Bekehrt, bewährt, begabt, berufen?

Bekehrt, bewährt, begabt, berufen?

Wie die geistliche Mitte auch heute Jugendarbeit bestimmen kann

Dass Kirche einen Verkündigungsauftrag hat, wird kaum jemand bestreiten. Wie diese Verkündigung aber in die Praxis der Jugendarbeit und überhaupt kirchlicher Arbeit umgesetzt werden sollte, da scheiden sich die Geister.
Ich erinnere mich an die siebziger Jahre, als ich im Leitungsteam unserer örtlichen Jugendarbeit in einer Duisburger Kirchengemeinde mitarbeitete. Gelegentlich nahmen wir an Tagungen für Jugendmitarbeiter teil, die vom Kirchenkreis organisiert wurden. Damals sagte der Kreisjugendreferent in einer diese Schulungen voller Nachdruck: „Mit der Bibel in der Hand kann man heute nicht mehr Jugendarbeit machen!“ Wir waren nicht ganz von dieser Aussage überzeugt. Denn wir hatten – außer einem Raum, den uns die Kirchengemeinde zur Verfügung stellte, und ein paar alten Klampfen, spricht Gitarren – tatsächlich nur „die Bibel in der Hand“. Dass wir dabei die größte Jugendgruppe in Duisburg waren, von uns Jugendlichen selbst organisiert und selbst geleitet, mit an die 100 Leuten, die wöchentlich kamen, wurde offensichtlich gar nicht wahrgenommen.
Evangelische Jugendarbeit, mit oder ohne Bibel in der Hand? Dieser Gegensatz wurde uns, so empfand ich es, ohne Not aufgezwungen. Denn dass man in einer Jugendarbeit nicht nur die Bibel lesen kann, war uns klar. Und so gab es auch viele andere Aktivitäten: Spiele, Sport, Musik, Partys, soziale Einsätze, Besuchsaktionen im Altenheim, Freizeiten und manches mehr. Später hatten wir sogar einen Kicker! Aber die Arbeit mit und an der Bibel war und blieb im Zentrum. Dass wir im sozial prekären Duisburger Norden nicht nur Oberschüler und Realschüler in unserer Gruppe hatten, will ich der Vollständigkeit halber erwähnen, damit niemand auf die Idee kommt, dieses alte Argument aus dem Hut zu zaubern, dass man das nur mit Jugendlichen „höherer“ Schulformen inhaltliche Arbeit machen könne.
Natürlich war unsere Sprache die unserer Freunde. Schließlich waren wir alle im selben Stadtteil aufgewachsen. Natürlich benutzten wir keine theologischen Fremdwörter und komplizierte Satzkonstruktionen. Und doch: Es ging auch inhaltlich zur Sache. Denn schließlich interessieren die Fragen nach Sinn, nach Gott, nach Wahrheit und Hoffnung alle. Und so wurde diskutiert und gestritten, es wurde die Bibel befragt, es wurde gelacht und geweint und gebetet. Und natürlich halfen wir einander auch in sozialen Dingen, bei Hausarbeiten und bei persönlichen Problemen
Es war eben evangelische Jugendarbeit. Wir hielten das für normal. Die Bibel und der Glaube an Jesus im Zentrum – und dann einen weiten Radius, der das Leben der Jugendlichen umspannt, und wo alles zu Wort kommen darf. Enttäuscht waren wir von Jugendarbeitern, die uns die geistliche Mitte ausreden wollten. Es schien uns manchmal, dass wir ihnen ein Dorn im Auge waren, vielleicht, weil unsere Existenz und Praxis das damals gängige Dogma, wie kirchliche Jugendarbeit auszusehen habe, in Frage stellte.
Und hiermit sind wir ja schon längst beim Thema. Nämlich bei der Frage, welches Profil hauptamtliche Jugendarbeiter in der evangelischen Kirche brauchen, um genuin evangelische Jugendarbeit zu machen. Ich weiß, ich weiß, allein, die Frage so zu stellen, wird bei manchen Kopfschütteln auslösen, vielleicht aber auch nur ein müdes, abgeklärtes Lächeln hervorlocken oder gar Zornesfalten in die Stirn treiben.
Sei’s drum. Fragen sollten nicht tabuisiert werden. Und dass evangelische Jugendarbeit vielerorts in der Krise ist, liegt offen vor Augen. Denn da gelingt vieles nicht. Zum Beispiel der Transfer von der Jugendarbeit in die Kirchengemeinde. Jetzt kann einem das ja egal sein. Auf wen das zutrifft, der möge spätestens jetzt zu lesen aufhören und sich eine andere Beschäftigung suchen. Aber ich kenne manche Pfarrer, die mir ihr Leid geklagt haben, dass die kirchlich finanzierte Jugendarbeit völlig von der Kirche losgelöst ist und sie heute ihre Entscheidung aus den siebziger und achtziger Jahren bedauern, die Jugendarbeit aus den Gemeinden in Jugendhäuser auszulagern. Denn die „Ausgelagerten“ finden nicht mehr den Weg zurück ins Heimatlager.
