Früher … wählten wir Christen SPD

Früher … wählten wir Christen SPD

Jedenfalls wir im Ruhrgebiet. Das war doch klar. Schließlich war Johannes Rau, der langjährige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, bekennender Christ und SPDler. Und der frühere Bundespräsident, Gustav Heinemann, war Vorsitzender des CVJM Essen und vom Weigle-Haus, und hatte in der nationalsozialistischen Zeit als bekennender Christ diese Jugendwerke zu schützen versucht. Auch er gehörte damals zur SPD. Für uns war das klar: Wir als missionarische, evangelische Christen wählten sozialdemokratisch.
Die CDU, die wurde – in unserer Wahrnehmung – vor allem von Katholiken aus Köln gewählt. Und beides war für uns ziemlich weit entfernt. Es war klar: Wir als Teil der Bevölkerung der Arbeiterstadtteile im Ruhrgebiet gehörten auf die Seite der Arbeiterpartei. So war unser damaliges politisches Weltbild relativ einfach gestrickt.
Ich erinnere mich noch, wie schockiert ich war, als ich zum ersten Mal Christen aus Süddeutschland begegnete, die CDU wählten! Wie konnten die nur! Was mich besonders schockte, war, dass sie, genau wie ich, evangelisch und überdies noch missionarisch aktiv waren. Das kriegte ich in meinem Kopf nicht zusammen. Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, als Elke und ich bei einem Kreativworkshop von Jugend mit einer Mission in Altensteig waren. In diese Zeit fiel die Bundestagswahl. Die dortigen charismatischen Christen beteten, dass die CDU die Wahl gewinnt. In was für ein Babel war ich da geraten!
In jener Wahl entschied ich mich, wenn ich mich richtig erinnere, für die Grünen. Was Elke wählte, weiß ich natürlich aufgrund des Wahlgeheimnisses nicht.
Wie gesagt, so war es früher. Für mich war die politische Welt ziemlich klar.
Nie hätte ich damals die nachfolgenden Veränderungen im Kurs der politischen Parteien geahnt. Genauso wenig, dass manche im Lauf der Zeit einen immer stärker kirchenkritischen und christenfeindlichen Kurs entwickeln würden. Ich jedenfalls habe meine damalige klare politische Weltsicht längst durch eine – so hoffe ich – realistischere Sicht ersetzt. Dass es die eine, von Christen zu wählende Partei geben kann, glaube ich längst nicht mehr. Aber auch heute bleibt für mich als wichtiges Kriterium, ob glaubhafte Christen in einer Partei zu finden sind, und ob sie Gottes lebensfördernde Maßstäbe ernster nehmen als den kurzfristigen politischen Erfolg.

Roland Werner, Juni 2013

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