiger sind als andere? Kann ich als Einzelner für mich entscheiden, welche Aussagen in der Bibel ich für verbindlich halte und annehme und welche nicht? Kann das eine einzelne Kirche oder Gemeinde für sich entscheiden? Oder ist die Gültigkeit der Bibel etwas, das nur die Gesamtchristenheit gemeinsam festlegen kann?

Fragen über Fragen. Fragen, die, wenn wir sie an uns heranlassen, richtig „aufregend“ im eigentlichen Wortsinn sind. Wir spüren, dass sich an der Frage unserer Stellung zur Bibel sehr viel entscheidet, ja alles: Wahrheit und Klarheit von Glaube und Lehre, Verbindlichkeit von Geboten und Werten, Kirchenordnung und persönlicher Glaube und vieles mehr. Unsere Dogmatik und unsere Ethik, unser Bild von Gott und vom Menschen, alles hängt von der Autorität ab, die wir der Bibel zubilligen – oder eben nicht.

Von der Autorität der Heiligen Schrift

Wer wie ich in der evangelisch-reformierten Tradition aufgewachsen ist, hat im Konfirmandenunterricht den christlichen Glauben aus dem Heidelberger Katechismus gelernt. Darin wird jede der 129 Fragen und Antworten ausführlich mit einer Reihe von Bibelstellen begründet. Insgesamt sind es über 700 einzelne Bibelzitate, davon etwa 25 Prozent aus dem Alten Testament, 75 Prozent aus dem Neuen Testament und sogar eine aus den Apokryphen (Jesus Sirach 3,27).

Das heißt: Die Grundlage, auf der der Katechismus aufgebaut ist, und damit der Garant für die Wahrheit und Verlässlichkeit seine Aussagen findet sich vollständig und ausschließlich in der Heiligen Schrift, der Bibel. An ihrer Begründbarkeit durch die Bibel beweist sich jede Aussage.

Damit steht der Heidelberger Katechismus ganz und gar auf der Seite der Reformation, ja auf der Seite Martin Luthers, der das „Schriftprinzip“ als Grundlage aller kirchlichen Lehrentscheidungen einforderte, nämlich „dass allein die Schrift regiere“ (solam scripturam regnare). Ebenso ging er von ihrer „inneren und äußeren Klarheit“ (claritas interna et externa) aus sowie, dass sie „sie ganz sicher, ganz deutlich und ihr eigener Ausleger“ (certissima, apertissima, sui ipsius interpres) sei. Diese Gewissheit, dass die Bibel hinreichend sei, bildete seit der Reformation die Basis für alle „Proteste“ der Protestanten gegenüber den Versuchen von römisch-katholischer Seite, die Heilige Schrift als eben nur eine Quelle der Offenbarung zu sehen, die durch die Tradition der Kirche und das päpstliche Lehramt ergänzt und interpretiert werden müsse.

Der feste Grund

So zeigt auch sein Rekurs auf die Heilige Schrift, den Martin Luther 1521 – übrigens schon als Ketzer in den Kirchenbann getan – auf dem Reichstag in Worms vor dem Kaiser und den weltlichen und geistlichen Fürsten grundlegend und endgültig formulierte, die Bedeutung der Bibel für sein Verständnis des christlichen Glaubens: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde, denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“

So war für Martin Luther und die Reformatoren die Bibel als Wort Gottes gültige Grundlage und unverhandelbarer Maßstab für Glaube und Leben.

„Ob sie Christum treiben oder nicht“

Jedoch, und das wird häufig in der Diskussion um die Geltung der Bibel ins Feld geführt, fanden sich auch schon bei Luther Ansätze, eine gewisse Unterscheidung zwischen der Heiligen Schrift und dem Wort Gottes als solchem zu treffen. So schreibt er in seiner „Vorrede auf die Epistel S. Jacobi und Jude“ (Jakobus- und Judasbrief): „Darin stimmen alle rechtschaffenen Bücher überein, dass sie allesamt Christus predigen und treiben. Auch das ist der rechte Prüfstein, alle Bücher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christum treiben oder nicht. Sintemal alle Schrift Christum zeiget und S. Paulus nichts denn Christum wissen will. Was Christum nicht lehrt, das ist nicht apostolisch, wenn es gleich S. Petrus oder Paulus lehrte. Wiederum, was Christum predigt, das wäre apostolisch, wenn’s gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes tät.“ Diese und ähnliche Aussagen Luthers werden in Diskussionen über das angemessene Schriftverständnis immer wieder zitiert und als Beweis dafür bemüht, dass der Reformator es sich herausgenommen habe, von einem „christomonistischen“ Prinzip her frei und selbstständig über die Heilige Schrift zu urteilen („christomonistisch“ heißt: Es gibt keinen anderen Maßstab als ausschließlich Christus).

