Mein Kinderglaube und ich – Ein Bekenntnis

Mein Kinderglaube und ich – Ein Bekenntnis

Mein Kinderglaube und ich – Ein Bekenntnis

Nachdem es modern geworden ist, sich von seinem Kinderglauben zu distanzieren, muss ich es einfach zur Kenntnis geben: Ich habe meinen Kinderglauben noch! Beziehungsweise: Mein Kinderglaube hat mich noch.

Vielleicht gehöre ich ja zu einer aussterbenden Art. Eine Art Dinosaurier des alten Glaubens. Mag sein. Aber: Wie ich es auch drehen und wenden mag: Ich kann einfach nicht anders.

Jetzt will ich mich nicht mit dem armen Mönchlein vergleichen, das vor Kirche und Kaiser die unvergänglichen Worte ausgesprochen hat: „Hier steh ich nun, ich kann nicht anders… Gott helfe mir!“ Und doch kann auch ich nicht anders. Ich bin und bleibe einfach ein Christ mit Kinderglauben. Ich glaube dass ich Gottes Kind bin und bleiben darf.

Neulich bat mich ein Freund, etwas zu diesem Thema aufzuschreiben. Er hatte nicht nur mich gefragt, sondern ein paar Leute. Wir sollten von den Veränderungen unseres Glaubens  berichten. Was hat sich geändert in unserer Wahrnehmung des Glaubens? Wo können oder wollen wir Standpunkte und Einstellungen nicht mehr festhalten, die uns einmal geprägt haben? Wo sieht unser Glaube – und vielleicht auch unser Leben – heute möglicherweise anders aus als noch vor Jahren und Jahrzehnten?

Da ich eher ein aufmüpfiger Geist bin, regte sich in mir sofort Widerstand. Stimmt das eigentlich, so fragte ich mich, dass sich mein Glaube geändert hat? Da bin ich mir nicht sicher. Muss er sich ändern? Und wenn er sich nicht geändert hat, was bedeutet das? Dass ich vom alten Eisen bin, dass ich nicht mit der Zeit gehe? Auf jeden Fall, ich will darstellen, was sich bei mir nicht geändert hat, und warum ich auch hoffe, dass es sich niemals ändern wird.

Es war vor gut dreißig Jahren. Ich studierte evangelische Theologie und gleichzeitig Semitistik und Afrikanistik in Marburg. Das Doppelstudium konnte ich mir erlauben, weil ich schon auf dem Gymnasium die für das Theologiestudium wichtigen Sprachen gelernt hatte: Latein, Griechisch, Hebräisch. Und als Vorbereitung für mein Abitur hatte ich das Neue Testament auf Latein und auf Griechisch durchgelesen. Der Grund dafür war: Ich war zu faul, Grammatik oder Vokabeln zu wiederholen, und meinte, dass ich durch die Viel-Lese-Methode den gleichen Zweck erreichen und zugleich noch meine Bibelkenntnis vertiefen könnte.

Und damit bin ich schon beim ersten Punkt, der über die Jahre geblieben ist, und der hoffentlich bis zu meinem Lebensende bleibt: Ich bin ein passionierter Bibelleser. Und war es schon als Jugendlicher. Während meines Austauschjahres in den USA bekam ich eine moderne Übersetzung, die „Living Bible“ geschenkt und las sie nach einem selbstgemachten System in vier Monaten durch. Danach folgte die altehrwürdige „Authorized Version“, auch als „King James Version“ bekannt. Und so ging es weiter mit verschiedenen Übersetzungen, auf Deutsch waren es die Übersetzungen von Luther, Bruns und Schlachter. Dazu kamen noch die anderen Sprachen: Die französische Übersetzung von Louis Segond, die spanische „Reina“, die norwegische Standardbibel, die arabische Übersetzung „van Dyck“ – obwohl ich da noch nicht einmal das ganze NT geschafft habe… Während ich das so niederschreibe, steigt in meiner Erinnerung eine Szene auf. Wie gesagt, Anfang der achtziger Jahre. Ich bin unterwegs im Zug von Kairo nach Assuan. Eine Reise, die damals über 20 Stunden dauerte. Und dann sollte es mit dem Boot weiter über den Nasser-See in den Sudan gehen. Ich schaute abwechselnd aus dem Fenster auf die ägyptische Landschaft, redete mit den Mitreisenden, und las immer wieder in der Bibel. Und plötzlich hatte ich den Gedanken: Alles verändert sich – die Länder, in denen du bist, die Menschen, denen du begegnest. Doch die Bibel bleibt. Sie ist dein Buch. Dein Lebens-Buch. Hier hast du einen Anker für deine Seele. Hier hast du einen Begleiter für deinen Weg. Die Bibel bleibt.

