Zielgerichtet evangelisch – Was das Wort „Evangelikal“ eigentlich bedeutet

Zielgerichtet evangelisch – Was das Wort „Evangelikal“ eigentlich bedeutet

Zielgerichtet Evangelisch

Was das Wort „evangelikal“ eigentlich bedeutet

und:

Wie wir den evangelikalen Konsens für die Weite des Reiches Gottes fruchtbar machen können

(PS zuerst erschienen im Buch: „Der E-Faktor“ von Ulrich Eggers/Markus Spieker (Hrsg.) 2005)

I.

Was bedeutet für mich „evangelikal“? Und warum bin ich mit Überzeugung Teil der Bewegung, die sich diesen Namen gefallen lässt?

Evangelikale Spurensuche

Es geht nicht leicht über die Zunge, das Wort „evangelikal“. Man merkt ihm an, dass es ein Fremdwort ist, oder genauer gesagt, ein Lehnwort, das Produkt einer Übersetzung des englischen Wortes „evangelical“. Als solches sollte es auf deutsch eigentlich als „evangeliumsgemäß“ wiedergegeben werden, oder einfach als „evangelisch“. Denn schließlich gilt diese Entsprechung auch bei anderen Begriffen, so heißt die „Evangelisch-Lutherische Kirche“ auf englisch einfach „Evangelical Lutheran Church“. Die internationale „Evangelical Alliance“ heißt auf deutsch stimmig „Evangelische Allianz“. So wäre statt „evangelikal“ eigentlich „evangelisch“ die angemessene Übersetzung des englischen Begriffes.

Und doch haben sich Verantwortliche innerhalb der sich in der Mitte des zwanzigsten Jahrhundert stärker formierenden „evangelikalen“ Bewegung dazu entschieden, dieses Lehnwort als Kennzeichen ihrer Gemeinsamkeit zu prägen. Möglicherweise war ihnen der Begriff „evangelisch“ nicht klar genug, denn auch dieser hatte eine Bedeutungsveränderung erfahren. Die ursprüngliche Bedeutung, nämlich „dem Evangelium entsprechend“ ist häufig nicht mehr die erste gedankliche Assoziation bei diesem Wort. Für viele Zeitgenossen heißt „evangelisch“ eher „nicht-katholisch“ oder auch „nicht so dogmatisch“ oder auch „aufgeklärt, liberal und dennoch kirchlich“. Diese zugegebenermaßen etwas impressionistische Analyse lässt zumindest eines erkennen: Begrifflichkeiten sind nicht immer leicht und eindeutig, sind aber wichtig und wirkmächtig, können prägen, können verbinden, aber auch Trennlinien aufzeigen und auseinander führen.

„Evangelikale“ Dynamik

Entstanden ist die evangelikale Bewegung, wie vieles andere Gute auch, in England, und zwar innerhalb der anglikanischen Staatskirche. Dort gab es in der Folge der das ganze Vereinigte Königreich umfassenden methodistischen Erweckung auch eine innere Erneuerung der „Church of England“. Die, die zurück zu den Wurzeln des Evangeliums wollten und eine Betonung auf den Glauben und die innere Erweckung des Einzelnen legten, wurden „evangelicals“ genannt, im Gegensatz zu den einige Jahrzehnte später aufkommenden Rekatholisierungstendenzen der „High Church“. Dabei war „evangelical“ primär vom Wortsinn verstanden und meinte ein direkt am Neuen Testament orientiertes Christentum, das sich nicht nur in der persönlichen Nachfolge Christi auswirkte, sondern auch konkrete und praktische Konsequenzen nach sich zog, und zwar in zwei Hinsichten:

Die eine war die Hinwendung zum Nächsten, gerade zum sozial Benachteiligten, dem aktive Hilfe zukommen sollte, mit dem einhergehenden Kampf um gesellschaftliche Veränderung und gerechtere Verhältnisse, um die Würde, Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen zu gewährleisten. So nimmt es nicht wunder, dass die Jahrzehnte währende, aber am Ende erfolgreiche Kampagne zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Reich von führenden „Evangelicals“ wie Wilberforce und Lord Shaftesbury initiiert und durchgehalten wurde.

