Früher … waren Birkenstocksandalen Pflicht

Früher … waren Birkenstocksandalen Pflicht

Das war die Kleiderordnung. Ausgewaschene Jeans, möglichst unten ausgefranst. Schlabberige Pullover. Bei Männern, wenn schon wachsend, auch ein Bart, in der Marke irgendwo zwischen Karl Marx und Apostel Paulus. Die karierten Hemden, sie später überhandnahmen, waren zu meiner Zeit noch als modische Neuerung verpönt. Lange, häufig über mehrere Tage ungewaschene Haare, im Winter Rollkragenpullover, und dann natürlich die besagten Birkenstocksandalen. Jedenfalls für die, die sie sich leisten konnten. Ich gehörte meist nicht dazu, sondern trug irgendwelche abgetragenen Turnschuhe. Ja, früher waren Birkenstocksandalen Pflicht für einen wirklich ernsthaften Christen. Das war die geistliche verordnete Kleiderordnung.
Und dann gab es auch noch Regeln darüber, was man Essen durfte und was nicht. Beliebt war Vollkornbrot und Müsli, Tee in jeder Varianz, und selbstgebackene Plätzchen. Essen bei McDonalds andererseits war für Christen mega-out. Es gab, man höre und staune, sogar richtige Resolutionen  und in intensiven Diskussionen erstrittene Beschlüsse innerhalb der evangelischen Jugend, ja nicht bei McD… zu essen.  Warum, ist schnell nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich ja um eine amerikanische Schnell-Ess-Kette. Und damit war klar, wer hier isst, unterstützt damit direkt oder indirekt die amerikanischen Großmachtbestrebungen weltweit.
Als politisch bewusster Christ aß man also nicht bei McDonalds. Auch einfache Pommesbuden waren verpönt, aber eher aus ästhetischen Gründen. Doch ließ sich ein gelegentlicher Ausflug dorthin nicht ganz vermeiden. Denn schließlich schmeckte das doch zu gut, Pommes mit Ketchup und Mayo, oder, wie manche der Einfachheit halber sagten: Pommes Rot-Weiß.
Christsein definierte sich also durch Kleidungsstil und Essensvorschriften. Nein, halt, das stimmt ja gar nicht. Sondern – Christsein war eine innere Haltung, die sich auch in diesen scheinbaren Äußerlichkeiten zeigte. Das würden die Verfechter dieser Regeln jedenfalls vehement behaupten.
Und da sind wir schon fast bei heute angelangt. Denn so völlig anders ist unsere heutige christliche Szene vielleicht gar nicht. Sicher, wir tragen keine Schlabberklamotten mehr, sondern bewegen uns irgendwie zwischen urbanem Chic und biologisch angebauten Fäden. Und auch bei dem, was wir verspeisen, sind wir nicht so ideologisch. Wir essen auch schon mal bei einem Schnellrestaurant, und achten höchstens drauf, ob dort der Müll einigermaßen vernünftig getrennt wird. Gegen Amerika sind wir immer noch irgendwie unterbewusst, schauen uns aber gern in den Spätvorstellungen die neusten Hollywoodfilme an. Denn schließlich braucht man ja etwas, worüber man sprechen oder auch, wenn man in einer der neuen Jugendgemeinden ist, worüber man predigen kann.
Also sind wir insgesamt etwas lockerer geworden, und die Gesichtsbehaarung hat bei den Männern auch abgenommen. Zumindest wird sie nicht mehr als Ausweis geistlichen Ernstes oder politischer Gesinnung zur Schau getragen. Also: Entspannung auf der Speise- und Kleidungsfront?
Paulus, der Apostel, nimmt ja interessanterweise in seinem Brief an die Christen in Kolossä zu solchen Fragen Stellung. Deshalb lasst euch jetzt auch nicht mehr von ihnen in die Ecke stellen! Das, was sie bestimmen wollen, zum Beispiel, was man essen oder trinken darf oder welche besonderen Festtage man einhalten und auf welche Neumondfeiern oder Sabbate man achten soll – all das sind nicht mehr als nur Vorschatten von dem, was in der Zukunft einmal kommen sollte. Jetzt aber ist es da…. Ihr seid deshalb nicht mehr bestimmt von den grundlegenden Denkvorstellungen dieser Welt. Warum unterwerft ihr euch ihnen dann noch? Diese Regeln lauten: »Das sollst du nicht anfassen! Das darfst du nicht kosten! Das sollst du nicht berühren!« All dies sind doch nur vergängliche Dinge, die schnell verderben. Das alles sind nur von Menschen ausgedachte Vorschriften und Lehrmeinungen. Es sind Aussagen, die ihre angebliche Weisheit aus einer selbst erfundenen Religiosität beziehen.“  (Kol 2)
Das finde ich nun wirklich interessant! Kann es sein, dass wir – damals, als wir noch Birkenstockfreaks waren und heute, wo wir andere Normen für selbstverständlich halten – unbewusst oder halbbewusst von den „grundlegenden Denkvorstellungen“ unserer Welt, unserer Zeit, unserer Gesellschaft geprägt sind? Kann es sein, dass wir selbst in unserem „Alternativ-Sein“ immer noch ziemlich angepasst sind und letztlich nur eine christliche verbrämte Version des Zeitgeistes leben?
Hmmm, was denkt ihr? Auf jeden Fall, persönlich bin ich dankbar, dass die Schlabberklamotten out sind und die Birkenstockpflicht abgeschafft wurde. Und sicher sind die meisten Produkte von TheNorthFace  kleidsamer als die Jute-Säcke der 80er. Und nicht immer Müsli essen und roten Tee trinken zu müssen ist auch ganz befreiend. Und doch: Mit dem Blick eines, der seit mehreren Jahrzehnten als Christ unterwegs, frage ich mich schon, ob alle gegenwärtigen Trends und Themen in den christlichen Gemeinden wirklich so tiefgründig und zukunftsweisend sind. Mal sehen, was einer so in 30 Jahren über uns schreibt. Über früher eben.

Roland Werner, März 2013

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