Frei zu sein bedarf es wenig…

Frei zu sein bedarf es wenig…

Von der Freiheit der Christen

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan!“ So beginnt Martin Luther seine berühmte Denkschrift an Hieronymus Mehlpfordt. Und damit erfasste er eine zentrale Wahrheit des Evangeliums: Christsein heißt frei sein: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Galater 5, 1)
Ob uns diese Grundtatsache als erstes einfällt, wenn wir darüber nachdenken, was es heißt, Christ zu sein? In seinen Briefen legt Paulus einige Jahre später noch einen weiteren Spitzensatz nach: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!“ (2 Kor 3, 17) Und gegenüber seinen Kritikern beharrt Paulus: „Ich bin frei in allen Dingen…“ (1. Kor 9, 19) Freiheit ist in der Tat ein Grundwort des christlichen Glaubens.

Die herrliche Freiheit der Gotteskinder

Der niederrheinische Autor Hans-Dieter Hüsch tut gut daran, diese Freiheit auszurufen auf einzigartige Weise poetisch zu besingen:

Im Übrigen meine ich
Möge uns der Herr weiterhin
Zu den Brunnen des Erbarmens führen
Zu den Gärten der Geduld
Und uns mit Großzügigkeitsgirlanden schmücken

Wir müssen endlich damit beginnen
Das Zaghafte
Und Unterwürfige abzuschütteln

Denn wir sind Kinder Gottes: Gottes Kinder!
Und jeder soll es sehen
Und ganz erstaunt sein
Dass Gottes Kinder so leicht
Und fröhlich sein können
Und sagen: Donnerwetter

Jeder soll es sehen
Und jeder soll nach Hause laufen
Und sagen: Er habe Gottes Kinder gesehen
Und die seien ungebrochen freundlich
Und heiter gewesen
Weil die Zukunft Jesus heiße
Und weil die Liebe alles überwindet
Und Himmel und Erde eins wären
Und Leben und Tod sich vermählen
Und der Mensch ein neuer Mensch werde
Durch Jesus Christus.

Ja! Das ist es: Freiheit, die zur Großzügigkeit führt, zur Freude, zur Heiterkeit und Unbekümmertheit, zum Glauben an die Zukunft, die Jesus heißt. Wer Jesus hat, hat diese Zukunft im Blick: „die herrliche Freiheit der Kinder Gottes.“ (Römer 8, 21)

Gefährdungen der Freiheit

Doch – wie oft! – sind wir Christen, sind unsere Gemeinden, unsere CVJM keine guten Beispiele für gelebte Freiheit. Statt einer Atmosphäre der Freiheit begegnet uns ein Klima der gegenseitigen Kritik und Kontrolle. Man hängt sich an Kleinigkeiten auf wie Musikstile oder Kleidungsfragen und beurteilt und verurteilt einander – und auch die Menschen außerhalb der Gemeinde – aufgrund kleinster Abweichungen von der etablierten Gruppennorm. Zudem dominieren Machtmenschen mit häufig subtilen Methoden ganze Gemeinschaften. Statt offener Kommunikation redet man dann hinter dem Rücken. Sünden und Fehler – reale oder vermeintliche- werden weitererzählt, und Menschen wundern sich, dass sie plötzlich gemieden und ausgegrenzt werden. Statt der Freiheit des Geistes herrscht die Unfreiheit einer Gruppe oder eines Einzelnen, statt der Freude der Erlösung regiert die Angst, ja keine Fehler zu machen.
Die Freiheit der Kinder Gottes ist gefährdet, von innen wie von außen. Nicht nur strukturelle Sünde, wie die gerade dargestellten zerstörerischen Dynamiken, sondern auch persönliche Ängste, Zwänge und Verwundungen der Seele können zur geistlichen Unfreiheit führen. Verlustängste drängen uns, andere an uns binden zu wollen, Zukunftsängste verführen uns zum Sammeln und Horten, die Angst vor Beschämung treibt uns in die Anpassung und Heimlichkeit.

Jesus – der Befreier

Dagegen – und alle anderen Facetten der Unfreiheit – hilft nur die radikale Flucht zu Jesus. Er ist es, der die Gefangenen freimacht, die Sünder zu sich einlädt und die Schuld vergibt. Er ist es, der zu uns steht und für uns sorgt, in Zeit und Ewigkeit. Er ist es, der uns trägt und hält und uns zugleich in die größte Freiheit führt. „Wen der Sohn frei macht, der ist wirklich frei!“ Die Freiheit, die Jesus bringt, ist umfassend. Er befreit von der Sünde und den Folgen der Sünde, vom schlechten Gewissen und vom ewigen Tod, er befreit von der Herrschaft der Mächte und Menschen, von der Tyrannei der Selbstsucht und der Meinung der anderen, vom Kreislauf des Karma und der Kakophonie der inneren Stimmen. „Jesus, der Retter, der Heiland, der Befreier ist da!“ So sangen es die Engel über den Feldern. „Der Geist des Herrn ist auf mir…, dass ich predige den Gefangenen, dass sie frei sein sollen.“ (Lukas 4, 18) So sagt es Jesus bei seiner ersten öffentlichen Rede.

Der Dienst der Freiheit

Weil Jesus der Befreier ist, sind Christen die Befreiten. So dürfen sie leben. In diese Freiheit dürfen sie hineinwachsen. Wie eine Zwiebel, die immer weiter geschält wird, dürfen sie immer mehr ablegen von dem, was sie unfrei macht: Erwartungen der Menschen, Ängste, Vorurteile, negative Prägungen und vieles mehr. Gottes Geist ist leitet auf diesem Weg in die Freiheit. Und auf dem Weg erwächst eine neue Freiheit. Die Freiheit zum Einsatz für andere. Die Freiheit, von sich selbst wegzusehen, und die Not der Welt anzuschauen. Dies bewegte den Apostel Paulus: „Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.“ (1. Kor 9 19). So fährt auch Martin Luther fort: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Die freiwillige Aufgabe der Freiheit, um anderen zu dienen, ist ihr höchster Ausdruck. So hat es Jesus vorgemacht, der „Knechtsgestalt“ annahm (Philipper 2, 7), und der von sich sagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um sein Leben zu geben als Lösegeld für die Vielen.“ (Markus 10, 45)

Roland Werner
Dr. phil. et theol.

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