8. Aufbruch auf dem Balkan

8. Aufbruch auf dem Balkan

Vor zwei Jahren fuhr ich mit dem Auto dorthin. Es ging vierzehn Stunden durch die Nacht bis nach Puscine in Nordkroatien und dann nach einem kurzen Kaffeestop noch mal fast acht Stunden weiter bis nach Sarajewo. Diesmal sind wir geflogen. Von Frankfurt nach Zagreb ist es eine gute Flugstunde. Bei uns war es schon herbstlich kalt, hier in Kroatien noch richtig warm. Ein Rutsch zurück in den Sommer.
Michael, ein Freund aus Marburg, ist mitgekommen. Er war auch damals dabei bei der Mammuttour nach Sarajewo, das noch ganz von der Zerstörung des Bürgerkrieges gekennzeichnet war. Antal holt uns am Flughafen aber und fährt mit uns ganz in den Osten Kroatien, nach Osijek, kurz vor der serbischen und ungarischen Grenze. Nur wenige Kilometer von Osijek liegt Vukovar, die Stadt, die im Bürgerkrieg dem Erdboden gleich gemacht wurde. Auch hier in Osijek hat der Krieg gewütet, und der größte Teil der Bevölkerung musste fliehen. Ich soll ich drei Tage im evangelischen theologischen Seminar unterrichten und  danach am Wochenende auf einer Konferenz sprechen. Hört sich eigentlich nicht sehr aufregend an. Ist es aber doch, und zwar aus mehreren Gründen. Der erste: Hier kommen Studenten aus allen Ländern des Balkan zusammen: Kroaten, Serben, Bosnier, Slowenen, Albaner, Mazedonier, Bulgaren, Rumänen, Kosovaren. Angehörige von Völkern, die noch vor kurzer Zeit gegeneinander Krieg geführt haben. Das Seminar ist ein Ort der Versöhnung.
Der zweite Grund: Dies ist eine der ganz wenigen geistlichen Ausbildungsstätten auf dem Balkan. Hier werden die zukünftigen Pastoren, Jugendleiter, Gemeindegründer, Evangelisten und Leitungspersönlichkeiten des Balkan ausgebildet.
Vier Jahre dauert die Ausbildung. Hier sind sie zusammen. Auf engstem Raum. Achtzig Studenten wohnen auf dem Gelände des Seminars um die ehemalige Synagoge. Vor fast zwanzig Jahren war die jüdische Gemeinde durch Auswanderung so geschrumpft, dass sie auf die Evangelischen zukamen und ihnen das Gebäude unter der Bedingung übereigneten, dass diese es weiter erhalten und pflegen. In den Nebengebäuden ist das Seminar untergebracht, die Unterrichtssäle, und die Schlafzimmer. Die räumlichen Bedingungen sind für unsere Verhältnisse schwer vorstellbar. So wohnen z.B. auf einem Flur mit zehn Zimmern zehn Ehepaare. Sie alle teilen sich ein einziges Bad. Ich versuche mir vorzustellen, wie das funktioniert, und wann die ersten anfangen müssen, damit jeder vor dem Frühstück eine Chance zum Duschen bekommt.
Es sind schon besondere Leute, die hier studieren. Da ist zum Beispiel Maria aus Westkroatien. Sie war früher drogenabhängig. Verdiente ihr Geld auf alle möglichen Wegen, um die Drogen bezahlen zu können. Ihr Bruder, der auch an der hängen noch an der Spritze. Sie hat den Ausstieg geschafft. Genauer gesagt: Sie hat Jesus kennen gelernt, als sie ganz am Boden war. In dieser Situation gab ihr jemand eine Bibel und zeigte ihr den Psalm 31, den „Psalm für Junkies“, wie sie ihn bezeichnete:…..
Als sie Christin wurde, erklärte ihre Familie sie für verrückt. Inzwischen ist auch ihr Bruder, der selbst an der Spritze hing, zum Glauben gekommen, ebenso ihre katholische Mutter. Der Vater, ein nicht praktizierender Muslim, lässt sie gewähren.
Maria hat einen klaren Kopf und steht mit beiden Beinen auf der Erde. Sie weiß, was früher war, und was sie auf keinen Fall mehr will. Und sie weiß, wohin sie sich entwickeln will. Mir wird klar: Sie ist eine Frau mit großem Leitungspotential. Sie kann und wird für ihr Land viel bewirken.
Zur Konferenz am Wochenende kam eine Gruppe von Teen Challenge aus Pula an der Adria. Sie brauchten 11 Stunden im Auto bis nach Osijek. Es ist die erste Therapiegruppe von ehemals drogenabhängigen Männern. Jeder hat eine ergreifende Geschichte. Der eine hat längere Zeit am Bahnhof Zoo in Berlin gedealt. Der Leiter war früher Drogenkurier zwischen Amsterdam und Duisburg-Bruckhausen, dem Nachbarstadtteil von Beeck, wo ich aufgewachsen bin.
Michael und ich nehmen uns Zeit, für jeden einzelnen um innere Heilung zu beten . Maria ist dabei, betet mit. Aufgrund ihrer Erfahrung kann sie den Jungs Mut machen, nicht aufzugeben.
Ein anderer, dem wir am Seminar begegnen, ist Astrit. Er ist Kosovo-Albaner mit muslimischem Hintergrund. Seit ein paar Jahren ist er Christ. Im Kosovo und in Albanien hat er missionarisch gearbeitet und bei der Gründung mehrerer Gemeinden mitgeholfen. Astrit ist ein Mann mit ungeheurer Ausstrahlung. Als ich ihn näher kennen lerne, merke ich, dass dies aus seiner intensiven Beziehung zu Jesus heraus kommt. Obwohl er alle Schattenseiten des Krieges miterlebt hat: Vertreibung, Hunger, Ungerechtigkeit, Zerstörung, strahlt bei ihm die Freude aus allen Knopflöchern. Für mich ist die Begegnung mit ihm der Höhepunkt. Als wir spontan zusammen beten, redet Gott durch ihn so direkt in meine Situation hinein, dass es mich absolut vom Hocker reißt. Ich habe schon manches an Prophetie erlebt, aber was ich bei diesem Gebet von Gott mitkriege, erschüttert und ermutigt mich zutiefst. Dieses Gebet wird für mich zu einem Wendepunkt.
Und dann war da noch Danijel aus Rumänien. Vierundzwanzig Jahre alt. Er kann noch kaum Kroatisch und auch nicht viel Englisch, die beiden Unterrichtssprachen in Osijek. Deshalb macht er erst einmal ein Vorstudium, um sein Englisch zu verbessern. Danijel hat in Rumänien gleichzeitig studiert und Jugendgruppen aufgebaut. Um das Studium zu finanzieren, arbeitete er meistens in der Nacht. Sein durchschnittliches Schlafpensum war mehrere Jahre lang nur drei oder vier Stunden pro Nacht. Ich bin fasziniert von Leuten von Maria, Astrit und Danijel. Sie wollen etwas für das Reich Gottes auf dem Balkan bewegen. Sie sind Hoffnungsträger in einer Zeit, in der viele keine Hoffnung mehr haben.
Die meisten von ihnen können die 120 DM, die der Monat am Seminar mit Vollverpflegung kostet, nicht aufbringen. Viele bezahlen mit Mühe und Not etwa 20 DM monatlich.
Am Tag, an dem wir abreisen, will auch Danijel mit dem Bus nach Rumänien fahren. Der Grund: Er hat Zahnprobleme, und in Kroatien sind die Zahnarztkosten für ihn zu teuer. Also fährt er zweimal acht Stunden mit dem Bus, um eine neue Plombe zu kriegen.
Beim Abschied gebe ich ihm einen Briefumschlag mit hundert DM. Für mich nicht viel. Für ihn das Geld für fünf Monate Studium mit Verpflegung.
Wir fliegen erfüllt und dankbar zurück nach Frankfurt. Bei den evangelistischen Veranstaltungen hat sich eine ganze Reihe von Leuten für Jesus geöffnet. Zwei Tage später bekomme ich ein email von Danijel. Er fragt mich, ob es okay ist, wenn er das Geld, das ich ihm gegeben habe, für die Leute im Sudan spendet, die nichts zu essen haben.
Aufbruch auf dem Balkan. Und bei uns?

Herzlich
Euer
Roland

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