Das Bad in der Menge oder die Kerze der Hoffnung

Das Bad in der Menge oder die Kerze der Hoffnung

Gedanken zu Unsinn und Sinn christlicher Großveranstaltungen

Spätestens seit der Loveparade in meiner Heimatstadt Duisburg in diesem Jahr ist die Frage nach Sinn und Ziel, nach Chance und Grenze von Massenveranstaltungen nicht mehr wegzuwischen. Was macht den Reiz von Großveranstaltungen aus? Wozu soll das gut sein, wenn statt fünfzig oder hundert jungen Leuten in einem Club oder einer Disko fünfzigtausend oder gar mehrere hunderttausend zusammen kommen und gemeinsam tanzen? Was können solche Massenveranstaltungen an Positivem bewirken? Und wo liegen Gefährdungen und Begrenzungen? Warum suchen besonders auch junge Menschen immer wieder dieses Bad in der Menge?
Bevor ich versuche, mit dem Thema zu nähern, sei eine Vorbemerkung erlaubt. Ich schreibe diesen Beitrag auf Bitte der Redaktion, weil ich – so die Begründung – „selbst an einer Reihe von Großveranstaltungen mitgewirkt“ habe. Und ich soll bewusst auf Themen wie Kirchentag und Christival – ich war von 1993 bis 2010 Vorsitzender dieses Kongresses Junger Christen –  eingehen. Das tue ich gern, zumal ich auch vom Nutzen von solchen Veranstaltungen überzeugt bin. Ende der Vorbemerkung. Los geht’s.

Die Faszination der Zahl

Zuerst einmal gilt es, genau hinzuschauen. Gerade bei den Zahlen. Denn da klafft zuweilen eine ziemliche Kluft zwischen den erwarteten und tatsächlichen Besucherzahlen und häufig auch zwischen den veröffentlichten und den wirklichen Zahlen. Meist werden solche Diskrepanzen geflissentlich überdeckt. Manchmal jedoch scheinen sie durch, so wie neulich bei einem Radiobeitrag, den ich zufällig hörte. Der Sprecher sagte sinngemäß über eine große Straßenparty: „Nach Angaben der Veranstalter waren über 100.000 Besucher gekommen, die Polizei sprach von 8.000 bis 10.000.“ Diese Differenz ist kein Pappenstiel. Scheinbar war hier der Wunsch der Vater des Gedanken, und jeder Fußgänger, der zufällig in der Nähe der Parade vorbeikam, wurde von den Veranstaltern umgehend als Besucher mitgezählt. Mathematik ist offensichtlich nicht jedermanns Sache, und es stellt sich die Frage: Was bewegt Verantwortliche oder Berichterstatter von Großereignissen, die Zahlen aufzubauschen?
Die Gründe sind dafür sind vordergründig klar: Die Masse der Menschen beweist, dass die Veranstaltung gut war, cool, hipp, in, angesagt, gut organisiert, notwendig, politisch bedeutend usw. Und deshalb gilt: Größer ist besser. Nach wirtschaftlichen und werbestrategischen Beurteilungen mag das so sein. Doch gilt das auch grundsätzlich? Ist die große Zahl ein Anzeiger für Güte und Bedeutsamkeit?

