Browsed by
Jahr: 2015

Zielgerichtet evangelisch – Was das Wort “Evangelikal” eigentlich bedeutet

Zielgerichtet evangelisch – Was das Wort “Evangelikal” eigentlich bedeutet

Zielgerichtet Evangelisch

Was das Wort “evangelikal” eigentlich bedeutet

und:

Wie wir den evangelikalen Konsens für die Weite des Reiches Gottes fruchtbar machen können

(PS zuerst erschienen im Buch: “Der E-Faktor” von Ulrich Eggers/Markus Spieker (Hrsg.) 2005)

I.

Was bedeutet für mich „evangelikal“? Und warum bin ich mit Überzeugung Teil der Bewegung, die sich diesen Namen gefallen lässt?

Evangelikale Spurensuche

Es geht nicht leicht über die Zunge, das Wort „evangelikal“. Man merkt ihm an, dass es ein Fremdwort ist, oder genauer gesagt, ein Lehnwort, das Produkt einer Übersetzung des englischen Wortes „evangelical“. Als solches sollte es auf deutsch eigentlich als „evangeliumsgemäß“ wiedergegeben werden, oder einfach als „evangelisch“. Denn schließlich gilt diese Entsprechung auch bei anderen Begriffen, so heißt die „Evangelisch-Lutherische Kirche“ auf englisch einfach „Evangelical Lutheran Church“. Die internationale „Evangelical Alliance“ heißt auf deutsch stimmig „Evangelische Allianz“. So wäre statt „evangelikal“ eigentlich „evangelisch“ die angemessene Übersetzung des englischen Begriffes.

Und doch haben sich Verantwortliche innerhalb der sich in der Mitte des zwanzigsten Jahrhundert stärker formierenden „evangelikalen“ Bewegung dazu entschieden, dieses Lehnwort als Kennzeichen ihrer Gemeinsamkeit zu prägen. Möglicherweise war ihnen der Begriff „evangelisch“ nicht klar genug, denn auch dieser hatte eine Bedeutungsveränderung erfahren. Die ursprüngliche Bedeutung, nämlich „dem Evangelium entsprechend“ ist häufig nicht mehr die erste gedankliche Assoziation bei diesem Wort. Für viele Zeitgenossen heißt „evangelisch“ eher „nicht-katholisch“ oder auch „nicht so dogmatisch“ oder auch „aufgeklärt, liberal und dennoch kirchlich“. Diese zugegebenermaßen etwas impressionistische Analyse lässt zumindest eines erkennen: Begrifflichkeiten sind nicht immer leicht und eindeutig, sind aber wichtig und wirkmächtig, können prägen, können verbinden, aber auch Trennlinien aufzeigen und auseinander führen.

„Evangelikale“ Dynamik

Entstanden ist die evangelikale Bewegung, wie vieles andere Gute auch, in England, und zwar innerhalb der anglikanischen Staatskirche. Dort gab es in der Folge der das ganze Vereinigte Königreich umfassenden methodistischen Erweckung auch eine innere Erneuerung der „Church of England“. Die, die zurück zu den Wurzeln des Evangeliums wollten und eine Betonung auf den Glauben und die innere Erweckung des Einzelnen legten, wurden „evangelicals“ genannt, im Gegensatz zu den einige Jahrzehnte später aufkommenden Rekatholisierungstendenzen der „High Church“. Dabei war „evangelical“ primär vom Wortsinn verstanden und meinte ein direkt am Neuen Testament orientiertes Christentum, das sich nicht nur in der persönlichen Nachfolge Christi auswirkte, sondern auch konkrete und praktische Konsequenzen nach sich zog, und zwar in zwei Hinsichten:

Die eine war die Hinwendung zum Nächsten, gerade zum sozial Benachteiligten, dem aktive Hilfe zukommen sollte, mit dem einhergehenden Kampf um gesellschaftliche Veränderung und gerechtere Verhältnisse, um die Würde, Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen zu gewährleisten. So nimmt es nicht wunder, dass die Jahrzehnte währende, aber am Ende erfolgreiche Kampagne zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Reich von führenden „Evangelicals“ wie Wilberforce und Lord Shaftesbury initiiert und durchgehalten wurde.

Die zweite Zielrichtung dieser Bewegung war das Bestreben, dem biblischen Missionsauftrag Folge zu leisten, „alle Völker zu Jüngern zu machen“ (Mt 28, 18-20). Dieser Impuls wurde sowohl innerhalb Großbritanniens als auch im weltweiten Horizont umgesetzt und führte im Lauf der Zeit zum Entstehen der „jungen Kirchen“ vor allem in Afrika und Asien. Die „evangelikalen“ Christen innerhalb und außerhalb der anglikanischen Kirche, zusammen mit sinnesverwandten Christen in anderen Ländern, z,B. den weltoffenen Pietisten Süd- und Westdeutschlands, den Missionsbemühungen der Freikirchen und nicht zuletzt dem „American Board“ der Presbyterianer, prägten so das Gesicht des evangelischen Zweigs der Weltkirche.

Die Dynamik der „Evangelicals“ war an der Entstehung vieler internationaler Zusammenschlüsse maßgeblich beteiligt. Nicht zuletzt der internationale Bund der YMCA (Christlicher Verein Junger Menschen) wurde aus diesem Impuls 1855 in Paris gegründet, die Weltweite Evangelische Allianz 1846 in London, beides Vorläufer und Paten des erst 1948 gegründeten Ökumenischen Rats der Kirchen, der sich in einer direkten Linie der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 sieht, die auch wiederum von evangelikalen Missionaren, Pastoren und Theologen unter der Leitung von John R. Mott einberufen und gestaltet wurden.

Die „ältere“ evangelikale Bewegung, die ich bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ansetzen würde, hatte somit eine ungeheure Auswirkung auf die Gestalt der evangelischen Christenheit bis auf den heutigen Tag.

„Evangelikale“ Gegensätze?

Dabei ist es klar, dass der Begriff „evangelical“ als Definition für einzelne Christen und eine ganze Bewegung von Anfang an auch eine gewisse Kritik an anderen Lagern und Bewegungen in der Kirche beinhaltete.

Geschichtlich war es zunächst der Gegensatz zu den katholisierenden Tendenzen innerhalb der anglikanischen Kirche. Hier waren es die „Evangelicals“, die um den Erhalt der reformatorischen Lehre in der Kirche Englands kämpften.

Eine zweite Front war die Frage nach der Stellung der so genannten Laien, also der Christen ohne besondere Ordination. Auch hier setzten sie sich für die reformatorische Wiederentdeckung des „Priestertums aller Gläubigen“ und der daraus folgenden Beauftragung zum Zeugnis und Dienst aller Christen ein. Gemeinsam mit den Christen der Freikirchen, die schon seit den „Dissenters“ im Vereinigten Königreich eine viel stärkere Rolle spielten als im konfessionell zerklüfteten und kleinstaatlich organisierten Deutschland, nahmen die „Evangelicals“ der Kirche von England für sich in Anspruch, das einfache, klare, zentrale Christentum zu suchen und zu verkörpern.

Sie bildeten somit ein Ferment gegen obrigkeitliche Machtansprüche kirchlicher Hierarchien und drängten auf eine Demokratisierung der Kirche, die das urchristliche Ideal von einmütiger Geschwisterlichkeit gegenüber einer weltförmigen, politisch mit dem Staat verflochtenen und an dessen hoheitlichen Entscheidungen beteiligten kirchlichen Hierarchie betonten, in der die Bischöfe zugleich „Lords“ im Oberhaus waren und teilweise mehr an aristokratischem Zeitvertreib als an der Pflege der ihnen anvertrauten Herde interessiert zu sein schienen. Die „Evangelicals“ verkörperten – nicht nur in der methodistischen Bewegung – neben der Stimme des „einfachen Evangeliums“ auch die Stimme des „einfachen Mannes“ auf der Straße.

Eine weitere Frontstellung ergab sich für die „evangelikalen“ Christen, auch auf dem europäischen Festland, folgerichtig. Da sie das Wesen der Gemeinde nicht in den kirchlichen Strukturen, sondern in den glaubenden Menschen sahen, arbeiteten sie naturgemäß konfessionsübergreifend. In einer Zeit, in der teilweise noch nicht einmal zwischen „reformierten“ und „lutherischen“ Kirchen Abendmahlsgemeinschaft bestand, und in der Freikirchen teilweise, zumindest in Deutschland, verboten oder zumindest häufig stark behindert wurden, trafen sich die „Evangelikalen“ aus verschiedensten kirchlichen Hintergründen „brüderlich“ und einmütig zu gemeinsamem Gebet, gemeinsamer Bibelauslegung und nicht zuletzt zu gemeinsamer Aktion.

Damit wurden sie zu Vorreitern ökumenischen Bewusstseins, unter anderem, weil sie das „hohepriesterliche Gebet“ von Jesus in Johannes 17 ernst nahmen und sich davon zur Einheit inspirieren ließen.

„Evangelikal“ – eine Kampfansage?

Neben den Gegensätzen „evangelikal – katholisierend“, „evangelikal – konfessionell“, „evangelikal – hierarchisch“, die vor allem im 19. Jahrhundert wirksam waren, bildeten sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts weitere Gegensätze heraus.

Angesichts des Erstarkens der so genannten „liberalen“ Theologie, die als eine Spätfolge der „Aufklärung“ angesehen werden kann, besannen sich die, „die mit Ernst Christen sein wollten“, auf die Basis des Glaubens. In den USA bekannten sich führende Persönlichkeiten der evangelikalen Bewegung zu den so genannten „fundamentals“, den Grundlagen des christlichen Glaubens, und versuchten damit, aufklärerische, „liberale“ Einflüsse abzuwehren. Das brachte einem Zweig der evangelikalen Bewegung in den USA den Namen „fundamentalists“ ein, also Leute, die die Grundlagen nicht aufgeben wollten. Innerhalb der evangelikalen Bewegung jedoch, die, um es ein letztes Mal zu betonen, kirchen- und länderübergreifend häufig den „harten Kern“ der evangelischen Kirchenmitglieder ausmachte, führte dies zu einer gewissen Ausdifferenzierung. Manchen war das Anliegen der Einheit und der Evangelisation bzw. Weltmission wichtiger als das der „Rechtgläubigkeit“, ja, sie fürchteten eine erneute konfessionelle und damit neo-orthodoxe Verengung. So entwickelten sich innerhalb der evangelikalen Bewegung zwei Flügel, der mehr „dogmatische“ und der eher „pragmatische“, wobei diese Unterscheidungen manchmal nur Nuancen der Betonung ausdrückten.

Doch insgesamt hatte sich die evangelikale Bewegung damit ein weiteres Anliegen auf die Fahnen geschrieben: Den Kampf um die Autorität der Bibel als Maßstab für Glauben und Leben. Es ist nicht falsch zu sagen, dass diese neue Kampffront von außen aufgedrängt wurde, denn erst in dem Maße, in dem Teile der Kirchen von diesem bisherigen evangelisch-reformatorischen Konsens abwichen, „mussten“ sich die „evangelikalen“ Evangelischen auch dieser wichtigen Frage annehmen.

