28. Erweckung braucht das Land

28. Erweckung braucht das Land

Über Silvester war ich in Holland bei Mission 99. Ein beschaulicher Jahreswechsel war es nicht gerade, da außer mir noch etwa 7000 andere Leute in der Halle mitfeierten. (Mehr dazu auf Seite 24 …)
Als der Silvesterabend kam, ging voll die Post ab. Die tausend Norweger rückten im Rudel an. Jeder von ihnen schien eine eigene Flagge dabei zu haben. Auch die Schweizer sparten nicht mit ihrer Nationalfahne. Einige hatten sogar die Fahne ihres Kantons dabei, vor allem die aus dem Wallis. Besonders heiß waren auch die Griechen, die Italiener und die Portugiesen. Diese hatten sich ihre Landesfarben praktischerweise gleich ins Gesicht gemalt. In dem unübersehbaren Fahnenmeer wagten zwei Deutsche ganz schüchtern, eine deutsche Flagge zu schwingen. Ein dritter hatte noch ein Plastikteil dabei, das er vorsichtig in die Luft hielt. Einer von ihnen sprach mich noch vor der Abendveranstaltung an und meinte halb entschuldigend, er brauche sich dafür nicht zu schämen, da es doch die Fahne der Demokratie sei. Silvester selbst war dann ein irres Erlebnis. Wir feierten, wir beteten, wir tanzten und wir umarmten einander. Die Stimmung war bombig. Jesus war im Zentrum, und der Auftrag, in der Welt sein Evangelium auszubreiten.

Am ersten Januar kam eine deutsche Teilnehmerin auf mich zu. Weil ich im Vorstand von Mission 99 war, fragte sie, ob ich ihnen einen Raum besorgen könnte, in dem sie zusammen mit anderen deutschen Teilnehmern beten könnte. Ihnen war aufgefallen, dass die Leute aus anderen Ländern viel spontaner und begeisterter reagierten. Die Sache mit der Flagge hatte das für sie noch einmal ausgedrückt. „Warum haben wir eigentlich so ein gespaltenes Verhältnis dazu, dass wir Deutsche sind?
Warum können wir nicht genauso unbefangen sein wie die anderen europäischen Kids?
Und was ist mit uns los, dass wir immer einen auf kritisch und distanziert machen müssen, dass wir unsere Gefühle immer kontrollieren und niederhalten?“ Damit mich kein Leser missversteht: Es geht mir nicht um die Flagge an sich, erst recht nicht um die deutsche. Im Himmel werden wir sowieso nur noch eine schwenken, nämlich die Fahne von Jesus und seinem Reich. Und ich bin voll dafür, dass wir immer mehr Nationalgrenzen abbauen und dass in der Gemeinde die Internationalität schon gelebt wird. Aber was die Teilnehmerin sagte, war nicht nur ihr eigenes Gefühl, sondern das von vielen. Es geht um etwas viel Tieferes. Nämlich darum, ob wir wirklich etwas von Gott erwarten für unser Land und für die junge Generation. Oder ob wir schon längst resigniert haben. Ob wir glauben, dass Gott auch in Deutschland etwas Neues tun will, oder ob wir nur noch tatenlos den schleichenden oder galoppierenden Abbruch aller christlichen Überreste hinnehmen wollen. Die deutschen Teilnehmer bei Mission 99 jedenfalls wurden von dieser Vision gepackt: Was in anderen Ländern möglich ist, muss doch auch bei uns möglich sein!

Ich konnte ihnen keinen Raum besorgen, da alles restlos überbelegt war. So trafen sich etwa achtzig Leute auf dem Hauptflur zum Gebet. Ein JesusFreak aus Nürnberg schwang die Gitarre — und los ging es mit Lobpreisliedern. Das öffentliche Gebetsmeeting dauerte eine Stunde. Dann verabredeten sich alle wieder für die Zeit nach dem Abendessen. Ich war nur kurz dabei – diesmal in einem Raum – als fast 200 deutsche Teilnehmer anfingen, für Erweckung in unserem Land zu beten. Für mich war diese spontane, ungeplante Veranstaltung einer der Höhepunkte des ganzen Kongresses. Denn hier hatten junge Leute den Mut, einem Impuls zu folgen und anzufangen, praktische Schritte zu gehen. Sie sahen, was ist, und hatten eine Vision von dem, was sein könnte. Und sie fingen an, andere zusammenzurufen und gemeinsam für Veränderung zu beten. Wenn wir etwas brauchen in unserem Land, dann ist es eine neue Vision, eine neue Sicht für das, was Gott durch uns tun will. Eins der größten Probleme bei uns ist meiner Meinung nach der Zwang zur Mittelmäßigkeit. Der Anpassungsdruck ist unwahrscheinlich stark. Nur nicht aus der Reihe tanzen! Nur nicht enthusiastisch werden! Nur nicht etwas anfangen, was hinterher nicht gelingt! Die Angst vor Kritik ist sehr groß — und sehr berechtigt, denn wir sind sehr schnell dabei, alles und jedes zu kritisieren. Und so stellen wir uns selbst ständig Hindernisse in den Weg. Wir blockieren uns selbst. Viele wollen Erneuerung und Erweckung. Viele sehnen sich nach einem neuen Aufbruch. Aber mindestens genauso groß wie die Sehnsucht danach ist die Angst davor, dass etwas geschieht, was man nicht mehr kontrollieren kann. Erweckung ja, aber bitte in der Art und Weise, in der Glaubensform, die ich kenne und gut finde!

Doch so kommen wir nicht weiter. Und Stillstand ist Rückschritt. Wer die Zeichen der Zeit sieht, erkennt dies. Deshalb möchte ich Mut machen, konkrete Schritte in Richtung Aufbruch, Erweckung, Erneuerung zu gehen. Wie du es genau nennst, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es passiert. Was sind die notwendigen Schritte?

Erstens: Einheit suchen. Wir müssen unsere Mauern niederreißen und unsere aufeinander gerichteten Waffen niederlegen.
Wir müssen die anderen als Schwestern und Brüder in Jesus erkennen und anerkennen und, wo irgend möglich, zusammenarbeiten. Dazu gehört auch, einander um Entschuldigung zu bitten und zu vergeben.
Zweitens: Gebet. Wir brauchen eine neue Gebetsbewegung, überall, in allen Dörfern, Städten, in allen Gemeinden und Gruppen. 2. Chronik 7, 14 gibt diese Verheißung: „Wenn mein Volk, das nach meinem Namen genannt ist, sich demütigt und betet … dann will ich hören vom Himmel, ihre Schuld vergeben und ihr Land heilen.“ Ohne Gebet läuft gar nichts. Das haben alle Menschen Gottes zu allen Zeiten gewusst.
Drittens: Mutige Initiativen. Wir brauchen mehr Kreativität. Mehr Freisetzung von neuen Ideen. Wir müssen aus unserem Ghetto ausbrechen und auf die Straßen und in die öffentlichen Orte. Nur so haben andere überhaupt die Chance, uns zu fragen und auch den Weg zu Gott zu finden. Es gäbe noch mehr Schritte. Aber wenn wir diese drei konsequent in die Tat umsetzen, werden wir erleben, wie Gott handelt und neuen Aufbruch gibt — auch in unserem Land. Dafür will ich mich einsetzen. Bist du auch dabei?

Herzlich, dein
Roland Werner

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