Heiliger Tatendrang?!

Heiliger Tatendrang?!

Heiliger Tatendrang

Warum Christsein sich in der Tat bewährt

(Ich habe diesen Text vor 12 Jahren geschrieben, und gerade wieder entdeckt. Dass er vielleicht anstößig sein kann, ist mir bewusst. Denn das Thema ist heute noch genauso aktuell wie damals. Ich hoffe, dass er gute Anstöße gibt.)

Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan!
Matthäus 25, 45

So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, in sich selber tot.
Jakobus 2, 17

Geistliche Neuentdeckungen werden zu Überzeugungen. Überzeugungen werden zu Glaubenssätzen, aus Glaubenssätzen erwachsen Handlungsleitlinien, aus Handlungsleitlinien entstehen Traditionen… So oder ähnlich kompliziert könnte ich meinen Gedankengang fortführen. Ich kann es aber auch einfacher sagen, mit einer kleinen, wahren Geschichte.

Vor ein paar Tagen war ich in der Stadt unterwegs. Ein Bekannter begegnete mir, und nach einigen Begrüßungssätzen schaute er mir ernst in die Augen und sagte etwa Folgendes: „Roland, ich frage mich oft, ob du nicht zu viel machst. Das ist nicht gut. Du musst dir selbst mehr Zeit für dich gönnen. Du arbeitest so viel…“ In diesem Stil ging es einige Zeit weiter, bis ich etwas genervt zum Gegenangriff überging.

Nun würde mich diese kleine Unterhaltung nicht weiter beschäftigen, wenn sie nicht inzwischen typisch geworden wäre. Besorgte Christen melden sich, äußern Zweifel an meiner geistlichen Gesundheit, stellen die Frage, ob viel Arbeiten denn erstens nötig und zweitens gottgefällig und drittens gesund sei, und ermahnen mich eindringlich, doch ja nicht so viel zu tun. Das Ganze passiert immer mit einem – ich nenne es mal so – „mitleidig-wissenden Blick“. Ein Blick, der ungefähr aussagt: „Ich war auch einmal so wie du – aktiv, aber ein bisschen minderbemittelt, aber jetzt gehöre ich zu denen, die aufgehört haben, herum zu hektiken. Jetzt nehme ich das Leben gelassener, tue nicht mehr soviel – manchmal gar nichts – und bin obendrein geistlicher als du oberflächlicher Aktivbolzen!“

Im ersten Augenblick hört sich das überzeugend an. Ausruhen, Entspannt sein als oberster Gradmesser eines reifen und geistlichen Lebens. Und verlockend ist das auch – weniger tun, dafür aber geistlicher sein? Mich jedenfalls spricht dieser Gedanke an.

Ganz zuende gedacht lebt nach dieser Auffassung der Christ geistlich richtig, der seine Hände in den Schoß legt. Und als ungesund, geistlich fragwürdig und insgesamt unausgewogen wird ein Christ angesehen, der sich einsetzt, der auch mal bis in die Nacht hinein arbeitet, und der insgesamt viel arbeitet. Wer viel arbeitet, steht nach dieser Auffassung im Geruch, die Prioritäten völlig falsch zu setzen.

Aber ist das eigentlich wahr? Ich habe den Eindruck, dass bei uns in der letzten Zeit aus einer geistlich wichtigen Wieder-Entdeckung, nämlich dass wir bei Gott zur Ruhe kommen können, und dass wir uns auch Zeit zur Stille, zum Hören und zum „Einfach-mal-nichts-tun“ nehmen dürfen – ein Dogma geworden ist. Ein Dogma, das jeden und alle anfragt und verdächtigt, die es wagen, noch aktiv zu sein.

Dieses Dogma hat sich meiner Beobachtung nach vielerorts richtiggehend eingenistet und ist in der Folge zu einem echten Problem in den Gemeinden geworden. Die Devise heißt: „Geh nicht in die Gebetsstunde oder den Mitarbeiterkreis, denn das ist Arbeit und Stress. Geh lieber in die Sauna oder ins Kino, da kannst du dich entspannen, und das ist auch das, was Gott von dir will!“

Ich kann verstehen, dass Menschen, die sich immer gehetzt und überarbeitet haben, aufatmen, wenn sie neu erkennen, dass Gott sie liebt und trägt, auch wenn sie mal nichts tun. Ich kann die Entspannung verstehen, die durch die Reihen gestresster „hauptamtlicher Christen“ geht, wenn sie auch einmal aufatmen dürfen. Das ist alles völlig in Ordnung. Und ich bin dankbar, dass in den letzten Jahren diese geistliche Wahrheit wieder mehr in den Vordergrund gerückt wurde.

