29. Reggae, Rum und Real Worship

29. Reggae, Rum und Real Worship

„And while you are here – be a Jamaican!“. Mit diesen Worten begrüßte uns die Distriktbürgermeisterin der Provinz Clarendon auf Jamaica vor einigen Wochen. Wir befanden uns in einem Empfang, zu dem Leiter der Kirchen und der Politik eingeladen waren. Mit vielen Reden und einem echt jamaikanischen Buffett wurden wir willkommen geheißen. Bei den etwa dreißig Grad Celsius und einem leicht feuchten Klima schwitzte ich in meinem Anzug komplett mit Weste und Schlips ziemlich. Eigentlich hatte ich mir ja bei meiner Konfirmation geschworen, nie mehr eine Krawatte zu tragen. Aber für das Ziel, Menschen für Jesus zu erreichen, tut man ja einiges. Zum Beispiel sich an die Kultur anpassen, damit ich Leute nicht vor den Kopf stosse, sondern ihr Herz erreiche.
„Be a Jamaican!“ So sprach die beieindruckende Dame. Ihr offizieller Titel war „Her Worhip the Mayor, Councillor Minnie Clarke“, also etwa „ihre Verehrungswürdigkeit die Bürgermeisterin, Ratsmitglied Minnie Clarke. So musste man sie anreden. Die breite goldene Amtskette wies sie als politischen Kopf der Provinz aus. Und das war ihr Rat an uns: Solange wir in Jamaika waren, sollten wir Jamaikaner sein. Das versuchten wir dann auch.
Wie kamen wir hier her? Elke und ich waren einer Einladung von örtlichen Kirchen gefolgt und zu einer Evangelisation auf die Karibikinsel gefahren. Die Freunde, denen ich das erzählte, nahmen mir das nicht ganz so ab: Evangelisieren? Ihr wollt doch nur am Strand liegen und Sonne tanken!
Na ja, als Leiden für Jesus will ich die zehn Tage auf der Insel auch nicht gerade verkaufen. Aber die reine Erholung war es nun auch wieder nicht. Schließlich wollte und sollte ich das Evangelium verkünden. Wie kam es dazu?

Vor einigen Jahren war Billy Graham nach Jamaika eingeladen worden. Doch er hatte abgesagt. Dann merkten die Verantwortlichen, dass eine der Hauptnotwendigkeiten für die Christen dort die Schulung zum Weitergeben des Glaubens ist. Also wurde die „Billy Graham Gesellschaft“ eingeladen, einen landesweiten Kurs in persönlicher Evangelisation und Gesprächsfähigkeit durchzuführen. Außerdem wollte man parallel in mehreren Städten eine größere Evangelisation durchführen, die dann in eine weitere Veranstaltungsreihe mit Franklin Graham, dem Sohn von Billy, in der Hauptstadt Kingston münden sollte. Warum ich nun gerade eingeladen worden war, um dort in einer der Städte im Landesinneren zu sprechen, ist mir bis heute nicht ganz klar. Aber das war eigentlich auch egal. Auf jeden Fall hatten wir uns in den Flieger gesetzt und gelangten nach Umsteigen in London in ungefähr 14 Stunden nach Montego Bay, der zweitgrößten Stadt.

Sehr sympathisch war mir gleich, dass der Pastor, der uns dort spät abends abholte, auch Roland hieß. Es war dann auch ein entsprechend netter Mensch.

