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Jahr: 2010

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es….?!

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es….?!

Glaube, der zur Tat wird

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) erzählt ein spannende Geschichte. Auf einem Bauernhof haben es sich die Gänse zur Gewohnheit gemacht, sich alle sieben Tage einmal zu versammeln. Andächtig hören sie zu, heben und senken die Köpfe, während einer von ihnen mit wohlgesetzten und wohlklingenden Worten von der höheren Bestimmung der Gänse spricht. „Zur Sonne sind wir berufen, Freunde! Und unsere Flügel, die sind zum Fliegen geschaffen! Hoch hinauf in die Lüfte sollen wir uns erheben…“ Die Gänse schnattern aufgeregt ob dieser wunderbaren Botschaft. Und als dann die Versammlung beendet ist, watschelt jede Gans und jeder Gänserich ganz ergriffen davon, bis sie sich nach sieben Tagen wieder zu ihrer feierlichen Stunde versammeln.
Mit dieser tragik-komischen Geschichte will Kierkegaard uns Christen den Spiegel vorhalten. Er will zeigen, dass Glaube, der nicht zur Tat wird, ein Widerspruch in sich ist, und dass eine christliche Gemeinde, die vom Abenteuer des Glaubens spricht, sich dann aber bequem zurücklehnt und nichts tut, ihre Bestimmung verrät.

Die Einheit von Wort und Tat

Woher kommt eigentlich diese Trennung von Glaube und Tun? Wie kommt es, dass bei uns Wort und Tat häufig auseinander klaffen? Was verursacht die Trennung von dem, was wir glauben und sagen und dem, was wir dann auch wirklich praktisch umsetzen? In der Bibel jedenfalls ist diese Spaltung nicht angelegt. Das hebräische Denken ist ganzheitlich, und das zeigt sich auch in der Sprache: „dabar“ bedeutet gleichzeitig „Wort“ und „Tat“. Gleich am Anfang der Bibel, n der Schöpfungsgeschichte, wird das deutlich. „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht.“ (1. Mose 1, 3, Luther) Das gesprochene Wort hat sofortige Wirkung. Es wird zu einer Tat. Es wird konkret. In ähnlicher Weise spricht der Prolog des Johannesevangeliums von der Verkörperung, der Tatsachen-Werdung des Gotteswortes: „Ein wirklicher Mensch aus Fleisch und Blut – dazu wurde das Wort. Mitten unter uns hat er gewohnt und wir konnten ihn betrachten.“ (Johannes 1, 14, das buch.NT) So ist in der biblischen Tradition, die in der konkreten Gotteserfahrung des Volkes Israel wurzelt und sich in der hebräischen Sprache niederschlägt, die Einheit von Wort und Tat bestimmend.

Eine unselige Trennung

In der Entwicklung der geistigen Ausprägung des Abendlandes ist jedoch die Tradition des griechischen Geistes vorherrschend oder zumindest ebenso prägend wie das biblische Erbe. Die Griechen suchten nach dem Abstraktem, der allgemeinen Wahrheit, nach der Quintessenz. Leitend war für sie die Idee, das System, nicht so sehr das konkrete Tun. Manche der von griechischen philosophischen Schulen führten diese Betonung bis ins Extreme. Das Konkrete, der Körper, die Tat, die Arbeit, wurden abgewertet. Bedeutsam war für sie nur der Geist, der sich von den Fesseln der Materie befreien und in höhere Sphären aufsteigen sollte.
Das führte zu einer grundlegenden Höherbewertung des „Geistigen“ vor dem „Köperlichen“, also auch der „Denkarbeit“ vor der „Drechsarbeit“. Diese unselige Trennung teilt nicht nur die Menschen in zwei Klassen – im englischen Sprachraum als „white collar“ und „blue collar“ bezeichnet, nach den weißen bzw. den blauen Krägen der Büroangestellten und der Handwerker. Sondern sie teilt auch die Wirklichkeit jedes einzelnen Menschen in zwei Abteilungen: Die wirklich wichtige geistige Betätigung und die weniger wertvolle körperliche Arbeit.
Die Aufklärung verstärkte diese Tendenz noch. Hier wurde die Vernunft zum obersten Prinzip erhoben. Der französische Philosoph René Descartes erhob das Denken des Einzelnen zur absoluten, grundlegenden Instanz, von dem aus die gesamte Wirklichkeit erschlossen werden kann: „Cogito, ergo sum“ – „ich denke, also existiere ich“. Das entscheidende ist das Denken.