Doch wer genau hinschaut, entdeckt etwas anderes. Denn erstens erhebt Luther sein Prinzip „was Christum treibt und lehrt“ aus der Heiligen Schrift selbst und bestätigt damit ihre Autorität. Zweitens wagt er keine endgültige Festlegung, was in der Bibel bzw. welches Buch in der Schrift wirklich sein Kriterium erfüllt, sondern lässt es als offene Anfrage und nennt sogar Paulus (den er ja als Kronzeugen anführt) in der Aufzählung der biblischen Autoren, die danach zu lesen und zu beurteilen seien. Das bedeutet drittens, dass der Reformator sich eben nicht herausnimmt, aufgrund eines theoretischen (sei es formalen oder inhaltlichen) Prinzips „was Christum treibt und lehrt“ heraus endgültige Urteile zu fällen. Es zeigt sich, dass Luther keinesfalls selbstherrlich oder nach eigenem Gutdünken einen „Kanon im Kanon“ aufbauen wollte.

Auch hat er später seine früheren kritischen Urteile über biblische Bücher wie z.B. die Offenbarung zurückgenommen. Deshalb sind Luthers vielfältige Aussagen zur Inspiration der Heiligen Schrift durch den Geist Gottes mit in die Waagschale zu werfen. Sie zeigen, wie wichtig ihm die daraus folgende Verlässlichkeit und Geltung der Bibel war.

Verbum Dei manet in aeternum

So ist insgesamt festzuhalten, dass der Reformator eine sehr hohe Meinung von der Inspiration der Heiligen Schrift hatte und sie in allen seinen Reden und Schriften ohne Wenn und Aber als verbindliches Wort Gottes anführte, gerade in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern. Nicht umsonst dichtete er frisch und frei: „Das Wort sie sollen lassen stahn und kein Dank dazu haben!“ Und nicht umsonst konnte er schreiben: „Wer nun diese Historien nicht vergeblich lesen will, der soll es gewiss dafür halten, dass die Heilige Schrift keine menschliche, sondern göttliche Weisheit ist: und alsdann wird er empfinden, dass sein Herz wunderbare große Liebe und Verlangen haben wird nach den Dingen, so in der heiligen Schrift sind“ (Martin Luther zu 1. Mose 25). Und als beim Reichstag zu Speyer die evangelischen Fürsten und ihr Gefolge mit dem Motto „Verbum Dei manet in Aeternum“ auf ihrer Kleidung erschienen, fassten sie mit diesem Zitat aus Jesaja 40 prägnant zusammen, was sie von Martin Luther und den anderen Reformatoren gelernt und als Begründung für ihren „Protest“ gegenüber der altgläubigen Partei unmissverständlich deutlich machen wollten. Für sie war unverkennbar die Bibel identisch mit diesem „Wort“, das „in Ewigkeit bleibt“.

Das Wort im Wort?

Eine Unterscheidung zwischen der Heiligen Schrift als Wort Gottes und dem „Wort Gottes“ wurde – nach einigen theologiegeschichtlichen Entwicklungen, die wir hier nicht im Einzelnen anschauen können – im 20. Jahrhundert in der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung in klassischer Weise formuliert und damit weiten Kreisen bekannt gemacht:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (These 1)

In dieser grundlegenden Standortbestimmung angesichts der theologischen und ideologischen Herausforderungen in der Zeit des so genannten „Dritten Reichs“ wird also Jesus Christus als das eigentliche „Wort Gottes“ bezeichnet, das als „Gottes Offenbarung“ und „Quelle der Verkündigung“ zu gelten habe. Oberflächlich betrachtet hat es den Anschein, dass damit die Autorität und Verbindlichkeit der Bibel als „Wort Gottes“ ausgehebelt werden könne. So geschieht es zuweilen in gegenwärtigen theologischen Diskursen, die von „Barmen“ ausgehend eine Trennung zwischen Jesus Christus als dem eigentlichen Wort Gottes und der Bibel als nachgeordnetem Wort Gottes feststellen will.

