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Jahr: 2013

Früher … wählten wir Christen SPD

Früher … wählten wir Christen SPD

Jedenfalls wir im Ruhrgebiet. Das war doch klar. Schließlich war Johannes Rau, der langjährige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, bekennender Christ und SPDler. Und der frühere Bundespräsident, Gustav Heinemann, war Vorsitzender des CVJM Essen und vom Weigle-Haus, und hatte in der nationalsozialistischen Zeit als bekennender Christ diese Jugendwerke zu schützen versucht. Auch er gehörte damals zur SPD. Für uns war das klar: Wir als missionarische, evangelische Christen wählten sozialdemokratisch.
Die CDU, die wurde – in unserer Wahrnehmung – vor allem von Katholiken aus Köln gewählt. Und beides war für uns ziemlich weit entfernt. Es war klar: Wir als Teil der Bevölkerung der Arbeiterstadtteile im Ruhrgebiet gehörten auf die Seite der Arbeiterpartei. So war unser damaliges politisches Weltbild relativ einfach gestrickt.
Ich erinnere mich noch, wie schockiert ich war, als ich zum ersten Mal Christen aus Süddeutschland begegnete, die CDU wählten! Wie konnten die nur! Was mich besonders schockte, war, dass sie, genau wie ich, evangelisch und überdies noch missionarisch aktiv waren. Das kriegte ich in meinem Kopf nicht zusammen. Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, als Elke und ich bei einem Kreativworkshop von Jugend mit einer Mission in Altensteig waren. In diese Zeit fiel die Bundestagswahl. Die dortigen charismatischen Christen beteten, dass die CDU die Wahl gewinnt. In was für ein Babel war ich da geraten!
In jener Wahl entschied ich mich, wenn ich mich richtig erinnere, für die Grünen. Was Elke wählte, weiß ich natürlich aufgrund des Wahlgeheimnisses nicht.
Wie gesagt, so war es früher. Für mich war die politische Welt ziemlich klar.
Nie hätte ich damals die nachfolgenden Veränderungen im Kurs der politischen Parteien geahnt. Genauso wenig, dass manche im Lauf der Zeit einen immer stärker kirchenkritischen und christenfeindlichen Kurs entwickeln würden. Ich jedenfalls habe meine damalige klare politische Weltsicht längst durch eine – so hoffe ich – realistischere Sicht ersetzt. Dass es die eine, von Christen zu wählende Partei geben kann, glaube ich längst nicht mehr. Aber auch heute bleibt für mich als wichtiges Kriterium, ob glaubhafte Christen in einer Partei zu finden sind, und ob sie Gottes lebensfördernde Maßstäbe ernster nehmen als den kurzfristigen politischen Erfolg.

