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Jahr: 2009

Das Geheimnis der Zufriedenheit

Das Geheimnis der Zufriedenheit

Dank und Liebe sind die Mächte, die mehr Siege gewinnen als alle Heere der Welt.
Friedrich von Bodelschwingh

Wir waren wieder einmal im Sudan. Fast jedes Jahr fahre ich mit meiner Frau in dieses nordostafrikanische Land. Dort helfe ich einer einheimischen Volksgruppe, ihre eigene Sprache zu schreiben, ihre Geschichten und Lieder zu sammeln und aufzuschreiben und so ihre Kultur für die kommenden Generationen zu bewahren.
Der Sudan ist eins der ärmsten Länder der Erde. Durch den fast drei Jahrzehnte anhaltenden Bürgerkrieg im Süden des Landes haben Hunderttausende ihr Existenzgrundlage verloren. Ihr Dörfer wurden verbrannt, die Felder verwüstet, Schulen, Krankenstationen und Kirchen zerstört. In vielen Familien wurden die Männer ermordet, Mütter und Kinder flohen in den Busch und ernährten sich von Pflanzen und Wurzeln. Unzählige machten sich auf den Weg und liefen teilweise über tausend Kilometer, bis sie schließlich in der Hauptstadt Khartoum ankamen. Inzwischen leben mehrer Millionen dieser Bürgerkriegsflüchtlinge unter ärmsten Verhältnissen in der Wüste in einem großen Ring um die Stadt, ohne Brunnen oder Wasserleitungen, geschweige den Strom.
Wir waren eingeladen, einen einheimischen Pastoren zu besuchen, der in einer dieser Elendsviertel lebte. Seine kleine, aus Lehm gebaute Kirche war gerade vom Militär zerstört worden. Als wir zu seiner Lehmhütte kamen, empfing er uns mit großer Freude. Nur eins machte ihm Kummer, und er entschuldigte sich immer dafür, dass er nichts hatte, was er uns anbieten konnte, noch nicht einmal Tee. Er selbst hatte drei Tage lang nichts gegessen. Und doch strahlte er eine unglaubliche Freude und Zufriedenheit aus. Kein Jammern, kein Klagen, nur die Sorge um uns, die wir doch wohlgenährt und bequem mit dem Auto angereist waren und am Abend wieder einen gedeckten Tisch vorfinden würden.
Diese Begegnung mit dem sudanesischen Pastor, der selber Flüchtling war und alles verloren hatte, machte mir wieder einmal klar, dass die Frage der Zufriedenheit nichts damit zu tun hat, was ich besitze oder nicht besitze. Zufriedenheit ist vielmehr eine innere Haltung, eine Einstellung meines Herzens. Das nehme ich aus dieser Erfahrung mit. Ich will lernen, in jeder Lage zufrieden und dankbar zu sein. Denn obwohl ich so viel mehr habe, obwohl ich ein Dach über dem Kopf und genug zu essen habe, obwohl ich mir manches kaufen und auch mal einen Urlaub leisten kann, entdecke ich immer wieder, dass Unzufriedenheit in mir ihr hässliches Haupt erheben will.
Als Leiter einer großen ökumenischen Gemeinschaft von jungen Erwachsenen in Marburg und als Redner in vielen Orten in Deutschland begegne ich unzähligen Menschen. Dabei fällt mir auf, dass dieser Kampf um innere Zufriedenheit nicht nur mein Thema ist. In Deutschland leben wir, trotz Wirtschafts- und Finanzkrise, doch in einem Land, in dem es uns allen, im Weltdurchschnitt gesehen, unglaublich gut geht. Sicher, es gibt auch echte Armut in unserem Land, und wir sollten gemeinsam alles dafür tun, dass wir dieses Problem in den Griff bekommen. Und doch merke ich, dass auch hier bei uns diese Beobachtung stimmt: Viel zu haben macht nicht unbedingt glücklich, und weniger zu haben, nicht zwangsläufig traurig oder depressiv.
Eigentlich hätte ich es schon von meinen Eltern lernen können. Mein Vater war ein Flüchtling aus Pommern, meine Mutter im Ruhrgebiet ausgebombt. Und doch hatte ich bei ihnen nie das Gefühl, dass sie unzufrieden waren oder sich benachteiligt oder ungerecht behandelt vorkamen. Stattdessen hatten sie gelernt, mit dem auszukommen, was sie erarbeiten konnten und hatten immer noch etwas, was sie anderen weitergeben konnten.
Dankbarkeit und Zufriedenheit sind zwei grundlegende Bausteine für das, was man „Glück“ nennt. Und wenn noch das dritte dazukommt, nämlich die Liebe, also das echte Interesse am Wohlergehen der anderen, dann lässt es nicht lange auf sich warten: Dieses Bewusstsein: Ich bin reich beschenkt! Mein Leben ist eine Gabe, die ich letztlich nicht mir selbst verdanke. Was ich kann und was ich habe, ist ein Geschenk. Diese Erfahrung kann uns davor bewahren, in Selbstmitleid und Hoffnungslosigkeit abzusinken, und gibt uns Kraft und Mut, unsere Aufgaben anzupacken und dann zu entdecken: Jeder hat etwas beizutragen. Jeder kann empfangen und geben. Wenn wir das beherzigen, können wir zu einem echten Miteinander finden. Und wir können etwas bewegen. Diese Erfahrung hat Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh auch gemacht. Er widerstand den Nazis, die die Behinderten aus seiner Anstalt in Bethel in die Konzentrationslager schicken wollten. Sein Leitwort nennt eindrücklich und unübertrefflich die Quelle seiner Kraft: „Dank und Liebe sind die Mächte, die mehr Siege gewinnen als alle Heere der Welt.“

Dr. Roland Werner (Artikel für Zeitschrift Hailo, Nov. 2009)

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so siegst du

so siegst du

iesous christos nika

jesus christus siegt

nicht mit dröhnenden stiefeln
waffen der vernichtung
bombenterror

nicht mit schlagenden argumenten
scharfsinnigen gedanken
wortgewalt

nicht mit pochen auf dein recht
ausspielen deiner macht
manipulation

gewinnst du
dein sieg kommt leise

stumm wie ein opferlamm
schwach, verwundbar
mit offenem blick
durchnagelter hand
blutigem herz

so stehst du da

trägst die schuld
heilst die wunden
erneuerst die welt

so siegst du
jesus
und keiner wird dir widerstehen

auch wir nicht
dankbar sagen wir
ja

(c) roland werner 2009

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