9. Gebetserhörungen und andere normale Ereignisse

9. Gebetserhörungen und andere normale Ereignisse

Ich war damals noch ein armer Student. Bafög war um die vierhundert Mark. Obwohl mir meine Eltern ab und zu Geld zusteckten, war ich daran gewöhnt sehr sparsam zu leben. Meine Studienfächer waren neben evangelischer Theologie noch Semitistik, Afrikanistik und vergleichende Religionswissenschaft. Mein Ziel war es in einem islamischen Land zu leben und mitzuhelfen, dass Menschen dort eine Möglichkeit haben Jesus kennen zu lernen.
Also versuchte ich die Semesterferien schon in islamischen Ländern zu verbringen. Klar, denn vor Ort lernt man mehr über Sprache und Kultur als in den trockenen Seminarräumen der Uni. Es muss im achten Semester gewesen sein. Ich hatte vor, in den Frühjahrssemesterferien wieder nach Ägypten zu fahren um dort eine christliche Arbeit zu besuchen und mitzuarbeiten. Mein Problem war, dass ich absolut kein Geld hatte, weder für den Flug noch für die anderen Kosten, die bei einer solchen Reise entstehen.
Die billigsten Flugreisen gingen damals über Ostberlin mit osteuropäischen Fluglinien, was ein Erlebnis für sich war.
Aber auch dies kostete 630 Mark.
Die Frage war: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die Semesterferien rückten immer näher. Bald musste ich den Flug buchen. Also betete ich: „Herr, wenn du wirklich willst, dass ich nach Ägypten reise und das nicht nur ein Gefühl von mir ist, dann musst du mir auch das Geld geben. Bitte gib mir 1.000 Mark innerhalb von vierzehn Tagen. Dann weiß ich, dass es richtig ist zu reisen.“ Das war mein Gebet — und damit die Erhörung wirklich von Gott und nicht von mir produziert wurde, beschloss ich keinem davon zu erzählen. Gesagt, getan.
Wie die Geschichte weiterging? Ihr ratet es schon. Nach etwa sechs Tagen kriegte ich einen Anruf. Der Leiter der Organisation, deren Krankenhaus ich in Ägypten besuchen wollte, rief mich an: „Roland, wie teuer ist eigentlich dein Flug nach Ägypten? Wir haben nämlich beschlossen ihn für dich zu bezahlen!“ Bumms, da waren die ersten 630 Mark da. Zwei oder drei Tage später steckte auf einmal in meinem aufgeklappten Fenster ein Briefumschlag, wiederum mit 630 Mark. Der Spender blieb anonym und ich habe bis jetzt nicht herausgefunden, wer es war. Also: Weniger als zehn Tage — und mehr als das erbetete Geld war da. Ist doch normal — oder etwa nicht? Wie kommt es eigentlich, dass ich das für erzählenswert halte? Doch wohl deshalb, weil wir, ich eingeschlossen, immer noch eine Gebetserhörung für das Außergewöhnliche halten. Dabei sollte oder könnte es doch umgekehrt sein …

Gebetserhörungen sind normal. Sie geschehen dauernd, ständig, jede Sekunde. Unser einziges Problem ist, dass wir sie so selten wahrnehmen. Oft sind sie die Gebetserhörungen von jemand anderem. Gestern zum Beispiel hat es geregnet. Das war sicher die Gebetserhörung für einen Bauern, der wusste, dass seine Felder noch mehr Regen brauchten. Meine war es nicht, weil ich Sonnenschein haben wollte.
Gebetserhörungen sind nur für uns etwas Unnormales, die wir so verkopft sind.
Weil wir Gott häufig zu einer Theorie gemacht haben, erstaunt es uns so, wenn er mit dem kleinen Finger wackelt und eine Heilung geschieht
oder er mit einem Augenaufschlag die Sonne aufgehen lässt. Wir rechnen nur in Ausnahmefällen mit ihm als einer lebendigen Person. Je länger ich darüber nachdenke, um so weniger erstaunt mich, wenn ein Wunder geschieht — weil alles, was Gott in dieser Welt tut, ein Wunder ist. Was mich verwundert, ist, dass Gott so wenig Wunder tut. Das gehört zu seiner Demut, dass er sich selbst so verborgen hält. Er will uns halt nicht mit machtvollen Beweisen überzeugen und zur Anerkenntnis seiner Person zwingen, sondern will uns mit seiner Liebe gewinnen. Nicht das Wunder ist das Erstaunliche; dass Gott mächtig ist und Wunder tun kann, ist normal. Die Zurückhaltung Gottes ist das Erstaunliche.
Dass Jesus am Kreuz eben nicht die Legionen von Engeln geholt hat, sondern elend und schmachvoll dem Augenblick des Todes entgegenlitt — das erstaunt mich. Dass Gott so groß ist, dass er es sich leisten kann, seine Macht und Wunderkraft zu verbergen.

Gebetserhörungen werden also umso wahrscheinlicher und alltäglicher, als Gott keine Angst haben muss, dass du ihm nur deshalb dein Herz schenkst. Je mehr er sich sicher ist, dass du zu ihm stehst, in guten und in schlechten Tagen, umso mehr kann er es sich leisten deinen Weg mit Wundern zu pflastern. Wenn sich Gott sicher sein kann, dass du nicht anfängst die Wunder anzubeten oder dich selbst für etwas Besonderes zu halten, weil du einmal ein Wunder oder eine Gebetserhörung erlebt hast, kann er anfangen Gebetserhörungen zum Tagesereignis deines Alltags werden zu lassen. Genau deshalb erleben Kinder so viele Gebetserhörungen. Sie sind für sie einfach normal. Sind sie doch auch, oder?

Herzlich
Roland Werner

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