Browsed by
Jahr: 2011

Segensspuren setzen

Segensspuren setzen

Wie Förderung jüngerer Leiter gelingen kann

Du nun, mein Kind, werde stark in der Gnade, die vom Messias Jesus kommt. Und das, was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das übergib du wiederum anderen zuverlässigen Menschen, die dann auch in der Lage sein werden, andere zu unterrichten.
2. Tim 2, 1-2 (Übersetzung „dasbuch.“)

Auge in Auge, Herz zu Herz

Da sitzt er vor mir in meinem Arbeitszimmer. Ich habe die Kerze auf dem Tisch angezündet. Ein kleines Zeichen, dass dies eine besondere Zeit ist. Und dass da noch einer bei uns ist. Denn in seinem Namen sind wir überhaupt zusammen gekommen. Er, der junge Mitarbeiter, ganz am Anfang seiner Laufbahn und ich, der ich auf Jahre und Jahrzehnte der Mitarbeit zurückblicken kann.
Mein Gesprächspartner ist einen weiten Weg gefahren, um diese zwei Stunden mit mir zu verbringen. Er erhofft sich viel von diesem Gespräch. Es geht nicht zuerst um Seelsorge, auch nicht um Coaching oder Berufsberatung. Das, was wir versuchen, nennt sich wohl anders: Mentoring. Wobei die Begriffe nicht so wichtig sind und die verschiedenen Formen der Beratung auch selten so sauber von einander zu trennen sind.
Voller Hoffnung ist er, voller Träume. Er will etwas bewegen. Er will, dass es wirklich voran geht mit der Sache Gottes. Das treibt ihn um. Dafür will er sein Bestes geben. Und dennoch will er etwas von mir, dem Älteren lernen. Vielleicht gerade deshalb. Denn instinktiv weiß er, dass er die Ergänzung braucht. Das Ohr, das genauer hinhört. Die Frage, die tiefer gräbt. Den Gedanken, der weiter greift. Den Rat, der das Ganze meint.

Generationen im Reich Gottes

Er könnte mein Sohn sein. Das denke ich ab und zu. Und in einem gewissen Sinn ist ja auch etwas von dieser Beziehung zwischen uns. Denn das will ich: Ihn fördern, so wie ein Vater seine Söhne fördert. Und das will er: Von mir lernen, auch wenn er sicher vieles anderes machen wird und machen will wie ich.
Väter und Söhne. Mütter und Töchter. Das ist eine Grundstruktur im Reich Gottes. Ja, wir sind Brüder, Schwestern, Familie. Wir sind auf einer Ebene, weil Jesus die Grundlage ist. Das hat er selbst ganz deutlich gemacht:
„Aber ihr, lasst euch ja nicht ›Lehrer‹ nennen, denn einer allein ist euer Lehrer. Ihr aber seid doch alle Schwestern und Brüder, auf einer Ebene! Lasst euch auf der Erde auch nicht mit dem Ehrentitel ›Vater‹ ansprechen! Denn ihr habt alle ein und denselben himmlischen Vater. Lasst euch auch nicht ›geistlicher Meister‹ nennen, denn nur einer ist euer Meister, der Messias selbst!“
(Mt 23, 8-9, Übersetzung „dasbuch.“)
Das stimmt. Das bleibt bestehen. Und dennoch gibt es so etwas wie geistliche Eltern-Kind-Beziehungen. Es gibt ein bewusstes Miteinander der Generationen. Es gibt Lernen von Einander und Förderung der Jüngeren durch die Älteren.
Paulus hat das praktiziert. Ja, er war ein außergewöhnlich begabter Christusbotschafter, ein einzigartiger Pionier. Er ist durch die halbe Welt gereist, hat verkündigt und Gemeinden gegründet, theologisch nachgedacht und geschrieben, Lehre formuliert, Seelsorge geübt, sich für Arme eingesetzt und die Einheit der Gesamtkirche gesucht. Das alles tat Paulus und noch viel mehr.