Die zweite Zielrichtung dieser Bewegung war das Bestreben, dem biblischen Missionsauftrag Folge zu leisten, „alle Völker zu Jüngern zu machen“ (Mt 28, 18-20). Dieser Impuls wurde sowohl innerhalb Großbritanniens als auch im weltweiten Horizont umgesetzt und führte im Lauf der Zeit zum Entstehen der „jungen Kirchen“ vor allem in Afrika und Asien. Die „evangelikalen“ Christen innerhalb und außerhalb der anglikanischen Kirche, zusammen mit sinnesverwandten Christen in anderen Ländern, z,B. den weltoffenen Pietisten Süd- und Westdeutschlands, den Missionsbemühungen der Freikirchen und nicht zuletzt dem „American Board“ der Presbyterianer, prägten so das Gesicht des evangelischen Zweigs der Weltkirche.

Die Dynamik der „Evangelicals“ war an der Entstehung vieler internationaler Zusammenschlüsse maßgeblich beteiligt. Nicht zuletzt der internationale Bund der YMCA (Christlicher Verein Junger Menschen) wurde aus diesem Impuls 1855 in Paris gegründet, die Weltweite Evangelische Allianz 1846 in London, beides Vorläufer und Paten des erst 1948 gegründeten Ökumenischen Rats der Kirchen, der sich in einer direkten Linie der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 sieht, die auch wiederum von evangelikalen Missionaren, Pastoren und Theologen unter der Leitung von John R. Mott einberufen und gestaltet wurden.

Die „ältere“ evangelikale Bewegung, die ich bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ansetzen würde, hatte somit eine ungeheure Auswirkung auf die Gestalt der evangelischen Christenheit bis auf den heutigen Tag.

„Evangelikale“ Gegensätze?

Dabei ist es klar, dass der Begriff „evangelical“ als Definition für einzelne Christen und eine ganze Bewegung von Anfang an auch eine gewisse Kritik an anderen Lagern und Bewegungen in der Kirche beinhaltete.

Geschichtlich war es zunächst der Gegensatz zu den katholisierenden Tendenzen innerhalb der anglikanischen Kirche. Hier waren es die „Evangelicals“, die um den Erhalt der reformatorischen Lehre in der Kirche Englands kämpften.

Eine zweite Front war die Frage nach der Stellung der so genannten Laien, also der Christen ohne besondere Ordination. Auch hier setzten sie sich für die reformatorische Wiederentdeckung des „Priestertums aller Gläubigen“ und der daraus folgenden Beauftragung zum Zeugnis und Dienst aller Christen ein. Gemeinsam mit den Christen der Freikirchen, die schon seit den „Dissenters“ im Vereinigten Königreich eine viel stärkere Rolle spielten als im konfessionell zerklüfteten und kleinstaatlich organisierten Deutschland, nahmen die „Evangelicals“ der Kirche von England für sich in Anspruch, das einfache, klare, zentrale Christentum zu suchen und zu verkörpern.

Sie bildeten somit ein Ferment gegen obrigkeitliche Machtansprüche kirchlicher Hierarchien und drängten auf eine Demokratisierung der Kirche, die das urchristliche Ideal von einmütiger Geschwisterlichkeit gegenüber einer weltförmigen, politisch mit dem Staat verflochtenen und an dessen hoheitlichen Entscheidungen beteiligten kirchlichen Hierarchie betonten, in der die Bischöfe zugleich „Lords“ im Oberhaus waren und teilweise mehr an aristokratischem Zeitvertreib als an der Pflege der ihnen anvertrauten Herde interessiert zu sein schienen. Die „Evangelicals“ verkörperten – nicht nur in der methodistischen Bewegung – neben der Stimme des „einfachen Evangeliums“ auch die Stimme des „einfachen Mannes“ auf der Straße.