Zahl und Identität

Die Motivation, Zahlen zu übertreiben, liegt meiner Meinung nach noch eine Schicht tiefer. Große Zahlen haben etwas mit unserer Identität zu tun. Die große Zahl gibt Sicherheit. Sie vermittelt dem Einzelnen: Du bist nicht allein! Und die Veranstaltung, an der du teilnimmst, ist wirklich bedeutsam. Da, wo du bist, bist du richtig! Denn all die anderen sind ja auch da. Da geht es nach dem Motto: „Millionen Fliegen können sich nicht irren…“
Die große Zahl stiftet – vermeintlich – Identität. Sie nährt, und da wird es gefährlich – möglicherweise auch Allmachtphantasien. Das, was ich allein nicht bewältigen kann, das können wir alle gemeinsam! Und so sind die Rufe nach der großen Zahl allgegenwärtig. „Die diesjährige Loveparade wird noch größer,  noch gigantischer, noch geiler!“ „Let’s find one million Christians on Facebook!“ Viele Beispiele für die Faszination der Menge wären anzuführen. Und immer wieder scheint durch, dass es um mehr geht als um eine reine Addition von Individuen. Vielmehr geht es um das große Erlebnis. Um eine Erfahrung, in der gerade das Individuum transzendiert wird. Die Faszination der Menge hat offensichtlich ganz tiefe Verwurzelungen in unserer Persönlichkeit.
Und so ist es verständlich, dass die Faszination der großen Zahl kein rein neuzeitliches Phänomen ist. Die gigantischen Bauten der Antike wie die Pyramiden in Ägypten sind Stein gewordener Beweis, dass sich damals ungeheure Menschenmengen in den Dienst einer Sache stellen ließen – höchstwahrscheinlich nicht ganz freiwillig. Das Kolosseum in Rom stellt einen unglaublichen Rekord in Sachen Massenbespaßung und Massenbegeisterung dar. Der Einwohner von Rom wurde Teil eines beispiellosen Schauspiels. Auf der einen Seite gab er seine Individualität auf und ließ sich einsaugen in eine Masse von sechzigtausend oder achtzigtausend Zuschauern. Auf der anderen Seite lebte er in dem Bewusstsein: So etwas gab es nur in Rom, in der Hauptstadt, und er war ein Teil davon!

Individuum und Kollektiv

Hier kommen wir also näher an eine Erklärung heran. Das Besondere, das Prickelnde ist die Beziehung zwischen dem Individuum und der Menge. Was reizt daran? Vielleicht ist es dieses Moment: Ich als Einzelner werde Teil der Masse und verschwinde in ihr. Auf der anderen Seite würde die Menschenmenge ohne mich kleiner, geringer, unbedeutender sein. Ich als Individuum gebe gleichzeitig Kontrolle auf, aber habe auch die höchste Kontrolle. Denn ich bin ja wesentlich mit verantwortlich dafür, dass dieses Menschenmeer überhaupt erst entsteht. So ist die große Masse gleichzeitig ein Werkzeug der Relativierung und der Stärkung des Individuums.

Menschenmengen und die Bibel

Auch in der Bibel schlägt sich die Faszination der Zahl nieder. So beispielsweise beim legendären König David. Er beschloss, gegen die Warnung des Propheten Gad, eine allgemeine Volkszählung in seinem Reich durchzuführen. Da es dabei um die Einschätzung der eigenen militärischen Stärke und um eine geplante Mobilmachung für weitere Eroberungskriege ging, fand sein Plan nicht das Wohlgefallen Gottes. König David wurde für seinen Größenwahn hart bestraft. (2. Samuel 24)
Dabei ist Zählen als solches weder im Alten noch Neuen Testament verpönt. Teilweise wird sehr genau berichtet, wie viele Menschen zu welchem Zeitpunkt wo waren. Die Zahl der Juden, die nach dem Exil wieder nach Jerusalem zurückkehrten, wird genau festgehalten (1. Chronik 9), die Zahl der Sänger im Tempel (1. Chronik 25), der Torhüter (1. Chronik 26), der Heerführer, Stammesfürsten und so weiter (1. Chronik 27). Klassisch sind auch die Zahlen bei der Speisung der 5.000 und 4.000 Männer – ohne Frauen und  Kinder – von denen alle vier Evangelisten berichten. Und auch am Pfingsttag, dem Geburtstag der Kirche, wird gezählt: 3.000 Menschen ließen sich an diesem Tag taufen. So berichtet es der Arzt und Historiker Lukas (Apg 2).
Die Liste ließe sich beliebig lang weiterführen: 12 Jünger beruft Jesus (Mk 3), 70 seiner Nachfolger sendet er aus in die Dörfer und Städte Galiläas (Lk 10), 500 Menschen sehen gleichzeitig den Auferstandenen (1. Kor. 15), 144.000 Vertreter der Zwölf Stämme des Gottesvolkes Israel loben Gott in der himmlischen Wirklichkeit (Off 7).
Was ist der Sinn all dieser Zahlen – besonders der großen Zahlen in der Bibel? Begegnen wir hier einfach einer weiteren Variante des menschlichen Bedürfnisses, Dinge zu quantifizieren und dadurch die Bedeutung des Ereignisses oder der eigenen Sache besonders zu betonen? Mag sein, dass das auch bei manchen der berichteten Zahlenereignissen eine Rolle spielte. Schließlich berichtet die Bibel von Menschen, von ihren Irrungen und Wirrungen, ihren Hoffnungen und Träumen und sicher auch ihrer Lust am Zählen. Und doch ist mehr dahinter. Denn die Zahl in der Bibel ist mehr als eine reine Zahl. Das zeigt nicht zuletzt ein Blick auf Jesus und sein Verhältnis zur Zahl.