Jesus Christus und die Heilige Schrift

Dazu ist zu sagen: Ja, „Barmen“ nennt Jesus Christus „das eine Wort Gottes“, aber hat damit in keiner Weise die Absicht, die Bibel als „Wort Gottes“ abzuwerten. Wer das in die Barmer Theologische Erklärung hineinzulesen versucht, widerspricht ihrer inneren Sinnhaftigkeit.

Um dieses mögliche Missverständnis von vornherein auszuschließen, schiebt die Barmer Theologische Erklärung selbst solch einer Abspaltung und Loslösung von Jesus Christus als dem „einen“ Wort Gottes von der Bibel  – die ja ebenfalls „Wort Gottes“ ist – gleich einen doppelten Riegel vor. Zunächst einmal wird jede ihrer sechs Thesen mit jeweils zwei programmatischen Bibelzitaten eingeleitet, die damit offensichtlich den Status von verbindlichen, autoritativen Aussagen und Beweisen für die Wahrheit der jeweils folgenden These erhalten. In dieser Praxis folgt „Barmen“ deutlich dem Heidelberger Katechismus und den Reformatoren insgesamt, indem auf diese Weise jeweils – als eindeutig und zwingend verstandene – Schriftbeweise geführt werden.

Und zweitens wird unmittelbar und unverzüglich in These 1 ausgesagt, dass eben „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird …“, dieses „eine Wort Gottes“ ist. So werden hier Jesus Christus und die Heilige Schrift unmittelbar und untrennbar aufeinander bezogen und miteinander verknüpft.

Keine theologische Leerstelle

Mit anderen Worten: „Jesus Christus“ als „Wort Gottes“ ist kein „theologoumenon“, keine theologische, geschweige denn philosophische Leerstelle, die beliebig gefüllt oder von der Heiligen Schrift abgelöst werden kann. Genau das war ja der Punkt, den die Thesen der Barmer Theologischen Erklärung in der Auseinandersetzung mit den sogenannten „Deutschen Christen“ machten. Die Erklärung führte „Jesus Christus nach der Heiligen Schrift“ als Gegenargument, als Korrektur gegen die Umdeutungsversuche an, die damals Jesus völlig losgelöst von der Geschichte und der Bibel als „Arier“ verstehen und darstellen wollten.

So hält „Barmen“ fest: Jesus Christus ist hier und nur hier, nämlich in der „Heiligen Schrift“, verbindlich bezeugt. Nur durch diese Heilige Schrift kommen wir überhaupt an Jesus Christus heran. Ohne sie wüssten wir nichts von ihm, wenn man von den mageren Notizen über ihn bei Josephus Flavius, im babylonischen Talmud oder bei einigen antiken und frühchristlichen Autoren einmal absieht.

Jesus Christus ist nicht ohne die Bibel zu haben. Und deshalb ist er ist auch nicht als eigenes Kriterium „gegen die Bibel“ zu verwenden! Es geht nicht an, „solus Christus“ gegen „sola scriptura“ auszuspielen. Genauso wenig ist es zulässig, „Jesus“ gegen „Paulus“ auszuspielen oder den „synoptischen Jesus“ gegen den „johanneischen Jesus“. All diese Versuche laufen letztlich ins Leere und sind häufig motiviert von dem Versuch, sich Jesus passförmig zu machen, ihn dem eigenen Vorurteil und den je besonderen Vorlieben entsprechend zurechtzubiegen. Nein, wie wir es auch drehen und wenden wollen, wir gelangen am Ende immer zum „biblischen Jesus“ in seiner Gesamtbezeugung – oder wir landen bei einem völlig willkürlichen, selbstgebastelten Jesusbild.

So ist es unabdingbar, dass wir unser jeweiliges eigenes Verständnis von Jesus Christus immer an der Bibel messen und durch sie korrigieren lassen müssen. Nur durch sie erkennen wir, ob wir den wirklichen Jesus Christus vor Augen haben oder ob wir ein Jesusbild nach unserem eigenen Gusto zu erschaffen versuchen, das letztlich nichts anderes als ein Konstrukt unserer Vorurteile und Wünsche ist.