Paulus – Apostel, Mentor, Förderer

Doch was wir häufig übersehen: Er hat immer jüngere Mitarbeiter mit in seine Arbeit hinein genommen, hat sie entdeckt, berufen, geschult, gefördert, gesandt, unterstützt, gelobt, begleitet, korrigiert und ermutigt. Schon die Liste dieser Mitarbeiter von Paulus ist schier endlos: Timotheus Titus, Sosthenes, Silas, Lukas, Johannes Markus, Judas Barsabbas, Erastus, Gaius, Aristarchus, Sopater, Sekundus, Tychikus, und Trophimus. Das sind nur die, die in der Apostelgeschichte namentlich genannt sind. Dazu kommen noch Tertius, der ihm beim Schreiben des Römerbriefs half, Epaphras, der Gemeindegründer in Kolossä, Onesimus, der entlaufene Sklave und viel andere. Eine Auflistung erscheint am Ende seines Briefs an die Römer genannt werden. Außerdem die Frauen, die Paulus in ihren Leitungsaufgaben förderte: Phöbe, Euodia, Syntyche, Lydia, Tryphäna, Tryphosa, Persis, Maria, Julia und Junia.

Da steckt System dahinter

Das ist kein Zufall. Sondern das hatte Paulus begriffen: Sein Dienst war nur dann erfüllt, wenn er die nächste Generation mit einbezieht. Denn das Evangelium muss weitergegeben werden. Von Generation zu Generation. Und auch das wusste Paulus: Geistliches Leben wird nicht zuerst aus Büchern gelernt. Geistliches Leben und geistliche Leiterschaft wird gelernt im Erleben und im Miteinander-Durchleben. In den Höhen und Tiefen, den Kämpfen, Niederlagen und Siegen, im Staub der Landstraße und am gedeckten Tisch der Freunde.
Dass Paulus jüngere Leiter mitnahm auf seine Reisen, dass er ihnen Aufgaben anvertraute und Verantwortung übernahm, geschah bewusst. Das hatte er bei Jesus gelernt. Auch der hatte sein Leben geteilt mit seinen Schülern und Schülerinnen. Als seine Gefährten lernten sie alles, was sie brauchten, um in seinem Namen zu reden und zu handeln, und um die nächste Generation zu befähigen, dasselbe zu tun.
Und so ermutigt Paulus seinen langjährigen Mitarbeiter Timotheus, die geistliche Generationenkette weiterzuführen: „Das, was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das übergib du wiederum anderen zuverlässigen Menschen, die dann auch in der Lage sein werden, andere zu unterrichten.“ (2. Tim 2, 2)
Vier Generationen sind hier genannt: Paulus investiert in Timotheus. Der soll wiederum andere „zuverlässige Menschen“ suchen, die ihrerseits wieder das weitergeben können und wollen, was sie empfangen haben.
Die Förderung jüngerer Verantwortungsträger ist also von Anfang an hinein gewoben in die Grundstruktur missionarischer Arbeit. Das können wir von Paulus und nicht zuletzt von Jesus lernen.

Segensspuren

Ganz persönlich will ich sagen, dass für mich dieses Weitergeben zu den größten Freuden gehört. Denn immer erlebe ich, dass ich beschenkt werde durch diese Begegnungen, durch den Enthusiasmus und die Ernsthaftigkeit meiner jüngeren Gesprächspartner. Und auch das muss gesagt werden: Ich selbst habe unglaublich profitiert von Älteren, die sich Zeit für mich genommen habe, die sich investiert haben in mich, die mir Geld, Rat, Zeit und Freundschaft geschenkt haben. So danke ich allen Mentoren und Seelsorgern, Vorbildern und Förderern, Ermutigern und Ermahnern, die mich begleitet haben und es noch tun. Ich nehme dies alles als Verpflichtung, es weiterzugeben an eine neue Generation.
Dass jüngere Leiter sich danach sehnen, dass sie tiefe und stützende Beziehungen zu Älteren entwickeln können, ist überall zu beobachten. Gerade in einer immer stärker elternlosen Generation ist das so. Die gesellschaftliche Krise kann zu Chance werden. So ist die Förderung jüngerer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Kernaufgabe auch des CVJM. Und sie geschieht am Besten, wenn wir, wie Paulus und Jesus, unterwegs sind zu den Menschen und andere mitnehmen auf diesen Weg. Der Segen soll weiter fließen und die Sache Jesu soll weiter gehen. bis er wiederkommt. Dass das so sein wird, dafür ist Gottes Geist der Garant. Aber der ist auf der Suche nach Mitarbeitern, nach Menschen, deren Herz der nächsten Generation zugewandt ist. Solche Menschen hinterlassen Segensspuren.

Dr. Roland Werner (Artikel für CVJM-Hotline, 08.01.2011)