Gott, die Flüchtlinge und wir

Gott, die Flüchtlinge und wir

Wir haben hier keine bleibende Stadt…

Flucht, Flüchtlinge und Heimatsuche in der Bibel

Wie ein Vogel, der aus seinem Nest flüchtet, so ist ein Mann, der aus seiner Heimat flieht.
Sprüche 27, 8

Immer wieder müssen Menschen ihre Heimat verlassen.Sie fliehen vor Hunger und Not, sie fliehen vor Unrecht und Unterdrückung, sie fliehen vor Verfolgung und Tod.

Wir sehen diese furchtbare Wirklichkeit, wenn wir in unsere Zeit schauen.Es gibt kaum eine Zeitungausgabe oder Nachrichtensendung, in denen uns nicht Bilder und Berichte von Menschen auf der Flucht begegnen.

Wir sehen diese Wirklichkeit aber auch in der Bibel.Sie ist ja das große Buch der Menschheitsgeschichte, vom allerersten Anfang bis zum hoffnungsvollen Ende.

Wir hören von Leid und Geschrei, von Trauer und Tränen.Aber wir erfahren auch von Hoffnung und Heimat, von Hilfe und Heil.

Genau deshalb wollen wir diesem Thema nachspüren: Flucht, Flüchtlinge und Heimatsuche in der Bibel.

Unstet und flüchtig

„Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden!“ Das ist die Vorausschau, die Gott einem der ersten Menschen eröffnet, dem Kain, der seinen Bruder Abel umbrachte (1. Mos 4, 12).

Es stimmt, was in den ersten Seiten der Bibel steht. Die Verbannung aus dem Garten Eden war nur der Anfang. Seit dem gilt für das Menschengeschlecht: „Wir haben hier keine bleibende Statt…“ (Heb 13, 14).

Es war meist nicht romantisches Fernweh oder Entdeckerfreude, die die Menschheit über die Erde zerstreuten. Es war häufig der Kampf ums nackte Überleben, die Suche nach neuen Weideplätzen für die Tiere, die Überrodung und Überbevölkerung in einem Gebiet, ja auch Klimawandel und Dürre, die die Menschen dazu brachten, weiter zu  ziehen.

Wenn auch Abram und Sara nicht aus wirtschaftlicher Not ihre Heimat im Zweistromland verließen, sondern als Antwort auf den Ruf Gottes (1. Mos 12, 1-3), so erlitten schon ihre Nachkommen in der dritten Generation ein anderes Schicksal: Sie mussten vor einer die ganze Region umfassenden Dürreperiode nach Ägypten fliehen, um ihr Überleben zu sichern (1. Mos 42ff). Was als vorübergehender Aufenthalt gedacht war, dauerte dann mehrere Generationen.

Der Gott der Flüchtlinge

Das nächste Buch der Bibel erzählt dann von der Befreiung aus dem Land am Nil, das sich vom Zufluchtsort zum Ort der Unterdrückung gewandelt hatte (2. Mos 1)

Doch die Befreiung lief alles andere als glatt. Der von Gott zum Volksführer ausersehene Mose musste zuerst selbst um sein Leben fliehen (2. Mos 2). Erst nach einer eindrücklichen Berufung durch Gott auf dem Sinai war er bereit, das Sklavenvolk im Namen Gottes in die Freiheit zu führen. (2. Mos 3ff).

Die entscheidende Lektion für alle Zeiten ist: Gott ist auf der Seite der Unterdrückten. Er ist der Erlöser, der seine Befreiungswunder tut, gegen die Großmacht Ägypten und seinen Großkönig, den Pharao, und die Schar der flüchtenden Hebräer, unter die sich auch allerlei „fremdes Volk“ mischte (2. Mos 12, 38) zu seinem Volk macht.

Der Weg in das versprochene Land ist noch lang (4. Mos 14, 33f) und auch dort fließt nicht nur „Milch und Honig“.

Und was auch klar wird: Selbst im Land Kanaan können sie Gott nicht exklusiv für sich veranschlagen. Auf die Frage Josuas, auf wessen Seite der „Fürst über die Heere des Herrn“  stehe, antwortet dieser mit einem klaren „Nein!“ (Jos 5, 13-14) Gott ist nicht nur „Israels Gott“, sondern auch der Gott Ägyptens und Assyriens (Jes 19, 22-25), ja, der Gott aller Völker.

Er nimmt sich besonders der Armen und Unterdrückten an. Er rettet die Ägypterin Hagar, die vor ihrer Herrin Sara in die Wüste flieht (1. Mose 16, 1ff) und heilt den Syrer Naaman, der an Aussatz leidet (2. Kön 5). Er schenkt der Moabiterin Ruth eine neue Heimat (Rut 4) und nimmt die Prostituierte Rahab aus Jericho in sein Volk auf (Jos 6, 25).

Die Flucht vor Gott

Doch nicht jede Flucht, von der in der Bibel berichtet wird, zieht Gottes erbarmenden Blick auf sich. Oder doch?