Heute, dreißig Jahr später, muss ich sagen: Ja, die Bibel ist geblieben. Das Buch der Bücher ist und bleibt spannend. Und es bleibt der Kompass für meinen Glauben und mein Handeln. Gerade habe ich neu angefangen, die spanische Bibel durchzulesen. Im Auto höre ich andere Übersetzungen. Und: Mir fällt immer wieder etwas Neues auf. Trotz der vielen Jahre habe ich die Bibel noch nicht ausgeschöpft oder ausgelotet. Das ist das Erstaunliche: Die Bibel bleibt immer größer, tiefer, spannender, als ich gedacht habe. Und sie bewegt mich immer neu.

Wenn ich über das sprechen soll, was bleibt, und bleiben muss, dann ist es sicher und unzweifelhaft die Bibel. Nicht umsonst haben die Reformatoren das so betont: Sola scriptura, tota scriptura: Allein die Heilige Schrift, und die ganze Heilige Schrift. Ich bin zutiefst überzeugt, dass eine Christenheit, die bewusst und intensiv mit der Bibel lebt, die innere Kraft haben wird, sich selbst und dann auch ihre Umwelt zu verändern. Wenn wir aber die Bibel an die Seite stellen, sie vernachlässigen, entwerten, aushebeln oder umdeuten, werden wir unsere Kraft verlieren, anders zu sein, anders zu denken, zu fühlen und zu handeln. Unsere Kraft oder Kraftlosigkeit als Christen ist meiner Überzeugung nach direkt mit unserer Bibelpraxis verknüpft.

Sicher liegt hier eine Krise auch in der evangelischen Welt. Während es über Jahrhunderte geradezu das Merkmal evangelischen Glaubens war, die Bibel zu lesen, und zwar nicht nur in der Kirche, sondern auch zuhause am Familientisch, im Studier- und auch im Schlafzimmer, leiden wir heute unter einer allgemeinen Bibelanämie. Das hängt sicher auch mit einer inzwischen gut 200 Jahre währenden Tradition zusammen, die Bibel bloß rationalistisch zu lesen. Mit anderen Worten: Ein weltanschauliches Vorverständnis an die Bibel heranzutragen, das die Möglichkeit von Wundern und Übernatürlichen von vornherein ausschließt. Eine Vorentscheidung also, die Gott seiner Freiheit beraubt, Gott zu sein, und die deshalb nicht nur ihn wegschließt, sondern auch den Menschen in ein Gefängnis steckt. Denn ohne einen freien Gott, der über der Schöpfung und damit auch über den so genannten Naturgesetzen steht, wird auch der Mensch unfrei, ist vorherbestimmt und sich selbst und den Zwängen der Natur ausgeliefert.

Die Freiheit des Christenmenschen, ja die Freiheit des Menschen allgemein, hängt, auch historisch, mit der biblischen Botschaft vom freien und allmächtigen Schöpfer zusammen, der uns in die Freiheit der Kinder Gottes ruft. Und die Verpflichtung, für den Nächsten und die Welt einzutreten, sich für Arme und Unterdrückte einzusetzen, nach Gerechtigkeit und Frieden zu streben, findet seine Begründung hier – und, wenn man genau hinschaut, nur hier -: In der Nachricht vom barmherzigen Gott, der die Mächtigen vom Thron stößt und die Armen aus dem Staub erhebt, also in der Botschaft vom Erlöser, der in Jesus selbst hineinkam in das Elend einer zerbrochenen Welt und uns erlöst und befreit. Und sie findet ihren Grund in dem Gebot, Gott zu lieben von ganzem Herzen, und unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Die Bibel ist das Fundament für Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit, für Glaube und Leben. Und sie muss es bleiben. Bei allen Veränderungen im Kontext unseres Lebens finden wir hier unseren Grundtext. Deshalb will und werde ich – mit Gottes Hilfe – die Bibel nicht austauschen, weder mit Hesse noch mit Nietzsche, nicht mit Goethe, Homer oder Vergil, und auch nicht mit Marx oder Mao. Die Bibel bleibt das begründende Buch. „Verbum Dei manet in aeternum“ – Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.

