24. Vorbilder

24. Vorbilder

Vor ein paar Tagen war ich auf einem Jugendtreffen eingeladen. Wo, sage ich nicht. Thema: Stars, Sterne. Mehrere hundert Leute waren da. Ich war echt begeistert von dem Programm, daß sie auf die Beine stellten. Die Stars, die auftraten, waren atemberaubend. Besonders in ihrer Reihenfolge. Zuerst Blümchen — etwas verfremdet allerdings. Dann kam unter allgemeinem Jubel ein etwas jugendlicher Guildo Horn auf die Bühne und sang uns ermunternd zu, daß er uns lieb hat. Am Ende durfte ich dann auftreten, als Ernüchterungspille sozusagen. Denn unter Stars bin ich sicher nicht zu rechnen. Dafür trat ich im Gegensatz zu Blümchen und Guildo allerdings nicht als Double auf. Was ich dann gefragt wurde, fand ich jedoch wirklich spannend: Was sind Vorbilder in deinem Leben?

Meine erste Antwort war, — und ich meine das ernst, obwohl der Moderator und auch das Publikum mir an dem Jugendabend das offensichtlich nicht geglaubt haben — daß viele Jugendliche für mich Vorbilder sind. Leute, die teilweise 10, 15 oder 20 Jahre jünger sind als ich. Leute, die sich neben Job, Schule oder Studium für andere einsetzen. Die sich was einfallen lassen, wie sie in dieser Welt etwas für Gott bewegen können. Leute, die bereit sind, Unverständnis und Kopfschütteln und manchmal auch Ausgrenzung in Kauf zu nehmen, weil sie bewußt als Christen leben.
Für mich sind solche Leute Vorbilder, die ihre Freizeit dafür einsetzen, einen Jugendclub zu organisieren, Jugendgottesdienste auf die Beine zu stellen, Kindergruppen zu leiten oder die für ein paar Monate oder Jahre ihre Ausbildung unterbrechen, um an praktischen oder missionarischen Projekten mitzuarbeiten. Solche Leute sind für mich Vorbilder, weil sie noch nicht alles unter finanziellen Gesichtspunkten sehen und nicht vor allem darauf geeicht sind, ihre Karriere möglichst lückenlos voranzubringen.

Vorbilder — was für Leute waren das in meinem Leben? Nicht unbedingt bekannte Leute, sondern Menschen, die ein Ohr hatten für meine Fragen. Die ihr Haus öffneten. Die, obwohl sie sicher viel beschäftigter waren, als ich damals einschätzen konnte, sich Zeit für mich nahmen. Es waren Leute, die gleichzeitig Vorbilder und Freunde waren. Christen, die nicht vor allem Programme durchziehen wollten, sondern verstanden, daß Menschen wichtiger sind als Programme.
Von solchen Vorbildern habe ich unwahrscheinlich viel gelernt. Dabei war es oft so, daß ein ganz bestimmter Charakterzug bei dem einzelnen für mich wichtig wurde und mich zur Veränderung herausforderte. Das ist meiner Meinung nach auch der Unterschied zwischen einem Star und einem Vorbild. Ein Star ist jemand, den ich feiere, dem ich zujubele, und der oder die irgendein Ideal für mich verkörpert, das ich sowieso nie erreichen kann. Also bewundere ich den Star, himmle ihn oder sie an, und das war es dann. Der Star lebt sozusagen stellvertretend für mich. Er macht das tolle Ding, den großen Auftritt, erlebt die herzzerreißende Dramatik — und ich schaue zu, leide mit, freue mich mit, klatsche, kauf‘ mir die CD oder das Poster oder das Video und bleibe im übrigen selbst unverändert.

Ein Vorbild ist im Gegensatz dazu jemand, dessen bloßes Dasein, dessen Worte und Handlungen mich zur Veränderung herausfordern. Der Star will meine Bewunderung. Aber ein Mensch, der mir zum Vorbild wird, spricht mich ganz persönlich an. Ich kann nicht mehr bleiben wie ich bin, sondern bin selbst gefragt. Daß es in meinem Leben solche Vorbilder gab und gibt, ist für mich ein Grund für ganz große Dankbarkeit. Von jedem und jeder konnte ich etwas anderes abgucken und versuchen, es in mein Leben umzusetzen.
Vorbilder sind für mich Menschen gewesen, — und sind es noch — die mich herausfordern, mich zu verändern. Mehr so zu werden, wie Gott mich gedacht hat. Vorbilder, das sind Leute, die nichts von mir wollen, aber die bereit sind, mich in ihr Leben hineinschauen zu lassen. Leute, die ein echtes Interesse an mir haben, ohne mich bestimmen und abhängig machen zu wollen.
Vorbilder sind für mich vor allem solche Leute, die selbst immer noch auf dem Weg sind. Die nicht irgendwann mit 20, 30 oder 50 gesagt haben: Okay, das ist jetzt mein Stand, hier richte ich mich ein und kann mich zur Ruhe setzen. Sondern die sich selbst noch von Jesus herausfordern lassen, Neues zu wagen, verrückt zu sein, einen außergewöhnlichen Weg zu gehen.

Inzwischen ist mir klar, daß Gott mich auffordert, selbst ein Vorbild zu sein. In Wirklichkeit bin ich es schon längst — so wie jeder Leser von dran auch. Wir sind Vorbilder, ob wir es wollen oder nicht. Die Frage ist nur, was für Vorbilder wir sind. Abschreckende, langweilige, selbstbezogene — oder Vorbilder, denen andere echt was Positives abgewinnen können. Ich kenne viele junge und auch ältere Christen, die immer noch darauf warten, daß sie „entdeckt“, an die Hand genommen, gefördert werden, daß eins der großen „Vorbilder“ endlich Interesse an ihnen zeigt, während sie längst für andere Freunde und Vorbilder sein sollten. Viele wollen immer noch nehmen, nehmen, nehmen, während sie längst schon geben könnten. Jeder von uns ist ein Vorbild — ein Brief von Christus an andere, wie Paulus in 2. Korinther 3 schreibt. Daß ich ein Vorbild sein kann und nicht ein Zerrbild, darum bete ich und daran arbeite ich.

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