Ein göttlicher Kreislauf

Die Suche nach dem „Wort Gottes“ im „Wort Gottes“ ist ein immer neu auf sich selbst zurückzuführendes Geschehen. Jesus ist nicht von der Bibel zu trennen und auch die Bibel nicht von Jesus. Doch das ist – Gott sei Dank! – kein „circulus vitiosus“, kein „Teufelskreis“, in dem wir da stecken, sondern ein „circulus divinus“, ein „göttlicher Kreislauf“. Wir kommen nicht hinter die Bibel zurück zu einem „eigentlichen“ Jesus. Wir kommen auch nicht an Paulus oder Matthäus oder Lukas oder irgendeinem der neutestamentlichen Autoren vorbei zu einem „idealen“, „wirklichen“ oder „reinen“ Jesus. All diese Versuche, den „wahren“ Jesus aus der Bibel herauszuschälen, die vor allem im 19. Jahrhundert und zum Teil bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts unternommen wurden, sind gescheitert.

Wir haben eben nur die Bibel, um zu Jesus Christus zu kommen. Aber wir haben in der Bibel alles, was wir brauchen, um ihn zu erkennen und zu lieben. Die Bibel ist in diesem Sinne – die „Väter von Barmen“ würde wohl zustimmen – eben auch das „eine Wort Gottes“, das wir zu hören und dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen haben. Denn ein von der Bibel losgelöster Jesus ist ein Phantom, ein mystisches Gespinst oder ein theologisches Konstrukt, das wie uns wie ein Nebelhauch zwischen den Fingern entwischt. Genau dagegen positioniert sich ja die Barmer Theologische Erklärung!

Der Schriftbeweis – schon in der Bibel?!

Es bleibt dabei: Die „Schrift“ steht im Zentrum unseres Glaubens. Sie ist Grundlegung und Maßstab, Referenzpunkt und Kriterium zugleich. Der Schriftbeweis ist schon in der Bibel selbst vielfach angelegt und formuliert. Das gesamte Neue Testament bezieht sich auf das „Alte“ Testament, zitiert es wörtlich oder auch sinngemäß und begründet an unzähligen Stellen seine Aussagen durch den Hinweis auf die Heilige Schrift.

So betont Paulus: „Als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift …“ (1. Korinther 15,3-4, lü) Auch Lukas betont den Beweis durch die Schrift als entscheidend: „Da sagte er (Jesus) zu ihnen: ‚Ihr seid wirklich unverständig und eure Herzen sind unbeweglich geworden! So könnt ihr dem nicht Glauben schenken, wovon doch alle Propheten gesprochen haben. War es nicht unbedingt notwendig, dass der Messias dieses Leiden auf sich nimmt und dadurch dann zu der ihm zustehenden Ehrenstellung kommt?‘ Dann fing er an bei den Büchern von Mose und von allen Propheten und erklärte ihnen das, was in all diesen heiligen Schriften über ihn ausgesagt wird“ (Lukas 24,25-27 db).

Die Heilige Schrift bei Jesus

Die Bezugnahme auf die Heilige Schrift – die Hebräische Bibel, das „erste Testament“ – finden wir so durchgängig im Neuen Testament, dass wir in der Tat davon ausgehen können und müssen, dass die Wurzel für diesen „Schriftbeweis“ in der Praxis von Jesus selbst zu suchen und zu finden ist. Er selbst bezog sich in seiner Lehrunterweisung sowie in seinem Selbstverständnis auf die heiligen Schriften des Volkes Israels. Er sprach von sich selbst als dem „Menschensohn“ (Markus 10,45) – eine Bezugnahme auf Daniel 7 und andere Stellen – und davon, dass er sein Leben als „Lösegeld für die Vielen“ geben würde (Markus 10,45, vgl. Jesaja 53,11-12). Er diskutiert mit den Pharisäern und Schriftgelehrten aufgrund der Heiligen Schrift, so z.B. in der Frage, wer der wahre Davidssohn sei (vgl. Psalm 110 und Psalm 2), ja er betete noch am Kreuz mit Psalm 22 Worte der Heiligen Schrift: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen…?“ Und in diesem Gebet der Verlassenheit ist schon die Hoffnung, ja die Gewissheit der Auferstehung enthalten (Psalm 22,25-32).

Die ganze Heilige Schrift …

Die Verknüpfung von Altem und Neuen Testament zu einem Gesamtzeugnis ist  also mehr als eine Reihe von einzelnen, isolierten Schriftbeweisen. Sie stellt vielmehr eine Grundstruktur der biblischen Offenbarung dar. Neben das Prinzip „sola scriptura“ tritt demnach notwendigerweise das „tota scriptura“:  Es ist die ganze Bibel, die uns Gottes Geschichte mit den Menschen erzählt, die uns Gottes Willen zeigt, die uns Jesus Christus als Erfüllung aller Verheißungen Gottes vor Augen führt.