Und weil das so ist, bleibt auch noch mehr. Auch davon erfahre ich in der Bibel. Paulus schreibt mitten in den Kulturkämpfen und theologischen Auseinandersetzungen der jungen Christengemeinde in Korinth: „Doch nun, in der Zwischenzeit, bleiben das Vertrauen, die Hoffnung und die Liebe, diese drei Lebenswirklichkeiten. Und die bedeutendste davon ist die Liebe.“ (1. Kor 13, 13, Übersetzung „dasbuch.“)

Der Grundklang von Glaube, Hoffnung, Liebe, ist vielen im Ohr. Die poetische Kraft dieses Kernstücks paulinischer Theologie und Anthropologie – denn das ist hier im „Hohenlied der Liebe“ in unnachahmlicher Weise ineinander verschränkt: Lehre, also verbindliche Aussagen über Gott und zugleich über den Menschen – führt leicht dazu, das wir über den unglaublichen Inhalt hinweglesen oder ihn überhören.

Neben dem Wort Gottes in der Bibel, das bleibt, weist der Apostel hier auf drei grundlegende Elemente unseres Lebens, die festbleiben sollen und werden. Sie haben zu tun mit unserer Beziehung zu Gott, zur Welt und zum Mitmenschen. Alle drei werden angestrahlt und durchleuchtet von der Offenbarung Gottes in Jesus. In allen dreien steckt eine ungeheure Sprengkraft, eine Kritik gegenüber anderen Weltanschauungen, ein Widerstand gegen andere Mächte und Gewalten, die unser Leben in den Griff bekommen können. Glaube, Hoffnung und Liebe sind eben nicht naturgegebene und damit natürlich vorgezeichnete Merkmale unserer Beziehung zur Welt. Sie sind vielmehr etwas ganz Außergewöhnliches, etwas völlig Andersartiges und Besonderes. Nur wenn wir das verstehen, begreifen wir die revolutionäre und befreiende Kraft dieser drei Merkmale, die eine neue Lebensmöglichkeit beschreiben.

Der Glaube, das Vertrauen, ist das erste Geschenk, das aus unserem Gottesverhältnis entspringt. Wir sind nicht ausgeliefert an Naturgewalten oder kosmische Kräfte, sind nicht Spielball von Schicksal oder heidnischen Göttern, sind nicht bestimmt von dämonischen Mächten oder Sternzeichen, sondern leben als Kinder Gottes im Vertrauen auf ihn, unseren Vater. Das Prinzip Vertrauen ist eine Absage an religiöse Manipulation und gesetzliche Systeme, an deterministische Weltsichten und Zwänge, die den Menschen entmenschlichen wollen.

Dieses Vertrauen auf Gott, fern von allen angeblich wissenschaftlichen Festlegungen, und auch fern von aller frommen Systematik, ist etwas, das ich unbedingt festhalten will. Das Leben als Kind Gottes ist ein Leben in Freiheit und Vertrauen auf ihn. Deshalb muss ich auch nicht dem jeweils neusten Trend folgen, egal in welchem Bereich, sondern darf mit Matthias Claudius, der zu seiner Zeit von den großen Geistern zwar geschätzt, aber immer wieder auch als zu konservativ und gläubig gescholten wurde, mich einreihen in die Schar derer, die „wie Kinder fromm und fröhlich sein“ wollen.