Durch die neue Betonung der „rechten Lehre“ bzw. des Versuchs der Wahrung des bisherigen gesamt-evangelischen Konsenses, der die „Schrift allein“ und die „ganze Schrift“ unterstrich, rückte die gesamte evangelikale Bewegung nolens-volens doch ein bisschen in die eher „konservative“ Ecke, zumindest in der Bibelfrage. Waren die Evangelikalen bisher eher die „Progressiven“, die für soziale Gerechtigkeit, Weltevangelisation und Einheit aller Christen eintraten, wurden sie jetzt zumindest in Glaubensfragen eher „konservativ“. Im angelsächsischen Raum gelang es meiner Beobachtung nach vielerorts, diese Unterscheidung in „sozial-progressiv“ und „werte-konservativ“ durchzuhalten, während vor allem in Deutschland, das etwas „system-konservativer“ und „grundsätzlicher“ war als die eher pragmatischen Angelsachsen, die evangelikale Bewegung insgesamt eine Wendung zu einem grundlegenden Konservativismus machte, der sich auch in politischen Fragen äußerte.

Verstärkt wurde diese Festlegung noch durch die inner-evangelikale Auseinandersetzung mit der so genannten „Pfingstbewegung“, die besonders in Deutschland heftig geführt wurde und in der so genannten „Berliner Erklärung“ 1909 zu einer Aufspaltung in „pro-pfingstliche“ und „anti-pfingstliche“ Evangelikale führte. In der Folge wurden auch charismatische Aufbrüche in den Kirchen immer wieder mithilfe der „Berliner Erklärung“ bekämpft. Diese damals vollzogene Trennung wirkt noch heute nach, so dass die Begriffe „evangelikal“ und „charismatisch“ zumindest in Deutschland häufig als direkte Gegensätze verstanden werden, während sie im angelsächsischen Raum, wenn auch nicht ganz deckungsgleich, so doch inklusiv verwendet werden und zu einander gehörige und in einander übergehende Gruppierungen bezeichnen. Insgesamt sind es wieder die eher bekenntnis-orientierten Evangelikalen, die die beiden Fronten „charismatisch“ und „liberal“ als Antithesen zur eigenen Überzeugung verstehen.

Hinzu kommt seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein weiteres Gegensatzpaar, nämlich „evangelikal“ und „ökumenisch“. Dies hängt mit der Integration der klassischen Missionsgesellschaften und vieler, wenn auch nicht aller so genannten „jungen Kirchen“ in den Ökumenischen Rat der Kirchen zusammen, sowie mit dessen theologischer und politischer Entwicklung. In dem Maß, in dem dieser ein „Moratorium“ gegen Mission ausrief und sich in politische, meist sozialistisch inspirierte Projekte investierte, kam es zu evangelikalen Protesten und der Gründung von Parallelstrukturen. Es scheint so, dass gerade der teilweise durchscheinende Alleinvertretungsanspruch der im Ökumenischen Rat der Kirchen vertretenen Werke, Sichtweisen und Positionen den kreativen Widerspruch der evangelikalen Bewegung herausforderte und so zu einem neuen Aufbruch der Evangelikalen führte. In dem Maße, wie die klassischen Missionsgesellschaften ihre bisherige Arbeitsweise, nämlich die auf Bekehrung und Gemeindebildung zielende Arbeit aufgaben, entstanden neue „evangelikale“ Missionsgesellschaften, die inzwischen die „klassischen“ in jeder Hinsicht überrundet haben. Ähnliches spielte sich beim Thema „Volksmission“ bzw. „Inland-Mission“ ab: Überall entstanden neue evangelistische, aber auch diakonische Initiativen im evangelikalen Raum. Dieser „Aufbruch der Evangelikalen“ scheint unvermindert weiter zu gehen, ja, es gibt Anzeichen dafür, dass er vielerorts längst schon andere Bereiche der Großkirchen prägend mit beeinflusst.

Ein evangelikaler Konsens?

Doch die oben beschriebenen Gegensätze, so plakativ und außenwirksam sie häufig aufgefasst und dargestellt werden, bestimmen, zumindest in meiner Sicht der Dinge, nicht das Zentrum des evangelikalen Anliegens. Der historische Abriss kann uns helfen, das ins Blickfeld zu nehmen, was der evangelikalen Bewegung auch in Zukunft Daseinsberechtigung und Hoffnungsperspektiven verleihen kann. Dabei wird die evangelikale Bewegung gerade dann ihre Stärke entfalten, wenn sie sich als „Bewegung“ versteht, als Impuls, der einen dynamischen Konsens beschreibt und aus diesem Selbstverständnis heraus die Kirche insgesamt und auch die Weltgesellschaft zu verändern sucht.

 

II.

Der „evangelikale Konsens“, also das, was den Kern dieses kirchengeschichtlich wirksamen Impulses ausmacht, möchte ich in ein paar Kernthesen zusammenfassen.

  1. „Evangelikal sein“ bedeutet nichts anderes als „orthodox“ an Jesus Christus zu glauben

Evangelikale Christen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den historischen Kern des christlichen Glaubens ernst nehmen, bewahren und als Maßstab für Glauben und Leben anwenden wollen. In sofern ist die evangelikale Bewegung eine Bewegung, die zu den Wurzeln des Christentums durchstoßen möchte, und in diesem Sinne eine Erneuerungsbewegung vom historischen Kern her darstellt.

Dies ist die eigentliche Stärke der evangelikalen Bewegung: Sie will biblisch sein im Sinne einer direkten Bezugnahme auf die heilige Schrift. Damit eröffnet die evangelikale Bewegung die Möglichkeit zum fruchtbaren Dialog mit den historischen Kirchen aller Konfessionen. So wie die Reformatoren in ihrer Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen katholischen Kirche nichts „Neues“ bringen wollten, sondern angesichts der geschichtlich entstandenen Zusätze und Neuerungen, besonders des römischen Papsttums, auf die allgemeinen anerkannten, biblischen und frühchristlichen Glaubensüberzeugungen und Praktiken zurückgreifen wollten, so will die evangelikale Bewegung im Kern nichts anderes als das: Evangeliumsgemäß und damit im besten Sinne „orthodox“ sein. Gegenüber zeitgeistigen oder kirchlich-tradierten Verschiebungen der christlichen Lehre will sie das allen Christen Gemeinsame in den Vordergrund stellen.

  1. „Evangelikal sein“ heißt persönlich Christus nachfolgen wollen

Durch den direkten Bezug auf die Bibel nehmen evangelikale Christen den Ruf zur Umkehr, wie er im Zentrum der Verkündigung von Jesus stand: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15) ganz persönlich ernst. Für sie kann Glauben an Christus immer nur zur bewusst gewählten Nachfolge Christi führen. Das Wort „persönlich“ ist somit wichtig für sie: Persönlicher Glaube, persönliche Nachfolge, persönliches Zeugnis sind Begriffe, die häufig erscheinen. Dabei meint „persönlich“ nicht „privat“ oder „individualistisch“, sondern „die ganze, eigene Person umfassend“. Sicherlich liegt in dieser Betonung des Individuums die Gefahr, Glaube individualistisch, also losgelöst von einer Gemeinschaft der Glaubenden, misszuverstehen. Doch in der Praxis ist das Gegenteil der Fall: Der „persönliche“ Glaube führt in die Gemeinde derer, die ebenfalls Christus nachfolgen, egal, in welcher Kirche oder Konfession sie verwurzelt sind.

  1. „Evangelikale“ suchen die Einheit der Glaubenden in gemeinsamem Gebet und Zeugnis

Das ist von Anfang an ein Kennzeichen der evangelikalen Bewegung gewesen. Dadurch entwickelt sie eine Potential, kirchenübergreifend zu wirken. So nimmt es nicht Wunder, dass es z.B. in den USA die Bewegung der „Evangelical Catholics“ gibt, und dass der „charismatische“ Zweig der Evangelikalen nicht nur die römisch-katholische Kirche erreicht hat, sondern bis in die orthodoxen Kirchen hinein wirkt.

Damit ist die evangelikale Bewegung basis-ökumenisch im besten Sinn des Wortes, da sie das Gemeinsame in der Orientierung an Jesus Christus und der Hingabe an ihn sucht. Natürlich ist in dieser Fokussierung auf Jesus auch schon eine Kritik an bestimmten Sonderentwicklungen sowohl im Dogma als auch der Praxis innerhalb historischer und auch neuer Kirchen mit beinhaltet. So werden „Evangelikale“ sicher marianische Verehrung oder die Anerkennung von erst in den letzten Jahrhunderten entstandenen Dogmen wie z.B. der so genannten unbefleckten Empfängnis und leiblichen Himmelfahrt Marias nicht mittragen können. Das bedeutet, dass die Konzentration auf das „Gemeinsame“ auch Grenzen nicht ausschließt, sondern sie zwangsläufig auch definiert.

  1. „Evangelikale“ wollen etwas in dieser Welt bewegen

Die Dynamik des evangelikalen Teils der Christenheit hängt mit ihrer Überzeugung zusammen, dass der Missionsauftrag (Matthäus 28, 18-20) als Vermächtnis von Jesus ernst zu nehmen ist. Ebenso sehen sie sich als „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ (Johannes 17) als „Mitarbeiter Gottes“ (1. Korinther 3, 9), also als aktive Mitgestalter der guten und heilsamen Pläne Gottes in dieser Welt.

Besonders der Impuls, der durch die Lausanner Verpflichtung (1974) in die evangelikale Weltbewegung hineingegeben wurde, hat mitgeholfen, dass die ursprüngliche ganzheitliche Sicht des christlichen Auftrags wieder weite Teile der evangelikalen Bewegung prägen konnte. So ist der Dreiklang von Wort, Werk und Kraft des Geistes (Römer 15, 18-19), also von missionarischer Bemühung (Wort), sozialem, diakonischem und politischem Einsatz (Werk) und charismatischer Erfahrung und Bevollmächtigung (Kraft) neu entdeckt worden. Das, was mancherorts auseinander driftet, kann so zusammen gesehen und gehalten werden.

Die evangelikale Bewegung ist das, was sie sein sollte, wenn sie diese Pole gleichermaßen verkörpert: Eine aus der Erfahrung der Liebe Gottes geborene persönliche Beziehung zu Christus in der Dynamik des Heiligen Geistes, die zu die Welt bewegendem Handeln führt und in der Heiligen Schrift Inspiration und Maßstab finde.

 

III.

Ich lebe in der Hoffnung, das das hier Entfaltete einen grundlegenden „evangelikalen Konsens“ beschreibt, der uns vor nutzlosen Grabenkämpfen bewahrt und auf die Spur setzt, auf der wir die Zukunft gewinnen können.

Gestärkt durch Konzentration und Flexibilität

Die evangelikale Bewegung ist noch lange nicht am Ende ihrer Geschichte. Viele Voraussagen über die Zukunft der christlichen Kirche im 21. Jahrhundert besagen, dass sie im Wesentlichen drei Gestalten haben wird – die „orthodoxe“ Kirchengestalt, die römisch-katholische Kirche und die evangelikal-charismatische Christenheit, einschließlich der am schnellsten von allen wachsenden Bewegung, der Pfingstkirchen, während der „liberale Protestantismus“ jedoch zur Bedeutungslosigkeit herabsinken werde.