Eine weitere Frontstellung ergab sich für die „evangelikalen“ Christen, auch auf dem europäischen Festland, folgerichtig. Da sie das Wesen der Gemeinde nicht in den kirchlichen Strukturen, sondern in den glaubenden Menschen sahen, arbeiteten sie naturgemäß konfessionsübergreifend. In einer Zeit, in der teilweise noch nicht einmal zwischen „reformierten“ und „lutherischen“ Kirchen Abendmahlsgemeinschaft bestand, und in der Freikirchen teilweise, zumindest in Deutschland, verboten oder zumindest häufig stark behindert wurden, trafen sich die „Evangelikalen“ aus verschiedensten kirchlichen Hintergründen „brüderlich“ und einmütig zu gemeinsamem Gebet, gemeinsamer Bibelauslegung und nicht zuletzt zu gemeinsamer Aktion.

Damit wurden sie zu Vorreitern ökumenischen Bewusstseins, unter anderem, weil sie das „hohepriesterliche Gebet“ von Jesus in Johannes 17 ernst nahmen und sich davon zur Einheit inspirieren ließen.

„Evangelikal“ – eine Kampfansage?

Neben den Gegensätzen „evangelikal – katholisierend“, „evangelikal – konfessionell“, „evangelikal – hierarchisch“, die vor allem im 19. Jahrhundert wirksam waren, bildeten sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts weitere Gegensätze heraus.

Angesichts des Erstarkens der so genannten „liberalen“ Theologie, die als eine Spätfolge der „Aufklärung“ angesehen werden kann, besannen sich die, „die mit Ernst Christen sein wollten“, auf die Basis des Glaubens. In den USA bekannten sich führende Persönlichkeiten der evangelikalen Bewegung zu den so genannten „fundamentals“, den Grundlagen des christlichen Glaubens, und versuchten damit, aufklärerische, „liberale“ Einflüsse abzuwehren. Das brachte einem Zweig der evangelikalen Bewegung in den USA den Namen „fundamentalists“ ein, also Leute, die die Grundlagen nicht aufgeben wollten. Innerhalb der evangelikalen Bewegung jedoch, die, um es ein letztes Mal zu betonen, kirchen- und länderübergreifend häufig den „harten Kern“ der evangelischen Kirchenmitglieder ausmachte, führte dies zu einer gewissen Ausdifferenzierung. Manchen war das Anliegen der Einheit und der Evangelisation bzw. Weltmission wichtiger als das der „Rechtgläubigkeit“, ja, sie fürchteten eine erneute konfessionelle und damit neo-orthodoxe Verengung. So entwickelten sich innerhalb der evangelikalen Bewegung zwei Flügel, der mehr „dogmatische“ und der eher „pragmatische“, wobei diese Unterscheidungen manchmal nur Nuancen der Betonung ausdrückten.

Doch insgesamt hatte sich die evangelikale Bewegung damit ein weiteres Anliegen auf die Fahnen geschrieben: Den Kampf um die Autorität der Bibel als Maßstab für Glauben und Leben. Es ist nicht falsch zu sagen, dass diese neue Kampffront von außen aufgedrängt wurde, denn erst in dem Maße, in dem Teile der Kirchen von diesem bisherigen evangelisch-reformatorischen Konsens abwichen, „mussten“ sich die „evangelikalen“ Evangelischen auch dieser wichtigen Frage annehmen.

Durch die neue Betonung der „rechten Lehre“ bzw. des Versuchs der Wahrung des bisherigen gesamt-evangelischen Konsenses, der die „Schrift allein“ und die „ganze Schrift“ unterstrich, rückte die gesamte evangelikale Bewegung nolens-volens doch ein bisschen in die eher „konservative“ Ecke, zumindest in der Bibelfrage. Waren die Evangelikalen bisher eher die „Progressiven“, die für soziale Gerechtigkeit, Weltevangelisation und Einheit aller Christen eintraten, wurden sie jetzt zumindest in Glaubensfragen eher „konservativ“. Im angelsächsischen Raum gelang es meiner Beobachtung nach vielerorts, diese Unterscheidung in „sozial-progressiv“ und „werte-konservativ“ durchzuhalten, während vor allem in Deutschland, das etwas „system-konservativer“ und „grundsätzlicher“ war als die eher pragmatischen Angelsachsen, die evangelikale Bewegung insgesamt eine Wendung zu einem grundlegenden Konservativismus machte, der sich auch in politischen Fragen äußerte.