Auf jeden Fall erzählt ein ganzes Buch von der Flucht des Propheten Jona vor Gottes Auftrag. Fauna (der Wal) und Flora (der Strauch) müssen mithelfen, das Jona endlich kapiert: Gottes Liebe und Erbarmen gilt allen Menschen, sogar den grausamen Assyrern, deren Heer bis nach Ägypten vorgedrungen war und auf dem Weg dorthin das Nordreich Israel vernichtet hatte.

Eine harte Lektion: Der Gott der Unterdrückten umfasst auch die Unterdrücker mit seinem Erbarmen.

Jesus – ein Flüchtling

In der Weihnachtsromantik übersehen wir oft, dass die „heilige Familie“ nicht lange nach der Geburt Jesu fliehen musste (Mt 2). Wieder einmal musste Ägypten als Zufluchtsort dienen.

Könnten wir es so sehen: Die Erfahrung von Verfolgung und Flucht gehört so sehr zum Menschsein, dass Jesus, der „in allen Dingen  gleich“ wurde (Heb 4, 15), auch diese menschliche Erfahrung teilen musste?

Auch später konnte Jesus von sich sagen, dass er keinen Ort hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte (Lk 9, 58). Und schließlich wurde er ausgestoßen und außerhalb der Stadt hingerichtet (Heb 13, 12-13). Das war seine Erfahrung, bis zum Ende: „Die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1, 11)

Heimat schaffen in Gottes Namen

Doch die Heimatlosigkeit wird in der Bibel nicht verherrlicht oder romantisch verklärt.

Die grausame Realität von Rechtlosigkeit und Unsicherheit, von Flucht und Fremdlingschaft war den Menschen mindestens so sehr vor Augen, wie es uns heute aufgrund der Weltereignisse ist.

Deshalb zieht sich die Aufforderung zur Gastfreundschaft durch alle Briefe des Neuen Testaments. Gastfrei zu sein gehört zu den Grundtugenden der Jesusnachfolger. Dabei ist die Aufforderung: „Gastfrei zu sein vergesst nicht!“ (Heb 13, 2) nur eins der Beispiele. Gerade in der Dienstanweisung für Leitende wird dies immer  wieder genannt (vgl. Röm 12, 13; 1 Tim 3, 2; Tit 1, 8; 1 Pet 4, 9).

In seiner großen Endzeitrede spricht Jesus ganz deutlich davon, dass wir nicht nur unsere christlichen Schwestern und Brüder, sondern auch die Fremden aufnehmen sollen: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“ (Mat 25, 42).

In Gottes Namen Heimat zu schaffen für den, der keine Heimat hat, ist somit ein Grundauftrag für Gottes Leute.

Zufluchtsort Gottesstädte

Ein wenig bekanntes Merkmal des verheißenen Landes, das Gott dem Volk Israel geben wollte, ist die Einrichtung von Freistädten. Insgesamt sechs sollten eingerichtet werden, je drei auf den beiden Seiten des Jordan. (4Mos 35, 10-15).

In diesen Freistädten sollten die Zuflucht finden können, die aus Versehen einen Menschen getötet hatten, bis die Sache in einem ordentlichen Gerichtsverfahren untersucht werden könnte (vgl. auch Jos 20, 1ff). In den Freistädten waren die ansonsten offenbar schnell praktizierte Selbstjustiz und Blutrache tabu.

Diese Bestimmung galt ganz deutlich auch den Nicht-Israeliten: „Das sind die sechs Freistädte für die Israeliten und für die Fremdlinge und die Beisassen unter euch, damit dahin fliehen kann, wer einen Totschlag getan hat aus Versehen.“  (4 Mos 35, 15) Sie waren, in aller Begrenztheit, ein Hinweis darauf, dass bei Gott nicht das Recht des Stärkeren herrscht, sondern Gerechtigkeit und Gnade für alle Menschen gelten.

Der Gott der Zuflucht

So wird Gott, besonders in den Psalmen, häufig als Zufluchtsort bezeichnet: „Herr, du bist unsere Zuflucht für und für…“ (Ps 90, 1, vgl. Ps 91, 9). Er ist der Fels, auf den sich der Bedrängte retten kann (vgl. Ps 62 u.a.).

Das, was Israel immer wieder erfahren hat, in allen Wechselfällen der Geschichte, wird so zum Zentrum seines Verständnisses von Gott: Er schenkt nicht nur Zuflucht und Heimat, sondern er selbst ist es, bei dem wir Schutz und Sicherheit, Hoffnung und Heimat finden.

Das gilt im Hier und Jetzt, und es gilt in Ewigkeit. Er ist der Fels des Heils (5 Mos 32, 15), ja, Jesus selbst ist dieser Fels (1Kor 10, 4).

Heimat finden und Heimat geben

Das hat unser Gang durch die Bibel gezeigt: Bei Gott finden wir die Heimat, die uns keiner mehr wegnehmen kann. Und deshalb können und sollen wir in seinem Namen auch anderen Heimat geben.

Unseren Freunden und Glaubensgeschwistern, ja! Aber auch den Fremden und Unbekannten. Was wir von Gottes bedingungsloser Annahme erfahren haben, sollen wir weitergeben.

© Roland Werner, Dr. phil. Dr. theol.

Erschienen Februar 2015 in der Pflugschar

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