Die Stunde der evangelikalen Bewegung ist da, nicht nur in anderen Kontinenten, sondern auch in Europa. Dabei liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie nicht an eine bestimmte Kirchengestalt gebunden ist, sondern einen inneren Impuls ausmacht, der sich sowohl in landeskirchlichen wie in freikirchlichen Strukturen entfalten kann, wenn auch dieses sicher leichter ist als jenes.

Stark wird die evangelikale Bewegung gerade dann sein, wenn sie diese Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit bewahrt, mit anderen Worten, wenn sie sich zielgerichtet auf ihre zentralen Themen konzentriert: Einheit der an Christus Glaubenden, Autorität der Bibel, Weltmission und Evangelisation, Einsatz in der Welt im Auftrag von Jesus und auf ihn ausgerichtete Glaubenserfahrung, die sich im Gebet und im Hören auf die Leitung des Heiligen Geistes ausdrückt.

Geleitet vom „augustinischen Ratschlag“

Die evangelikale Bewegung tut gut daran, den Satz zu beherzigen, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben ist: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in ommibus caritas“ – „In den notwendigen Dingen Einheit, in den zweifelhaften Freiheit, in allen Dingen Liebe“. So könnte sie sich vor inneren Selbstzerfleischungstendenzen bewahren und zu der Kraft heranreifen, die in der Tat in der Lage ist, auch in einer postmodernen und teilweise gegen-christlichen Gesellschaft Gehör zu finden und positiv Orientierung zu geben. Aktion und spirituelles Fundament, Sendung und Sammlung sind gleichermaßen notwendig, um der evangelikalen Bewegung eine Stimme und Gestalt zu geben.

Orthodox, katholisch und evangelisch zugleich

Die evangelikale Bewegung gehört ins Zentrum der Christenheit. Mit ihrer Betonung der Autorität der Bibel ist sie im eigentlichen Wortsinn „orthodox“. Rechtgläubigkeit ist für sie ein hohes Gut, evangelikale Christen sehen sich gerufen, für den „Glauben zu kämpfen, der ein für alle Mal den Heiligen gegeben ist“ (Judas 3).

Mit ihrer Betonung der Herzenseinheit aller an Christus Glaubenden, über alle konfessionellen Grenzen hinweg, ist sie wahrhaft „katholisch“, also alle umfassend. Mit ihrer missionarischen und diakonischen Weltberufung ist sie länder- und zeitübergreifend.

Und mit ihrer starken Verwurzelung in der reformatorischen Tradition und ihrer Betonung der Bibel ist sie zutiefst evangelisch.

 

IV.

Was die evangelikale Bewegung braucht

Zum Schluss sieben Beobachtungen und Wünsche, aus einer Innensicht der evangelikalen Christenheit geboren:

Erstens: Die evangelikale Bewegung muss Mut haben zu sein, was sie ist.

Das ist ihr unaufgebbares Pfund, das letztlich ein Geschenk Gottes an die ganze Kirche ist und einen Sauerteig der Erneuerung auch der historischen Kirchen darstellen kann. Sie muss sich immer wieder ihrer Wurzeln und ihres Auftrags erinnern und diesen in der sich verändernden Zeit immer neu auszuführen suchen.

Zweitens: Die evangelikale Bewegung muss ihre Stimme wiederfinden.

Sie muss Mut haben, eindeutig und verständlich ihre Botschaft zu sagen, die nichts anderes ist als der an den ganzen Menschen in der ganzen Welt gerichteten Ruf des ganzen Christus, ihm vorbehaltlos und von ganzem Herzen nachzufolgen. Sie darf sich nicht in eine Ecke der Seligen zurückziehen, sondern muss sich einmischen, damit der Name Christi geehrt wird.

Drittens: Die evangelikale Bewegung muss ihre innere Einheit wiedergewinnen.

Die Zerwürfnisse der Vergangenheit müssen endlich überwunden werden, damit nicht unnötig Vision, Kraft und Aktion verschwendet wird und Energien und Ressourcen freigesetzt werden für den eigentlichen Auftrag. Evangelikale Christen müssen sich durch Wahrheit und Liebe zugleich auszeichnen und so den Willen Christi ernst nehmen. In der Wiedergewinnung ihrer inneren Einheit können evangelikale Christen die Gesamtkirche segnen und prägen und dadurch die Welt erreichen.

Viertens: Die evangelikale Bewegung muss den ganzen Reichtum Gottes in der Geschichte entdecken und nutzbar machen.

Weil die Kirchengeschichte nicht erst im 18., 19. oder 20. Jahrhundert anfängt, sondern Gott zu allen Zeiten Menschen gerufen, geprägt und gesandt hat, müssen, können und dürfen evangelikale Christen verschüttete Quellen wieder entdecken und fruchtbar machen für ihr eigenes geistliches Leben und das der zukünftigen Generation. Nur so werden sie vor politischen oder zeitgeistigen Einseitigkeiten, vor ideologischen Verengungen und sektiererischen Abgrenzungen bewahrt werden. Nur so werden sie die nächste Generation gewinnen können.

Fünftens: Die evangelikale Bewegung muss sich bewusst und zielgerichtet der jungen Generation zuwenden.

Die Glaubensfragen und Lebensnöte der jungen Generation sind unübersehbar und rufen nach ganzheitlicher, heilsamer und christusbezogener Beantwortung. Die evangelikale Bewegung hat kaum dringlichere Aufgaben als darum zu kämpfen, die Köpfe und Herzen der Jungen zu gewinnen, nicht primär für sich selbst, sondern für Jesus und die Sache des Reiches Gottes. Hier sind Väter und Mütter gefragt, die sich als Vorbilder und Begleiter, als Mentoren und Gesprächspartner den Jüngeren zur Verfügung stellen. Hier sind auch durchdachte und durchlebte Antworten gefragt, die nicht oberflächlich, halbherzig oder unecht auf tiefe, echte und den ganzen Menschen bestimmende Nöte reagieren, sondern zukunftsweisende Perspektiven und lebbare Alternativen aufzeigen.

Sechstens: Die evangelikale Bewegung muss unerschrocken in den missionarischen Dialog mit den großen Religionen und ideologischen Lebens- und Weltentwürfen eintreten.

Die wirklichen große Herausforderungen in der Welt sind alle mit ideologischen und religiösen Neuaufbrüchen verbunden. Der in den letzten Jahrzehnten stetig weiter erstarkende Islam, der nationalistisch zugespitzte Hinduismus, der diffus-attraktive Buddhismus, die nach-christliche postmoderne Populärreligion des Westens genau wie das wieder erwachende alteuropäische Heidentum und andere nach-christliche Minderheitsreligionen und politische Ideologien haben, jede für sich, einen den ganzen Menschen erfassenden Absolutheitsanspruch. Dem gegenüber hat die evangelikale Christenheit nicht den Auftrag, die „westlich-christliche“ Religion zu verteidigen, sondern Jesus Christus als Erlöser und Herrn aller Menschen zu bezeugen. Dass dieses Zeugnis auch ins Leiden führen kann, ist die ständige Erfahrung vieler Mitchristen in anderen Ländern. Der missionarische Dialog mit anderen Weltentwürfen schließt das entschlossene Eintreten für verfolgte Christen und den Einsatz für Menschenrechte und Religionsfreiheit in allen Ländern und Kulturkreisen mit ein.

Siebtens: Die evangelikale Bewegung muss neu die heilsame Herrschaft des historischen, gegenwärtigen und kommenden Christus glauben und in allen Lebensbereichen bezeugen.

Evangelikale Christen sind Jesus-Leute. Sie leben in der Überzeugung, dass der Mann von Nazareth, der auf dem Hügel Golgatha außerhalb Jerusalems als Verbrecher am Kreuz hingerichtet wurde und starb, von Gott zum Weltenrichter und Herrn aller Menschen und ganzen Welt eingesetzt wurde. Diese Herrschaft Jesu ist nicht nur eine geglaubte und erhoffte Größe der Zukunft, sondern breitet sich hier und jetzt schon aus.

Evangelikale Christen können deshalb nicht ruhen, bis das Evangelium „aller Kreatur“ verkündigt ist und alle Menschen die Möglichkeit haben, in ihrer eigenen Sprache und Kultur das Wort Gottes zu hören und lebendige Gemeinde zu leben und zu erleben.

Ebenso geben sich evangelikale Christen nicht damit zufrieden, wenn und dass Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Gewalt, Menschenverachtung, Gleichgültigkeit, Hass, Hunger, Krieg, Korruption und was es noch an Zerstörerischem geben mag, das Leben der Menschen bestimmt. Sie stehen dagegen auf, verkündigen die Herrschaft Jesu Christi und arbeiten in der Kraft, die der Heilige Geist ihnen darreicht, an der Erneuerung der Welt. Jedoch nicht so, als könnten sie das Paradies hier und jetzt schaffen, sondern als ein Zeugnis für das kommende Reich Gottes.

Zielgerichtet evangelisch

Evangelikal zu sein bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als „eigentlich“ evangelisch zu sein. Und zwar mit einer Zielrichtung, die das Reich Gottes meint und den Einzelnen wahrnimmt und achtet. Evangelikal zu sein heißt für mich, aus dem Evangelium zu leben und darin immer neu die Quelle lebendigen Wassers zu finden, die niemand anderes ist als Jesus selbst.

Dr. phil. Dr. theol. Roland Werner, Marburg

Beitrag weiterleiten:
Philadelphia – Gemeinde voller Liebe

Philadelphia – Gemeinde voller Liebe

Hier meine Predigt im Sonntaggottesdienst des Christus-Treff Marburg am 18. Oktober 2015: Philadelphia – Gemeinde voller Liebe

Beitrag weiterleiten:
Gott, die Flüchtlinge und wir

Gott, die Flüchtlinge und wir

Wir haben hier keine bleibende Stadt…

Flucht, Flüchtlinge und Heimatsuche in der Bibel

Wie ein Vogel, der aus seinem Nest flüchtet, so ist ein Mann, der aus seiner Heimat flieht.
Sprüche 27, 8

Immer wieder müssen Menschen ihre Heimat verlassen.Sie fliehen vor Hunger und Not, sie fliehen vor Unrecht und Unterdrückung, sie fliehen vor Verfolgung und Tod.

Wir sehen diese furchtbare Wirklichkeit, wenn wir in unsere Zeit schauen.Es gibt kaum eine Zeitungausgabe oder Nachrichtensendung, in denen uns nicht Bilder und Berichte von Menschen auf der Flucht begegnen.

Wir sehen diese Wirklichkeit aber auch in der Bibel.Sie ist ja das große Buch der Menschheitsgeschichte, vom allerersten Anfang bis zum hoffnungsvollen Ende.

Wir hören von Leid und Geschrei, von Trauer und Tränen.Aber wir erfahren auch von Hoffnung und Heimat, von Hilfe und Heil.

Genau deshalb wollen wir diesem Thema nachspüren: Flucht, Flüchtlinge und Heimatsuche in der Bibel.

Unstet und flüchtig

„Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden!“ Das ist die Vorausschau, die Gott einem der ersten Menschen eröffnet, dem Kain, der seinen Bruder Abel umbrachte (1. Mos 4, 12).

Es stimmt, was in den ersten Seiten der Bibel steht. Die Verbannung aus dem Garten Eden war nur der Anfang. Seit dem gilt für das Menschengeschlecht: „Wir haben hier keine bleibende Statt…“ (Heb 13, 14).