Verstärkt wurde diese Festlegung noch durch die inner-evangelikale Auseinandersetzung mit der so genannten „Pfingstbewegung“, die besonders in Deutschland heftig geführt wurde und in der so genannten „Berliner Erklärung“ 1909 zu einer Aufspaltung in „pro-pfingstliche“ und „anti-pfingstliche“ Evangelikale führte. In der Folge wurden auch charismatische Aufbrüche in den Kirchen immer wieder mithilfe der „Berliner Erklärung“ bekämpft. Diese damals vollzogene Trennung wirkt noch heute nach, so dass die Begriffe „evangelikal“ und „charismatisch“ zumindest in Deutschland häufig als direkte Gegensätze verstanden werden, während sie im angelsächsischen Raum, wenn auch nicht ganz deckungsgleich, so doch inklusiv verwendet werden und zu einander gehörige und in einander übergehende Gruppierungen bezeichnen. Insgesamt sind es wieder die eher bekenntnis-orientierten Evangelikalen, die die beiden Fronten „charismatisch“ und „liberal“ als Antithesen zur eigenen Überzeugung verstehen.

Hinzu kommt seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein weiteres Gegensatzpaar, nämlich „evangelikal“ und „ökumenisch“. Dies hängt mit der Integration der klassischen Missionsgesellschaften und vieler, wenn auch nicht aller so genannten „jungen Kirchen“ in den Ökumenischen Rat der Kirchen zusammen, sowie mit dessen theologischer und politischer Entwicklung. In dem Maß, in dem dieser ein „Moratorium“ gegen Mission ausrief und sich in politische, meist sozialistisch inspirierte Projekte investierte, kam es zu evangelikalen Protesten und der Gründung von Parallelstrukturen. Es scheint so, dass gerade der teilweise durchscheinende Alleinvertretungsanspruch der im Ökumenischen Rat der Kirchen vertretenen Werke, Sichtweisen und Positionen den kreativen Widerspruch der evangelikalen Bewegung herausforderte und so zu einem neuen Aufbruch der Evangelikalen führte. In dem Maße, wie die klassischen Missionsgesellschaften ihre bisherige Arbeitsweise, nämlich die auf Bekehrung und Gemeindebildung zielende Arbeit aufgaben, entstanden neue „evangelikale“ Missionsgesellschaften, die inzwischen die „klassischen“ in jeder Hinsicht überrundet haben. Ähnliches spielte sich beim Thema „Volksmission“ bzw. „Inland-Mission“ ab: Überall entstanden neue evangelistische, aber auch diakonische Initiativen im evangelikalen Raum. Dieser „Aufbruch der Evangelikalen“ scheint unvermindert weiter zu gehen, ja, es gibt Anzeichen dafür, dass er vielerorts längst schon andere Bereiche der Großkirchen prägend mit beeinflusst.

Ein evangelikaler Konsens?

Doch die oben beschriebenen Gegensätze, so plakativ und außenwirksam sie häufig aufgefasst und dargestellt werden, bestimmen, zumindest in meiner Sicht der Dinge, nicht das Zentrum des evangelikalen Anliegens. Der historische Abriss kann uns helfen, das ins Blickfeld zu nehmen, was der evangelikalen Bewegung auch in Zukunft Daseinsberechtigung und Hoffnungsperspektiven verleihen kann. Dabei wird die evangelikale Bewegung gerade dann ihre Stärke entfalten, wenn sie sich als „Bewegung“ versteht, als Impuls, der einen dynamischen Konsens beschreibt und aus diesem Selbstverständnis heraus die Kirche insgesamt und auch die Weltgesellschaft zu verändern sucht.

 

II.

Der „evangelikale Konsens“, also das, was den Kern dieses kirchengeschichtlich wirksamen Impulses ausmacht, möchte ich in ein paar Kernthesen zusammenfassen.

