7. Durch dick und dünn

7. Durch dick und dünn

Fast 18 Jahre ist es her. Die Glocken klangen. Unserer Freundin Mechthild war noch gerade rechtzeitig über die Autobahn gerauscht, um letzte Handgriffe anzulegen an Elkes Frisur. Mir hatte sie schon ein paar Tage vorher die Haare geschnitten und – damals noch ein Novum und ein Schocker für manche Verwandte – leichte Strähnchen einblondiert. Auf jeden Fall war es jetzt so weit. Zielbewusst schritten wir durch den Mittelgang der Kirche in Duisburg-Beeck und sagten an der richtigen Stelle Ja. Und zwar beide. Damit war es besiegelt. Wir hatten und dafür entschieden und beschlossen, die Ehe zu halten und zu einander zu stehen in guten wie in schlechten Tagen.
Noch mit der richtigen Formel: Bis dass der Tod euch scheide… In die schlichte Sprache des westlichen Ruhrgebiets übersetzt hieß das: Wir bleiben bei einander durch dick und dünn.
Ganz so selbstverständlich war das gar nicht für uns. Wir hatten uns nach mehrjähriger Freundschaft drei Jahre in der Verlobung Zeit gelassen, um wirklich zu prüfen, ob wir dieses uneingeschränkte Ja zu einander sprechen und auch durchhalten wollten.
Verlobung hieß für uns Verlobung, dass heißt, nicht eine Art vorgezogene Ehe mit Zusammenwohnen und allem anderen Drum und Dran. Als Christen wollten wir uns ganz in den biblischen Linien bewegen, denn schließlich war das die oberste Verpflichtung unseres Lebens: Mit Haut und Haaren Jesus nachzufolgen, radikal und ohne irgendwelche Kompromisse. Damals war das auch noch so einigermaßen normal unter unseren christlichen Freunden. Für uns war klar: Gehorsam gegenüber Gott ist unteilbar, und ich bin eben nicht frei, mir die Stückchen des Kuchens auszusuchen, die mir schmecken, und die Anderen wieder an den himmlischen Absender zurückzuschicken, sondern wenn ich den Kuchen von Jesus essen will, dann ganz.
Und schließlich wollten wir ein gesegnetes Leben führen. Mit anderen Worten, ein Leben, das geistliche Kraft hat und geistliche Spuren hinterlässt. Und die Kraft, die Gottes Geist unserem Leben verleiht, hängt mit dem Grad unserer Hingabe an Jesus inklusive seiner Gebote zusammen. Das war uns Wichtiger als alles andere.
Durch dick und dünn. Das wurde ziemlich konkret für uns beide – von Anfang an. Für mich war klar, dass ich mich vorbereiten wollte auf Arbeit im islamischem Bereich. Elke hatte während unserer Verlobungszeit schon allein ein halbes Jahr in Ägypten gelebt. Sie wollte nicht einfach nur mir nach tapern, sondern selbst eine Beziehung zu diesen Ländern aufbauen. Und so ließ sie sich ganz bewusst auf diese Wegführung ein.
Durch dick und dünn – das hieß auch, die wirtschaftlichen Einschränkungen zu akzeptieren, die wir beide mitbrachten. Ich war noch Student und hatte durch den Studienwechsel kein Anrecht auf Bafög mehr. Elke war nach ihrem Referendariat als Lehrerin arbeitslos geworden. Wir lebten von ihrem Arbeitslosengeld. Dennoch hatten wir immer genug für uns selbst und auch noch zum abgeben. Das war unsere gemeinsame Überzeugung: Die Sorge um das Geld soll uns nie regieren, und wir wollen immer großzügig und freigebig sein, egal, wie viel oder wenig wir selbst besaßen.
Durch dick und dünn. Das wurde auch konkret, als Elkes Krebs erkannt wurde – ziemlich spät und eigentlich fast schon zu spät. Das Jahr des Kämpfens um ihr Leben mit allen Begleiterscheinungen – Chemotherapie, chronische Übelkeit, Kraftlosigkeit, Unsicherheit, wie lange es gut geht, eine Perücke für die Glatze, Gewichtszunahme durch die Kortisongaben und vieles mehr – brachte uns näher zusammen. Wir hatten den Kampf gemeinsam aufgenommen und wollten ihn auch gemeinsam durchführen.
Durch dick und dünn. Das bestätigten wir uns neu, als deutlich wurde, dass wir durch die Folgen der Chemotherapie keine Kinder werden kriegen können.
Durch dick und dünn. An dieses Versprechen hat Elke sich sicher oft erinnert, wenn sie mit meinen Fehlern, meinem Versagen und meiner Launenhaftigkeit konfrontiert war. Ich bin froh, dass sie immer wieder die Kraft gefunden hat, diesen Vorsatz durchzuhalten und neu zu bejahen.
Jetzt sind wir irgendwo im Mittelfeld unseres Lebens und unserer verbindlichen Beziehung angelangt. Meine Eltern haben neulich ihren fünfzigsten Hochzeitstag gefeiert. Ob wir es soweit bringen, ist unklar. Vielleicht werden wir beide oder einer von uns vorher in die obere Ebene des Königreichs transportiert. Aber jetzt, im Mittelfeld, haben wir schon genug Stürme miterlebt, um zu merken, ob das Fundament, auf dem wir aufbauen, tragfähig ist oder nicht. Und wir merken auch, welche Bauabschnitte eine Renovierung und Instandsetzung brauchen. Eins ist aber klar: Der gemeinsame Erfahrungsschatz gehört mit zu den größten Reichtümern unseres Lebens. Was wir miteinander erlebt, durchgestanden und teilweise auch bewältigt haben, würde eine ganze Reihe von Büchern füllen.
Durch dick und dünn. Natürlich bleibt man nicht von Macken und Ecken verschont. Natürlich heißt Festlegung auf einen Partner auch gleichzeitig das Nein zu anderen möglichen Beziehungen, die ab und zu ganz verlockend scheinen können.
Verbindlichkeit zueinander, langfristige, verlässliche Festlegung ist nicht nur im Bereich der Ehe ein Rahmen, der große Kraft und Flexibilität eröffnet. Auch in christlichen Gemeinschaften und Gemeinden hängt die Stärke der Ausstrahlung und Wirkung davon ab, ob es Leute gibt, die sich langfristig dieser Gemeinschaft verpflichtet haben. Durch dick und dünn – ein Prinzip, von dem abhängt, ob das, was wir erträumen, was wir reden und was wir tun, nur kurzfristige Seifenblasen produziert oder etwas hervorbringt, das über Jahre und über örtliche Grenzen hinaus Segen verbreitet.
Durch dick und dünn. Bei unserer Hochzeit hatte der Pastor gesagt, dass Ehe auch Sterben bedeutet. Jeder gibt seine eigenen Vorstellungen, seine Selbstbestimmung, seinen Dickkopf, seine Rechthaberei in den Tod, damit etwas Neues, Gemeinsames zum Leben aufstehen kann.
Irgendwie kam mir das bekannt vor. Irgendwie musste ich an Jesus denken, der ja auch alles aufgeben hat, um uns für immer mit sich selbst zu verbinden. Er ist der erste, der gesagt hat: Mit dem Roland geh ich durch dick und dünn! Den schleif ich durch, egal was für einen Mist der baut oder wo der am Boden liegen bleiben will. Von dem lass ich mich nicht trennen, und zwar in Ewigkeit!
In diesem Sinn wünsche ich dir viele Erfahrungen mit dem, der mit dir durch dick und dünn geht, und natürlich auch die Power, selbst so einer zu werden wie er.

Herzlich
Dein
Roland Werner

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