Es war meist nicht romantisches Fernweh oder Entdeckerfreude, die die Menschheit über die Erde zerstreuten. Es war häufig der Kampf ums nackte Überleben, die Suche nach neuen Weideplätzen für die Tiere, die Überrodung und Überbevölkerung in einem Gebiet, ja auch Klimawandel und Dürre, die die Menschen dazu brachten, weiter zu  ziehen.

Wenn auch Abram und Sara nicht aus wirtschaftlicher Not ihre Heimat im Zweistromland verließen, sondern als Antwort auf den Ruf Gottes (1. Mos 12, 1-3), so erlitten schon ihre Nachkommen in der dritten Generation ein anderes Schicksal: Sie mussten vor einer die ganze Region umfassenden Dürreperiode nach Ägypten fliehen, um ihr Überleben zu sichern (1. Mos 42ff). Was als vorübergehender Aufenthalt gedacht war, dauerte dann mehrere Generationen.

Der Gott der Flüchtlinge

Das nächste Buch der Bibel erzählt dann von der Befreiung aus dem Land am Nil, das sich vom Zufluchtsort zum Ort der Unterdrückung gewandelt hatte (2. Mos 1)

Doch die Befreiung lief alles andere als glatt. Der von Gott zum Volksführer ausersehene Mose musste zuerst selbst um sein Leben fliehen (2. Mos 2). Erst nach einer eindrücklichen Berufung durch Gott auf dem Sinai war er bereit, das Sklavenvolk im Namen Gottes in die Freiheit zu führen. (2. Mos 3ff).

Die entscheidende Lektion für alle Zeiten ist: Gott ist auf der Seite der Unterdrückten. Er ist der Erlöser, der seine Befreiungswunder tut, gegen die Großmacht Ägypten und seinen Großkönig, den Pharao, und die Schar der flüchtenden Hebräer, unter die sich auch allerlei „fremdes Volk“ mischte (2. Mos 12, 38) zu seinem Volk macht.

Der Weg in das versprochene Land ist noch lang (4. Mos 14, 33f) und auch dort fließt nicht nur „Milch und Honig“.

Und was auch klar wird: Selbst im Land Kanaan können sie Gott nicht exklusiv für sich veranschlagen. Auf die Frage Josuas, auf wessen Seite der „Fürst über die Heere des Herrn“  stehe, antwortet dieser mit einem klaren „Nein!“ (Jos 5, 13-14) Gott ist nicht nur „Israels Gott“, sondern auch der Gott Ägyptens und Assyriens (Jes 19, 22-25), ja, der Gott aller Völker.

Er nimmt sich besonders der Armen und Unterdrückten an. Er rettet die Ägypterin Hagar, die vor ihrer Herrin Sara in die Wüste flieht (1. Mose 16, 1ff) und heilt den Syrer Naaman, der an Aussatz leidet (2. Kön 5). Er schenkt der Moabiterin Ruth eine neue Heimat (Rut 4) und nimmt die Prostituierte Rahab aus Jericho in sein Volk auf (Jos 6, 25).

Die Flucht vor Gott

Doch nicht jede Flucht, von der in der Bibel berichtet wird, zieht Gottes erbarmenden Blick auf sich. Oder doch?

Auf jeden Fall erzählt ein ganzes Buch von der Flucht des Propheten Jona vor Gottes Auftrag. Fauna (der Wal) und Flora (der Strauch) müssen mithelfen, das Jona endlich kapiert: Gottes Liebe und Erbarmen gilt allen Menschen, sogar den grausamen Assyrern, deren Heer bis nach Ägypten vorgedrungen war und auf dem Weg dorthin das Nordreich Israel vernichtet hatte.

Eine harte Lektion: Der Gott der Unterdrückten umfasst auch die Unterdrücker mit seinem Erbarmen.

Jesus – ein Flüchtling

In der Weihnachtsromantik übersehen wir oft, dass die „heilige Familie“ nicht lange nach der Geburt Jesu fliehen musste (Mt 2). Wieder einmal musste Ägypten als Zufluchtsort dienen.

Könnten wir es so sehen: Die Erfahrung von Verfolgung und Flucht gehört so sehr zum Menschsein, dass Jesus, der „in allen Dingen  gleich“ wurde (Heb 4, 15), auch diese menschliche Erfahrung teilen musste?

Auch später konnte Jesus von sich sagen, dass er keinen Ort hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte (Lk 9, 58). Und schließlich wurde er ausgestoßen und außerhalb der Stadt hingerichtet (Heb 13, 12-13). Das war seine Erfahrung, bis zum Ende: „Die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1, 11)

Heimat schaffen in Gottes Namen

Doch die Heimatlosigkeit wird in der Bibel nicht verherrlicht oder romantisch verklärt.

Die grausame Realität von Rechtlosigkeit und Unsicherheit, von Flucht und Fremdlingschaft war den Menschen mindestens so sehr vor Augen, wie es uns heute aufgrund der Weltereignisse ist.

Deshalb zieht sich die Aufforderung zur Gastfreundschaft durch alle Briefe des Neuen Testaments. Gastfrei zu sein gehört zu den Grundtugenden der Jesusnachfolger. Dabei ist die Aufforderung: „Gastfrei zu sein vergesst nicht!“ (Heb 13, 2) nur eins der Beispiele. Gerade in der Dienstanweisung für Leitende wird dies immer  wieder genannt (vgl. Röm 12, 13; 1 Tim 3, 2; Tit 1, 8; 1 Pet 4, 9).

In seiner großen Endzeitrede spricht Jesus ganz deutlich davon, dass wir nicht nur unsere christlichen Schwestern und Brüder, sondern auch die Fremden aufnehmen sollen: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“ (Mat 25, 42).

In Gottes Namen Heimat zu schaffen für den, der keine Heimat hat, ist somit ein Grundauftrag für Gottes Leute.

Zufluchtsort Gottesstädte

Ein wenig bekanntes Merkmal des verheißenen Landes, das Gott dem Volk Israel geben wollte, ist die Einrichtung von Freistädten. Insgesamt sechs sollten eingerichtet werden, je drei auf den beiden Seiten des Jordan. (4Mos 35, 10-15).

In diesen Freistädten sollten die Zuflucht finden können, die aus Versehen einen Menschen getötet hatten, bis die Sache in einem ordentlichen Gerichtsverfahren untersucht werden könnte (vgl. auch Jos 20, 1ff). In den Freistädten waren die ansonsten offenbar schnell praktizierte Selbstjustiz und Blutrache tabu.

Diese Bestimmung galt ganz deutlich auch den Nicht-Israeliten: „Das sind die sechs Freistädte für die Israeliten und für die Fremdlinge und die Beisassen unter euch, damit dahin fliehen kann, wer einen Totschlag getan hat aus Versehen.“  (4 Mos 35, 15) Sie waren, in aller Begrenztheit, ein Hinweis darauf, dass bei Gott nicht das Recht des Stärkeren herrscht, sondern Gerechtigkeit und Gnade für alle Menschen gelten.

Der Gott der Zuflucht

So wird Gott, besonders in den Psalmen, häufig als Zufluchtsort bezeichnet: „Herr, du bist unsere Zuflucht für und für…“ (Ps 90, 1, vgl. Ps 91, 9). Er ist der Fels, auf den sich der Bedrängte retten kann (vgl. Ps 62 u.a.).

Das, was Israel immer wieder erfahren hat, in allen Wechselfällen der Geschichte, wird so zum Zentrum seines Verständnisses von Gott: Er schenkt nicht nur Zuflucht und Heimat, sondern er selbst ist es, bei dem wir Schutz und Sicherheit, Hoffnung und Heimat finden.

Das gilt im Hier und Jetzt, und es gilt in Ewigkeit. Er ist der Fels des Heils (5 Mos 32, 15), ja, Jesus selbst ist dieser Fels (1Kor 10, 4).

Heimat finden und Heimat geben

Das hat unser Gang durch die Bibel gezeigt: Bei Gott finden wir die Heimat, die uns keiner mehr wegnehmen kann. Und deshalb können und sollen wir in seinem Namen auch anderen Heimat geben.

Unseren Freunden und Glaubensgeschwistern, ja! Aber auch den Fremden und Unbekannten. Was wir von Gottes bedingungsloser Annahme erfahren haben, sollen wir weitergeben.

© Roland Werner, Dr. phil. Dr. theol.

Erschienen Februar 2015 in der Pflugschar

Beitrag weiterleiten:
Das Wunder von Weihnachten

Das Wunder von Weihnachten

Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, bei den Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht!
Lukas 2, 14

So sangen es die Gottesboten, die plötzlich den Nachthimmel bevölkerten.

Die Hirten trauten ihren Augen und Ohren kaum.

Und doch war es so:

Die Botschaft vom Heiland, vom Friedenfürsten erschallte über den Feldern bei Bethlehem.

Und seitdem tönt sie durch die Welt. Das Wunder von Weihnachten hat die ganze Welt erreicht.

Zumindest an diesem Tag sind die Kirchen voll, und die Menschen hören auf die Botschaft von Jesus.

Sie singen, wie damals die Engel, zur Ehre Gottes und reden vom Frieden.

Weihnachten breitet sich aus.

Nicht nur in den Kirchen.

Immer wieder auch an unerwarteten Orten.

Hundert Jahre ist es her.

Der erste Weltkrieg hatte schon viele Menschenleben gefordert.

In diesem kalten Winter hatten sich die gegnerischen Soldaten in ihren Gräben verschanzt.

Die Deutschen auf der einen, die Engländer auf der anderen Seite.

Wer seinen Kopf zu hoch heraussteckte, riskierte sein Leben.

Doch dann kam Weihnachten.

Und auf einmal geschah das Wunder.

Die Waffen schwiegen.

Die ersten Soldaten wagten sich ins Niemandsland zwischen den feindlichen Linien.

Einer stellte einen Weihnachtsbaum auf.

„Frohe Weihnachten!“ – so riefen die einen, „Merry Christmas!“ die anderen.

Die Männer gingen aufeinander zu, umarmten sich, tauschten Zigaretten, Lebensmittel und kleine Geschenke aus.

Ein englischer Soldat betete den 23. Psalm auf Deutsch, und Deutsche sprachen Englisch.

Einer brachte einen Fußball, und plötzlich kickten alle miteinander.

Und irgendwann sangen alle miteinander, jeder in seiner Sprache.

„Silent night, holy night. All is still, all is quiet.“

Stille Nacht, heilige Nacht… Christ, der Retter ist da…“

An diesem Weihnachtstag und in den folgenden Tagen fiel an der gesamten Front kein Schuss.

Der Weihnachtsfrieden setzte sich durch.

 

Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden!

Die Botschaft der Engel ist eine Einladung an uns.

Wenn wir in ihren Ruf einstimmen,

wenn wir Jesus in unsere Herzen hineinlassen,

dann wird dieser Friede uns nicht nur an Weihnachten bestimmen, sondern an jedem Tag des Jahres.

 

Wie kann es Weihnachten werden in unserem Leben?

Wenn das Wunder geschieht:

Dass Jesus in uns geboren wird.

Dass Jesus in uns Gestalt annimmt.

Die Weihnachtsgeschichte im Johannesevangelium ist kurz und knapp:

Er kam in sein Eigentum.

Doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Die aber, die ihn aufnahmen,

denen gab er die Vollmacht,

die Berechtigung,

die Möglichkeit,

Kinder Gottes zu werden.

(Johannes 1, 11-12)

 

Jesus aufnehmen. Darum geht es.

Das ist die Chance unseres Lebens.

Dass wir Weihnachten nicht allein feiern.

Das wir unser Leben nicht allein leben.

Sondern mit ihm in der Mitte unseres Lebens.

Mit Jesus im Herzen, im Denken, im Tun.

 

„Jesus, wir laden dich ein.

Komm in unsere Welt. Komm in unseren Alltag.

Jesus, ich lade dich ein.

Komm in mein Leben. Komm in mein Herz.

Amen.“

 

So kann der Weihnachtsfrieden anfangen.

Das wünsche ich Dir.

 

Beitrag weiterleiten:
Leben mit erhobenem Haupt

Leben mit erhobenem Haupt

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!
Lukas 21, 28

Kopf hoch! So könnte man diese Aufforderung von Jesus kurz und knapp zusammenfassen. Seine Nachfolger sollen ihre Häupter erheben und mit klarem Blick nach vorn schauen.

Leider ist manchmal das Gegenteil der Fall. Es gibt Christen, die lassen meist den Kopf hängen. „Es bringt ja doch nichts! Die Zeiten sind schlecht, und wir können sowieso nichts ausrichten! Alle Anstrengungen sind umsonst. Was können wir schon tun?“ So oder ähnlich tönt ihre Klagemelodie. Dabei merken sie gar nicht, dass sie damit dem Geist dieser Zeit mehr Glauben schenken als dem Geist Gottes. Sie singen mit bei den Klageliedern der Umwelt, und sollten doch das Hoffnungslied der neuen Wirklichkeit Gottes anstimmen.

Es gibt leider auch Christen, die sich auf das Schwarzsehen spezialisiert haben. Irgendwie ist das auch verständlich. Die Entwicklungen in der Welt um uns herum können uns schon angst und bange werden lassen. Krisen und Konflikte, Kriege und Katastrophen sind überall in der Welt zu sehen.

Doch Jesus sieht das ganz anders. Er sagt uns, dass diese Zeichen der Zeit nichts anderes sind als die Geburtswehen einer neuen Welt. Es ist die neue Wirklichkeit Gottes, die einbricht in unsere vergehende Weltwirklichkeit. Es ist die Erlösung, die sich Bahn bricht in einer gottesfernen und notleidenden Welt.

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ So ermutigte Jesus seine Nachfolger. „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ (Römer 8, 18) So sagt es Paulus wenige Jahre später in seinem Echo auf diese Worte von Jesus.

Leben mit erhobenem Haupt. Leben in der Erwartung, dass Gott etwas tut. Leben in der Zuversicht einer endgültigen Erlösung – das ist ein Leben im Horizont von Jesus. Dazu sind wir gerufen, an jedem Tag und ganz besonders in dieser Zeit der Ankunft, im Advent.

(PS Das ist der Tagesimpuls aus meinem Buch “366 mal Hoffnung – Geistliche Impulse zum Denken und Leben” – Brendow Verlag 2015)

http://www.brendow-verlag.de/media//leseproben/9783865066794/9783865066794.pdf

Beitrag weiterleiten:
Warum das Heilige Land mir wichtig ist

Warum das Heilige Land mir wichtig ist

Fünf ganz persönliche Gründe 

Das Heilige Land – eine einzigartige Schnittstelle

Ich sitze mitten in der Altstadt von Jerusalem. Hier schreibe ich diesen Beitrag. Einen passenderen Ort könnte es fast nicht geben. Hier, an der Schnittstelle zwischen christlich-arabischem und muslimisch-arabischem Viertel, zwischen jüdischer und arabischer Welt, umgeben von Pilgern und Touristen aus fast allen Ländern der Erde. Hier im Johanniter-Hospiz an der 8. Station der Via Dolorosa, das der Christus-Treff Marburg seit über 20 Jahren als Gästehaus betreibt. Sobald ich aus der Tür komme, bin ich mitten in diesem Mikrokosmos der Welt. Allein heute habe ich schon über zwanzig Sprachen gehört, in Gesängen, Gesprächen, Gebeten. Für einen Sprachenliebhaber wie mich ist das wie ein nicht aufhörender Adrenalinstoß, und ich lebe auf, wenn ich mich an einem einzigen Nachmittag in fünf oder sechs Sprachen unterhalten kann. Doch das ist nur einer der Gründe, warum Israel mir wichtig ist. Es gibt viele weitere. Fünf ganz persönliche Gründe will ich nennen.

1 Historische Wirklichkeit

Hier im Heiligen Land begegne ich auf Schritt und Tritt der Wirklichkeit der Bibel. Die im Buch der Bücher beschriebenen Orte, Bethlehem, Nazareth, Jerusalem, Bethanien, Kapernaum, Emmaus, Bethesda und wie sie alle heißen, treten aus den Seiten eines alten Buchs heraus. Diese Orte existieren wirklich! Und je mehr die Archäologen weiterarbeiten, je mehr sie sich in die Erde und damit in die Geschichte hineingraben, umso mehr bestätigen ihre Funde die Geschichtlichkeit und Tatsächlichkeit der Bibel. Hier in Israel, im Westjordanland und auch in Jordanien und in Ägypten wird die biblische Geschichte lebendig. Wer hier mit offenen Augen und offenem Geist reist und das Land wahrnimmt, merkt: Die Bibel hat doch recht! Er begegnet den biblischen Personen, deren Spuren überall zu entdecken sind: Abraham und Jakob, David und Hiskia, Jesaja und Nehemia und nicht zuletzt Jesus selbst. Hier, in diesem Land, wird mein Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Bibel gestärkt.

2 Erfüllte Verheißungen

Hier im Heiligen Land sehe ich, dass Gottes Verheißungen sich erfüllen. Jerusalem ist ein Ort, zu dem Menschen aus allen Völkern kommen, um Gott anzubeten. So ist es vorausgesagt im Alten Testament, so geschieht es an jedem Tag. Der Grund dafür: Jesus. Er, der Verachtete und aus der Volksgemeinschaft Israels Ausgestoßene, der unerkannte Davidsnachfahre, bringt die Völker nach Jerusalem. Wegen Jesus und seiner Geschichte reisen jedes Jahr mehrere Millionen Touristen in dieses Land. Das ist eins der großen Paradoxe: Dass gerade Jesus, er, den viele Juden ablehnen, den der babylonische Talmud als Betrüger und Zauberer bezeichnet und der deshalb zu Recht ausgestoßen und hingerichtet wurde, der Grund ist, warum die nichtjüdischen Nationen die jüdische Bibel – den Tanach – als Teil ihrer Heiligen Schrift lesen und den Gott Israels anbeten. Jesus, den der römische Statthalter Pontius Pilatus in der Inschrift über dem Kreuz als „König der Juden“ bezeichnete, ist genau das – der Davidssohn, in dem die alttestamentlichen Verheißungen zusammenlaufen und sich bündeln. Mir ist Israel wichtig vor allem wegen Jesus, dem verheißenen Messias Israels und König der Völker.

3 Botschafter der Versöhnung

Mich ermutigt, dass es in diesem Land Menschen gibt, die die Mauern und Zäune zwischen den Völkern und zwischen den Konfessionen überwinden. Leider gibt es auch viele, die Mauern bauen. Ich finde es traurig, dass manche Christen nicht „Botschafter der Versöhnung“, sondern der Trennung sind. Da sind die Einen, die ganz „auf der Seite Israels stehen“, und alles, was von der jeweils amtierenden Regierung gemacht wird, geistlich sanktionieren wollen. Sie sind – so scheint es mir – bereit, auch Unrecht zu entschuldigen, solange es ihrer Idee dient, die sie aus der Bibel zu erkennen meinen. Da gibt es aber auch die anderen, die an Israel kein gutes Haar lassen, und ausschließlich die palästinensische Seite sehen und so auf der anderen Seite vom Pferd fallen. Beide Gruppen finden sicher unendlich viele Gründe für ihre jeweilige Meinung. Beide erliegen aber auch der Versuchung, Geistliches mit Politischem zu vermischen. Beide können ihre Sicht des Konflikts, der hier in diesem Land herrscht, nur dadurch aufrechterhalten, dass sie die andere Seite ausblenden und keine oder kaum Berührung mit ihr haben. Doch als Christen können und dürfen wir nicht einseitig nur für die Israelis oder die Palästinenser sein, nicht für die einen und gegen die anderen, sondern wir können – im Namen von Jesus – nur für alle Menschen sein, für Juden und Araber zugleich. Gott ist nicht für die einen und gegen die anderen. Das lehrt die Bibel von Anfang an. Auch die Erwählung Israels ist nichts Exklusives, Ausschließendes, sondern ist einschließend, inklusiv. Durch Abraham sollen alle Völker gesegnet werden (1. Mose 12, 1-13). Als Josua über den Jordan gekommen war am Anfang der Landnahme, begegnete ihm ein Engelfürst. Auf die Frage von Josua: „Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden?“ antwortete dieser: „Nein!“ (Josua 5, 13f)

Ich freue mich darüber, dass es viele Christen gibt, die genau diese Spannung aushalten, und den Weg der Versöhnung suchen. Solche Christen habe ich am letzten Sonntag in einer arabischen evangelikalen Gemeinde in der Altstadt von Jerusalem erlebt. Sie beteten für Israel und für Palästina, für Christen, Juden und Muslime. Ich bin davon überzeugt, dass sie damit dem Willen Gottes folgten, der keinen Unterschied macht zwischen den Nationen, und der in Jesus ein für alle Mal den Zaun abgebrochen hat, der die Juden und Nichtjuden voneinander trennte. (Epheser 2). Diesen Zaun wieder aufrichten zu wollen, hieße, das, was Jesus am Kreuz getan hat, unwirksam zu machen.

4 Das Wunder der Gottesbegegnung

Ich liebe das Heilige Land, weil Menschen sich hier in besonderer Weise öffnen für Gottes Wirken. Und wenn sie das tun, erfahren sie etwas von Gottes Gegenwart. Natürlich ist Gottes Geist nicht von bestimmten Orten abhängig. Das sagt Jesus ganz deutlich: „Die Zeit kommt, und sie ist schon da, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem dem Vater eure Anbetung bringt… Und doch kommt die Zeit – und sie ist schon angebrochen –, in der die wahrhaftigen Anbeter den Vater anbeten werden in der Wirklichkeit des Geistes und in völliger Wahrhaftigkeit. Der Vater hat ein Verlangen nach solchen Menschen, die ihn anbeten.“ (Joh 4, 21ff) Also können wir Gott genauso in Jena begegnen wie in Jerusalem, in Köln genauso wie in Kapernaum, in Nürnberg genauso wie in Nazareth. Und dennoch geschieht nach meiner Erfahrung etwas Besonderes mit vielen Menschen, die in dieses Land kommen. Sie werden – angesichts der Geographie und Geschichte, der sie begegnen, und angesichts der stärkeren Anschaulichkeit der biblischen Texte an den Originalschauplätzen – offener für den, auf den diese Geschichte weist. Und viele Menschen machen gerade hier, an den besonderen Orten, neue Gotteserfahrungen: Am Teich Bethesda wie in der Grabeskirche, auf dem Ölberg und am Gartengrab, an der Westmauer genauso wie auf der Via Dolorosa. Dafür bin ich dankbar. Gottes Geist ist wirklich nicht an besondere Orte gebunden. Er kann uns überall begegnen. Und das tut er. Auch hier im so genannten Heiligen Land. Weil viele Menschen, die sich hierher auf den Weg machen, sich im Tiefsten nach einer Gottesbegegnung sehnen, schenkt ihnen Gottes Geist dies auch hier. Er braucht dieses Land nicht, aber er gebraucht es. Das ist immer neu ein Wunder.