  1. „Evangelikal sein“ bedeutet nichts anderes als „orthodox“ an Jesus Christus zu glauben

Evangelikale Christen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den historischen Kern des christlichen Glaubens ernst nehmen, bewahren und als Maßstab für Glauben und Leben anwenden wollen. In sofern ist die evangelikale Bewegung eine Bewegung, die zu den Wurzeln des Christentums durchstoßen möchte, und in diesem Sinne eine Erneuerungsbewegung vom historischen Kern her darstellt.

Dies ist die eigentliche Stärke der evangelikalen Bewegung: Sie will biblisch sein im Sinne einer direkten Bezugnahme auf die heilige Schrift. Damit eröffnet die evangelikale Bewegung die Möglichkeit zum fruchtbaren Dialog mit den historischen Kirchen aller Konfessionen. So wie die Reformatoren in ihrer Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen katholischen Kirche nichts „Neues“ bringen wollten, sondern angesichts der geschichtlich entstandenen Zusätze und Neuerungen, besonders des römischen Papsttums, auf die allgemeinen anerkannten, biblischen und frühchristlichen Glaubensüberzeugungen und Praktiken zurückgreifen wollten, so will die evangelikale Bewegung im Kern nichts anderes als das: Evangeliumsgemäß und damit im besten Sinne „orthodox“ sein. Gegenüber zeitgeistigen oder kirchlich-tradierten Verschiebungen der christlichen Lehre will sie das allen Christen Gemeinsame in den Vordergrund stellen.

  1. „Evangelikal sein“ heißt persönlich Christus nachfolgen wollen

Durch den direkten Bezug auf die Bibel nehmen evangelikale Christen den Ruf zur Umkehr, wie er im Zentrum der Verkündigung von Jesus stand: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15) ganz persönlich ernst. Für sie kann Glauben an Christus immer nur zur bewusst gewählten Nachfolge Christi führen. Das Wort „persönlich“ ist somit wichtig für sie: Persönlicher Glaube, persönliche Nachfolge, persönliches Zeugnis sind Begriffe, die häufig erscheinen. Dabei meint „persönlich“ nicht „privat“ oder „individualistisch“, sondern „die ganze, eigene Person umfassend“. Sicherlich liegt in dieser Betonung des Individuums die Gefahr, Glaube individualistisch, also losgelöst von einer Gemeinschaft der Glaubenden, misszuverstehen. Doch in der Praxis ist das Gegenteil der Fall: Der „persönliche“ Glaube führt in die Gemeinde derer, die ebenfalls Christus nachfolgen, egal, in welcher Kirche oder Konfession sie verwurzelt sind.

  1. „Evangelikale“ suchen die Einheit der Glaubenden in gemeinsamem Gebet und Zeugnis

Das ist von Anfang an ein Kennzeichen der evangelikalen Bewegung gewesen. Dadurch entwickelt sie eine Potential, kirchenübergreifend zu wirken. So nimmt es nicht Wunder, dass es z.B. in den USA die Bewegung der „Evangelical Catholics“ gibt, und dass der „charismatische“ Zweig der Evangelikalen nicht nur die römisch-katholische Kirche erreicht hat, sondern bis in die orthodoxen Kirchen hinein wirkt.

Damit ist die evangelikale Bewegung basis-ökumenisch im besten Sinn des Wortes, da sie das Gemeinsame in der Orientierung an Jesus Christus und der Hingabe an ihn sucht. Natürlich ist in dieser Fokussierung auf Jesus auch schon eine Kritik an bestimmten Sonderentwicklungen sowohl im Dogma als auch der Praxis innerhalb historischer und auch neuer Kirchen mit beinhaltet. So werden „Evangelikale“ sicher marianische Verehrung oder die Anerkennung von erst in den letzten Jahrhunderten entstandenen Dogmen wie z.B. der so genannten unbefleckten Empfängnis und leiblichen Himmelfahrt Marias nicht mittragen können. Das bedeutet, dass die Konzentration auf das „Gemeinsame“ auch Grenzen nicht ausschließt, sondern sie zwangsläufig auch definiert.

