30. Don’t worry, be holy!

30. Don’t worry, be holy!

„Don’t worry – be holy!“ Das ist sicher die größte Herausforderung in meinem Leben. Nicht sorgen, sondern Gott vertrauen. Und „heilig“ zu sein. Wow — ziemlich große Ziele. Finde ich jedenfalls.
„Don’t worry — be happy!“ wäre auch schon ein Teilziel für mich, für das es sich lohnt, dass ich daran arbeite. Was mir dann schwerer fällt — das Nicht-Sorgen oder das Heiligsein –, kommt auf meine Tagesform an. Und natürlich auf das, was mir so begegnet. Und wer mir so begegnet. Und wie.

Christen können ja ganz schön eklig sein. Klar, nicht nur Christen. Aber die auch. Glaubt ihr nicht? Okay, ein paar Beispiele.
Ein Freund von mir zum Beispiel. Er war in den USA und tourte mit einer christlichen Schauspieltruppe durch die Gegend. Es war in den Südstaaten. Der Pastor lud ihn nach dem Gottesdienst in ein Restaurant ein. Super Sache. Der Pastor bestellte sich einen Wein. Ziemlich ungewöhnlich, da in den USA die meisten Christen Alkohol nicht von fern anrühren. Aber dieser war offensichtlich anders. Mein Freund denkt sich: Schön, dann kann ich mir ja auch ein Bier bestellen! Gesagt, getan. Als er aber das Glas an die Lippen setzt, sagt der Pastor: „Ich hab schon immer gewusst, dass du kein Christ bist!“ Spricht’s, steht auf — sein Weinglas ist natürlich völlig unangerührt –, lässt meinen Freund völlig perplex im Restaurant sitzen und wart nicht mehr gesehen!

Das sind so die Erlebnisse, für die man innere Heilung braucht und von denen die Therapeuten leben. Christen können ganz schön eklig sein.

Oder ein Schwank aus meinem Leben. Ich war in einer Gemeinde zum Predigen eingeladen. Da sie kulturell etwas konservativer waren, bemühte ich mich, mich anzupassen. Schwarze Hose, schwarze Strümpfe, ein anthrazitfarbener Anzug, den ich — völlig neuwertig — in einem Secondhand-Laden in Wiesbaden für sechzig DM gekauft hatte (durch meine langen Aufenthalte in der Dritten Welt fällt es mir total schwer, viel Geld für Kleidung auszugeben), weißes Hemd und ein schwarzer Wollpulli mit rundem Halsauschnitt. Elke meinte, ich sähe aus wie eine Mischung zwischen einem Mormonen und einem Bestattungsunternehmer. Mit anderen Worten sehr solide. Ich predigte also, leidenschaftlich und engagiert, wie ich es am Sonntagmorgen so schaffte.
Nach dem Gottesdienst sollte ich am Ausgang stehen und die Hände schütteln. Ein älterer Bruder zog mich am Ärmel — statt mir die Hand zu geben — und sagte: „Ich konnte heute die Predigt nicht hören!“ Während ich mich noch fragte, ob die Lautsprecher so schlecht gewesen seien oder er sein Hörgerät vergessen hatte, sprach er weiter: „Ich konnte die Predigt nicht hören, weil Sie keine Krawatte anhatten!“ Das saß! Jetzt hatte ich mir schon so viel Mühe gegeben, hatte extra diesen Anzug gekauft — und es war immer noch nicht genug. Es gab oberhalb des Pulloverkragens sowieso nur zwei Zentimeter, wo die Krawatte sichtbar gewesen wäre. Und genau diese zwei mal zwei Zentimeter waren zum Tuch des Anstoßes geworden. Ich war fix und fertig. Der Tag war für mich gelaufen.
Wie kann es sein, dass Christen so engstirnig, kleinkariert und einfach eklig sein können?
Das wollte mir nicht in den Kopf. Und will es auch jetzt noch nicht. Und dass ich es heute, Jahre später, noch aufschreibe, zeigt mir, dass ich es noch nicht ganz verdaut habe. Irgendwie schaffe ich es nie, alle Erwartungen zu erfüllen. Das macht mir echt Probleme. Ich werde damit nicht richtig fertig.