Roland Werner, Juni 2013

Früher … waren Birkenstocksandalen Pflicht

Früher … waren Birkenstocksandalen Pflicht

Das war die Kleiderordnung. Ausgewaschene Jeans, möglichst unten ausgefranst. Schlabberige Pullover. Bei Männern, wenn schon wachsend, auch ein Bart, in der Marke irgendwo zwischen Karl Marx und Apostel Paulus. Die karierten Hemden, sie später überhandnahmen, waren zu meiner Zeit noch als modische Neuerung verpönt. Lange, häufig über mehrere Tage ungewaschene Haare, im Winter Rollkragenpullover, und dann natürlich die besagten Birkenstocksandalen. Jedenfalls für die, die sie sich leisten konnten. Ich gehörte meist nicht dazu, sondern trug irgendwelche abgetragenen Turnschuhe. Ja, früher waren Birkenstocksandalen Pflicht für einen wirklich ernsthaften Christen. Das war die geistliche verordnete Kleiderordnung.
Und dann gab es auch noch Regeln darüber, was man Essen durfte und was nicht. Beliebt war Vollkornbrot und Müsli, Tee in jeder Varianz, und selbstgebackene Plätzchen. Essen bei McDonalds andererseits war für Christen mega-out. Es gab, man höre und staune, sogar richtige Resolutionen  und in intensiven Diskussionen erstrittene Beschlüsse innerhalb der evangelischen Jugend, ja nicht bei McD… zu essen.  Warum, ist schnell nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich ja um eine amerikanische Schnell-Ess-Kette. Und damit war klar, wer hier isst, unterstützt damit direkt oder indirekt die amerikanischen Großmachtbestrebungen weltweit.
Als politisch bewusster Christ aß man also nicht bei McDonalds. Auch einfache Pommesbuden waren verpönt, aber eher aus ästhetischen Gründen. Doch ließ sich ein gelegentlicher Ausflug dorthin nicht ganz vermeiden. Denn schließlich schmeckte das doch zu gut, Pommes mit Ketchup und Mayo, oder, wie manche der Einfachheit halber sagten: Pommes Rot-Weiß.
Christsein definierte sich also durch Kleidungsstil und Essensvorschriften. Nein, halt, das stimmt ja gar nicht. Sondern – Christsein war eine innere Haltung, die sich auch in diesen scheinbaren Äußerlichkeiten zeigte. Das würden die Verfechter dieser Regeln jedenfalls vehement behaupten.
Und da sind wir schon fast bei heute angelangt. Denn so völlig anders ist unsere heutige christliche Szene vielleicht gar nicht. Sicher, wir tragen keine Schlabberklamotten mehr, sondern bewegen uns irgendwie zwischen urbanem Chic und biologisch angebauten Fäden. Und auch bei dem, was wir verspeisen, sind wir nicht so ideologisch. Wir essen auch schon mal bei einem Schnellrestaurant, und achten höchstens drauf, ob dort der Müll einigermaßen vernünftig getrennt wird. Gegen Amerika sind wir immer noch irgendwie unterbewusst, schauen uns aber gern in den Spätvorstellungen die neusten Hollywoodfilme an. Denn schließlich braucht man ja etwas, worüber man sprechen oder auch, wenn man in einer der neuen Jugendgemeinden ist, worüber man predigen kann.
Also sind wir insgesamt etwas lockerer geworden, und die Gesichtsbehaarung hat bei den Männern auch abgenommen. Zumindest wird sie nicht mehr als Ausweis geistlichen Ernstes oder politischer Gesinnung zur Schau getragen. Also: Entspannung auf der Speise- und Kleidungsfront?
Paulus, der Apostel, nimmt ja interessanterweise in seinem Brief an die Christen in Kolossä zu solchen Fragen Stellung. Deshalb lasst euch jetzt auch nicht mehr von ihnen in die Ecke stellen! Das, was sie bestimmen wollen, zum Beispiel, was man essen oder trinken darf oder welche besonderen Festtage man einhalten und auf welche Neumondfeiern oder Sabbate man achten soll – all das sind nicht mehr als nur Vorschatten von dem, was in der Zukunft einmal kommen sollte. Jetzt aber ist es da…. Ihr seid deshalb nicht mehr bestimmt von den grundlegenden Denkvorstellungen dieser Welt. Warum unterwerft ihr euch ihnen dann noch? Diese Regeln lauten: »Das sollst du nicht anfassen! Das darfst du nicht kosten! Das sollst du nicht berühren!« All dies sind doch nur vergängliche Dinge, die schnell verderben. Das alles sind nur von Menschen ausgedachte Vorschriften und Lehrmeinungen. Es sind Aussagen, die ihre angebliche Weisheit aus einer selbst erfundenen Religiosität beziehen.“  (Kol 2)
Das finde ich nun wirklich interessant! Kann es sein, dass wir – damals, als wir noch Birkenstockfreaks waren und heute, wo wir andere Normen für selbstverständlich halten – unbewusst oder halbbewusst von den „grundlegenden Denkvorstellungen“ unserer Welt, unserer Zeit, unserer Gesellschaft geprägt sind? Kann es sein, dass wir selbst in unserem „Alternativ-Sein“ immer noch ziemlich angepasst sind und letztlich nur eine christliche verbrämte Version des Zeitgeistes leben?
Hmmm, was denkt ihr? Auf jeden Fall, persönlich bin ich dankbar, dass die Schlabberklamotten out sind und die Birkenstockpflicht abgeschafft wurde. Und sicher sind die meisten Produkte von TheNorthFace  kleidsamer als die Jute-Säcke der 80er. Und nicht immer Müsli essen und roten Tee trinken zu müssen ist auch ganz befreiend. Und doch: Mit dem Blick eines, der seit mehreren Jahrzehnten als Christ unterwegs, frage ich mich schon, ob alle gegenwärtigen Trends und Themen in den christlichen Gemeinden wirklich so tiefgründig und zukunftsweisend sind. Mal sehen, was einer so in 30 Jahren über uns schreibt. Über früher eben.

