Richtig hören, richtig tun?!

Richtig hören, richtig tun?!

Hier ein neuer Text von mir zum Thema „Richtig hören, richtig tun?!“

Herzliche Grüße, Euer Roland

Meine Erfahrungen mit der Aufmerksamkeit im Gottesdienst

Da sitze ich wieder. Im Gottesdienst. Die Predigt beginnt. Genauer gesagt: Der Prediger beginnt zu predigen. Und ich? Ich höre zu.
Das ist eine wichtige Aufgabe, das weiß ich. Denn genau dazu bin ich hier: Um auf Gottes Wort zu hören. Zu hören auf das Wort Gottes im Mund des Predigers. Bonhoeffer hat mal so etwas gesagt: „Du sollst und darfst glauben, dass das Wort, das du verkündest, zum Wort Gottes wird!“ Erstaunlich finde ich das. Aber weil ich das jetzt mal glaube und glauben will, strenge ich mich ganz besonders an, zu zuzuhören. Denn schließlich erreicht mich jetzt Gottes Wort.
Und dass mich das erreicht, ist wichtig. Denn der Glaube kommt aus dem Hören – so sagt es Paulus (Römer 10, 17). Zwar hat Martin Luther das etwas anders übersetzt: „Der Glaube kommt aus der Predigt“ – und so kann man das auch wiedergeben. Aber streng genommen ist das nicht ganz korrekt. Der Glaube kommt aus dem Hören! – Und Paulus fährt dann fort: „…das Hören aber durch das Wort Christi.“
Hören will ich also. Hören muss ich. Denn hier begegnet mir Gottes Wort, mir persönlich und uns als versammelter Gemeinde direkt zugesprochen! Es ist also wichtig, dass ich aufmerksam zuhöre. Dass ich lerne, zu hören. Und das Gehörte zu glauben, und dann auch in die Tat umzusetzen.
Denn auch das ist ganz wichtig. Nicht nur das richtige Hören, nicht nur das richtige Glauben, sondern auch das richtige Tun. Hier entscheidet sich, ob mein Glaube nur eine verstandesmäßige Zustimmung oder eine gefühlsmäßige Gestimmtheit ist, oder ob er als echter, ganzheitlicher Glaube, auch mein Leben umfasst und mein Tun bestimmt.
„Seid nicht nur Hörer des Wortes, sondern auch Täter…“ So oder ähnlich formuliert es der Herrenbruder Jakobus, auch „Jakobus der Gerechte“ genannt, in seinem Brief. Er nahm seinen Glauben ganz ernst, das spüren wir, wenn wir seinen Brief lesen, auch jetzt noch, im Abstand von knapp 2000 Jahren. Für seine konsequente Haltung hat er dann auch mit seinem Leben bezahlen müssen. Er erlitt den Märtyrertod, wohl Jahr 62 n.Chr. Davon berichtet nicht nur der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsaräa aufgrund christlicher Quellen, sondern auch der Zeitgenosse Josephus Flavius (Altertümer XX).
Dieser Jakobus also schreibt – und ich erlaube mir, aus der Übersetzung „das buch“ zu zitieren – ernste und bedenkenswerte Worte über das angemessene Hören und das daraus notwendigerweise folgende Tun:

„Ihr wisst ja, meine lieben Geschwister: Jeder Mensch soll in der Lage sein, gut zuzuhören. Aber er soll nicht sofort zu allem etwas sagen und erst recht nicht leicht zornig werden. Denn es stimmt: Der Zorn eines Menschen kann nicht das bewirken, was Gottes gerechtem Wesen entspricht. Trennt euch deshalb von allem inneren Schmutz und von der Bosheit und nehmt ganz lernbereit das in euch eingepflanzte Gotteswort auf, denn es hat die Kraft, euch ganz von allem Bösen zu befreien. Seid also Leute, die das Gotteswort in die Tat umsetzen und es nicht nur hören! Denn damit betrügt ihr letztlich nur euch selbst.
Denn wenn jemand die Botschaft Gottes nur hört und sie nicht in die Tat umsetzt, dann ist er wie ein Mann, der sein eigenes Gesicht im Spiegel sieht. Er betrachtet sich darin, geht dann wieder weg und vergisst sofort, wie er aussieht. Aber wer den Durchblick gewinnt, bis hinein in das vollendete Gesetz der Freiheit, und dann daran festhält, wer also kein vergesslicher Hörer ist, sondern es auch in die Tat umsetzt, der wird in allem, was er tut, wahres Glück finden.“ (Jak 1, 19-25)