Heute zum Beispiel kriegte ich einen Brief, in dem jemand sich absolut aufregte und mich anmotzte, weil ich ihm noch nicht auf einen Brief und ein Telefonat geantwortet hatte. Ich war gerade ins Büro gekommen, hatte tagsüber in Wetzlar vier einstündige und eine halbstündige Radiosendung aufgenommen und hatte genau zehn Minuten Zeit, bevor jemand zu einem persönlichen Gespräch kommen wollte. Danach war Vorstandsitzung unseres Vereins, danach (ab 23 Uhr) e-mails beantworten angesagt und danach — also jetzt — die dran-Kolumne.
Gestern war ich den ganzen Tag für Leute unterwegs, morgen werde ich es sein, übermorgen, am Wochenende in Rostock, noch drei Predigten und Vorträge die Woche, dann ein Studientag in Süddeutschland und so weiter. Und mitten drin dieser Motzbrief, der mir immer noch im Magen liegt. Ja, warum habe ich ihm noch nicht geantwortet? Weil ich eben dreißig anderen Leuten Briefe geschrieben habe. Warum habe ich für ihn noch nicht Zeit gehabt? Weil ich mit Dutzenden anderen gesprochen habe, mir für sie Zeit genommen habe, mit ihnen gebetet habe.
Irgendwie komme ich nicht nach. Die Erwartungen sind zu hoch.
Ich bin einfach überfordert. Es bleibt immer ein Berg Arbeit übrig, weil ständig neue dazukommt. Ich fühle mich in die Ecke gedrängt, ausgenutzt, benutzt. Ja, auch von Christen. Von christlichen Egoisten, sollte man vielleicht besser sagen. Und jetzt schütte ich das alles über euch aus, liebe dran-Leser. Ich würde gern eure Gedanken wissen.

Einige denken vielleicht: Da ist der Roland selber Schuld, wenn er so viel annimmt. Der kann offensichtlich seine Zeit nicht managen! Er sollte auf seine Gesundheit achten. Mag stimmen.
Aber ich möchte euch eins sagen: Ich habe es erlebt, dass es oft dieselben Leute sind, die mir gute Ratschläge dieser Art geben — und die gleichzeitig aber erwarten, dass „ihr“ Anliegen gehört wird und dass „ihre“ Veranstaltung die Ausnahme ist. Es sind oft die gleichen Leute, die einen brutal aussaugen und die auf der anderen Seite nicht bereit sind, einen Finger für einen selbst zu krümmen.
Ich weiß, dass das nicht nur mir so geht. Ich höre Ähnliches von anderen Predigern oder Leitern, denen es ähnlich geht. Deshalb bitte ich euch: Macht eure Leiter nicht kaputt!
Erwartet nicht Übermenschliches von denen, die „vorn“ stehen.
Sie sind auch nur Menschen mit einem 24-Stunden-Tag. Und sie wollen auch einmal Freiraum, einfach sie selbst zu sein, zu atmen und irgendwann das Gefühl zu haben: „Was ich tue, ist okay und reicht aus!“

Vielleicht ist aber diese Hoffnung schon in sich falsch. Vielleicht ist das ja der Weg, auf den Jesus ruft. Johannes Chrysostomos, der große Prediger in Konstantinopel, hat einmal gesagt: „Der Märtyrer stirbt einmal für seinen Herrn. Der Hirte stirbt tausendmal für seine Herde.“ Vielleicht muss das ja so sein. Vielleicht lässt Gott das extra zu, dass die Hand, die das Futter gibt, auch noch gebissen wird. Und vielleicht reicht es wirklich aus, dass Jesus da ist.
Und dass er sagt: Ich sehe, wer du bist, was du tust, was du schaffst und was du nicht schaffst. Und ich stehe zu dir, egal, ob die Leute dich verstehen, ob du in ihren Augen ein Versager bist, ob sie dich verachten und verurteilen. Vielleicht reicht es ja wirklich aus, dass er sagt: „Hey, weil du in mir bist, gibt es keine Verdammnis für dich. Du brauchst nicht mehr zu sorgen, sondern du darfst heilig sein. Dein Job ist es nicht, alle zu überzeugen, ihnen zu zeigen, dass du doch ganz okay bist, sondern einfach, sie zu lieben, sie zu segnen und weiter für sie da zu sein. Weil ich für dich da bin.“
Vielleicht reicht das ja. Vielleicht ist das ja genug. Sicher ist das genug, wenn Jesus mir nahe kommt, mich zu sich hochzieht und sagt: Entspann dich, Junge. Vergib denen von Herzen, gegen die du eine Klage hast. Du willst ja auch, dass sie dir vergeben bei ihren Klagen gegen dich. Vergib ihnen von Herzen, Roland. Dem scheinheiligen Pastor mit dem Weintrick. Dem ergrauten Bruder mit seinem Krawattentick. Und dem unbarmherzigen Briefeschreiber, der keine Ahnung davon hat, wie dein Leben wirklich aussieht. Vielleicht ist es ja genug, wenn Jesus kommt und zu dir und zu mir und zu uns allen sagt: „Don’t worry — be holy!“ Entspann dich und konzentriere dich auf das eine, was wirklich wichtig ist.
Oder was meint ihr?

Herzlich euer
Roland Werner

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