Roland Werner, März 2013

Früher … dachten wir das Ende der Welt wäre nahe

Früher … dachten wir das Ende der Welt wäre nahe

Ja, das stimmt wirklich. Ich war als Schüler zu einem Austauschjahr in den USA. Und zwar 1973-1974. Ich gebe zu, das war in der grauen Vorzeit. Die meisten meiner heutigen Leser waren da wahrscheinlich noch gar nicht geboren. Jedenfalls gab es dort einen großen Buchschlager mit dem Titel „Alter Planet Erde – wohin?“ Der amerikanische Originaltitel war noch reißerischer: „The Late Planet Earth“. Zu Deutsch etwa: „Der inzwischen verstorbene Planet Erde“. Mehrere Millionen stark war die Auflage. Und sicher hat der Autor Hal Lindsey daran auch nicht schlecht verdient. Auf jeden Fall war es in aller Munde, das Thema: Wie lange haben wir noch? Wann kommt Jesus wieder? Wann wird das Ende der Welt, wie wir sie kennen, eingeläutet?

Am Sylvesterabend 1973/1974 gingen wir dann mit unserer amerikanischen Familie in die große Stadthalle von Seattle. Dort trat Hal auf und malte ein düsteres Szenario. Die erste Ölkrise hatte die westliche Welt und die USA gerade erschüttert. Und so schaffte er es, die politischen Zeitereignisse ganz eng mit den biblischen Aussagen über die Wiederkunft von Jesu zu verknüpfen. Ich weiß noch, dass ich am Ende des Abends verunsichert war, ob wir das Jahr 1974 noch ganz erleben würden.

Kurz darauf traten selbsternannte Endzeitpropheten auf. Der Komet Kohoutek war im Begriff, sich Ende Januar 1974 der Erde zu nähern. Könnte diese ein weiteres Zeichen des nahenden Endes sein? Als dann der Januar und schließlich das ganze Jahr vorübergegangen war, war ich schlauer. Und ich erinnerte mich an die Aussage von Jesus: „Es steht euch nicht zu, die Zeiten oder genauen Zeitumstände zu kennen, die der Vater in seiner ihm eigenen Vollmacht festgesetzt hat…“ (Apg 1, 7) Und ich merkte, dass es nicht so wichtig ist, zu wissen, wann genau Jesus kommt, sondern so zu leben, dass wir an jedem Tag auf ihn ausgerichtet sind.

Als dann die Zeugen Jehovas für 1975 die Wiederkunft von Jesus ankündigten, war ich gewappnet. Im Gespräch hielt ich einem „Zeugen“ diese Aussage von Jesus vor, dass wir weder Zeit noch Stunde wissen können. Seine Antwort war für mich spitzfindig und wenig überzeugend: „Ja, Zeit und Stunde wissen wir nicht, aber Monat und Jahr können wir schon wissen!“ Und doch war dies auch dieses Mal eine falsche Voraussage der „Wachturmgesellschaft“, wie schon 1898 und 1925. Gott lässt sich eben nicht in die Karten schauen.

Ist das Thema damit abgehakt? Mir fällt jedenfalls auf, dass es in der Christenheit nicht wirklich diskutiert wird. Zwar sprechen wir sonntags im Glaubensbekenntnis: „…aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes des Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten…“ Doch dass darüber hinaus das zweite Kommen von Jesus eine Rolle spielt in unseren theologischen Gesprächen und in unserer Alltagsgestaltung, kann ich nicht wirklich erkennen.