Wir übernachteten im Haus seines Bruders, der Polizeiinspektor war und fuhren dann morgens um 6 Uhr los. Es ging die Nordküste entlang, wo eine Touristenhochburg neben der anderen liegt. Nach echt jamaikanischem Frühstück gegen 10 Uhr — Ackee und Salzfisch mit gekochten Bananen und Spinat serviert — bogen wir schließlich von Ocho Rios nach Süden ins Landesinnere ab nach May Pen. Dieser Ort ist nach einem anglikanischen Geistlichen mit Namen William May benannt, der vor rund zweihundert Jahren dort lebte. May Pen ist die viertgrößte Stadt Jamaikas und ein Zentrum der Landwirtschaft. Etwa 50-60 Gemeinden aus May Pen beteiligten sich an der Evangelisation, die offizielle Zahl war 85, weil noch einige aus der Umgebung dazukamen. Allein das fand ich schon erstaunlich. Erstens, dass es überhaupt so viele Gemeinden gibt, und zweitens, dass sie so eng und einmütig zusammenarbeiten, wenn es darum geht, Jesus zu verkündigen. Von den Anglikanern über die Baptisten und anderen evangelikalen Gruppen bis hin zu den Pfingstlern und charismatischen Gruppen waren alle dabei. Bis zum Ende wurde ich kein einziges Mal gefragt, welcher Kirche ich denn nun angehöre. Das schien keinen zu interessieren, so lange ich nur Jesus verkündigte.

Überhaupt fühlte ich mich geehrt, als Hellhäutiger (Elke stach optisch immer aus der Masse der Besucher heraus) und als Deutscher dort sprechen zu dürfen. Jeder der Pastoren hatte die Fähigkeit, lauter als ich zu beten. Meine Stimme reicht nicht an die Hälfte des normalen jamaikanischen Predigervolumens heran. Und dennoch, wann immer ich meine Zweifel äußerte, ob ich denn so der Richtige sei, da doch die meisten Pastoren dort eindrücklicher und begeisternder predigen konnten als ich, wurde mir gesagt: „But you are the chosen one!“ „Aber du bist der Auserwählte!“ Wow, das tat gut! Das ganze fand auf dem landwirtschaftlichen Ausstellungsgelände statt. Einmal im Jahr treffen sich dort alle Kühe Jamaikas zu einem Schönheitswettbewerb. Als Ort für eine christliche Veranstaltung wurde das Gelände offenbar noch nie benutzt, obwohl das Gebäude neben der Tribüne den blumigen Namen „The Grace Pavilion“ – „Der Pavillon der Gnade“ trug. Vielleicht war er aber auch nur nach einer Dame mit dem Namen Grace benannt.

Vor dem eigentlichen Beginn gab es einen Probedurchlauf mit Gottesdienst. Der Massenchor mit über 400 Sängern war aufgestellt, die Ordner und Seelsorgehelfer und andere Mitarbeiter sowie alle Pastoren waren da. Bei einem Probedurchlauf geht es ja darum, mögliche Fehlerquellen auszuschalten. Eine davon war sehr offensichtlich: Das Soundsystem fehlte. Der Verantwortliche war einfach nicht angerückt, und so mussten ein paar Jungs noch schnell ein kleineres von einer Gemeinde ankarren. Das verzögerte unseren Probedurchlauf natürlich ziemlich, und ich verkürzte meine Ansprache auf etwa 5-10 Minuten. Das Gute aber war, dass wir zumindest eine größere Schwachstelle entdeckt hatten, die dann auch behoben werden konnte.
Es ging dann am nächsten Abend los. „Celebrate Jesus 99“ war das Thema, und so war auch die englische Fassung des Christival-Gebetsbewegungsschlagers der Themasong der landesweiten Evangelisation. Das Feld vor der Tribüne füllte sich kontinuierlich, bis etwa 4000 Leute da waren. Während der ganzen Zeit sorgte eine Anbetungsband für fröhliche Musik.

Wenn Jamaikaner singen, dann singen sie. Und wenn sie singen, dann stehen sie auf. Und wenn sie stehen, dann klatschen sie. Und wenn sie klatschen, dann bewegen sie sich.