Aber ich protestiere dagegen, wenn dieses „Aufatmen-Dürfen“ zu einem Dogma des „Ja-nicht-zu-viel-Arbeiten“ mutiert. Und das nehme ich an manchen Stellen wahr. Es scheint geradezu ein neuer Sündenfall zu sein, wenn jemand arbeitet, bis es schmerzt. „Das kann doch nicht Gottes Wille sein, dass du dich so kaputt machst!“ – So und ähnlich wird dann geurteilt. Doch stimmt das wirklich?

Ich meine: Die Wahrheit liegt hier nicht in einem „Entweder – oder“, sondern in dem altbekannten „Sowohl – als auch“ – oder um es mit dem Mönchsvater Benedikt auszudrücken: Das geistliche Leben gestaltet sich in beidem – im Beten und im Arbeiten – kurz gefasst in der benediktinischen Aufforderung: Ora et labora! – Bete und arbeite!

Es gibt also sehr wohl beides: Geheiligte Aktivität und geheiligte Passivität. Und es gibt ungeheiligtes Aktiv-Sein ebenso wie ungeheiligtes Passiv-Sein. Hier sollte man sich bei der Beobachtung eines anderen sehr vor pauschalen Urteilen hüten. Denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.

Deshalb möchte ich Mut machen zu beidem: Mut zum handeln und Mut zum Ruhen. Mut zum Stress und Mut zur Entspannung. Beides hat seine Zeit.

Da häufig – gerade in Vorträgen, Büchern und Zeitschriften, die geistliches Wachstum fördern wollen – das Loblied der Besinnung, der Kontemplation gesungen wird, möchte ich im folgenden, sozusagen als ein Gegengewicht, eine kleine geistliche Begründung für Aktivität im Namen Gottes liefern. Vielleicht hilft das dem einen oder anderen, wieder neu ein Ja zu einem kreativen, aktiven, also schöpferischen und tatkräftigen Einsatz für Gott und die Menschen zu finden.

Also: Ein paar Gedanken zu der Frage, warum Arbeit gut ist.

  1. Der Mensch ist als Gottes Ebenbild zum Handeln und Gestalten geschaffen und berufen. Die ersten Kapitel der Bibel machen das deutlich. Indem Adam die Erde bebaut und bewahrt, indem er den Tieren Namen gibt und mit Eva kommuniziert, spiegelt er die schöpferische Aktivität Gottes wieder. Arbeiten gehört zu der Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen.
  1. Jesus hat uns berufen, zu handeln. „Handelt, bis ich wieder komme!“ So schärfte er es seinen Jüngern ein. Und im Gleichnis vom faulen Knecht warnt er davor, ein geistliches Schmarotzertum zu leben.
  1. Paulus konnte voller Überzeugung sagen: „Bis zur jetzigen Stunde leiden wir sowohl Hunger als Durst und sind nackt und werden mit Fäusten geschlagen und haben keine bestimmte Wohnung und mühen uns ab und arbeiten mit unseren eigenen Händen.“ (1. Kor. 4, 11-12) Für ihn war ein ganzheitlicher Einsatz des Lebens im Dienst die Antwort auf den ganzheitlichen Einsatz Gottes in Jesus. Und er scheute sich nicht, in seiner Diskussion mit den Christen in Korinth, die sich ihm geistlich überlegen vorkamen, genau diese Erfahrungen von Stress, Überarbeitung, Übermüdung, ja Erschöpfung und Verzweifeln am Leben anzuführen. Dabei wusste er sehr wohl, dass er gerade damit seine Kritiker, die sich auf die Ebene der geistlichen Erfahrungen befanden, überhaupt nicht beeindrucken konnte. Denn genau das lehnten sie ab: Blut, Schweiß und Tränen. Sie waren eher für Lobgesänge und mystische Versenkung zu begeistern.
  1. Die Welt braucht das Tatzeugnis der Christen. Sich im Namen Gottes aktiv in die Gesellschaft einzumischen ist nichts geistlich zweitrangiges, sondern eine vernünftige Folge richtiger geistlicher Erkenntnis. Nicht umsonst behandeln solche grundlegenden neutestamentlichen Briefe wie der an die Römer, die Epheser, die Galater, die Kolosser, um nur einige zu nennen, im zweiten Teil jeweils das praktische Leben und geben ausführliche Handlungsanweisungen. Praktische Hilfeleistungen, ein im Dienst hingegebenes Leben, das ist für die ersten Christen der „vernünftige Gottesdienst“. Salz und Licht, das sind wir nicht fern abgeschieden von den Menschen, sondern mitten im Gewühle der Zeit und der Welt.
  1. Unsere Zeit zu Handeln ist begrenzt. Unsere Lebenskraft und unsere Lebenszeit reichen nicht unendlich. Und einmal wird der Tag kommen, an dem uns der Weltenrichter fragt, was wir denn getan haben für seine geringsten Brüder. Und er wird sein Augenmerk richten auf das, was wir unterlassen haben. Diese Dimension der Begrenzung und der Bedeutung unseres Lebens, anders ausgedrückt: Die Tatsache der Endgültigkeit unserer Entscheidungen, Handlungen und Unterlassungen, bilden den ernst zu nehmenden Hintergrund unseres Lebens. Nur vor dieser Tatsache des Gewogen-und-gerichtet-Werdens leuchtet die Wirklichkeit der Gnade Gottes richtig auf.
  1. Wir sind gerufen, als Mitarbeiter Gottes die Zukunft der Welt zu gestalten. Wir sind nicht willenlose Marionetten in einem schon vorher festgeschriebenen himmlischen Drama, sondern von Gott eingesetzte Mitspieler und Gestalter seines großartigen Planes. Das ist Würde und Bürde zugleich. Natürlich können wir nur in enger Verbindung mit ihm und in der Befähigung durch den Heiligen Geist Taten vollbringen, die Bestand haben. Aber wir können etwas bewegen. Was wir tun, ist getan. Und was wir unterlassen, bleibt – vielleicht für immer? – ungetan.