Glaube und Denken?

In dieser geteilten, ja häufig auch gespaltenen Wirklichkeit wird der Glaube in die obere, die „Denkabteilung“ einsortiert. Glaube ist dann ein Denkprozess, ein geistiger Standpunkt. Glauben heißt, bestimmte Glaubenssätze für wahr zu halten. Glaube ist messbar, überprüfbar an der richtigen Formulierung, an der Fassung des Glaubensbekenntnisses.
Dieses Verständnis dessen, worum es beim christlichen Glauben geht, hat sich in die westliche Christenheit metertief eingegraben. Da wir aufgrund unserer Geistesgeschichte auch die Bibel immer mit unseren „abendländischen“ Augen lesen, fällt uns häufig gar nicht auf, dass wir ihre Botschaft vergeistigen und ihr das Blut aus den Adern ziehen. Wir lesen etwas in der Bibel und fragen uns: „Was bedeutet das?“ Die richtige Frage wäre jedoch stattdessen: „Was soll ich jetzt tun?“
So neigen wir dazu, aus allem,  was wir hören, eine grundsätzliche und häufig auch abstrakte Theorie zu machen. Wir philosophieren über das Abenteuer des Glaubens, anstatt uns auf den Weg des abenteuerlichen Glaubens zu begeben. Manche Abschnitte im Neuen Testament scheinen ja diese Auffassung zu belegen. Der Apostel Paulus betont besonders in seinen Briefen an die Christen in Rom, in Galatien und auch anderswo die Bedeutung des richtigen Denkens. Und dennoch ist dieses Denken nirgendwo vom Leben abgespalten, sondern führt zwangsläufig zu einem erneuerten Handeln. Ein klassisches Beispiel für diese Folge ist seine Schlussfolgerung im 12. Kapitel des Römerbriefs. Nachdem er eine ausführliche theoretische Grundlegung des Glaubens an Jesus gegeben hat, stellt er sofort die praktische Folgerung dar:
Deshalb ermutige ich euch nun auch, Geschwister, aufgrund der Barmherzigkeit, die Gott uns geschenkt hat, euch ganz, einschließlich eures Körpers, Gott zur Verfügung zu stellen wie ein Opfer, das lebendig, heilig und ihm wohlgefällig ist. Das soll der Ausdruck eures Gottesdienstes sein, die angemessene Antwort auf Gottes Wort.
 Lasst euch nicht in das vorgefertigte Muster des Zeitgeistes pressen. Gestaltet euch stattdessen um, indem ihr ein neues Denken beginnt. Auf diese Weise könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht, nämlich das wahrhaft Gute, das, was seine Zustimmung findet und wirklich zum Ziel führt.“ (Römer 12, 1-2, dasbuch.NT)
Paulus zeigt also, dass neues Denken folgerichtig zu neuem Handeln führen soll. Der „richtige“ Glaube äußert sich in einem „richtigen“ Leben. Deshalb ist Glaube auch kein Standpunkt, sondern ein Weg. Jesus rief seine ersten Jünger nicht dazu, eine neue religiöse oder politische Weltanschauung zu übernehmen, sondern sich mit ihm auf den Weg zu machen. Sie sollten keine Rechthaber werden, sondern Nachfolger.

Glaube in Aktion

So ist der Weg als Christ von Anfang an eine Bewegung. Jesus folgen, heißt die Devise. Neue Ziele in den Blick nehmen, neue Freunde finden, neue Aufgaben anpacken. Ein Glaube, der sich nur rein geistig im Denken abspielt, ist eine Selbsttäuschung. So sagt es der Jakobusbrief: „Denn wenn jemand die Botschaft Gottes nur hört und sie nicht in die Tat umsetzt, dann ist er wie ein Mann, der sein eigenes Gesicht im Spiegel sieht. Er betrachtet sich darin, geht dann wieder weg und vergisst sofort, wie er aussieht.“ (Jakobus 1, 23 dasbuch.NT) Glaube muss zur Tat werden, sonst ist es kein biblischer Glaube in der Nachfolge von Jesus, sondern ein religiöses Theater. Auch das macht der Jakobusbrief deutlich: „Welchen Nutzen bringt es denn, Schwestern und Brüder, wenn jemand behauptet, dass er Glauben besitzt, aber die dazugehörigen Taten nicht ausführt? Kann denn solch ein Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester keine Kleidung und auch nicht genug zu essen haben und jemand unter euch zu ihnen sagen würde: »Zieht in Frieden weiter! Zieht euch warm an und esst euch satt!«, ihr ihnen aber nichts von dem gebt, was sie für ihren Körper brauchen, was wäre denn dann der Nutzen davon? Genauso ist ein Gottesglaube, der sich nicht in Taten ausdrückt, in sich selbst tot.“ (Jakobus 2, 14-17)
Unser Glaube wird lebendig, wenn er in Bewegung kommt. Erst dann wird es spannend. Eine rein theoretische Größe kann niemanden begeistern. Spannend wird es erst, wenn Menschen anfangen, etwas zu tun. Wenn sie Sicherheiten hinter sich lassen und beginnen, auf die hohe See zu fahren.
Abram und Sarai, die später in Abraham und Sara umbenannten Eltern des Glaubens, schrieben keine Abhandlung über das Wesen der Religion, sondern ließen sich von Gott in eine ungewisse Zukunft rufen. Sie machten sich auf den Weg, ohne das Ziel zu kennen, und zogen in ein Land, über das sie nichts wussten, als dass Gott es ihnen zeigen würde.