Singen, klatschen, tanzen – all das ist Teil des selben Vorgangs. Selbst die Omas, die beim besten Willen nicht mehr von ihren Stühlen hochkamen, rockte und swingten noch im Rhythmus mit. Da wurde selbst ich (kühler, eher norddeutsch geprägter Typ) locker. Die leitenden Pastoren beteten immer noch kurz im Grace Pavilion mit mir und dann ging es auf die Bühne. In meiner Naivität und Unkenntnis der Kultur dachte ich anfangs, dass wir ja direkt die Treppe hoch aufs Podium benutzen könnten. Doch da lag ich vollkommen falsch! Angesagt war vielmehr, dass wir in einer feierlichen Prozession durch die singend, swingende und lobpreisende Menge zogen, begleitet von Händeschütteln und Segensrufen der Leute. Die Videokamera, die dann vor der Bühne jeden unserer Schritte aufnahm, tat ein Übriges, um uns zu zeigen, dass wir willkommen und wichtig waren. Erst wenn wir oben waren, mündete der allgemeine Lobpreis ins Themalied und dann ging das offzielle Programm los.

Ich will euch jetzt nicht mit allen Details der Abende langweilen. Aber was mich besonders beeindruckt hat, war die Offenheit der Leute für das Evangelium. Die Leute waren mit einer großen Erwartungshaltung gekommen. Sie hörten aufmerksam auf die Predigt und waren sicher, dass Gott zu ihnen und zu ihren Freunden sprechen würde. Im Lauf der Abende wuchs die Anzahl der Besucher — nach einem kleinen Rückgang am zweiten Abend — auf gut 6.000 Menschen an. Und jeden Abend öffneten viele ihr Herz für Jesus. Dabei ging es nicht darum, sich „einen Segen abzuholen“ oder „mal eben nach vorn zu gehen, um zu schauen, was dort los ist“. Sondern es ging ganz klar um Abkehr von falschen Lebenswegen und Hinkehr zu Jesus.

„Be a Jamaican“. Das hatte Minnie Clarke uns am Anfang gesagt. Am letzten Abend kam sie selbst und Elke konnte noch mit ihr beten.  Das war sowieso ein wesentlicher Teil unserer Zeit in Jamaika. Rum sahen wir nicht, Reggae hörten wir nur im Radio und teilweise bei den Rhythmen der Anbetungslieder. Aber wir konnten das Land mit Licht- und Schattenseiten kennen lernen und vielen Leuten sehr persönlich begegnen. Ich hielt eine Ansprache vor dem Regionalparlament. An einem Morgen um 7 Uhr sprach ich bei einer Schulandacht im Freien vor 1500 Grundschülern. Wir besuchten ein Behinderten- und Altenheim, in dem je 30-40 Leute in einem Schlafsaal zusammen lagen. Wir sprachen und beteten an einem Strand mit Fischern. Wir beteten mit der sterbenden Mutter eines hoch gestellten Politikers. Wir predigten in einer örtlichen Baptistenkirche – Elke im Frühgottesdienst um 6:45 Uhr und ich im Hauptgottesdienst um 10 Uhr. Wir hörten viele Geschichten aus der Zeit, als die Jamaikaner noch Sklaven der englischen Großgrundbesitzer waren. Und wir erfuhren die überwältigende Gastfreundschaft der leitenden Pastoren am Ort.

Was habe ich gelernt? Für mich war es großartig zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Christen in Jamaika ihren Glauben weitersagen. Fast jeder in Jamaika weiß genau, was Christsein heißt, und ob er Christ ist oder nicht. Selbst der Taxifahrer, der uns in Kingston zum Flughafen fuhr, erzählte uns wie selbstverständlich, dass seine Frau Christ sei, er selbst früher einmal Christ war, jetzt aber nicht mehr, aber dass er zu zwei der Abende mit Franklin Graham gehen würde und vielleicht würde ihn Gott dort ja wieder zum Christen machen. Gefreut habe ich mich über die Zusammenarbeit der Christen und über den Worship, der die ganze Person umfasst. Und dankbar bin ich zu Gott, dass ich einen ganz kleinen Beitrag dazu leisten konnte, dass Jamaikaner in die Freiheit hineinkommen, die Gott für alle seine Kinder bereit hält. Das war’s für heute.

Herzlich euer
Roland Werner

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