Früher … sorgten Evangelisationen noch für Aufruhr

Früher … sorgten Evangelisationen noch für Aufruhr

So zum Beispiel in Marburg. Es war in den achtziger Jahren. Einige Gemeinden und Jugendgruppen hatten sich zusammen getan, um gemeinsam eine Evangelisation durchzuführen. Stopp, es stimmt, vielleicht sollte ich das Wort „Evangelisation“ erst einmal erklären. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass jeder Leser sich darunter etwas vorstellen kann. Denn sie scheinen etwas aus der Mode gekommen zu sein, die Evangelisationen, ähnlich wie Faltenröcke oder auch der Tyrannosaurus Rex.
Also, das zugegebenermaßen nicht sehr schöne und eingängige Wort „Evangelisation“ – erstens ein Fremdwort und zweitens eins mit sechs Silben – bedeutet meist eine Veranstaltungsreihe in einem öffentlichen oder kirchlichen Gebäude. In diesen Veranstaltungen gab es meist Musik, persönliche Berichte von Einzelnen über ihr Leben und ihren Glauben, und dann eine längere Predigt. Diese endete mit einer Einladung zum Gespräch und der Ermutigung an die Zuhörer, selbst Schritte im Glauben an Jesus zu tun.
Soweit so gut. Das ist in sich ja noch nicht sehr spannend oder revolutionär. Dennoch erhitzten solche Veranstaltungen gelegentlich die Gemüter sehr. So damals in Marburg. Mehrere Hundert meist junge Leute kamen jeden Abend in das eigens aufgebaute Zelt. Dort gab es regelmäßig erhitzte Diskussionen. Im Vorfeld hatte es auch kleinere Demonstrationen gegen die Veranstaltung gegeben, sowie einen Artikel in einem Marburger Verteilblatt. Den schärfsten Gegenwind jedoch erlebten die, die am Eingang zur Mensa, also zum Studentencafé, Einladungen verteilten. In Marburg liegt die Mensa direkt neben der Lahn, und der Zugang führt über eine kleine Fußgängerbrücke. Dort hatten einige Mitarbeiter einen kleinen Büchertisch aufgebaut, schön dekoriert unter anderem mit Teddybären. Sympathische, friedfertige Plüschtiere also, nett anzusehen. Doch das half ihnen nicht viel. Plötzlich stürmte eine politisch motivierte Gruppe auf den Büchertisch zu, schnappte ihn und warf ihn samt Einladungen, Bibeln und Teddybären ins Wasser. Hier offenbarte sich rohe Gewalt gegen Plüschtiere! Vor allem aber eine ideologisch motivierte Intoleranz gegen Christen und ihre Botschaft.
Evangelisationen waren halt heiß umkämpft. Damals. Es ging nicht immer harmonisch zu. Wir machten dennoch weiter. Denn klein beigeben oder den Mund halten, das war nicht unsere Sache. Die Botschaft von Jesus muss doch zu den Leuten! Und so scheuten wir die Konflikte nicht. Und veranstalteten weiter Evangelisationen. Auch wenn sie für Aufruhr sorgten. Wir fanden das normal, dass Christen eine Botschaft hatten, die sich vom Mainstream des Zeitgeistes unterschied. Und wir waren bereit, dafür auch Widerstand in Kauf zu nehmen. So war das damals. Damals eben.

Roland Werner, August 2013

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