Noch einmal, wem das egal ist, der wird hier einfach achselzuckend konstatieren: „So what?“ Wer aber ein Herz für die Zukunft der Kirche hat, der wird sich schon von der Frage bewegen lassen, wie Jugendarbeit wieder eine Brücke zur Gemeinde darstellen kann. Wie Glaube geweckt und Kirche gestärkt werden kann, gerade unter der jungen Generation.
Hier sind wir bei der Frage, welches Profil nicht nur unsere Jugendarbeit, sondern auch die Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter brauchen. Was ist die Beziehung zwischen pädagogischer und theologischer Qualifikation? Wie wichtig ist persönlicher Glaube und geistliche Motivation? Wie stark sollte die Identifikation mit dem Beruf sein? Diese und ähnliche Fragen, die letztlich einen Gesamtkomplex bilden, bedürfen einer Antwort.
Dabei gibt es verschiedenartige mögliche Ansätze. Ein Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin muss „bekehrt, bewährt, begabt, berufen“ sein. So lautete eine dieser Antworten noch vor einigen Jahrzehnten in Teilen der evangelischen Jugendarbeit, sicher mancherorts noch heute. Nur dann könne zutreffend von evangelischer Jugendarbeit gesprochen werden. Und diese Themensetzung „Bekehrung, Bewährung, Begabung, Berufung“ solle dann auch die Praxis und Programmatik erkennbar prägen. Eine andere mögliche Antwort wäre: „Es kommt vor allem auf die fachliche Qualifikation an. Ob die Jugendarbeiterin oder der Jugendarbeiter dabei eine geistliche Motivation im evangelisch-kirchlichen Sinne hat, ist zweitrangig. Schließlich sollen die Jugendlichen ja nicht missioniert oder gar bekehrt werden!“
Zwischen diesen beiden Ansichtspolen gibt es verschiedenste Schattierungen und Akzentsetzungen. So mag es manchem an der Förderung einer allgemeinen Kirchlichkeit gelegen sein, aber von Bekehrung möchte man nicht sprechen. Noch andere würden vielleicht gerade darin das Proprium evangelischer Jugendarbeit verortet sehen, dass sie bewusst nicht den persönlichen Christusglauben, sondern den Einsatz für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ins Zentrum stellt. Wieder andere zielen vielleicht auf eine bewusst konfessionell geprägte Jugendarbeit, in der Katechisierung und Liturgisierung eine wichtige Rolle spielen.
Eins wird klar: Das erstrebte Profil der Jugendarbeit und damit das gewünschte Profil der mit den und für die Jugendlichen hauptamtlich Arbeitenden ist eng verknüpft mit dem Ziel, das Jugendarbeit haben soll. Das Ziel gibt Wege, Mittel und Rahmen vor. Die Klärung des Ziels ermöglicht auch eine Bewertung und Kontrolle von Prozessen und Ergebnissen. Der Verzicht auf eine Zieldefinition wiederum bedingt, dass unklar bleibt und bleiben muss, ob, und wenn ja, welche Ziele erreicht wurden.
Wenn das Ziel evangelischer Jugendarbeit auch Glaubensweckung und Glaubensstärkung ist, bedeutet dass im Rückschluss, dass hauptamtliche wie ehrenamtliche Mitarbeiter Glaubende sein sollten, und auch, dass sie befähigt sein müssen, Glauben zu thematisieren und zu vermitteln. Und auch, dass sie Ehrenamtliche in dieser Zielsetzung unterstützen können.
Damit ich richtig verstanden werde: Im CVJM und auch in unserer heimischen Arbeit im Christus-Treff Marburg sind soziale Fragen, pädagogische Förderung von jungen Erwachsenen und Jugendlichen, Begleitung bei der Berufsfindung, Einsatz für soziale Gerechtigkeit hier vor Ort und im weltweiten Zusammenhang wichtige Themen. Hier braucht es auch Vision, Leidenschaft und Qualifikation. Aber, und das ist mein Plädoyer, alles sollte aus der Glaubensmitte heraus geschehen. Dann werden die verschiedenen notwendigen Aspekte und Engagements zusammengehalten.
Die Zeit des Gegeneinanders sollte endgültig vorbei sein. Es geht nicht mehr um die Alternative, ob wir „missionarische“ Jugendarbeit auf der einen oder „sozial und politisch engagierte“ Jugendarbeit auf der anderen Seite machen sollten. Wir brauchen eine neue Einheit von Glaube und Denken, von Glauben und Handeln, von Frömmigkeit und Einsatz in der Welt.
Dass das in Zukunft verstärkt gelingen wird, zum Wohl und Heil der jungen Leute, zu denen wir gesandt sind, und mit denen wir gemeinsam Jugendarbeit gestalten, davon bin ich überzeugt.

Dr. Roland Werner (Artikel für Baugerüst)

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