5 Die Sehnsucht nach mehr

Wer hierhin komt, kann viel erleben. Hier, im Land Jesu, im Land der Patriarchen und Propheten, der Könige und Weisen. Ihm geht es wie dem Dichter von Psalm 48: “So wie wir es gehört hatten, so haben wir es dann auch gesehen in der Stadt des Adonais, der die Heere befehligt, in der Stadt unseres Gottes.“ (Psalm 48, 9, eigene Übersetzung) Und doch: Wer hierhin kommt, sieht letztlich auch nur ein Land wie jedes andere. Die Stadt, in der ich schreibe, ist und bleibt das irdische Jerusalem. Sie ist eben noch nicht die Stadt der Vollendung. Das so genannte Heilige Land ist eben an vielen Stellen sehr unheilig. Israel ist nicht das Paradies, das Land Kanaan ist nicht der Himmel. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, doch die zukünftige suchen wir!“ (Hebräer 13, 14). Der Zusammenhang, in dem dieser Satz steht, macht es noch deutlicher, dass wir hier, selbst in Jerusalem, noch nicht in der Vollendung sind: „Darum hat auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten. Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, und seine Schmach tragen!“ (Hebräer 13, 12-13) Gerade weil dieses Land und diese Stadt noch so unvollkommen sind, können sie uns ein Hinweis auf die vollkommene Wirklichkeit sein. Das irdische Jerusalem ist ein gebrochenes Bild, ein sehr undeutliches Spiegelbild des himmlischen Jerusalem. Und das ist gut so. Hier, im umkämpften Land, haben wir einen Hinweis auf das wahre gelobte Land, in dem alle Menschen eine ewige, unangefochtene Heimat finden können.

So weckt das Land in uns die Sehnsucht nach mehr, die Sehnsucht nach der ungebrochenen Wirklichkeit Gottes. All dies ist nur ein Schatten, ein unvollkommenes Abbild. Als genau das liebe ich dieses Land. Es ist nicht mehr als ein Hinweis auf das ewige, wahre Land. Aber es ist auch nicht weniger.

Warum Israel mir wichtig ist? Warum Palästina mir wichtig ist? Aus diesen fünf Gründen: Hier spüre ich der historischen Wirklichkeit nach. Hier erlebe ich erfüllte Verheißung. Hier finde ich Botschafter der Versöhnung. Hier erfahre ich das Wunder der Gottesbegegnung. Und hier bekomme ich Sehnsucht nach mehr.

Roland Werner

Beitrag weiterleiten:
Heiliger Tatendrang?!

Heiliger Tatendrang?!

Heiliger Tatendrang

Warum Christsein sich in der Tat bewährt

(Ich habe diesen Text vor 12 Jahren geschrieben, und gerade wieder entdeckt. Dass er vielleicht anstößig sein kann, ist mir bewusst. Denn das Thema ist heute noch genauso aktuell wie damals. Ich hoffe, dass er gute Anstöße gibt.)

Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan!
Matthäus 25, 45

So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, in sich selber tot.
Jakobus 2, 17

Geistliche Neuentdeckungen werden zu Überzeugungen. Überzeugungen werden zu Glaubenssätzen, aus Glaubenssätzen erwachsen Handlungsleitlinien, aus Handlungsleitlinien entstehen Traditionen… So oder ähnlich kompliziert könnte ich meinen Gedankengang fortführen. Ich kann es aber auch einfacher sagen, mit einer kleinen, wahren Geschichte.

Vor ein paar Tagen war ich in der Stadt unterwegs. Ein Bekannter begegnete mir, und nach einigen Begrüßungssätzen schaute er mir ernst in die Augen und sagte etwa Folgendes: „Roland, ich frage mich oft, ob du nicht zu viel machst. Das ist nicht gut. Du musst dir selbst mehr Zeit für dich gönnen. Du arbeitest so viel…“ In diesem Stil ging es einige Zeit weiter, bis ich etwas genervt zum Gegenangriff überging.

Nun würde mich diese kleine Unterhaltung nicht weiter beschäftigen, wenn sie nicht inzwischen typisch geworden wäre. Besorgte Christen melden sich, äußern Zweifel an meiner geistlichen Gesundheit, stellen die Frage, ob viel Arbeiten denn erstens nötig und zweitens gottgefällig und drittens gesund sei, und ermahnen mich eindringlich, doch ja nicht so viel zu tun. Das Ganze passiert immer mit einem – ich nenne es mal so – „mitleidig-wissenden Blick“. Ein Blick, der ungefähr aussagt: „Ich war auch einmal so wie du – aktiv, aber ein bisschen minderbemittelt, aber jetzt gehöre ich zu denen, die aufgehört haben, herum zu hektiken. Jetzt nehme ich das Leben gelassener, tue nicht mehr soviel – manchmal gar nichts – und bin obendrein geistlicher als du oberflächlicher Aktivbolzen!“

Im ersten Augenblick hört sich das überzeugend an. Ausruhen, Entspannt sein als oberster Gradmesser eines reifen und geistlichen Lebens. Und verlockend ist das auch – weniger tun, dafür aber geistlicher sein? Mich jedenfalls spricht dieser Gedanke an.

Ganz zuende gedacht lebt nach dieser Auffassung der Christ geistlich richtig, der seine Hände in den Schoß legt. Und als ungesund, geistlich fragwürdig und insgesamt unausgewogen wird ein Christ angesehen, der sich einsetzt, der auch mal bis in die Nacht hinein arbeitet, und der insgesamt viel arbeitet. Wer viel arbeitet, steht nach dieser Auffassung im Geruch, die Prioritäten völlig falsch zu setzen.

Aber ist das eigentlich wahr? Ich habe den Eindruck, dass bei uns in der letzten Zeit aus einer geistlich wichtigen Wieder-Entdeckung, nämlich dass wir bei Gott zur Ruhe kommen können, und dass wir uns auch Zeit zur Stille, zum Hören und zum „Einfach-mal-nichts-tun“ nehmen dürfen – ein Dogma geworden ist. Ein Dogma, das jeden und alle anfragt und verdächtigt, die es wagen, noch aktiv zu sein.

Dieses Dogma hat sich meiner Beobachtung nach vielerorts richtiggehend eingenistet und ist in der Folge zu einem echten Problem in den Gemeinden geworden. Die Devise heißt: „Geh nicht in die Gebetsstunde oder den Mitarbeiterkreis, denn das ist Arbeit und Stress. Geh lieber in die Sauna oder ins Kino, da kannst du dich entspannen, und das ist auch das, was Gott von dir will!“

Ich kann verstehen, dass Menschen, die sich immer gehetzt und überarbeitet haben, aufatmen, wenn sie neu erkennen, dass Gott sie liebt und trägt, auch wenn sie mal nichts tun. Ich kann die Entspannung verstehen, die durch die Reihen gestresster „hauptamtlicher Christen“ geht, wenn sie auch einmal aufatmen dürfen. Das ist alles völlig in Ordnung. Und ich bin dankbar, dass in den letzten Jahren diese geistliche Wahrheit wieder mehr in den Vordergrund gerückt wurde.

Aber ich protestiere dagegen, wenn dieses „Aufatmen-Dürfen“ zu einem Dogma des „Ja-nicht-zu-viel-Arbeiten“ mutiert. Und das nehme ich an manchen Stellen wahr. Es scheint geradezu ein neuer Sündenfall zu sein, wenn jemand arbeitet, bis es schmerzt. „Das kann doch nicht Gottes Wille sein, dass du dich so kaputt machst!“ – So und ähnlich wird dann geurteilt. Doch stimmt das wirklich?

Ich meine: Die Wahrheit liegt hier nicht in einem „Entweder – oder“, sondern in dem altbekannten „Sowohl – als auch“ – oder um es mit dem Mönchsvater Benedikt auszudrücken: Das geistliche Leben gestaltet sich in beidem – im Beten und im Arbeiten – kurz gefasst in der benediktinischen Aufforderung: Ora et labora! – Bete und arbeite!

Es gibt also sehr wohl beides: Geheiligte Aktivität und geheiligte Passivität. Und es gibt ungeheiligtes Aktiv-Sein ebenso wie ungeheiligtes Passiv-Sein. Hier sollte man sich bei der Beobachtung eines anderen sehr vor pauschalen Urteilen hüten. Denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.

Deshalb möchte ich Mut machen zu beidem: Mut zum handeln und Mut zum Ruhen. Mut zum Stress und Mut zur Entspannung. Beides hat seine Zeit.

Da häufig – gerade in Vorträgen, Büchern und Zeitschriften, die geistliches Wachstum fördern wollen – das Loblied der Besinnung, der Kontemplation gesungen wird, möchte ich im folgenden, sozusagen als ein Gegengewicht, eine kleine geistliche Begründung für Aktivität im Namen Gottes liefern. Vielleicht hilft das dem einen oder anderen, wieder neu ein Ja zu einem kreativen, aktiven, also schöpferischen und tatkräftigen Einsatz für Gott und die Menschen zu finden.

Also: Ein paar Gedanken zu der Frage, warum Arbeit gut ist.