  1. „Evangelikale“ wollen etwas in dieser Welt bewegen

Die Dynamik des evangelikalen Teils der Christenheit hängt mit ihrer Überzeugung zusammen, dass der Missionsauftrag (Matthäus 28, 18-20) als Vermächtnis von Jesus ernst zu nehmen ist. Ebenso sehen sie sich als „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ (Johannes 17) als „Mitarbeiter Gottes“ (1. Korinther 3, 9), also als aktive Mitgestalter der guten und heilsamen Pläne Gottes in dieser Welt.

Besonders der Impuls, der durch die Lausanner Verpflichtung (1974) in die evangelikale Weltbewegung hineingegeben wurde, hat mitgeholfen, dass die ursprüngliche ganzheitliche Sicht des christlichen Auftrags wieder weite Teile der evangelikalen Bewegung prägen konnte. So ist der Dreiklang von Wort, Werk und Kraft des Geistes (Römer 15, 18-19), also von missionarischer Bemühung (Wort), sozialem, diakonischem und politischem Einsatz (Werk) und charismatischer Erfahrung und Bevollmächtigung (Kraft) neu entdeckt worden. Das, was mancherorts auseinander driftet, kann so zusammen gesehen und gehalten werden.

Die evangelikale Bewegung ist das, was sie sein sollte, wenn sie diese Pole gleichermaßen verkörpert: Eine aus der Erfahrung der Liebe Gottes geborene persönliche Beziehung zu Christus in der Dynamik des Heiligen Geistes, die zu die Welt bewegendem Handeln führt und in der Heiligen Schrift Inspiration und Maßstab finde.

 

III.

Ich lebe in der Hoffnung, das das hier Entfaltete einen grundlegenden „evangelikalen Konsens“ beschreibt, der uns vor nutzlosen Grabenkämpfen bewahrt und auf die Spur setzt, auf der wir die Zukunft gewinnen können.

Gestärkt durch Konzentration und Flexibilität

Die evangelikale Bewegung ist noch lange nicht am Ende ihrer Geschichte. Viele Voraussagen über die Zukunft der christlichen Kirche im 21. Jahrhundert besagen, dass sie im Wesentlichen drei Gestalten haben wird – die „orthodoxe“ Kirchengestalt, die römisch-katholische Kirche und die evangelikal-charismatische Christenheit, einschließlich der am schnellsten von allen wachsenden Bewegung, der Pfingstkirchen, während der „liberale Protestantismus“ jedoch zur Bedeutungslosigkeit herabsinken werde.

Die Stunde der evangelikalen Bewegung ist da, nicht nur in anderen Kontinenten, sondern auch in Europa. Dabei liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie nicht an eine bestimmte Kirchengestalt gebunden ist, sondern einen inneren Impuls ausmacht, der sich sowohl in landeskirchlichen wie in freikirchlichen Strukturen entfalten kann, wenn auch dieses sicher leichter ist als jenes.

Stark wird die evangelikale Bewegung gerade dann sein, wenn sie diese Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit bewahrt, mit anderen Worten, wenn sie sich zielgerichtet auf ihre zentralen Themen konzentriert: Einheit der an Christus Glaubenden, Autorität der Bibel, Weltmission und Evangelisation, Einsatz in der Welt im Auftrag von Jesus und auf ihn ausgerichtete Glaubenserfahrung, die sich im Gebet und im Hören auf die Leitung des Heiligen Geistes ausdrückt.

Geleitet vom „augustinischen Ratschlag“

Die evangelikale Bewegung tut gut daran, den Satz zu beherzigen, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben ist: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in ommibus caritas“ – „In den notwendigen Dingen Einheit, in den zweifelhaften Freiheit, in allen Dingen Liebe“. So könnte sie sich vor inneren Selbstzerfleischungstendenzen bewahren und zu der Kraft heranreifen, die in der Tat in der Lage ist, auch in einer postmodernen und teilweise gegen-christlichen Gesellschaft Gehör zu finden und positiv Orientierung zu geben. Aktion und spirituelles Fundament, Sendung und Sammlung sind gleichermaßen notwendig, um der evangelikalen Bewegung eine Stimme und Gestalt zu geben.