Abenteuer Glaube

Alle Menschen des Glaubens waren Abenteurer. Ihre Reise führte sie in ein unbekanntes Land. Sie waren bereit, nicht nur Dinge für wahr zu halten, sondern sie auch in die Tat umzusetzen. Gott war für sie keine bloß theoretische Größe, sondern der unmittelbar Gegenwärtige. Er war ihr ganz reales Gegenüber, ihr ständiger Gesprächspartner. Ihr Weg des Glaubens war deshalb kein Monolog über Richtigkeiten, sondern ein Dialog mit dem, der selbst die Wahrheit in Person ist.
Abraham und Sara gehörten zu den Ersten, die diesen Weg gingen. Seit dem wandert eine unübersehbare Schar von Menschen auf diesem Pilgerweg. Durch ihr Leben zeigen sie, dass Glaube für sie kein leeres Wort ist, sondern eine Lebenshaltung, die alles verändert.
Unsere Zeit sehnt sich nach solchen Menschen, die nicht nur eine Karte in der Hand halten, sondern den Weg gehen, der auf ihr beschrieben ist. Solche Menschen können begeistern. Nicht durch große Worte, sondern durch Taten, die, obwohl vielleicht auf den ersten Anschein klein und unbedeutend, doch unendlich viel bewirken.
Ihr Lob wird in der „Galerie des Glaubensmenschen“ im Brief an die Hebräer besungen. Sie sind unbekannt und doch bekannt, leicht zu übersehen und doch die wahren Helden ihrer Zeit.
Was soll ich sonst noch alles aufzählen? Die Zeit würde mir fehlen, wenn ich noch ausführlich erzählen würde von Gideon, Barak, Simson, Jeftah, David, Samuel und den Propheten. Das waren Menschen, die durch den Glauben Königreiche in die Knie zwangen, der Gerechtigkeit zum Sieg verhalfen, das erlangten, was ihnen verheißen war. Sie stopften die Mäuler der Löwen, löschten mächtige Feuerbrände aus, entkamen dem Tod durchs Schwert, überwanden Krankheit und Schwäche, wurden stark im Kampf und schlugen fremde Heere in die Flucht.
Frauen konnten die, die zu ihnen gehörten und gestorben waren, wieder durch eine Totenauferstehung zurückgewinnen. Doch anderen erging es anders – und auch sie hielten am Glauben fest. Sie wurden gefoltert, weil sie die Möglichkeit der Befreiung nicht annahmen, um dann eine bessere Auferstehung zu erleben. Andere mussten die Prüfung erdulden, verspottet und gegeißelt zu werden und in Fesseln oder im Gefängnis zu liegen. Sie wurden gesteinigt, auseinandergesägt oder auch durch das Schwert umgebracht. Sie irrten umher, bekleidet nur mit Schafsfellen und Ziegenfellen, mussten Mangel und Entbehrungen auf sich nehmen, wurden bedrängt und geplagt.
Diese Menschen, deren Wert alles übersteigt, was in der Welt zu finden ist, irrten in Wüsten und Gebirgen umher und wohnten in Höhlen und Erdlöchern. Sie alle haben aufgrund ihres Vertrauens Gottes Bestätigung bekommen und haben doch selbst nicht das erhalten, was ihnen zugesagt war. Denn Gott hatte für uns noch etwas Besseres geplant. Diese Menschen des Vertrauens sollten nicht ohne uns zu ihrem Lebensziel, der Vollendung, gelangen.“ (Hebräer 11, 32-40 dasbuch.NT)