Also: Hören, Glauben, Tun. Das ist richtig und wichtig.
Da sitze ich wieder. Es ist Sonntag Morgen. Gut, dass ich jetzt abschalten kann. Jetzt ertönt das erste Lied, sogar relativ pünktlich. Ich kenne es und stimme ein in den Gesang. Leider ist die Orgel mal wieder zu langsam! Als alter Orgelspieler rege ich mich darüber auf, wenn sich Gemeindegesang und Orgelklang gegenseitig in eine sich immer mehr verlangsamende Abwärtsspirale ziehen! Da muss ich etwas antreiben, die Noten immer etwas vorher singen, damit wieder Schwung in die Bude, pardon, den Gesang kommt. Wir sind schon bei der dritten Strophe. Welches Lied singen wir den gerade, bitteschön? Über die Frage der mangelnden Geschwindigkeit und dem gegenüber doch sehr ausgeprägten Dünnigkeit des Gemeindegesanges habe ich es versäumt, die Worte des Liedes wirklich aufzunehmen und auch mich wirken zu lassen.
Na ja, das ist ja auch schwierig, beim Singen. Die Lieder kenne ich sowieso in- und auswendig, da ist es ja kein Wunder, wenn die Worte an mir etwas vorbeirauschen. Aber bei der Predigt wird das sicher anders sein. Da passe ich schon auf!
Achtung, es geht los! Die Liturgie ist auch vorbei, den Psalm habe ich im Wechselgebet mitgesprochen – welcher war es denn gerade auch noch? – und jetzt passe ich auf. Der Prediger (heute ist es ein Mann) hat offenbar etwas Probleme damit, sein Manuskript und seine Bibel auf der Kanzel zu organisieren. Außerdem fingert er immer mit seiner Brille herum, mal nimmt er sie ab, dann wieder setzt er sie auf. Er sollte sich wohl am Besten eine Gleitsichtbrille besorgen!
Ach ja, aufgepasst, jetzt liest er den Bibeltext vor. Ja, den kenne ich, darüber habe ich vor drei Wochen auch selbst gepredigt, was genau ich da gesagt habe, weiß ich gerade nicht mehr, aber wahrscheinlich fällt es mir ein, wenn er spricht.
Ach ja, es geht darum, sich mit seinem Bruder zu versöhnen, also um diesen Abschnitt in der Bergpredigt, dass man lieber seine Opfergabe am Altar liegen lassen sollte und erst nach der Aussprache mit seinem Bruder mit dem Opfern weiter machen sollte.
Hoffentlich passt Norbert da schräg rechts hinter mir auf, der hat ja immer Stress mit seinem Hauskreis, der sollte hier nicht so fromm tun, sondern vor allem erst einmal seine Probleme mit denen klären.
Und Karla, die hat mich in letzter Zeit immer so komisch angeguckt, die hat wohl was gegen mich. Ich finde sie ja auch ein bisschen doof und zu dominant, hoffentlich hört die gut zu und ändert aufgrund der Predigt ihr Verhalten. Ja, es reicht einfach nicht aus, nur Hörer des Wortes zu sein, sondern man muss auch Täter werden!
Darüber sollte ich bei nächster Gelegenheit mal predigen. Schließlich ist das wahrscheinlich vielen hier in der Gemeinde nicht klar. Da muss ich mal etwas nachhelfen.
Ach, ich merke, ich habe gerade nicht genau zugehört, was der Prediger gesagt hat. Alle lachen, nur ich habe verpasst, worum es geht. Sicher irgend so ein abgedroschener Witz, den man schon hunderte Male gehört hat. Na ja, lache ich mal mit, dann merken nicht alle gleich, dass ich abgelenkt war!
So, hoffentlich kommt die Predigt langsam zum Ende! Die magische Grenze von 20 Minuten ist sowieso schon längst überschritten, und das kann man sich gar nicht alles merken. Es kommt auf den einen Satz an, die eine Einsicht, die man mitnehmen kann. Das kann man doch alles auch viel kürzer sagen! Und außerdem war in dem, was ich bislang gehört habe, manche theologische Unschärfe drin, ganz zu schweigen von den logischen Brüchen in der Gedankenführung! Ich finde auch, ab und zu könnte mal ein Zitat eine klassischen Dichters aus dem 18. oder 19. Jahrhundert nicht schaden! Aber wer liest das heute schon noch? Die gucken doch alles sowieso nur noch Reality-TV-Shows.
Na ja, wurde auch Zeit! Amen! Das erlösende Wort ist gefallen. Amen! Damit ist das jetzt auch geschafft, und wir können uns langsam auf das Ende des Gottesdienstes einstellen. Ich muss auch bald mal auf die Toilette, und hoffe, dass ich beim Kirchencafé dann auch noch etwas abkriege.
Noch mal Amen! Jetzt ist es endlich ganz geschafft! Ich gehe in Richtung Tür. Der Pastor danke ich mit freundlichem Händedruck für die gute Predigt. Beim Kirchencafé stelle ich mich bewusst neben eine Gruppe von Männern, die schon wieder bei ihrem Lieblingsthema sind, den Fußballergebnissen von gestern. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe als Fußball! Was? – Fragt einer. Na ist doch klar, zum Beispiel das Thema der heutigen Predigt. Was war das noch mal? O, ist mir entfallen, aber das müssen die anderen ja nicht merken. Angriff ist die beste Verteidigung, und so frage ich meine Mit-Kaffee-Trinker: Und, wie fandet ihr die Predigt? Da war ja einiges drin, was bemerkenswert war, und außerdem kommt es doch vor allem darauf an, das wir das auch in die Tat umsetzen, was wir in der Kirche hören. Denn schließlich steht irgendwo in der Bibel, ich weiß jetzt gerade nicht genau, wo: „Seid nicht Hörer des Wortes allein, sondern auch Täter!“ Ach, jetzt fällt mir zufällig auch ein, wie das Zitat weitergeht: „…sonst betrügt ihr euch selber!“ So oder ähnlich.
Doch jetzt los, ab nach Hause, der Alltag ruft, und man muss ja neben dem Kirchenbesuch auch mal was Sinnvolles machen!

Mögliche Übungen zum aufmerksamen Hören:

  1. Versuche, dich an eine Zeile aus dem Lied vor/nach der Predigt zu erinnern!
  2. Schreibe dir die Hauptpunkte der Predigt mit – auf einen Zettel in deiner Bibel oder ein kleines Journal.
  3. Sprich mit einem anderen innerhalb der ersten 3 Stunden nach dem Gottesdienst über das, was dich angesprochen hat.
  4. Schreibe am nächsten Morgen eine email an den/die Prediger/in und teile ihm/ihr mit, was dich angesprochen hat und wie du jetzt versuchst, das umzusetzen.
  5. Lies den Bibeltext schon am Tag oder am Morgen vor der Predigt.

(c) Roland Werner

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