Früher … gab es noch Traktate

Früher … gab es noch Traktate

Und zwar in rauen Massen. Wer nicht weiß, was das ist, ein Traktat, dem erkläre ich es gern. Fangen wir also ganz am Anfang an… Früher gab es Papier. Und auf dieses Papier konnte man mit Tinte bestimmte Buchstabenfolgen schreiben oder drucken. Das, was dann entstand, konnte man lesen. So ähnlich wie wenn man heute auf Facebook nicht nur die Bilder anschaut, sondern auch die schwarzen Pixel-Ansammlungen als Wörter erkennt. Also: Das gab es auch ohne Strom oder Akku. Eben auf Papier. Und wenn dann mehrere Papierseiten – das sind solche abgegrenzten Einheiten, wie man sie z.B. auf einem e-Reader durch Drüberstreichen eines Fingers wegwischt – miteinander verband, meist mittels einer Heftklammer, dann war das Resultat eben ein Traktat. Ein Ding zum Lesen, dünner als ein Buch und dicker als eine Postkarte.
Ich gebe ja zu, dass ich das Wort schon immer etwas seltsam fand. Es hörte sich irgendwie aggressiv an. Vielleicht durch das mit ihm verwandte Tu-Wort, ähem, Verb: traktieren. Wer will hier bitte wen mit einem Traktat traktieren? Ist wohl keine gute Idee. Also: Schon das Wort selbst war mir unangenehm. Vielleicht hing es  auch daran, dass sich Traktat auf Diktat reimt? Ein unbeliebter Vorgang, heute sicher auch fast unbekannt, bei dem ein Lehrer mit einem ausgeprägten Sprachfehler oder Dialekt im Eiltempo deutsche, englische oder französische Texte vorlas, und die Schüler, also wir, die Aufgabe hatten, dies sprachfehlerfrei auf das vor uns liegende weiße Blatt zu schreiben, und das noch mit der Hand! Und zwar nicht mit Kuli oder Filzer, sondern einem echten Füller…! Früher, eben.
Also: Es gab Traktate, Kleinschriften, könnte man sagen. Sie nahmen ein Thema auf und versuchten, es kurz, klar, ansprechend, allgemeinverständlich und überzeugend zu behandeln. Eben zu traktieren… Die Traktate, die ich meine, hatten einen christlichen Inhalt. Sie waren mit dem Ziel geschrieben, die Leser zum Glauben einzuladen. Und weil uns das damals auch ein Anliegen war, waren wir als junge, aktive Christen natürlich mit diesen Traktaten ausgestattet. Übrigens – nur nebenbei gesagt – gab es auch Traktate mit anderem weltanschaulichen Inhalt. So wurden mir an der Uni häufig kommunistische und maoistische Traktate überreicht. Ich las die dann auch meist, und schüttelte zumeist, wenn sie denn einigermaßen verständlich waren, und nicht in komplettem dialektischen Fachchinesisch verfasst waren, den Kopf über eine solche in meinen Augen ideologisch einfältige Wirklichkeitsauffassung.
Aber, was die kommunistischen Aktivisten an den Unis, meist Sprösslinge gut bürgerlicher Mittelstandsfamilien, konnten, konnten wir auch. Nämlich Traktate verteilen. Denn schließlich war es uns – wie unseren linken oder anders orientierten Zeitgenossen – ein Anliegen, Menschen mit unserer Überzeugung zu erreichen. So deckten wir uns mit Traktaten ein und verteilten sie fleißig, an den Eingängen zu den Hörsaalgebäuden, in Fußgängerzonen, vor den damals erstmalig eröffnenden Sexshops oder auch in der Straßenbahn. Manchmal gingen wir sogar von Haus zu Haus, drückten auf den Klingelknopf und brachten unsere Schriften an den Mann oder an die Frau. In unserer Jugendgruppe in Duisburg schrieben wir teilweise sogar selbst solche Traktate, kopierten und verteilten sie. „Gott will alle!“ – so hieß eins. Und die Reaktion, die wir in unserem Arbeiterstadtteil öfters bekamen, war klar und ohne Schnörkel: „Mit Gott haben wir hier nichts am Hut!“ Das konnte ich gut nachvollziehen, weil die meisten sowieso keinen Hut trugen. Die manchmal etwas barschen Reaktionen brachten uns aber nicht davon ab, Traktate zu verteilen, und höchstens dazu, sie etwas unpersönlicher in Telefonzellen (ja, auch so etwas gab es früher, und zwar meist in gelb, passend zum Telefonbuch!) auszulegen oder einfach in der Straßenbahn auf unserem Sitz liegen zu lassen, in der Hoffnung, dass jemand sie dann mitnehmen und lesen würde. Traktate spielten also eine große Rolle im Leben eines Christen.
Wie gesagt, alles, was ich hier berichte, war früher, in grauer Vorzeit, und für heutige junge Christen wahrscheinlich fast unvorstellbar. Heute gibt es sie nicht mehr, diese Traktate. Sie sind vergangen, wie die gelben Telefonzellen, die maoistischen Studentengruppen, die Bundeswehrparkas als Standardkleidung von uns Wehrdienstverweigerern, ja, wie der Wehrdienst selbst und wie die Berliner Mauer. Manche sagen vielleicht: Das ist gut! Denn schließlich wollen wir ja niemanden bekehren! Das haben wir schon in der Schule gelernt, dass jemanden von seiner Meinung überzeugen oder gar bekehren zu wollen, völlig unmöglich und eines aufgeklärten, postmodernen Staatsbürgers unwürdig sind.
Gott sei Dank, könnte man sagen, gibt es sie nicht mehr, die jungen Christen, die uns in unserem Shopping-Experience stören und uns ein Traktat über Gott und seine Liebe andrehen wollen! Ja, und so ist es wirklich viele Jahre her, seit mir jemand ein Traktat geben wollte. Stopp, jetzt fällt mir ein, dass mir das neulich doch wieder passiert ist. Da sprach mich ein junger Mann an und überreichte mir eine Kleinschrift, also ein Traktat. Es trug den Titel: „The Truth of Islam.“. Es gibt sie also doch noch, die Traktatverteiler!

Roland Werner, Januar 2013

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