Das finde ich schade. Und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes. Es ist ein Schaden für uns als Christen, wenn wir die Hoffnungsperspektive, die das Neue Testament uns eröffnet, ausblenden. Es ist fast so, als wüssten wir, dass da irgendwo in unserem Glaubenshaus ein Fenster ist, wir es aber nie öffnen. Natürlich ist es ganz richtig und wichtig, dass wir uns mit unserer vollen Kraft der gegenwärtigen Welt zuwenden. Dass wir uns einsetzen für Gerechtigkeit und Frieden, im Großen und im Kleinen, für Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Und dennoch haben wir noch mehr und noch anderes zu sagen, als alle anderen. Wir wissen, dass Jesus nicht nur eine Figur der Vergangenheit ist, und nicht nur ein Begleiter unserer Gegenwart, sondern dass er der Herr der Zukunft ist. Das, was der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann auf dem Kirchentag in Essen 1955 sagte, ist und bleibt dabei wegweisend: „Die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt!“ Ich würde mir wünschen, dass das heute wieder mehr in unser Bewusstsein dringt. Und dass wir mehr darüber nachdenken und miteinander sprechen. Wie früher eben.

Roland Werner, Februar 2013

Früher … gab es noch Traktate

Früher … gab es noch Traktate

Und zwar in rauen Massen. Wer nicht weiß, was das ist, ein Traktat, dem erkläre ich es gern. Fangen wir also ganz am Anfang an… Früher gab es Papier. Und auf dieses Papier konnte man mit Tinte bestimmte Buchstabenfolgen schreiben oder drucken. Das, was dann entstand, konnte man lesen. So ähnlich wie wenn man heute auf Facebook nicht nur die Bilder anschaut, sondern auch die schwarzen Pixel-Ansammlungen als Wörter erkennt. Also: Das gab es auch ohne Strom oder Akku. Eben auf Papier. Und wenn dann mehrere Papierseiten – das sind solche abgegrenzten Einheiten, wie man sie z.B. auf einem e-Reader durch Drüberstreichen eines Fingers wegwischt – miteinander verband, meist mittels einer Heftklammer, dann war das Resultat eben ein Traktat. Ein Ding zum Lesen, dünner als ein Buch und dicker als eine Postkarte.
Ich gebe ja zu, dass ich das Wort schon immer etwas seltsam fand. Es hörte sich irgendwie aggressiv an. Vielleicht durch das mit ihm verwandte Tu-Wort, ähem, Verb: traktieren. Wer will hier bitte wen mit einem Traktat traktieren? Ist wohl keine gute Idee. Also: Schon das Wort selbst war mir unangenehm. Vielleicht hing es  auch daran, dass sich Traktat auf Diktat reimt? Ein unbeliebter Vorgang, heute sicher auch fast unbekannt, bei dem ein Lehrer mit einem ausgeprägten Sprachfehler oder Dialekt im Eiltempo deutsche, englische oder französische Texte vorlas, und die Schüler, also wir, die Aufgabe hatten, dies sprachfehlerfrei auf das vor uns liegende weiße Blatt zu schreiben, und das noch mit der Hand! Und zwar nicht mit Kuli oder Filzer, sondern einem echten Füller…! Früher, eben.