Der Glaube soll also bleiben. Meinen Kinderglauben lasse ich nicht. Denn ich meine nicht, als Erwachsener so viel weiser geworden zu sein. Erfahrener und klüger vielleicht, gewiefter wahrscheinlich, aber weiser? „»Ich sage es euch klipp und klar: Wenn ihr euch nicht vollkommen ändert und wie die Kinder werdet, dann werdet ihr überhaupt nicht in Gottes neue Wirklichkeit hineinkommen!“ (Mt 18, 3, Übersetzung „dasbuch.“) Diese Warnung von Jesus klingt mir in den Ohren. Eigentlich ist sie ja viel mehr: Sie ist eine Einladung zum Kind-Gottes-Sein, zum unbedingten Vertrauen auf den Vater. Das will ich mir nicht abtrainieren und auch von niemandem nehmen lassen.

Das zweite, das bleibt, ist nach Paulus die Hoffnung. Hier geht es um das Verhältnis zu uns selbst, und es geht ebenso um unseren Blick auf diese Welt. Was wären wir ohne Hoffnung! Der Motor für Veränderung braucht den Kraftstoff der Hoffnung, um überhaupt zu laufen. Dass ich morgen nicht bleiben muss wie ich gestern war, dass ich mich heute nicht von negativen Erfahrungen der Vergangenheit einschränken und festlegen lassen muss, das ist das Wesen von Hoffnung. Und dass wir in der Welt wirklich etwas verändern können, das ist unsere Hoffnung. Unser Einsatz für Gerechtigkeit, unser Beten und Ringen um das Leben und das Überleben der Kirche, unser Zeugnis gegenüber den Menschen unserer Zeit, was auch immer ihrer Situation oder Weltanschauung sein mag, all das wird bestärkt von der Hoffnung, dass Gott gute Pläne für jeden Einzelnen und für diese Welt hat. Auch die Hoffnung braucht ihre Begründung in der Wirklichkeit des lebendigen Gottes, des Schöpfers, des Erlösers, und des Vollenders. Die Hoffnung bleibt und soll bleiben, solange noch Atem in mir ist. Die Hoffnung, dass etwas, ja, dass alles anders und neu werden kann. Durch den Vater, durch den Geist, durch Jesus, den Sohn.

Und spätestens jetzt merke ich, dass der Dreiklang „Glaube, Hoffnung, Liebe“, sich verwurzelt in der Wirklichkeit des dreieinigen Gottes. In Jesus hat er seine unendliche und absolut bedingungslose Liebe mit seinem Blut in den Staub unserer Welt hineingeschrieben. Deshalb bleibt auch die Liebe. Selbst angesichts von Brutalität und Kaltherzigkeit, von Ungerechtigkeit und Gleichgültig bin ich als Christ einer, der an die Liebe glaubt. Und zwar an die unbedingte Liebe Gottes.

Ich bin kein Humanist, der an die grundlegende Güte des Menschen glaubt. Die Geschichte der Menschheit und der Blick ins eigene Herz hat mir diese naive Weltsicht grundlegend ausgetrieben. Aber ich glaube an den Gott, der in sich Allmacht und Liebe vollkommen vereint und uns deshalb zu einem Leben im Vertrauen und voller Hoffnung und Liebe befähigt. Dass dieser Gott bleibt, auch in meinem Leben, dass Jesus Christus derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit, und dass wir Zuflucht finden können bei dem ewigen Gott und unter seinen starken Flügeln, das ist das Fundament, das ich nicht loslassen will.

Was hat sich geändert? Das war die Ausgangsfrage. Vielleicht die Tiefe meiner Erkenntnis, dass ich Gott wirklich brauche. Vielleicht die Weite meiner Hoffnung für diese Welt. Hoffentlich auch meine Liebe zu Gott und zum Nächsten. Sicher aber die Überzeugung, dass es nicht an unserem Wollen und Laufen liegt, sondern an Gottes Erbarmen. Und das ist nicht willkürlich, sondern besiegelt durch das Selbstopfer des ewigen Hohenpriesters, Jesus.

Roland Werner, Reloaded am Reformationstag 2015

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