Ein Lob auf das Handeln im Namen Gottes wollte ich singen. Ich wollte einen Befreiungsschlag gegen das Irrnetz eines geistlich scheinenden und doch falschen Quietismus führen. Es ist in der Tat so, dass Gott uns nicht nur zum Däumchendrehen in die Welt gesetzt hat. Ich hoffe, dass sich diese Erkenntnis auch in frommen Kreisen wieder mehr durchsetzt. Jesus fordert uns zu mutigem Handeln auf, zu großen und kleinen, auf jeden Fall aber selbstvergessenen Taten in seinem Namen.

Noch eine Schlussbemerkung sei mir erlaubt: Ich habe manchmal beobachtet, dass die Leute, die mich mit gewichtiger Miene ermahnten, ja nicht zu viel zu arbeiten, oft genau dieselben waren, die offen oder unterschwellig weitere Anforderungen und Erwartungen an mich richteten. Das hat mich häufig sprachlos gemacht. Damit vermittelten sie mir – vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst, letztlich diese einfache Botschaft: „Tu nicht so viel (für andere), sondern nimm dir mehr Zeit (für mich und meine Bedürfnisse)!“

Während ich diese etwas bissige Bemerkung niederschreibe, sehe ich vor meinem inneren Auge manche gestresste Pastorin und manchen überlasteten Seelsorger heftig nicken.

Denn das ist doch die Tatsache: Nicht die viele Arbeit als solche macht uns fertig, sondern die unreifen und überzogenen Erwartungen mancher Zeitgenossen, dass wir ihre Probleme für sie lösen sollten. Nicht die Arbeit ist letztlich das Problem, sondern die emotionalen Lasten, die wir einander aufbürden.

Und so ist der wirklich der Verlierer, der auf der einen Seite gesagt bekommt, er solle weniger tun, und der zugleich für immer mehr Menschen da sein soll – als Ersatz-Vater oder Ersatz-Mutter, als Seelsorger, Ratgeber, Vorbild, Bedürfnisbefriediger und manches mehr – alles zugleich. Wer sich von diesen Erwartungen und Anforderungen einfangen lässt, ist wirklich arm dran.

Da bin ich Paulus für seine befreiende Warnung dankbar: „Werdet nicht der Menschen Knechte!“ Und das sagt derselbe Paulus, der in anderem Zusammenhang ausdrückte: „Wir sind eure Knechte um Jesu willen!“

Und so will ich weiterhin mutig und unbeirrt ans Werk gehen, mich nicht auch noch für meinen Einsatz verurteilen lassen, und mit Nikolaus Graf zu Zinzendorf sagen:

Wir woll’n uns gerne wagen, in unsern Tagen der Ruhe abzusagen, die’s Tun vergisst. Wir woll’n nach Arbeit fragen, wo welche ist. Nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen, und uns’re Steine tragen aufs Baugerüst. (c) Roland Werner 3. März 2003.

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