26. Ehrlich werden

26. Ehrlich werden

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“ Wie oft habe ich das gebetet — auf Deutsch und in allen möglichen anderen Sprachen. Eine grobe Schätzung über mich selbst ergibt, daß ich bei etwa 40 Prozent der Fälle die Sätze einfach spreche, ohne mir über ihren Inhalt weitere Gedanken zu machen. In etwa 20 Prozent der Fälle denke ich darüber nach, wem ich was zu vergeben habe und da fällt mir relativ schnell viel ein. Dann denke ich meistens: Gut, dass es dieses Gebet gibt, damit ich daran erinnert werde diesen unmöglichen Sündern großmütig zu vergeben. Und ich hoffe, dass der Sünder zumindest weiß, wie nett ich bin, ihm zu vergeben.
In etwa 20 Prozent versuche ich ernsthaft, mir meine gegenwärtigen oder gerade begangenen Sünden ins Gedächtnis zu rufen, damit ich sie in das Gebet einpacke. In etwa 15 Prozent freue ich mich darüber, daß ich so zu Gott reden darf, dass er uns dieses Gebet anbietet. Und die restlichen 5 Prozent — oder sind es nur ein Prozent? — merke ich, wie Gott mich in eine Tiefe und Weite führt, in der ich diese Worte echt beten kann. Für mich, aber auch stellvertretend für die vielen, die nicht mehr oder noch nicht wissen, was Beten ist. Dann bete ich es und meine es wirklich:

„Vergib (obwohl ich es wirklich nicht verdiene) mir (dem alten Versager, der immer noch nichts dazugelernt hat) meine Schuld (die real ist und mir vor Augen steht), wie auch ich (wer bin ich eigentlich, daß ich etwas anderes tun könnte) vergebe (und zwar gern, weil mir soviel vergeben ist) …“

Vergib uns unsere Schuld. In der Bibel ist häufig von unserer Schuld die Rede, ob uns das passt oder nicht. „Denn unsere Missetat stellst du vor dich, unsere unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht“ (Psalm 90, 8). Das ist unbequem. Wer hat schon Lust, an die negativen Punkte in seinem Leben erinnert zu werden? An die echten Versager?
Deshalb haben wir im Lauf der Jahre eine echte Meisterschaft darin entwickelt, diese Sachen zu verdrängen. Wenn wir Fehler machen, schuldig werden, Leute verletzen, feige sind, lügen, faul sind, ungerecht und unbarmherzig, stolz, rechthaberisch und so weiter …, haben wir meist eine Erklärung auf Lager, warum wir gar nicht anders handeln konnten und warum dies eine Ausnahme ist. Es fällt uns nicht leicht, uns zu unseren Sünden und Fehlern zu stellen, nicht vor Menschen und auch nicht vor Gott. Scheinbar ist es vor Menschen noch schwerer als vor Gott, weil wir Gott nicht sehen und meistens seine direkte Reaktion nicht so mitkriegen.
In Wirklichkeit ist es aber noch viel schwerer, wirklich vor Gott ehrlich zu werden. Ich fürchte, dass wir häufig deshalb nicht zur Freude der Sündenvergebung durchdringen, weil wir nur zu einem Bild von Gott reden. Zu einem zahmen Gott, zu einem Wunschbefriedigungsgott, und nicht zu dem wahren, heiligen, lebendigen Gott, der zu fürchten ist.

Als ich vor ein paar Wochen im Christus-Treff Gottesdienst hier in Marburg predigte, gingen die Wogen hoch. Am Abend in den diversen Kneipen, sogar am nächsten Tag in der Mensa wurde diskutiert, ob man so predigen darf. Dabei hatte ich gar nichts Außergewöhnliches gesagt. Es ging um Psalm 32: „Wohl dem Menschen, dem die Übertretungen vergeben sind …“ Ich sagte: „Das ist keine Selbstverständlichkeit, daß Gott uns vergibt. Ich könnte euch jetzt eine Predigt halten, die euch allen gut tut, die beschreibt, wie toll es ist, die Gewißheit der Sündenvergebung zu haben. Aber ich möchte zuerst einmal klar machen, vor welchem Hintergrund David hier so jubelt. Nämlich dem Hintergrund, daß es gar nicht selbstverständlich ist, dass Gott vergibt. Unbewußt haben wir alle die Auffassung aufgesogen, daß Gott ja vergeben muss. Dazu ist er schließlich da. Aber für David ist das keine Selbstverständlichkeit. Deshalb freut er sich auch so, als er begreift, dass Gott ihm vergibt — seinen Ehebruch, seinen Mord, seine Ichbezogenheit, seine Feigheit, seine Vertuschungstaktik. Und noch eins ist überhaupt nicht selbstverständlich: Nämlich, dass jemand bereit wird, seine Schuld einzugestehen, wie David es tat. Das ist eher die Ausnahme. Nicht nur bei Politikern. Sondern auch bei uns.“

Soweit ein paar Gedanken aus der Predigt. Was mich echt verwundert hat, waren die vielen Reaktionen. Viele kamen auf mich zu und sagten, dass die Predigt ihnen unwahrscheinlich geholfen hätte. Andere gingen während des Gottesdienstes raus. Ich staune, dass viele Christen so etwas schon grenzwertig finden, zumindest ungewöhnlich.
Es ist halt nicht der typische Auferbauungsbalsam: Du bist einzigartig, außergewöhnlich, ein Geschenk an deine Umgebung, an die Menschheit und letztlich auch an Gott. Ehrlich werden ist anscheinend schwer. Ehrlich werden und zugeben, daß wir nicht nur eine Bereicherung für andere sind (sind wir Gott sei Dank auch!), sondern häufig auch eine Belastung. Ehrlich zugeben, dass wir nicht die perfekten Christen sind, die wir gern sein würden und nach außen häufig darstellen. Ehrlich sagen, dass wir Probleme haben, unausgebügelte Charakterzüge, egoistische Verhaltensweisen, halbbewusste Selbsttäuschungstaktiken, und auch so gewöhnliche Sünden wie Eifersucht, Neid, Geiz, Hochmut, Fresssucht, überhaupt Sucht, Streitsucht, Unversöhnlichkeit, dumme Gedankenlosigkeit, Vorurteile, Bequemlichkeit, Faulheit etc. unser Denken und Handeln bestimmen.
Dabei haben wir als Christen eigentlich überhaupt nichts zu verlieren. Wir könnten doch die ehrlichsten Menschen auf der Erde sein. „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s herrlich ungeniert.“ Und mein Ruf ist doch schon längst kaputt, wenn ich bete: Vergib mir meine Sünden! Da habe ich es doch schon zugegeben, dass ich Sünden, Versagen, Schuld, habe, oder?
„Halt, Roland, das ist doch religiös gemeint. Das ist so eine Formel, die wir sagen, damit wir uns wieder Vergebung abholen. Aber das heißt doch nicht, daß wir im richtigen Leben uns die Blöße geben, Fehler einzugestehen, Schuld zu bekennen, einen Entschuldigungsbrief zu schreiben oder Anruf zu machen … Der Ehrliche ist doch immer der Dumme. In diesem Leben wird dir nichts geschenkt. Gelobt sei, was hart macht …“
Wie bitte? Anscheinend habe ich irgend etwas falsch verstanden in der Bibel und beim Vaterunser. Kann mir jemand weiterhelfen? Ich hoffe auf euch dran-Leser!

Herzlich
Euer
Roland Werner

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