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Jahr: 2012

Früher … war alles leichter

Früher … war alles leichter

Ich zum Beispiel. Vor einer halben Stunde schickte mir ein Freund ein Bild von Elke und mir mit der Bemerkung: „Jung und hübsch…Beim Sortieren gefunden.“ In der Tat, wir waren beide leichter. Ich mindestens 20 Kilogramm. Und es fiel mir manches leichter. Zum Beispiel Sport, vor allem Laufen. Nach einer Rückenoperation im letzten Herbst geht es zwar wieder besser, aber dennoch ist mein Traum von einem Marathon ziemlich in die Fern gerückt, weil ich schon nach einer halben Stunde Spazierengehen merke, dass mein rechter Fuß mir nicht mehr gehorcht.
Also, ihr merkt schon, hier spricht ein alternder Mann, und so ist die Kolumne auch gemeint. Ich soll von früher erzählen einen wohlwollend-kritischen Blick auf die Gegenwart werfen. Dabei lebe ich natürlich auch voll und mit Begeisterung in der Gegenwart. Und habe auch einige Pläne für die Zukunft. Und dennoch: Früher war alles… leichter. Das kommt mir jedenfalls so vor.
Zum Beispiel die Vorbereitung für einen Gottesdienst oder missionarischen Abend, bei dem ich predigen sollte. Früher gab es einen Anruf, oder einen Brief oder eine Postkarte mit der Anfrage, da stand alles drin. Dann kam eine Antwort von mir, und das war’s dann auch. Zur verabredeten Zeit fand ich mich an dem Ort des Geschehens ein, hielt meine Predigt, sprach mit den (meist) netten Menschen dort und fuhr dann irgendwann in unserem uralten VW-Käfer wieder nach Hause.
Heute ist alles viel komplizierter. Für einen Termin gibt es mindestens zehn Emails, die mich erreichen, 10, die ich dann als Antwort schreibe, macht schon zwanzig. Manchmal sind es auch erheblich mehr. Zuerst kommt die Anfrage. Dann schnell noch eine Klarstellung hinterher. Dann eine Rückfrage von mir, wo und wann genau das Ereignis denn stattfinden soll. Diese Information wurde nämlich in der ersten Mail nicht offenbart. Da hieß es nur: „Wir wollten grundsätzlich mal anfragen, ob Du Dir vorstellen könntest, bei uns zu Predigen.“ Klar, grundsätzlich ja. Nur: Wann? Wo? Warum? Und: zu welcher Tageszeit? Das erfährt man nämlich erst in der dritten oder vierten email.
Nachdem das dann alles geklärt ist, kommt eine weitere Mail-Welle. Die der Moderatoren. Zunächst einmal stellen sie sich vor. Soweit, so gut, ich schreibe, dass ich mich drauf freue. Danach kommt eine weitere, wo sie sich erkundigen, ob ich die Interviewfragen, die sie mir stellen, vorher wissen muss. Meine Antwort: Nein, brauche ich nicht. Dann kommt die Nachfrage der Co-Moderatorin, ob es nicht vielleicht doch besser wäre, wenn ich sie wüsste, damit ich keinen Unsinn antworte, da bei ihnen das Publikum besonders sensibel ist. Und so geht es munter hin und her, bis das alles geklärt ist. Dann kommt die dritte Welle, diesmal von den Musikern. Sie hätten sich gedacht, dass sie dieses Lied direkt vor meiner Ansprache spielen möchten, aber nur, wenn ich verspreche, auf den Text auch einzugehen. Meine Mail-Antwort: „Okay, ich kann es versuchen, werde mich bemühen.“ Dann kommt eine weitere Mail, dass man inzwischen denke, das andere Lied würde vielleicht doch besser passen. Meine Antwort: Mir auch recht, ihr kennt ja die Situation vor Ort. Das Thema Musik ist dann meist durch, doch nun kommen die Mails des Technikers: Ob ich lieber ein Funkmikro oder ein Standmikro oder ein Handmikro möchte. Wunderbar, alle sind um mich besorgt! Der Veranstalter selbst meldet sich inzwischen auch wieder, er bzw. sie hätte länger nichts von mir gehört, ob ich den Termin noch auf dem Schirm habe. Ja, habe ich, vor allem auf dem Bildschirm, in Form von inzwischen schon dreiunddreißig Mails. Dann nochmal die besorgte Nachfrage, ob ich lieber vorher oder hinterher etwas essen möchte, und ob ich Vegetarier sei oder nicht. Ich liebe die regionale Kost, egal, was es ist, so beteuere ich, und außerdem versuche ich gerade, leichter zu werden und mein Leben etwas leichter zu gestalten. Essen ist nicht so wichtig…
Und so geht es munter weiter. Wenn der Abend – oder Morgen – dann da ist, und ich auch wirklich an dem Ort des Geschehens bin, wundern sich die Veranstalter, warum ich während der Veranstaltung parallel Emails schreibe.  Eigentlich könnten sie sich das ja denken: Ich beantworte gerade Nachfragen zu den Veranstaltungen, die in drei, sechs, neun und dreizehn Wochen an unterschiedlichen Orten stattfinden. Denn dort wollen die Leute natürlich auch wissen, was ich esse, welches Mikro ich möchte und ob das Lied bzw. das Theaterstück direkt vor meinem Vortrag passt…
Uff, fast hätte ich meinen Einsatz verpasst. Warum starren alle Augen auf mich? Ach so, ich muss ja auf die Bühne! Hätte ich fast vergessen vor lauter Mails. Und während ich hochgehe, fällt mir siedend heiß ein, dass ich nicht daran gedacht habe, in einer Mail zu schreiben, dass ich ein Rednerpult brauche, um meinen Laptop darauf zu legen. Muss ich mir unbedingt für die nächste Runde merken! Ist doch etwas seltsam, den Laptop in der einen und das Mikro in der anderen Hand zu halten!
Schließlich gelingt es mir doch noch, einigermaßen zusammenhängend von Gottes Liebe zu sprechen und davon, dass er uns von Sorgen und Zwängen befreien will.  Und dass das Wichtigste im Leben die Beziehung zu Gott ist und wir uns auch Zeit für unseren Nächsten nehmen sollen. Das sei der Kern: Gott lieben und den Nächsten wie uns selbst. Hat jedenfalls Jesus gesagt.
Ich predige heute übrigens etwas kürzer als sonst, weil noch einige Mails auf mich warten. Die müssen auch noch zeitnah beantwortet werden.  Und ganz heimlich denke ich auf dem Weg nach Hause: Früher war alles doch etwas leichter!

Roland Werner, November 2012