Also: Es gab Traktate, Kleinschriften, könnte man sagen. Sie nahmen ein Thema auf und versuchten, es kurz, klar, ansprechend, allgemeinverständlich und überzeugend zu behandeln. Eben zu traktieren… Die Traktate, die ich meine, hatten einen christlichen Inhalt. Sie waren mit dem Ziel geschrieben, die Leser zum Glauben einzuladen. Und weil uns das damals auch ein Anliegen war, waren wir als junge, aktive Christen natürlich mit diesen Traktaten ausgestattet. Übrigens – nur nebenbei gesagt – gab es auch Traktate mit anderem weltanschaulichen Inhalt. So wurden mir an der Uni häufig kommunistische und maoistische Traktate überreicht. Ich las die dann auch meist, und schüttelte zumeist, wenn sie denn einigermaßen verständlich waren, und nicht in komplettem dialektischen Fachchinesisch verfasst waren, den Kopf über eine solche in meinen Augen ideologisch einfältige Wirklichkeitsauffassung.
Aber, was die kommunistischen Aktivisten an den Unis, meist Sprösslinge gut bürgerlicher Mittelstandsfamilien, konnten, konnten wir auch. Nämlich Traktate verteilen. Denn schließlich war es uns – wie unseren linken oder anders orientierten Zeitgenossen – ein Anliegen, Menschen mit unserer Überzeugung zu erreichen. So deckten wir uns mit Traktaten ein und verteilten sie fleißig, an den Eingängen zu den Hörsaalgebäuden, in Fußgängerzonen, vor den damals erstmalig eröffnenden Sexshops oder auch in der Straßenbahn. Manchmal gingen wir sogar von Haus zu Haus, drückten auf den Klingelknopf und brachten unsere Schriften an den Mann oder an die Frau. In unserer Jugendgruppe in Duisburg schrieben wir teilweise sogar selbst solche Traktate, kopierten und verteilten sie. „Gott will alle!“ – so hieß eins. Und die Reaktion, die wir in unserem Arbeiterstadtteil öfters bekamen, war klar und ohne Schnörkel: „Mit Gott haben wir hier nichts am Hut!“ Das konnte ich gut nachvollziehen, weil die meisten sowieso keinen Hut trugen. Die manchmal etwas barschen Reaktionen brachten uns aber nicht davon ab, Traktate zu verteilen, und höchstens dazu, sie etwas unpersönlicher in Telefonzellen (ja, auch so etwas gab es früher, und zwar meist in gelb, passend zum Telefonbuch!) auszulegen oder einfach in der Straßenbahn auf unserem Sitz liegen zu lassen, in der Hoffnung, dass jemand sie dann mitnehmen und lesen würde. Traktate spielten also eine große Rolle im Leben eines Christen.
Wie gesagt, alles, was ich hier berichte, war früher, in grauer Vorzeit, und für heutige junge Christen wahrscheinlich fast unvorstellbar. Heute gibt es sie nicht mehr, diese Traktate. Sie sind vergangen, wie die gelben Telefonzellen, die maoistischen Studentengruppen, die Bundeswehrparkas als Standardkleidung von uns Wehrdienstverweigerern, ja, wie der Wehrdienst selbst und wie die Berliner Mauer. Manche sagen vielleicht: Das ist gut! Denn schließlich wollen wir ja niemanden bekehren! Das haben wir schon in der Schule gelernt, dass jemanden von seiner Meinung überzeugen oder gar bekehren zu wollen, völlig unmöglich und eines aufgeklärten, postmodernen Staatsbürgers unwürdig sind.
Gott sei Dank, könnte man sagen, gibt es sie nicht mehr, die jungen Christen, die uns in unserem Shopping-Experience stören und uns ein Traktat über Gott und seine Liebe andrehen wollen! Ja, und so ist es wirklich viele Jahre her, seit mir jemand ein Traktat geben wollte. Stopp, jetzt fällt mir ein, dass mir das neulich doch wieder passiert ist. Da sprach mich ein junger Mann an und überreichte mir eine Kleinschrift, also ein Traktat. Es trug den Titel: „The Truth of Islam.“. Es gibt sie also doch noch, die Traktatverteiler!

Roland Werner, Januar 2013

Welchen Weg wählst du?