Orthodox, katholisch und evangelisch zugleich

Die evangelikale Bewegung gehört ins Zentrum der Christenheit. Mit ihrer Betonung der Autorität der Bibel ist sie im eigentlichen Wortsinn „orthodox“. Rechtgläubigkeit ist für sie ein hohes Gut, evangelikale Christen sehen sich gerufen, für den „Glauben zu kämpfen, der ein für alle Mal den Heiligen gegeben ist“ (Judas 3).

Mit ihrer Betonung der Herzenseinheit aller an Christus Glaubenden, über alle konfessionellen Grenzen hinweg, ist sie wahrhaft „katholisch“, also alle umfassend. Mit ihrer missionarischen und diakonischen Weltberufung ist sie länder- und zeitübergreifend.

Und mit ihrer starken Verwurzelung in der reformatorischen Tradition und ihrer Betonung der Bibel ist sie zutiefst evangelisch.

 

IV.

Was die evangelikale Bewegung braucht

Zum Schluss sieben Beobachtungen und Wünsche, aus einer Innensicht der evangelikalen Christenheit geboren:

Erstens: Die evangelikale Bewegung muss Mut haben zu sein, was sie ist.

Das ist ihr unaufgebbares Pfund, das letztlich ein Geschenk Gottes an die ganze Kirche ist und einen Sauerteig der Erneuerung auch der historischen Kirchen darstellen kann. Sie muss sich immer wieder ihrer Wurzeln und ihres Auftrags erinnern und diesen in der sich verändernden Zeit immer neu auszuführen suchen.

Zweitens: Die evangelikale Bewegung muss ihre Stimme wiederfinden.

Sie muss Mut haben, eindeutig und verständlich ihre Botschaft zu sagen, die nichts anderes ist als der an den ganzen Menschen in der ganzen Welt gerichteten Ruf des ganzen Christus, ihm vorbehaltlos und von ganzem Herzen nachzufolgen. Sie darf sich nicht in eine Ecke der Seligen zurückziehen, sondern muss sich einmischen, damit der Name Christi geehrt wird.

Drittens: Die evangelikale Bewegung muss ihre innere Einheit wiedergewinnen.

Die Zerwürfnisse der Vergangenheit müssen endlich überwunden werden, damit nicht unnötig Vision, Kraft und Aktion verschwendet wird und Energien und Ressourcen freigesetzt werden für den eigentlichen Auftrag. Evangelikale Christen müssen sich durch Wahrheit und Liebe zugleich auszeichnen und so den Willen Christi ernst nehmen. In der Wiedergewinnung ihrer inneren Einheit können evangelikale Christen die Gesamtkirche segnen und prägen und dadurch die Welt erreichen.

Viertens: Die evangelikale Bewegung muss den ganzen Reichtum Gottes in der Geschichte entdecken und nutzbar machen.

Weil die Kirchengeschichte nicht erst im 18., 19. oder 20. Jahrhundert anfängt, sondern Gott zu allen Zeiten Menschen gerufen, geprägt und gesandt hat, müssen, können und dürfen evangelikale Christen verschüttete Quellen wieder entdecken und fruchtbar machen für ihr eigenes geistliches Leben und das der zukünftigen Generation. Nur so werden sie vor politischen oder zeitgeistigen Einseitigkeiten, vor ideologischen Verengungen und sektiererischen Abgrenzungen bewahrt werden. Nur so werden sie die nächste Generation gewinnen können.

Fünftens: Die evangelikale Bewegung muss sich bewusst und zielgerichtet der jungen Generation zuwenden.