  1. Der Mensch ist als Gottes Ebenbild zum Handeln und Gestalten geschaffen und berufen. Die ersten Kapitel der Bibel machen das deutlich. Indem Adam die Erde bebaut und bewahrt, indem er den Tieren Namen gibt und mit Eva kommuniziert, spiegelt er die schöpferische Aktivität Gottes wieder. Arbeiten gehört zu der Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen.
  1. Jesus hat uns berufen, zu handeln. „Handelt, bis ich wieder komme!“ So schärfte er es seinen Jüngern ein. Und im Gleichnis vom faulen Knecht warnt er davor, ein geistliches Schmarotzertum zu leben.
  1. Paulus konnte voller Überzeugung sagen: „Bis zur jetzigen Stunde leiden wir sowohl Hunger als Durst und sind nackt und werden mit Fäusten geschlagen und haben keine bestimmte Wohnung und mühen uns ab und arbeiten mit unseren eigenen Händen.“ (1. Kor. 4, 11-12) Für ihn war ein ganzheitlicher Einsatz des Lebens im Dienst die Antwort auf den ganzheitlichen Einsatz Gottes in Jesus. Und er scheute sich nicht, in seiner Diskussion mit den Christen in Korinth, die sich ihm geistlich überlegen vorkamen, genau diese Erfahrungen von Stress, Überarbeitung, Übermüdung, ja Erschöpfung und Verzweifeln am Leben anzuführen. Dabei wusste er sehr wohl, dass er gerade damit seine Kritiker, die sich auf die Ebene der geistlichen Erfahrungen befanden, überhaupt nicht beeindrucken konnte. Denn genau das lehnten sie ab: Blut, Schweiß und Tränen. Sie waren eher für Lobgesänge und mystische Versenkung zu begeistern.
  1. Die Welt braucht das Tatzeugnis der Christen. Sich im Namen Gottes aktiv in die Gesellschaft einzumischen ist nichts geistlich zweitrangiges, sondern eine vernünftige Folge richtiger geistlicher Erkenntnis. Nicht umsonst behandeln solche grundlegenden neutestamentlichen Briefe wie der an die Römer, die Epheser, die Galater, die Kolosser, um nur einige zu nennen, im zweiten Teil jeweils das praktische Leben und geben ausführliche Handlungsanweisungen. Praktische Hilfeleistungen, ein im Dienst hingegebenes Leben, das ist für die ersten Christen der „vernünftige Gottesdienst“. Salz und Licht, das sind wir nicht fern abgeschieden von den Menschen, sondern mitten im Gewühle der Zeit und der Welt.
  1. Unsere Zeit zu Handeln ist begrenzt. Unsere Lebenskraft und unsere Lebenszeit reichen nicht unendlich. Und einmal wird der Tag kommen, an dem uns der Weltenrichter fragt, was wir denn getan haben für seine geringsten Brüder. Und er wird sein Augenmerk richten auf das, was wir unterlassen haben. Diese Dimension der Begrenzung und der Bedeutung unseres Lebens, anders ausgedrückt: Die Tatsache der Endgültigkeit unserer Entscheidungen, Handlungen und Unterlassungen, bilden den ernst zu nehmenden Hintergrund unseres Lebens. Nur vor dieser Tatsache des Gewogen-und-gerichtet-Werdens leuchtet die Wirklichkeit der Gnade Gottes richtig auf.
  1. Wir sind gerufen, als Mitarbeiter Gottes die Zukunft der Welt zu gestalten. Wir sind nicht willenlose Marionetten in einem schon vorher festgeschriebenen himmlischen Drama, sondern von Gott eingesetzte Mitspieler und Gestalter seines großartigen Planes. Das ist Würde und Bürde zugleich. Natürlich können wir nur in enger Verbindung mit ihm und in der Befähigung durch den Heiligen Geist Taten vollbringen, die Bestand haben. Aber wir können etwas bewegen. Was wir tun, ist getan. Und was wir unterlassen, bleibt – vielleicht für immer? – ungetan.

Ein Lob auf das Handeln im Namen Gottes wollte ich singen. Ich wollte einen Befreiungsschlag gegen das Irrnetz eines geistlich scheinenden und doch falschen Quietismus führen. Es ist in der Tat so, dass Gott uns nicht nur zum Däumchendrehen in die Welt gesetzt hat. Ich hoffe, dass sich diese Erkenntnis auch in frommen Kreisen wieder mehr durchsetzt. Jesus fordert uns zu mutigem Handeln auf, zu großen und kleinen, auf jeden Fall aber selbstvergessenen Taten in seinem Namen.

Noch eine Schlussbemerkung sei mir erlaubt: Ich habe manchmal beobachtet, dass die Leute, die mich mit gewichtiger Miene ermahnten, ja nicht zu viel zu arbeiten, oft genau dieselben waren, die offen oder unterschwellig weitere Anforderungen und Erwartungen an mich richteten. Das hat mich häufig sprachlos gemacht. Damit vermittelten sie mir – vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst, letztlich diese einfache Botschaft: „Tu nicht so viel (für andere), sondern nimm dir mehr Zeit (für mich und meine Bedürfnisse)!“

Während ich diese etwas bissige Bemerkung niederschreibe, sehe ich vor meinem inneren Auge manche gestresste Pastorin und manchen überlasteten Seelsorger heftig nicken.

Denn das ist doch die Tatsache: Nicht die viele Arbeit als solche macht uns fertig, sondern die unreifen und überzogenen Erwartungen mancher Zeitgenossen, dass wir ihre Probleme für sie lösen sollten. Nicht die Arbeit ist letztlich das Problem, sondern die emotionalen Lasten, die wir einander aufbürden.

Und so ist der wirklich der Verlierer, der auf der einen Seite gesagt bekommt, er solle weniger tun, und der zugleich für immer mehr Menschen da sein soll – als Ersatz-Vater oder Ersatz-Mutter, als Seelsorger, Ratgeber, Vorbild, Bedürfnisbefriediger und manches mehr – alles zugleich. Wer sich von diesen Erwartungen und Anforderungen einfangen lässt, ist wirklich arm dran.

Da bin ich Paulus für seine befreiende Warnung dankbar: „Werdet nicht der Menschen Knechte!“ Und das sagt derselbe Paulus, der in anderem Zusammenhang ausdrückte: „Wir sind eure Knechte um Jesu willen!“

Und so will ich weiterhin mutig und unbeirrt ans Werk gehen, mich nicht auch noch für meinen Einsatz verurteilen lassen, und mit Nikolaus Graf zu Zinzendorf sagen:

Wir woll’n uns gerne wagen, in unsern Tagen der Ruhe abzusagen, die’s Tun vergisst. Wir woll’n nach Arbeit fragen, wo welche ist. Nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen, und uns’re Steine tragen aufs Baugerüst. (c) Roland Werner 3. März 2003.

Beitrag weiterleiten:
Eine Stimme in der Wüste

Eine Stimme in der Wüste

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!

Jesaja 40, 3

 

Eine Stimme, ein Ruf am wüsten Ort:

Macht Bahn für den König, hier und dort!

In den Häusern, den Herzen, in eurem Verstand,

Bereitet den Weg ihm im ganzen Land!

 

Eine Stimme, die die Welt bewegt:

Empfangt ihn, der das Leben trägt!

Sagt ja zur Hoffnung, sagt ja zum Licht,

Sein Wort ist wahr: Fürchtet euch nicht!

 

Eine Stimme, die durch die Zeiten klingt,

Die von Freude, Glaube und Liebe singt,

Von Bethlehem und von Golgatha,

Die ewige Botschaft: Der Retter ist da!

 

Roland Werner

Beitrag weiterleiten:
Mein Kinderglaube und ich – Ein Bekenntnis

Mein Kinderglaube und ich – Ein Bekenntnis

Mein Kinderglaube und ich – Ein Bekenntnis

Nachdem es modern geworden ist, sich von seinem Kinderglauben zu distanzieren, muss ich es einfach zur Kenntnis geben: Ich habe meinen Kinderglauben noch! Beziehungsweise: Mein Kinderglaube hat mich noch.

Vielleicht gehöre ich ja zu einer aussterbenden Art. Eine Art Dinosaurier des alten Glaubens. Mag sein. Aber: Wie ich es auch drehen und wenden mag: Ich kann einfach nicht anders.

Jetzt will ich mich nicht mit dem armen Mönchlein vergleichen, das vor Kirche und Kaiser die unvergänglichen Worte ausgesprochen hat: “Hier steh ich nun, ich kann nicht anders… Gott helfe mir!” Und doch kann auch ich nicht anders. Ich bin und bleibe einfach ein Christ mit Kinderglauben. Ich glaube dass ich Gottes Kind bin und bleiben darf.

Neulich bat mich ein Freund, etwas zu diesem Thema aufzuschreiben. Er hatte nicht nur mich gefragt, sondern ein paar Leute. Wir sollten von den Veränderungen unseres Glaubens  berichten. Was hat sich geändert in unserer Wahrnehmung des Glaubens? Wo können oder wollen wir Standpunkte und Einstellungen nicht mehr festhalten, die uns einmal geprägt haben? Wo sieht unser Glaube – und vielleicht auch unser Leben – heute möglicherweise anders aus als noch vor Jahren und Jahrzehnten?

Da ich eher ein aufmüpfiger Geist bin, regte sich in mir sofort Widerstand. Stimmt das eigentlich, so fragte ich mich, dass sich mein Glaube geändert hat? Da bin ich mir nicht sicher. Muss er sich ändern? Und wenn er sich nicht geändert hat, was bedeutet das? Dass ich vom alten Eisen bin, dass ich nicht mit der Zeit gehe? Auf jeden Fall, ich will darstellen, was sich bei mir nicht geändert hat, und warum ich auch hoffe, dass es sich niemals ändern wird.

Es war vor gut dreißig Jahren. Ich studierte evangelische Theologie und gleichzeitig Semitistik und Afrikanistik in Marburg. Das Doppelstudium konnte ich mir erlauben, weil ich schon auf dem Gymnasium die für das Theologiestudium wichtigen Sprachen gelernt hatte: Latein, Griechisch, Hebräisch. Und als Vorbereitung für mein Abitur hatte ich das Neue Testament auf Latein und auf Griechisch durchgelesen. Der Grund dafür war: Ich war zu faul, Grammatik oder Vokabeln zu wiederholen, und meinte, dass ich durch die Viel-Lese-Methode den gleichen Zweck erreichen und zugleich noch meine Bibelkenntnis vertiefen könnte.

Und damit bin ich schon beim ersten Punkt, der über die Jahre geblieben ist, und der hoffentlich bis zu meinem Lebensende bleibt: Ich bin ein passionierter Bibelleser. Und war es schon als Jugendlicher. Während meines Austauschjahres in den USA bekam ich eine moderne Übersetzung, die „Living Bible“ geschenkt und las sie nach einem selbstgemachten System in vier Monaten durch. Danach folgte die altehrwürdige „Authorized Version“, auch als „King James Version“ bekannt. Und so ging es weiter mit verschiedenen Übersetzungen, auf Deutsch waren es die Übersetzungen von Luther, Bruns und Schlachter. Dazu kamen noch die anderen Sprachen: Die französische Übersetzung von Louis Segond, die spanische „Reina“, die norwegische Standardbibel, die arabische Übersetzung „van Dyck“ – obwohl ich da noch nicht einmal das ganze NT geschafft habe… Während ich das so niederschreibe, steigt in meiner Erinnerung eine Szene auf. Wie gesagt, Anfang der achtziger Jahre. Ich bin unterwegs im Zug von Kairo nach Assuan. Eine Reise, die damals über 20 Stunden dauerte. Und dann sollte es mit dem Boot weiter über den Nasser-See in den Sudan gehen. Ich schaute abwechselnd aus dem Fenster auf die ägyptische Landschaft, redete mit den Mitreisenden, und las immer wieder in der Bibel. Und plötzlich hatte ich den Gedanken: Alles verändert sich – die Länder, in denen du bist, die Menschen, denen du begegnest. Doch die Bibel bleibt. Sie ist dein Buch. Dein Lebens-Buch. Hier hast du einen Anker für deine Seele. Hier hast du einen Begleiter für deinen Weg. Die Bibel bleibt.

Heute, dreißig Jahr später, muss ich sagen: Ja, die Bibel ist geblieben. Das Buch der Bücher ist und bleibt spannend. Und es bleibt der Kompass für meinen Glauben und mein Handeln. Gerade habe ich neu angefangen, die spanische Bibel durchzulesen. Im Auto höre ich andere Übersetzungen. Und: Mir fällt immer wieder etwas Neues auf. Trotz der vielen Jahre habe ich die Bibel noch nicht ausgeschöpft oder ausgelotet. Das ist das Erstaunliche: Die Bibel bleibt immer größer, tiefer, spannender, als ich gedacht habe. Und sie bewegt mich immer neu.