Der Einzelne und die Masse bei Jesus

Es besteht schon eine seltsame Spannung in den Berichten der Evangelien. Auf der einen Seite sehen wir Jesus als den Liebhaber der kleinen Zahl. Auf sie legte er eine Verheißung: „Wo auch immer zwei oder drei in meinem Namen zusammenstehen, dort bin ich selbst in ihrer Mitte gegenwärtig.“ (Mt 18, 20, das buch.NT) Und so wählte Jesus unter all seinen Anhängern 12 Jünger und, unter ihnen noch einmal 3 Lieblingsjünger, das Brüderpaar Petrus und Andreas sowie Johannes. Überall lesen wir in den Evangelien davon, wie er sich intensiv und exklusiv Einzelnen zuwendet.
Und doch lässt Jesus auch zu, dass ihm große Volksmengen folgen. Die Bergpredigt (Mt 5-7), die Feldpredigt (Lk 6) und die Predigt am Seeufer (Lk 5) geschehen vor großen Menschenmassen. Auch die mehrfach berichtete Speisung der Tausende (u.a. Jh 6) und der triumphale Einzug in Jerusalem (u.a. Mt 21) sind Massenereignisse, die Jesus inszenierte oder zumindest gestaltete.
Es wäre jetzt wenig hilfreich, diese Berichte der Evangelien unter einem rein historischen Aspekt beurteilen zu wollen, etwa mit der Fragestellung: Wie wahrscheinlich ist das dort Berichtete? Ist es denkbar, dass es wirklich zu solchen Massenspeisungen kam, und wenn ja, wie? Schließlich sehen wir heutzutage als Kinder der Aufklärung die neutestamentlichen Wunder eher kritisch. Jedoch ist auch solche Kritik als weltanschaulich und zeitlich bedingt kritisch zu hinterfragen. Doch ganz abgesehen von der historischen Frage ist die tiefer greifende, also die theologische Frage zu stellen, was der Stellenwert von kleiner Gruppe und großer Menschenmenge im Neuen Testament ist.

Die grenzenlose Zuwendung

Eine theologische Betrachtung wird schnell fündig: In seinem gesamten Verhalten will Jesus Aussagen über Gott machen. In Wort und Tat verkörpert er die Offenbarung Gottes. In seiner Zuwendung zu einzelnen und in der Bereitschaft, die „Vielen“ zu sehen und an sich heran zu lassen. Insofern kann man auch im Verhalten von Jesus von einer Inszenierung sprechen. Er wollte das Wesen seines himmlischen Vaters „in Szene“ setzen, verständlich und begreifbar machen. In der Brotvermehrung macht er deutlich, dass Gott der Versorger, der gute Hirte für alle Menschen ist und die Fülle für alle hat. In der Bergpredigt macht er deutlich, dass alle ein Recht darauf haben, das gute Wort Gottes zu hören.
Diese bewusste Inszenierung Jesu ist Teil seiner Inkarnation. Jesus macht deutlich: So ist Gott. Er ist der Zugewandte, der sowohl den Einzelnen als auch die Masse im Blick hat. Er ist der, in dessen Haus Platz für alle ist. Er ist der Gastgeber, der seine Diener, nachdem die Eingeladenen nicht zur Party kommen wollen, immer wieder hinaus schickt, um an den Hecken und Zäunen alle einzuladen, damit sein Haus voll wird (Lk 14, 15-24).

Christliche Großveranstaltungen in der Spur von Jesus?