Die Glaubensfragen und Lebensnöte der jungen Generation sind unübersehbar und rufen nach ganzheitlicher, heilsamer und christusbezogener Beantwortung. Die evangelikale Bewegung hat kaum dringlichere Aufgaben als darum zu kämpfen, die Köpfe und Herzen der Jungen zu gewinnen, nicht primär für sich selbst, sondern für Jesus und die Sache des Reiches Gottes. Hier sind Väter und Mütter gefragt, die sich als Vorbilder und Begleiter, als Mentoren und Gesprächspartner den Jüngeren zur Verfügung stellen. Hier sind auch durchdachte und durchlebte Antworten gefragt, die nicht oberflächlich, halbherzig oder unecht auf tiefe, echte und den ganzen Menschen bestimmende Nöte reagieren, sondern zukunftsweisende Perspektiven und lebbare Alternativen aufzeigen.

Sechstens: Die evangelikale Bewegung muss unerschrocken in den missionarischen Dialog mit den großen Religionen und ideologischen Lebens- und Weltentwürfen eintreten.

Die wirklichen große Herausforderungen in der Welt sind alle mit ideologischen und religiösen Neuaufbrüchen verbunden. Der in den letzten Jahrzehnten stetig weiter erstarkende Islam, der nationalistisch zugespitzte Hinduismus, der diffus-attraktive Buddhismus, die nach-christliche postmoderne Populärreligion des Westens genau wie das wieder erwachende alteuropäische Heidentum und andere nach-christliche Minderheitsreligionen und politische Ideologien haben, jede für sich, einen den ganzen Menschen erfassenden Absolutheitsanspruch. Dem gegenüber hat die evangelikale Christenheit nicht den Auftrag, die „westlich-christliche“ Religion zu verteidigen, sondern Jesus Christus als Erlöser und Herrn aller Menschen zu bezeugen. Dass dieses Zeugnis auch ins Leiden führen kann, ist die ständige Erfahrung vieler Mitchristen in anderen Ländern. Der missionarische Dialog mit anderen Weltentwürfen schließt das entschlossene Eintreten für verfolgte Christen und den Einsatz für Menschenrechte und Religionsfreiheit in allen Ländern und Kulturkreisen mit ein.

Siebtens: Die evangelikale Bewegung muss neu die heilsame Herrschaft des historischen, gegenwärtigen und kommenden Christus glauben und in allen Lebensbereichen bezeugen.

Evangelikale Christen sind Jesus-Leute. Sie leben in der Überzeugung, dass der Mann von Nazareth, der auf dem Hügel Golgatha außerhalb Jerusalems als Verbrecher am Kreuz hingerichtet wurde und starb, von Gott zum Weltenrichter und Herrn aller Menschen und ganzen Welt eingesetzt wurde. Diese Herrschaft Jesu ist nicht nur eine geglaubte und erhoffte Größe der Zukunft, sondern breitet sich hier und jetzt schon aus.

Evangelikale Christen können deshalb nicht ruhen, bis das Evangelium „aller Kreatur“ verkündigt ist und alle Menschen die Möglichkeit haben, in ihrer eigenen Sprache und Kultur das Wort Gottes zu hören und lebendige Gemeinde zu leben und zu erleben.

Ebenso geben sich evangelikale Christen nicht damit zufrieden, wenn und dass Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Gewalt, Menschenverachtung, Gleichgültigkeit, Hass, Hunger, Krieg, Korruption und was es noch an Zerstörerischem geben mag, das Leben der Menschen bestimmt. Sie stehen dagegen auf, verkündigen die Herrschaft Jesu Christi und arbeiten in der Kraft, die der Heilige Geist ihnen darreicht, an der Erneuerung der Welt. Jedoch nicht so, als könnten sie das Paradies hier und jetzt schaffen, sondern als ein Zeugnis für das kommende Reich Gottes.

Zielgerichtet evangelisch

Evangelikal zu sein bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als „eigentlich“ evangelisch zu sein. Und zwar mit einer Zielrichtung, die das Reich Gottes meint und den Einzelnen wahrnimmt und achtet. Evangelikal zu sein heißt für mich, aus dem Evangelium zu leben und darin immer neu die Quelle lebendigen Wassers zu finden, die niemand anderes ist als Jesus selbst.

Dr. phil. Dr. theol. Roland Werner, Marburg

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