Früher … dachten wir das Ende der Welt wäre nahe

Früher … dachten wir das Ende der Welt wäre nahe

Ja, das stimmt wirklich. Ich war als Schüler zu einem Austauschjahr in den USA. Und zwar 1973-1974. Ich gebe zu, das war in der grauen Vorzeit. Die meisten meiner heutigen Leser waren da wahrscheinlich noch gar nicht geboren. Jedenfalls gab es dort einen großen Buchschlager mit dem Titel „Alter Planet Erde – wohin?“ Der amerikanische Originaltitel war noch reißerischer: „The Late Planet Earth“. Zu Deutsch etwa: „Der inzwischen verstorbene Planet Erde“. Mehrere Millionen stark war die Auflage. Und sicher hat der Autor Hal Lindsey daran auch nicht schlecht verdient. Auf jeden Fall war es in aller Munde, das Thema: Wie lange haben wir noch? Wann kommt Jesus wieder? Wann wird das Ende der Welt, wie wir sie kennen, eingeläutet?

Am Sylvesterabend 1973/1974 gingen wir dann mit unserer amerikanischen Familie in die große Stadthalle von Seattle. Dort trat Hal auf und malte ein düsteres Szenario. Die erste Ölkrise hatte die westliche Welt und die USA gerade erschüttert. Und so schaffte er es, die politischen Zeitereignisse ganz eng mit den biblischen Aussagen über die Wiederkunft von Jesu zu verknüpfen. Ich weiß noch, dass ich am Ende des Abends verunsichert war, ob wir das Jahr 1974 noch ganz erleben würden.

Kurz darauf traten selbsternannte Endzeitpropheten auf. Der Komet Kohoutek war im Begriff, sich Ende Januar 1974 der Erde zu nähern. Könnte diese ein weiteres Zeichen des nahenden Endes sein? Als dann der Januar und schließlich das ganze Jahr vorübergegangen war, war ich schlauer. Und ich erinnerte mich an die Aussage von Jesus: „Es steht euch nicht zu, die Zeiten oder genauen Zeitumstände zu kennen, die der Vater in seiner ihm eigenen Vollmacht festgesetzt hat…“ (Apg 1, 7) Und ich merkte, dass es nicht so wichtig ist, zu wissen, wann genau Jesus kommt, sondern so zu leben, dass wir an jedem Tag auf ihn ausgerichtet sind.

Als dann die Zeugen Jehovas für 1975 die Wiederkunft von Jesus ankündigten, war ich gewappnet. Im Gespräch hielt ich einem „Zeugen“ diese Aussage von Jesus vor, dass wir weder Zeit noch Stunde wissen können. Seine Antwort war für mich spitzfindig und wenig überzeugend: „Ja, Zeit und Stunde wissen wir nicht, aber Monat und Jahr können wir schon wissen!“ Und doch war dies auch dieses Mal eine falsche Voraussage der „Wachturmgesellschaft“, wie schon 1898 und 1925. Gott lässt sich eben nicht in die Karten schauen.

Ist das Thema damit abgehakt? Mir fällt jedenfalls auf, dass es in der Christenheit nicht wirklich diskutiert wird. Zwar sprechen wir sonntags im Glaubensbekenntnis: „…aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes des Vaters, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten…“ Doch dass darüber hinaus das zweite Kommen von Jesus eine Rolle spielt in unseren theologischen Gesprächen und in unserer Alltagsgestaltung, kann ich nicht wirklich erkennen.

Das finde ich schade. Und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes. Es ist ein Schaden für uns als Christen, wenn wir die Hoffnungsperspektive, die das Neue Testament uns eröffnet, ausblenden. Es ist fast so, als wüssten wir, dass da irgendwo in unserem Glaubenshaus ein Fenster ist, wir es aber nie öffnen. Natürlich ist es ganz richtig und wichtig, dass wir uns mit unserer vollen Kraft der gegenwärtigen Welt zuwenden. Dass wir uns einsetzen für Gerechtigkeit und Frieden, im Großen und im Kleinen, für Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Und dennoch haben wir noch mehr und noch anderes zu sagen, als alle anderen. Wir wissen, dass Jesus nicht nur eine Figur der Vergangenheit ist, und nicht nur ein Begleiter unserer Gegenwart, sondern dass er der Herr der Zukunft ist. Das, was der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann auf dem Kirchentag in Essen 1955 sagte, ist und bleibt dabei wegweisend: „Die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt!“ Ich würde mir wünschen, dass das heute wieder mehr in unser Bewusstsein dringt. Und dass wir mehr darüber nachdenken und miteinander sprechen. Wie früher eben.

Roland Werner, Februar 2013

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