Welchen Weg wählst du?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, so als wäre es gestern. Und doch sind seit jenem Tag jetzt schon vierzig Jahre vergangen. Unglaublich, aber wahr. Viel Wasser ist inzwischen den Rhein hinunter geflossen, an dem die Stadt meiner Kindheit und Jugend liegt, Duisburg. Viel Wasser ist auch durch den Fluss geflossen, der die Stadt teilt, in der ich seit meinem Studium wohne, Marburg an der Lahn. Viel ist geschehen. In Duisburg und in Marburg habe ich beim Aufbau von geistlichen Gemeinschaften mitarbeiten können.
Es war die Zeit der „Jesus People“ in den siebziger Jahren. Die Berichte über die Hippies, die zu Nachfolgern von Jesus geworden waren, faszinierten uns. So entstand bei uns unter Jugendlichen eine ganz eigenständige geistliche Bewegung. Mit ganz wenigen Mitteln, mit Bibel, Gitarre und ein paar Bällen zum Spielen finden wir an. Bald waren wir 60 und 100 Leute. Die meisten zwischen 16 und 18 Jahren alt. Ein einziger war über 20 Jahre. Die Kellerkirche, so hießen wir damals, Viele von damals sind noch heute mit Jesus unterwegs.
In Marburg ging es dann weiter. Aus einer Handvoll Studenten, die sich Anfang der achtziger Jahre trafen, wuchs der Christus-Treff. Heute sind in unseren Gottesdiensten wöchentlich um die 600 Menschen. Vierzig Hauskreise, drei Jugendkreise, Kinderclubs und vieles mehr prägen unsere Arbeit. Eine offene, missionarische Gemeinde in Berlin-Treptow ist daraus erwachsen, und ebenso eine Lebensgemeinschaft mit Gästezentrum im Johanniter-Hospiz mitten in der Altstadt von Jerusalem. Aus kleinsten Anfängen hat Gott ein Netzwerk von Gemeinschaften und Zentren entstehen lassen, durch die unzählige Menschen mit ihm in Kontakt kommen können
Doch wie fing es an? Für mich ganz persönlich an jenem Abend im Jahr 1970. Meine Eltern, die gläubige Christen waren, hatten meinen jüngeren Bruder und mich auf eine Sommerfreizeit nach Holland geschickt. Neben Spiel, Sport, Ausflügen und Baden im Meer gab es täglich Bibelarbeit. Für mich nichts Besonderes, schließlich kannte ich ja die biblischen Geschichten vom Kindergottesdienst und vom Lesen der Kinderbibel. So konnte ich immer mit meinem Wissen glänzen. Doch mein Herz war noch nicht davon berührt.
Da geschah es. An einem Abend, ich lag im Bett und versuchte einzuschlafen, begann Jesus, mit mir zu sprechen. Das war für mich ganz klar, dass es Jesus war. Meine Ohren konnten nichts hören, aber mein Herz vernahm die Stimme sehr deutlich. Sie sagte: „Roland, du kannst dich entscheiden, welchen Weg du gehen willst. Entweder deinen eigenen Weg, bei dem du alle deine Stärken entwickelst und alles aus dir herausholst, wo du dich aber letztlich selbst führst. Oder den anderen Weg, bei dem du deinen Hand in meine legst und dich von mir führen lässt!“ Diese beiden Wege lagen ganz klar von meinem inneren Auge: Der Weg der Selbstführung und der Weg der Führung durch Jesus.
Am nächsten Tag ging ich zu dem Jugendpastor, der die Freizeit leitete, und erzählte ihm von dem Brennen in meinem Herzen. Er half mir, ein Gebet der Hingabe an Jesus zu sprechen und meine Sünden vor ihm zu nennen. Gemeinsam knieten wir nieder, und ich übergab Jesus die Herrschaft über mein Leben. Das war der Anfang. Viele Erfahrungen mit Gott, mit Jesus, mit dem Heiligen Geist folgten im Lauf der Jahre. Doch das Wesentliche war geklärt: Jesus sollte die Regie in meinem Leben haben. Der Rest ist Geschichte: Die Bücher, die ich schreiben konnte, die unzähligen Predigten vor kleinen Gruppen und vor Tausenden, die neue Bibelübersetzung „dasbuch.“, die Mitarbeit in geistlichen Bewegungen und die Reisen in viele Länder. Jesus hat mein Leben so reich gemacht! Was er für mich – und uns, denn meine Frau Elke und ich bilden schon von Duisburger Tagen her  eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft – vorbereitet hat, hätten wir uns nie selbst erarbeiten oder erträumen können.
Ein Leben mit Jesus führt in die Weite, in die Höhe und in die Tiefe. Es hätte gar nicht besser kommen können. Und es geht weiter. „Höher hinauf und tiefer hinein“, wie C.S. Lewis es am Ende der Chroniken von Narnia ausdrückt. Entscheidend aber ist die Entscheidung, dass wir unser Leben in seine Hand legen. Dass wir Ja sagen zu Jesus. Denn er hat schon längst Ja zu uns gesagt.

Dr. Roland Werner (Artikel für VOICE)