25. Zwischen Leben und Tod

25. Zwischen Leben und Tod

Kurz vor dem Abitur arbeitete ich als Sitzwache auf einer Intensivstation im Krankenhaus. Es war eine neurologische Station, wo Menschen mit Kopfverletzungen im Koma lagen. Ich erinnere mich, dass ich nach knapp zwei Wochen mit der Arbeit dort aufhörte, weil ich es seelisch nicht mehr verarbeiten konnte. Die Leute, die dort lagen, hingen buchstäblich zwischen Leben und Tod. Die Herzfunktion musste ständig überwacht werden. Die Lungen mussten regelmäßig abgesaugt werden, damit sie nicht verschleimten. Ein Mann hatte einen glatten Durchschuss durch beide Schläfen. Ein kleiner Junge war mit dem Fahrrad verunglückt, von einem Auto überfahren.
Als noch nicht Neunzehnjährigem fiel es mir schwer, dies zu verarbeiten und die Nächte hindurch dort zu sitzen. Also hörte ich auf.
Aber das Thema Tod lässt sich nicht ganz aus dem Leben heraus halten. Zwar haben wir es in unserer Gesellschaft zu einer echten Meisterschaft darin gebracht, den Tod zu tabuisieren. Nur die Amerikaner übertreffen uns darin noch: Manche Tote werden geschminkt und zurecht gemacht wie Filmstars auf der Höhe ihrer Karriere. Aber das Thema Tod lässt sich nicht verdrängen.

Für mich wurde es zum ersten Mal richtig greifbar, als ich siebzehn war. Ich war gerade von einem Austauschjahr in den USA zurückgekommen und freute mich, meine alten Freunde wiederzusehen. Einer davon war Thomas, ein „Jesus-People“, wie er im Buch stand. Äußerlich — mit langer Mähne und phantasievollen Klamotten, Jesuslatschen. Und innerlich — in einer einfachen und enthusiastischen Liebe zu Jesus.
Als ich bei ihm anrief, erzählte mir seine Mutter, dass er mit seinem Motorrad verunglückt war. Für mich war das besonders deshalb schlimm, weil ich keine Möglichkeit mehr hatte, von ihm Abschied zu nehmen. (Seitdem habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu Motorrädern. Auf der einen Seite bewundere ich die Dinger, die ja Abenteuer, Schnelligkeit und Flexibilität signalisieren. Auf der anderen Seite habe ich inzwischen so viele schwere Unglücke in meiner Umgebung mitbekommen, an die zehn davon mit tödlichem Ausgang, dass ich mich manchmal frage, ob junge Christen ihr Leben nicht besser in einem Missionsland aufs Spiel setzen sollten. Wenn es um den Kick geht: Zwischen Tod und Leben hängen kann man auch bei einem Katastropheneinsatz im Südsudan oder im Kosovo, beim Bibelschmuggeln in einem fanatisch-islamischen Land. Meine Meinung eben …).

Meine nächste intensive Auge-in-Auge-Begegnung mit dem Tod war die Krebserkrankung meiner Frau Elke vor zehn Jahren. Sie war aus dem Sudan zurück: Malaria, Amöbenruhr, Salmonellen, ständige Fieberschübe — all das waren nur die Nebenerscheinungen ihrer eigentlichen, lebensbedrohlichen Krankheit. Im Krankenhaus lag sie — ziemlich abgemagert und so schwach, dass sie kaum noch laufen konnte — dennoch in großer innerer Ruhe und Gelassenheit. Es war Anfang Oktober. Der leitende Arzt sagte mir: „Weihnachten werden Sie noch mit Ihrer Frau erleben, für Ostern kann ich nicht garantieren.“
Es kam dann doch anders, durch die Gebete vieler Freunde und die Möglichkeiten der Chemotherapie. Wir sind dankbar, dass die Erfahrung der Begrenztheit unseres Lebens uns immer wieder daran erinnert, worauf es ankommt. Und dass wir uns immer in diesem Spannungsfeld zwischen Leben und Tod bewegen — als Christen aber in der Gewissheit, dass der Tod es nicht schaffen wird, das Leben totzukriegen.

Jetzt befand ich mich vor ein paar Wochen wieder in einem Raum der neurologischen Intensivstation. Diesmal war es mein Bruder, der dort im Koma lag. Er war mit seinem Wagen mit offenem Verdeck auf einer Brücke durch die Luft geschleudert und auf den Kopf aufgeprallt. Seitdem war er bewusstlos. Nach einem Kampf um Leben und Tod hatte er sich jetzt etwas stabilisiert. Sein Körper war widerstandsfähig, da er intensiv Sport getrieben und gesund gelebt hatte. Aber das Gehirn war stark gequetscht und ein dickes Blutgerinnsel herausoperiert worden. In diesen Tagen gingen wir als Familie durch ein ganzes Kaleidoskop von Gefühlen. Hoffnung, Trauer, Hilflosigkeit, Unsicherheit und Gewissheit, bei Gott geborgen zu sein, alles stürzte auf uns ein. Zehn Tage später war es dann vorbei — der Hirntod wurde festgestellt. Ich weiß noch, wie auf einer der vielen Fahrten zwischen Duisburg und Marburg Elke das Steuer übernehmen musste, weil ich einfach nicht aufhören konnte zu weinen. Viele Szenen aus unserer gemeinsamen Kindheit drängten sich in die Erinnerung. Er war fast genau zwei Jahre jünger als ich. Seinen neununddreißigsten Geburtstag erlebte er im Koma.
Dann die Trauerfeier, der Weg zum Grab. Die Hilflosigkeit und der Schock bei vielen, die ansonsten Themen wie Tod und Sterben erfolgreich aus ihrer Welt heraushalten. Die beiden Töchter, die jetzt ihren Vater verlieren. Meine Eltern, die im Alter noch einen ihrer drei Söhne zu Grabe tragen müssen. Zwischen Leben und Tod. Auch solche Erfahrungen gehören zu meiner Welt.
Auf einem Kirchentag wurde Elke eingeladen, als Krebspatientin bei einem Podiumsgespräch mitzuwirken. Sie wurde als „Betroffene“ vorgestellt. In ihrer Einführung sagte sie, dass wir alle „betroffen“ sind. Keiner kann den Tod auf ewig verdrängen.

Die Frage ist: Was mache ich mit meinem Leben, das mir geschenkt ist? Und, vielleicht noch wichtiger: Wo entdecke ich Gottes Handeln in meinem Leben, wo bricht er durch den Vorhang hindurch in meine Welt? Für mich gab es in den letzten Wochen einige solcher Fingerzeige, durch die Gott uns zeigte: Ich bin da. Zum Beispiel als ich zum ersten Mal ins Krankenhaus kam, in dem mein Bruder lag. In der Eingangshalle sprach mich ein junger Arzt an: „Sie sind doch Herr Werner?“ Ich dachte, dass er mich aufgrund der Ähnlichkeit mit meinem Bruder anspreche. Nein, er war auf einer ganz anderen Station beschäftigt. Aber er kannte mich von Artikeln in christlichen Zeitschriften ( — welche, hat er nicht gesagt). Für mich war dies eine ungeheure Ermutigung, durch die Gott mir zeigte: Ich bin da. Auch in diesem Krankenhaus. Auch wenn du jetzt in die Intensivstation gehst. Genau da kannst du mich finden, mitten zwischen Leben und Tod!
Diese Erfahrung der Gegenwart Gottes zu allen Zeiten wünsche ich jedem, der dies liest.

Herzlich,
Euer Roland Werner

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