27. Hollywood, Träume und der triste Alltag

27. Hollywood, Träume und der triste Alltag

Vor ein paar Wochen war ich mit Torsten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Torsten ist ein Mitarbeiter bei FRIENDS, und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist natürlich Kalifornien. Während es in Deutschland pflichtgemäß Katzen und Hunde regnete, schien dort die Sonne selbstverständlich und unverschämt auf sowieso schon gebräunte und durchgestylte kalifornische Körper. Dass das Leben ungerecht ist, wusste ich schon lange … (Noch ungerechter ist es wahrscheinlich für alle, die dies lesen und sich ärgern, dass sie nicht zumindest ein paar Tage aus dem Mistwetter herauskommen konnten. Verzeiht mir …)
Wir waren dort zu einer Konferenz in Hollywood. Pastoren und Evangelisten trafen sich mit Filmproduzenten, Regisseuren und
screen-writers, Drehbuchautoren. Gemeinsam wollten wir herausfinden, welche Stimme wir als Christen in der bezaubernden Welt der Filmmedien haben können.
Es war wirklich bezaubernd und faszinierend. Den Autor von Braveheart zu treffen und andere Größen der Filmindustrie, das war schon etwas. Berühmte Leute überall um einen herum. Man konnte die Bedeutsamkeit dieser Leute förmlich mit Händen greifen. Ein gemeinsamer Nenner war, dass sie alle einmal klein und unbekannt angefangen hatten, es nun aber geschafft hatten. Sie waren gemachte Leute. Bekannt, verehrt, bewundert, beneidet. Kein Wunder, dass die Faszination von Hollywood
sich wie ein Teppich von Schnee über alle legt. Wahrscheinlich auch kein
Wunder, dass es in Hollywood ungefähr 80.000 arbeitslose Schauspieler gibt, die auf ihre große Stunde warten. Auf die große Chance ihres Lebens. Auf den Augenblick, in dem sie aus dem Schatten der Unbekanntheit heraustreten können in das Neonlicht des Ruhms.
Das ist der Traum vieler Menschen – nicht nur in Hollywood. Endlich die Traumkarriere, das Traumgehalt, das Traumhaus, den Traumjob finden. Endlich aufbrechen aus dem tristen Alltag. Endlich alle Träume wahr machen. Endlich erleben, was man hofft.

Was in Hollywood so spürbar war, kenne ich aus meiner eigenen Erfahrung. Die Gegenwart kommt mir häufig leer, unwichtig, unbedeutend vor. Irgendwann muss es doch mehr geben, irgendwo muss doch der Kick liegen. Irgendwie muss ich nur den richtigen Schalter finden, dann kann ich so richtig durchstarten.
Irgendwann will ich etwas richtig Großes und Bedeutsames für
Gott tun. Ich will das fühlen und spüren, dass mein Leben Sinn hat. Dass es eine Bedeutung hat, was ich tue. Und so sitze ich in meiner Warteschleife, die gekennzeichnet ist vom Wechselspiel von Frust und Hoffnung. Ich träume und warte, hoffe und plane, ich lebe im Morgen oder in der Vergangenheit.

Nur eins tue ich nicht: Die Gegenwart ergreifen. Ich sehe nicht die Chance des Heute. Mein Leben heute ist irgendwie nicht wichtig genug,

um geachtet und wertgeschätzt zu werden. Wenn irgendwo irgend etwas los ist, bin ich gerade nicht da. Die Action ist immer woanders.
Für Gott etwas tun – ja, das könnte ich, wenn ich irgendwo anders wäre, zum Beispiel in Afrika. Oder einem Katastrophengebiet. Zur Not noch als
Mitarbeiter in einem christlichen Werk hier in Deutschland. Anderen von Gott erzählen – ja, das könnte ich, wenn ich besser reden könnte, wenn ich alle Argumente hätte, wenn ich heute besser drauf wäre. Anders leben, positiv anstößig – ja das würde ich, wenn ich besser ausgebildet wäre und mich mehr Leute unterstützen würden. Nicht, dass mir der gute Wille fehlt. Aber die Voraussetzungen sind einfach nicht gegeben. Vielleicht später, wenn sich die Lage ändert. Wenn es nicht mehr so viele Probleme gibt, wenn …

Nicht nur die 80.000 Möchtegern-Stars in Hollywood hängen ihren Träumen nach. Doch für sie und für mich und für alle gilt, dass solche Träume die größten Feinde der Wirklichkeit sind. Wenn ich nur noch träume und nicht mehr lebe, dann ist der Wurm drin. Wenn Träume zum Ersatz für die Wirklichkeit werden, dann behindern sie mich und mein Wachstum als Christ.
In einem alten Gebet steht ein Satz, der genau das ausdrückt: „Hilf aus den Gedanken ins Leben hinein, ganz ohne Wanken dein Eigen zu sein!“ Weg vom reinen Denken hin zum wirklichen Leben. Als Christen können wir lernen, den Alltag unseres Lebens anzunehmen und aktiv zu  gestalten. Wir müssen nicht in eine Traumwelt fliehen. Jesus hat mitten
im Alltag Gottes Willen getan. Der Schlüssel dafür, diese Welt für Gott zu
gewinnen, ist einfach, dass jeder seine eigene Alltagswelt erreicht.
Das ist einfach und schwer zugleich. Aber es ist möglich. Jesus sagt uns,
dass wir „in“ der Welt, aber nicht „von“ der Welt sind. Er will uns fähig machen, diese Welt zu verändern. Und zwar mitten im Alltag. Er will uns Träume geben, die nicht lähmen, sondern dazu freisetzen und anspornen, wirklich etwas Neues anzufangen.
In Hollywood kamen vor zehn Jahren ein paar Christen zusammen. Sie fingen an zu beten, zu träumen, zu planen. Ihre Vision war ein Netzwerk von Christen, die in der Filmbranche tätig sind. Heute gehören zu diesem Netzwerk über 4000 Leute. Gemeinsam versuchen sie, ihre Welt, Hollywood, mit der Liebe und der Wahrheit Gottes zu durchdringen. Jeder an seinem Ort. Sie treffen sich zu Schulungen, zum Austausch und zum Gebet. Mitten in Hollywood baut Gott seine Gemeinde auf. Das tut er überall.

Vermutlich ist dein Alltag nicht Hollywood. Meiner auch nicht. Ich wohne in Marburg und bin viel auf Tour. Das bedeutet, viele Leute zu treffen, hier und da im Mittelpunkt zu stehen. Aber es bedeutet auch lange Autofahrten am Tag und bei Nacht, wenn ich viel lieber spazieren gehen würde. Es bedeutet einen unregelmäßigen Lebensrhythmus, der den Körper ganz schön schlaucht.
Ich weiß nicht, wie dein Alltag aussieht. Aber eins weiß ich: Jesus ist bei dir. Er ist das Licht mitten in deiner Wirklichkeit. Er ist mehr als nur ein schöner Traum. Und deshalb möchte ich dich ermutigen, nicht nach Hollywood zu schauen. Auch nicht nach Marburg oder anderswohin. Sondern auf Jesus zu schauen. Und  dann mit ihm auf die Welt, die er durch dich berühren will. Und dann wirst du Wunder erleben. Mitten im Alltag. Da, wo du sie brauchst. Zwar werden nicht alle deine Träume wahr. Aber du wirst merken, dass du selbst Teil des großen Traumes Gottes bist. Und zwar als einer der Hauptdarsteller.

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