Damit wäre ja alles geklärt: Schon Jesus organisierte Großveranstaltungen. Dass seine Nachfolger es ihm bis auf den heutigen Tag nachtun, ist damit nur recht und billig. Also: Ja zu Kirchentagen, ja zu Jugendkongressen wie dem Christival. ja zu Festivals, ja zu Pilgerreisen, bei denen die Massen in Bewegung kommen! Das ist doch, wie nachgewiesen wurde, biblisch und auch jesuanisch eindeutig legitimiert. Und schließlich sind evangelische Christen mit ihrer Liebe zu Großveranstaltungen nicht allein. Hunderttausende katholische Christen pilgern jedes Jahr nach Lourdes und Rom, Unzählige Christen aus allen Konfessionen besuchen die Stätten des Wirkens von Jesus im Heiligen Land oder pilgern nach Santiago des Compostela. Und verglichen mit den Millionen von Muslimen, die jährlich nach strengen Länderquoten nach Mekka pilgern, sind die christlichen Großveranstaltungen allesamt eher gemütliche Clubtreffen. Das Bedürfnis, sich in großen Gruppen zu versammeln, scheint der Spezies Mensch innezuwohnen. Und da weder ein biblisches noch ein kirchliches „obstat“ im Wege steht, könnte hier die Reflexion getrost enden. Großveranstaltungen sind in, sind gefragt und sind okay. Und damit ist alles gesagt. Oder?
Es wäre so, wenn nicht noch ein kleines „Aber“ im Hinterkopf ertönen würde. Und diese kleine Stimme fragt an, ob hiermit schon alles gesagt ist. Geht es nur um Quantität oder auch um Qualität? Geht es nur um Event oder nicht vor allem um Begegnung? Geht es bloß um Gefühl oder auch um Inhalt? Die Stimme erinnert daran, dass Jesus die Massen nicht hungrig weggehen ließ, sondern dafür sorgte, dass jeder zu essen bekam. Sie erzählt, dass Jesus selbst sich dem Sog der Masse immer wieder entzog, um in der Einsamkeit zu beten. Und sie erinnert daran, dass es die gleiche Masse von Pilgern in Jerusalem war, die ihm zuerst mit „Hosianna“ zujubelte und wenige Tage später „Kreuzige ihn!“ schrie. Und dass es am Ende nicht mehr die große Menge der Jünger war, die ihn in den letzten Stunden begleitete, sondern nur ein paar Frauen und Männer, die am Kreuz ausharrten. Sie erinnert an die Aussage von Jesus, dass es die „kleine Herde“ ist, der sein Vater im Himmel sein Reich versprochen hat (Lk 12, 32).

Die Gemeinschaft der Hoffnung

Es ist und bleibt ein Drahtseilakt. Die Spannung bleibt bis zuletzt und wird nicht aufgelöst. Quantität ist nicht gleich Qualität. Und dennoch gilt der Umkehrschluss auch nicht: Weil viele da sind und mitmachen, kann es nichts Gutes sein. Weder die kleine noch die große Zahl sind ein endgültiger Erweis von Güte einer Veranstaltung. Was zählt, ist, dass der Einzelne nicht unter die Räder, sondern zu seinem Recht kommt, dass keine Massenhysterie entsteht, und doch das Erlebnis der die eigene Existenz übersteigenden Gemeinschaft einen Raum findet. Wichtig ist, dass kleine und große Veranstaltungen einen Raum eröffnen, in dem viele Einzelne neu Glauben, Hoffnung und Liebe erfahren können. Und in dem die Freiheit des Heiligen Geistes regiert, der die Individualität jedes Einzelnen respektiert und gleichzeitig den Raum der Begegnung mit Gott und anderen aufschließt. Christliche Großveranstaltungen haben so lange eine Berechtigung und ihren Sinn, wie Menschen auf ihnen sich selbst, einander, und Gott begegnen können. Denn was sich dann an Synergie ereignet, kann die Kreativität und Vielfalt des Schöpfers darstellen. Das Miteinander und die Begegnung von unterschiedlichsten Menschen kann ein Potenzial der Erneuerung und Veränderung freisetzen. Und wer weiß, vielleicht werden auf der nächsten Großveranstaltung die Kerzen für eine neue friedliche Revolution entzündet.

Roland Werner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.