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Darum ging es mir: Den Blick zu öffnen auf das wahre Wesen des Glaubens. Ziemlich viel habe ich geschrieben, viele Worte gesucht und gefunden. Was bleibt am Ende für den Leser, der durchgehalten hat? Vielleicht macht er – oder sie – es wie die Gänse des dänischen Philosophen: Bedächtig oder aufgeregt mit dem Kopf nicken, und schließlich doch zur Tagesordnung zurückzukehren. Vielleicht aber gibt es den einen oder die andere, der oder die endlich den notwendigen Schritt tut und konkret in die Tat umsetzt, was er oder sie schon längst – theoretisch – für richtig hält. Weil dazu häufig die eigene Kraft nicht ausreicht, können wir und sollten wir beten, dass Gott uns dazu befähigt. Vielleicht helfen dazu die Worte des großen Theologen Martin Kähler (1835-1912): „Hilf aus den Gedanken ins Leben hinein, ganz ohne Wanken dein eigen zu sein!“

Roland Werner

(Für Campus – Impulse; September 2010)

Gemeinsam im Boot

Gemeinsam im Boot

Gemeinsam im Boot
Sitzen wir hier
Die Wellen schaukeln
Wasser spritzt herein
Denn wir sind unterwegs
Mit Kraft und Mut und Freude
Gemeinsam unterwegs
Die Zukunft ruft

Gemeinsam im Boot
Sitzen wir hier
Schon lange
Das hätten wir nicht gedacht
Dass das so lange dauert
Dass wir uns so nahe kommen
So gut kennen – lernen – müssen – würden
Denn wir sind unterwegs
Immer noch mit Kraft und Mut
Aber manchmal würden wir auch gern ankommen
Irgendwo
Am besten am Ziel!

Gemeinsam im Boot
Sitzen wir hier
Mit den anderen
Schwestern und Brüdern
Ach ja, es sind ja auch Menschen
Das hätten wir fast vergessen
Wieso rudern eigentlich immer die Gleichen?
Und wieso geben immer die Selben den Takt an?
Und warum ruhen die anderen sich immer aus?
Wir sind unterwegs.
Wir rudern.
Rhythmisch klingt es, aber auch eintönig
Und wir sind unterwegs
Immer noch.
Doch: Wo ist Er eigentlich?

Gemeinsam im Boot
Und da gibt es zwei Geschichten.
In beiden wird es stürmisch.
In beiden bedrohlich.
Sehr sogar.
Lebensbedrohlich.
Der Wind wütet und pfeift
Die Wellen peitschen die Gischt ins Gesicht
Das Boot schwankt bedenklich
Hebt sich und fällt wieder.
Wir sind unterwegs
Oder drehen wir uns im Kreis?
Wo ist bloß das Ufer, das Ziel?
Wir ahnten es schon, doch jetzt ist es weiter entfernt als je.

Gemeinsam im Boot
Zwei Geschichten, so sagte ich.
In der einen schläft er.
Scheinbar unbekümmert und sorglos.
Ahnungslos.
Entrückt.

In der anderen ist er gar nicht zu sehen.
Er blieb ja am Ufer zurück.
Kyrie, eleison!
So entringt sich der Schrei der geängstigten Kehle.
Eingeschnürt. Vom Lebensatem abgeschnürt.
Kyrie, eleison!
Meister, kümmert es dich nicht, dass wir versinken?

Gemeinsam im Boot.
Das hätten wir fast vergessen.
Ja, das haben wir übersehen.
Er ist ja dabei.
Er wacht auf.
Er erhebt sich.
Er fragt uns:
Habt ihr wirklich so wenig Vertrauen?

Gemeinsam im Boot.
Aus der Dunkelheit taucht er auf.
Schemenhaft zuerst.
Lässt er sich sehen.
Kommt immer näher.
Spricht uns an.
Und nicht nur uns!
Schweig still und verstumme!
So herrscht er den Wind und das Meer an.
Augenblicklich wird es ganz still.
Werden wir ruhig.
Friede breitet sich aus.

Gemeinsam im Boot.
Immer noch.
Aber nicht allein.
Jesus ist dabei.
Er ist mit im Boot.
Und dann geht es doch.
Das hätten wir eigentlich wissen können.

© Roland Werner 01.05.2010