… von Gottes Geist eingegeben

Sie ist als ganze „von Gott eingegeben“, wie Paulus (manche meinen: ein Paulusschüler, der dann aber sicher ganz in Paulus’ Linie gedacht und geschrieben haben wird) im 2. Timotheusbrief festhält: „Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“  (2. Timotheus 3,14-16) lü, Und diese „ganze Schrift“ mitsamt aller ihrer Zusagen wird in und durch Jesus bestätigt: „In Jesus sind alle Verheißungen Gottes Ja und in ihm sind sie Amen“ (2. Korinther 1,20).

Im 2. Petrusbrief wird dieses Verständnis der Bibel als Zeugnis gegebener und erfüllter Prophetie klassisch ausgedrückt  (und dabei ist auch hier, nebenbei gesagt, unerheblich, wer der letztendliche Verfasser dieser neutestamentlichen Schrift ist, da hier die gemeinsame Auffassung der ersten Christen von der Heiligen Schrift als verlässliches, durch den Heiligen Geist inspiriertes Zeugnis der Redens Gottes zusammengefasst wird): „So steht für uns die prophetische Aussage umso fester da. Und ihr tut das Richtige, wenn ihr genau darauf achtet wie auf eine Lichtquelle an einem dunklen Ort, und zwar bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht. Dabei sollt ihr das als Erstes wissen: Keine einzige prophetische Aussage in Gottes Buch ist eine Sache selbst gemachter Deutungen. Denn keine dieser prophetischen Aussagen ist je durch den Willen eines Menschen hervorgebracht worden. Sondern durch die Einwirkung des heiligen Gottesgeistes wurden Menschen bewegt und sprachen Dinge aus, die von Gott her kamen“  (2. Petrus 1,19-21 db).

So ist festzuhalten: Die Bibel spricht von sich selbst als von dem inspirierten Wort Gottes, und zwar gerade im und durch das Wort von Menschen. Dass die Bibel zugleich „Gottes Wort“ und „Menschenwort“ ist, ist kein Gegensatz, sondern offenbart, wie Gott redet, eben durch Menschen.

Die Knechtsgestalt des Wortes Gottes

Hier sind wir bei der Eigenart der Bibel als „Heiliger Schrift“, die sie zum Beispiel grundlegend vom Koran unterscheidet. Denn nach orthodoxer islamischer Auffassung ist der Koran die originalgetreue Kopie der „Mutter des Buches“, die als ewiges „Wort Gottes“ in arabischer Sprache im siebten Himmel aufbewahrt ist. Dieses wurde dem Gesandten Gottes Muhammad während 23 Jahren Stück für Stück eingegeben, nachdem er in der „Nacht der Kraft“ („lailat al-qadr“) im Monat Ramadan 609 n.Chr. die ersten Verse empfing, vermittelt durch den Engel Dschibrail. Der Koran ist demnach in islamischer Auffassung ein rein „himmlisches“ Buch, ewig unveränderlich und ohne jede Einwirkung von Menschen entstanden.

Dem gegenüber ist die Bibel wirklich auch Menschenwort und macht das auch vielfach selbst deutlich. Sie ist geschrieben über einen Zeitraum von Jahrhunderten, von einer großen Zahl von Autoren aufgrund ihrer Erfahrungen mit Gott, ihrer Nachforschungen und der mündlichen Überlieferung vieler Menschen, die weitererzählten, was sie von Gott und seinem Handeln wussten und erlebt hatten.

Weil die Bibel auch „Menschenwort“ ist, haben wir gleich vier Evangelien, eben das von Matthäus, das von Markus, das von Lukas und das von Johannes. Wir finden in der Bibel Briefe von Paulus, Petrus, Johannes, wir finden die Bücher der Propheten und Weisen, Gebete von David und Asaf und den Korachiten sowie Schriften von vielen Autoren, deren Namen wir überhaupt nicht kennen. Manche der biblischen Bücher sind offensichtlich Zusammenstellungen aus früheren Texten, und bei manchen ist der Urtext nicht eindeutig zu erfassen. Das zu erkennen und auch zu benennen ist wesentlich für das Selbstverständnis der Bibel.

Auch in der Überlieferung der biblischen Texte, die erstaunlich genau und in vielfältigen Manuskripten stark bezeugt ist, gibt es dennoch einzelne Unklarheiten und undeutliche Stellen. Wir haben also zwar einen fast sicheren „Grundtext“, aber eben keinen einhundertprozentig festen „Urtext“.