Wenn ich über das sprechen soll, was bleibt, und bleiben muss, dann ist es sicher und unzweifelhaft die Bibel. Nicht umsonst haben die Reformatoren das so betont: Sola scriptura, tota scriptura: Allein die Heilige Schrift, und die ganze Heilige Schrift. Ich bin zutiefst überzeugt, dass eine Christenheit, die bewusst und intensiv mit der Bibel lebt, die innere Kraft haben wird, sich selbst und dann auch ihre Umwelt zu verändern. Wenn wir aber die Bibel an die Seite stellen, sie vernachlässigen, entwerten, aushebeln oder umdeuten, werden wir unsere Kraft verlieren, anders zu sein, anders zu denken, zu fühlen und zu handeln. Unsere Kraft oder Kraftlosigkeit als Christen ist meiner Überzeugung nach direkt mit unserer Bibelpraxis verknüpft.

Sicher liegt hier eine Krise auch in der evangelischen Welt. Während es über Jahrhunderte geradezu das Merkmal evangelischen Glaubens war, die Bibel zu lesen, und zwar nicht nur in der Kirche, sondern auch zuhause am Familientisch, im Studier- und auch im Schlafzimmer, leiden wir heute unter einer allgemeinen Bibelanämie. Das hängt sicher auch mit einer inzwischen gut 200 Jahre währenden Tradition zusammen, die Bibel bloß rationalistisch zu lesen. Mit anderen Worten: Ein weltanschauliches Vorverständnis an die Bibel heranzutragen, das die Möglichkeit von Wundern und Übernatürlichen von vornherein ausschließt. Eine Vorentscheidung also, die Gott seiner Freiheit beraubt, Gott zu sein, und die deshalb nicht nur ihn wegschließt, sondern auch den Menschen in ein Gefängnis steckt. Denn ohne einen freien Gott, der über der Schöpfung und damit auch über den so genannten Naturgesetzen steht, wird auch der Mensch unfrei, ist vorherbestimmt und sich selbst und den Zwängen der Natur ausgeliefert.

Die Freiheit des Christenmenschen, ja die Freiheit des Menschen allgemein, hängt, auch historisch, mit der biblischen Botschaft vom freien und allmächtigen Schöpfer zusammen, der uns in die Freiheit der Kinder Gottes ruft. Und die Verpflichtung, für den Nächsten und die Welt einzutreten, sich für Arme und Unterdrückte einzusetzen, nach Gerechtigkeit und Frieden zu streben, findet seine Begründung hier – und, wenn man genau hinschaut, nur hier -: In der Nachricht vom barmherzigen Gott, der die Mächtigen vom Thron stößt und die Armen aus dem Staub erhebt, also in der Botschaft vom Erlöser, der in Jesus selbst hineinkam in das Elend einer zerbrochenen Welt und uns erlöst und befreit. Und sie findet ihren Grund in dem Gebot, Gott zu lieben von ganzem Herzen, und unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Die Bibel ist das Fundament für Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit, für Glaube und Leben. Und sie muss es bleiben. Bei allen Veränderungen im Kontext unseres Lebens finden wir hier unseren Grundtext. Deshalb will und werde ich – mit Gottes Hilfe – die Bibel nicht austauschen, weder mit Hesse noch mit Nietzsche, nicht mit Goethe, Homer oder Vergil, und auch nicht mit Marx oder Mao. Die Bibel bleibt das begründende Buch. „Verbum Dei manet in aeternum“ – Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.

Und weil das so ist, bleibt auch noch mehr. Auch davon erfahre ich in der Bibel. Paulus schreibt mitten in den Kulturkämpfen und theologischen Auseinandersetzungen der jungen Christengemeinde in Korinth: „Doch nun, in der Zwischenzeit, bleiben das Vertrauen, die Hoffnung und die Liebe, diese drei Lebenswirklichkeiten. Und die bedeutendste davon ist die Liebe.“ (1. Kor 13, 13, Übersetzung „dasbuch.“)

Der Grundklang von Glaube, Hoffnung, Liebe, ist vielen im Ohr. Die poetische Kraft dieses Kernstücks paulinischer Theologie und Anthropologie – denn das ist hier im „Hohenlied der Liebe“ in unnachahmlicher Weise ineinander verschränkt: Lehre, also verbindliche Aussagen über Gott und zugleich über den Menschen – führt leicht dazu, das wir über den unglaublichen Inhalt hinweglesen oder ihn überhören.

Neben dem Wort Gottes in der Bibel, das bleibt, weist der Apostel hier auf drei grundlegende Elemente unseres Lebens, die festbleiben sollen und werden. Sie haben zu tun mit unserer Beziehung zu Gott, zur Welt und zum Mitmenschen. Alle drei werden angestrahlt und durchleuchtet von der Offenbarung Gottes in Jesus. In allen dreien steckt eine ungeheure Sprengkraft, eine Kritik gegenüber anderen Weltanschauungen, ein Widerstand gegen andere Mächte und Gewalten, die unser Leben in den Griff bekommen können. Glaube, Hoffnung und Liebe sind eben nicht naturgegebene und damit natürlich vorgezeichnete Merkmale unserer Beziehung zur Welt. Sie sind vielmehr etwas ganz Außergewöhnliches, etwas völlig Andersartiges und Besonderes. Nur wenn wir das verstehen, begreifen wir die revolutionäre und befreiende Kraft dieser drei Merkmale, die eine neue Lebensmöglichkeit beschreiben.

Der Glaube, das Vertrauen, ist das erste Geschenk, das aus unserem Gottesverhältnis entspringt. Wir sind nicht ausgeliefert an Naturgewalten oder kosmische Kräfte, sind nicht Spielball von Schicksal oder heidnischen Göttern, sind nicht bestimmt von dämonischen Mächten oder Sternzeichen, sondern leben als Kinder Gottes im Vertrauen auf ihn, unseren Vater. Das Prinzip Vertrauen ist eine Absage an religiöse Manipulation und gesetzliche Systeme, an deterministische Weltsichten und Zwänge, die den Menschen entmenschlichen wollen.

Dieses Vertrauen auf Gott, fern von allen angeblich wissenschaftlichen Festlegungen, und auch fern von aller frommen Systematik, ist etwas, das ich unbedingt festhalten will. Das Leben als Kind Gottes ist ein Leben in Freiheit und Vertrauen auf ihn. Deshalb muss ich auch nicht dem jeweils neusten Trend folgen, egal in welchem Bereich, sondern darf mit Matthias Claudius, der zu seiner Zeit von den großen Geistern zwar geschätzt, aber immer wieder auch als zu konservativ und gläubig gescholten wurde, mich einreihen in die Schar derer, die „wie Kinder fromm und fröhlich sein“ wollen.

Der Glaube soll also bleiben. Meinen Kinderglauben lasse ich nicht. Denn ich meine nicht, als Erwachsener so viel weiser geworden zu sein. Erfahrener und klüger vielleicht, gewiefter wahrscheinlich, aber weiser? „»Ich sage es euch klipp und klar: Wenn ihr euch nicht vollkommen ändert und wie die Kinder werdet, dann werdet ihr überhaupt nicht in Gottes neue Wirklichkeit hineinkommen!“ (Mt 18, 3, Übersetzung „dasbuch.“) Diese Warnung von Jesus klingt mir in den Ohren. Eigentlich ist sie ja viel mehr: Sie ist eine Einladung zum Kind-Gottes-Sein, zum unbedingten Vertrauen auf den Vater. Das will ich mir nicht abtrainieren und auch von niemandem nehmen lassen.

Das zweite, das bleibt, ist nach Paulus die Hoffnung. Hier geht es um das Verhältnis zu uns selbst, und es geht ebenso um unseren Blick auf diese Welt. Was wären wir ohne Hoffnung! Der Motor für Veränderung braucht den Kraftstoff der Hoffnung, um überhaupt zu laufen. Dass ich morgen nicht bleiben muss wie ich gestern war, dass ich mich heute nicht von negativen Erfahrungen der Vergangenheit einschränken und festlegen lassen muss, das ist das Wesen von Hoffnung. Und dass wir in der Welt wirklich etwas verändern können, das ist unsere Hoffnung. Unser Einsatz für Gerechtigkeit, unser Beten und Ringen um das Leben und das Überleben der Kirche, unser Zeugnis gegenüber den Menschen unserer Zeit, was auch immer ihrer Situation oder Weltanschauung sein mag, all das wird bestärkt von der Hoffnung, dass Gott gute Pläne für jeden Einzelnen und für diese Welt hat. Auch die Hoffnung braucht ihre Begründung in der Wirklichkeit des lebendigen Gottes, des Schöpfers, des Erlösers, und des Vollenders. Die Hoffnung bleibt und soll bleiben, solange noch Atem in mir ist. Die Hoffnung, dass etwas, ja, dass alles anders und neu werden kann. Durch den Vater, durch den Geist, durch Jesus, den Sohn.

Und spätestens jetzt merke ich, dass der Dreiklang „Glaube, Hoffnung, Liebe“, sich verwurzelt in der Wirklichkeit des dreieinigen Gottes. In Jesus hat er seine unendliche und absolut bedingungslose Liebe mit seinem Blut in den Staub unserer Welt hineingeschrieben. Deshalb bleibt auch die Liebe. Selbst angesichts von Brutalität und Kaltherzigkeit, von Ungerechtigkeit und Gleichgültig bin ich als Christ einer, der an die Liebe glaubt. Und zwar an die unbedingte Liebe Gottes.

Ich bin kein Humanist, der an die grundlegende Güte des Menschen glaubt. Die Geschichte der Menschheit und der Blick ins eigene Herz hat mir diese naive Weltsicht grundlegend ausgetrieben. Aber ich glaube an den Gott, der in sich Allmacht und Liebe vollkommen vereint und uns deshalb zu einem Leben im Vertrauen und voller Hoffnung und Liebe befähigt. Dass dieser Gott bleibt, auch in meinem Leben, dass Jesus Christus derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit, und dass wir Zuflucht finden können bei dem ewigen Gott und unter seinen starken Flügeln, das ist das Fundament, das ich nicht loslassen will.

Was hat sich geändert? Das war die Ausgangsfrage. Vielleicht die Tiefe meiner Erkenntnis, dass ich Gott wirklich brauche. Vielleicht die Weite meiner Hoffnung für diese Welt. Hoffentlich auch meine Liebe zu Gott und zum Nächsten. Sicher aber die Überzeugung, dass es nicht an unserem Wollen und Laufen liegt, sondern an Gottes Erbarmen. Und das ist nicht willkürlich, sondern besiegelt durch das Selbstopfer des ewigen Hohenpriesters, Jesus.

Roland Werner, Reloaded am Reformationstag 2015

Beitrag weiterleiten:
Auf den Spuren von Jesus – 11 Kurzfilme

Auf den Spuren von Jesus – 11 Kurzfilme

Auf den Spuren von Jesus – 11 Kurzfilme.

Hier sind jetzt alle 11 Kurzfilme “Auf den Spuren von Jesus” zu finden.

Können als Anschauungsmaterial zum Beispiel im Hauskreis eingesetzt werden. Taufe am Jordan, Teich Betesda, Kapernaum, Via Dolorosa…

Beitrag weiterleiten: