31. Forever Friends

31. Forever Friends

Freundschaft ist einer der höchsten Werte der neunziger Jahre. So hat kürzlich der Trendforscher Matthias Horx verkündet. Freunde für immer. Das ist der Traum, den viele junge Leute haben, mit denen ich spreche. Und ich verrate ein Geheimnis: Auch Leute jenseits der Schallmauer sehnen sich nach echter, bleibender Freundschaft.
Gerade weil das mit den Beziehungskisten, mit dem Verhältnis Männlein – Weiblein, oft so schwierig ist. Zumindest einen guten Freund müßte man haben. Der würde die Zeiten überdauern und das Auf und Ab der verschiedenen Beziehungen mit den Partnerinnen oder Partnern kritisch-freundschaftlich begleiten.
Ein Freund, mit dem man schon im Kindergarten und in der Grundschule zusammen war, mit dem man die Bäume erklettert und die Fußbälle in die Fensterscheiben der Nachbarhäuser geschossen hat. (Ich rede natürlich hier als Mann von männlichen Idealbildern). Ein Freund, der bei den ersten Versuchen, das Spiel von Verliebt, Verlobt, Verheiratet anzustossen, dabei stand und heimlich applaudierte oder Warnungen aussprach. Ein Freund, der half durch Prüfungsdepressionen und mit dem man die großen Entdeckungsreisen unternommen hat – per Bahn nach Marokko oder per Auto nach Griechenland. Ein Freund, mit dem man abends ein Bierchen trinken und über Gott und die Welt diskutieren kann. Ein Freund, der Rat gibt, wenn die Ehe mal wackeln sollte, der mit Squash spielt, um den ansetzenden Bierbauch zu bekämpfen, und der auch in der Rente noch fit genug ist, um beim Seniorenstammtisch kräftig auf den Tisch zu hauen.
Freundschaft ist mehr als in. Das merkst du an der Werbung, die das Thema voll ausschlachten. Das merkst du auch bei den Fernsehserien und den Kinofilmen, die in den letzten Jahren gedreht wurde.
Forever Friends. Viele wünschen sich das.
Aber daß der Wunsch so stark ist, zeigt, wie schwierig das mit dem Thema Freundschaft in Wirklichkeit ist. Viele wünschen sich solch eine Freundschaft – aber wer erlebt sie? Vor ein paar Tagen war ich auf CUX 99, dem Jugendfestival an der Nordseeküste. Es trug (wer hat jetzt von wem geklaut?) den Titel “Forever Friends”. Während einer Predigt – und zwar von Tim Linder, dem neuen Teenager-Referenten des Bundes der Freien Evangelischen Gemeinden – sollten wir eine Liste unserer Freunde aufschreiben. Freunde, auf die wir uns wirklich verlassen können.
Leicht fiel mir das nicht. Natürlich habe ich Freunde. Viele sogar. Dafür bin ich total dankbar. Aber Tim setzte noch einen drauf: Schreibe die Freunde auf, bei denen du sicher bis, daß sie alles für dich geben würden, selbst ihr eigenes Leben. Bäng! Das war schwer. Wer würde das schon tun?
Und dann fielen mir die Freunde ein, die ich einmal hatte, die aber jetzt offensichtlich kein Interesse mehr an mir haben. Mir fielen die ein, bei denen ich gehofft hatte, daß es wirklich eine echte, langfristige Sache sein könnte, und wo wir dann doch im Streit oder im Unverständnis auseinander gegangen waren. Mir kamen die Verletzungen und Verwundungen in den Sinn, die Freunde mir zugefügt haben, und natürlich auch die Punkte, wo ich sie enttäuscht oder verletzt hatte. Und mir wurde klar, daß ich natürlich die Fehler der anderen deutlich sehen kann, aber daß es mir schwerfällt zu erkennen, wo meine Fehler und Versäumnisse lagen.
Forever Friends. Ist das nicht eine Illusion? Gibt es das überhaupt, daß Menschen einander über Jahre und Jahrzehnte die Treue halten und Freundschaft bewahren? Irgendwo las ich neulich den Satz, daß ein Mensch sich glücklich schätzen könne, wenn er aus jedem Lebensjahrzehnt eine Freundschaft bewahren kann. Und da merkte ich, daß es da um mich doch besser bestellt ist.
Ich sollte also Namen aufschreiben, Namen von echten Freunden. Beim Nachdenken fielen mir dann doch ein paar ein. Interessant war, daß ich zuerst die aufschrieb, die in anderen Ländern wohnen. Könnte es sein, daß gerade der Abstand sie in hellerem Licht erscheinen läßt und daß ich die Freunde, die näher sind, für selbstverständlich nehme und ihre Fehler mehr wahrnehme? Nach und nach kamen mehr Namen auf die Liste. Und damit wuchs meine Dankbarkeit. Ich merkte, daß die Kriterien, an denen ich Freunde messe, unwahrscheinlich hoch sind, um nicht zu sagen perfektionistisch. Und das scheint nicht nur mir so zu gehen. Mir begegnet das auch in Gesprächen immer wieder – diese Erwartung, daß es einen Freund gibt, der sozusagen alle Interessen abdeckt, dessen Hobbies sich genau mit meinen decken, der für alles Verständnis hat und der immer genau dann Zeit hat, wenn es mir paßt.
Im Aufschreiben der Namen wurde mir bewußt, wie viele Freunde ich in Wirklichkeit habe. Wie viele Menschen sich zu mir stellen. Auf wie viele ich bauen kann. Und mir wurde neu bewußt, was für ein großer Reichtum darin liegt, Freunde zu haben.
Beim Aufschreiben wurde mir klar, daß ich nicht auf das schauen soll, was der eine oder andere Freund nicht hat oder nicht bringt, sondern auf das, was er in seiner Freundschaft als Geschenk in mein Leben legt.
Und ich merkte, daß die eigentliche Frage, die ich mir stellen muß, nicht lautet: Wer sind deine Freunde? Sondern daß es viel spannender und wichtiger ist, darüber nachzudenken, wem ich Freund sein kann. Und was das bedeutet, daß ich Freundschaft lerne.
Denn das halte ich für eine hohe Kunst: Wirklich einem anderen Freund zu sein.
Von Jesus kann ich das lernen. Wenn ich sein Leben studiere, wenn ich auf seinen Spuren gehe, merke ich, was es heißt, wirklich ein Freund zu sein. Und ich erkenne, wie weit ich noch davon entfernt bin.
Jesus ist wirklich ein Freund für immer. Ihn hätte ich auch auf die Liste schreiben sollen.
Wer sind deine Freunde? Welche Namen würden auf Deiner Liste stehen? Ich möchte dir einen Rat geben. Und zwar: Schreibe eine weitere Liste. und zwar mit den Namen der Menschen, denen Du ein echter Freund sein kannst.
Meine Liste wurde immer länger, je mehr ich nachdachte. Doch einen Namen habe ich ohne großes Nachdenken sofort hingeschrieben. Elke. Ich bin wirklich gesegnet, denn meine Frau ist ohne Zweifel auch mein bester Freund. Das ist für mich immer wieder erstaunlich.
Forever Friends.
Jeder Mensch auf diesem Planeten sollte die Möglichkeit erhalten, den als Freund kennenzulernen, der sein Leben für seine Freunde gegeben hat.

In diesem Sinner grüßt Euch
Herzlich Euer
Roland Werner

zurück

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.