Auch sind die literarischen Gestalten und Ebenen der biblischen Texte sehr unterschiedlich. Ein Markus schreibt einfacher als der geschliffenere Lukas, ein Psalm ist dichter und kompakter als ein Erzähltext. Diese vielgestaltige Wirklichkeit meinte Luther, wenn er von der Bibel als von „Windeln“ und einer „Krippe“ sprach. Äußerlich gesehen ist sie eben kein Buch aus einem Guss, sondern maximal ein „Buch der Bücher“, unterschiedlich, teilweise grob und einfach, teilweise elegant und durchstilisiert.

Diese „Knechtsgestalt“ des Wortes Gottes macht manchem zu schaffen. Kann es wirklich sein, dass Gott sich durch dieses Buch zu erkennen gibt? Können wir wirklich von einer „claritas“ der Heiligen Schrift sprechen, wenn es manche Unklarheiten und Uneindeutigkeiten gibt?

Wir kommen nicht weiter als zu dieser Feststellung und zu diesen Fragen. Am Ende bleibt es bestehen: Wir haben nur diese Bibel. Sie ist das Ergebnis eines langen Weges, eine langen internen Redaktion, die jedoch, und das dürfen wir nicht vergessen, immer von glaubenden und gottesfürchtigen Menschen vorgenommen wurde. Sie haben sozusagen unter „Gebet und Flehen“ an diesen Texten gefeilt, im Bewusstsein ihrer Verantwortung, an diesem heiligen Text zu arbeiten. Das Endergebnis ist der Text, der uns heute vorliegt, in seiner Schönheit und mit seinen Lücken und Macken.

Kommunikation und Übersetzung

Das Wesen der Bibel liegt gerade darin, dass sie die Brücke schlägt zwischen Gottes Reden und unserem menschlichen Ohr. Deshalb ist sie in sich selbst schon ein Akt und zugleich das Produkt intensivster Kommunikation. Sie enthält sowohl Gottes direktes Reden an uns, so z.B. in den Zehn Geboten: „Ich bin der Herr, dein Gott….“ (2. Mose 20,2), als auch menschliche Ansprache und Antwort auf Gott: „Rede, Herr, dein Knecht hört!“ (1. Samuel 3,9) Dabei bleibt bestehen: Die Bibel als Ganze ist Gottes Wort an uns.

Die menschliche Gestalt dieses Wortes ist in den Sprachen Hebräisch mit einem geringen Anteil Aramäisch (Altes Testament) und Griechisch (Neues Testament) schon eine Festlegung auf bestimmte sprachliche Möglichkeiten und Begrenzungen. Dass uns die Worte von Jesus auf Griechisch erreichen, während er selbst in seiner Lehrunterweisung ja Aramäisch (und, wie jetzt wieder mehr ins Blickfeld gerückt ist) auch Hebräisch gesprochen hat, bedeutet, dass hier schon ein erster Übersetzungsvorgang stattgefunden hat. Die Wahl dieser Sprache durch die neutestamentlichen Autoren ist ebenfalls von Bedeutung. Als Sprache der gebildeten Schicht des römischen Reiches im Westen und als Umgangssprache des Ostteils dieses Reiches und der angrenzenden Regionen war Griechisch das Medium, mit dem man „so viele wie möglich“ direkt und unmittelbar erreichen konnte. Die schon im Schreibprozess durchgeführte „Übersetzung“ der neutestamentlichen Schriften in die lingua franca dient also dem Ziel der möglichst weiten Verbreitung und Verständlichkeit der Jesusbotschaft. Ähnlich diente den frühen Christen – wie vielen Diasporasynagogen – die Septuaginta, also die griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel, als Grundlage der Katechese und Theologiebildung.

Dass die Bibel von Anfang an übersetzbar war und übersetzt wurde, und zwar in der Folge in zahlreiche weitere Sprachen wie Syrisch, Koptisch, Lateinisch, Gotisch, Armenisch, Georgisch, Ge’ez, Nubisch usw., zeigt, dass diese Kommunikationswege, diese Bewegung hin zu den Menschen, als missionarischer Impuls in der frühen Christenheit angelegt und eng mit der Bibel verbunden war….

(Auszug aus  meinem Beitrag zum Buch „Glaubwürdig aus guten Gründen. Warum wir der Bibel vertrauen können“. (Hrsg. Ulrich Wendel, SCM R.Brockhaus 2017)

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