23. Unbekannte Helden

23. Unbekannte Helden

Ich war im Frühjahr wieder einmal einige Wochen im Sudan. Es war, wenn ich richtig zähle, mein fünfzehnter Aufenthalt in diesem größten Land Afrikas. Ein Land voller Gegensätze: Hundertausende Quadratkilometer Wüste im Norden, Steppen, Wälder und Nilsümpfe im Süden. Ein Land, in dem einige wenige sehr Reiche leben, und Unzählige, die so arm sind, daß mir die Worte fehlen, es zu beschreiben.
Ein Land, in dem — mit nur kurzen Unterbrechungen — seit über dreißig Jahren Krieg herrscht, in dem ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht sind, ganze Sippen sich vor den Soldaten in den Sümpfen verstecken, in dem ganze Stämme vom Aussterben bedroht sind.
Bevor wir fuhren, wünschte uns jemand einen schönen Urlaub. Urlaub? Zum Urlaub würde ich wahrhaftig woanders hinfahren als in dieses Land, dessen Menschen ich schätzen und lieben gelernt habe, und das doch so zerrissen und geschlagen ist.

Meet my world — Gott mutet mir zu, diesem Stück seiner Welt zu begegnen, immer wieder. Den Sandsturm zu erleben, bei dem sich die Sonne verdunkelt und der Staub durch jede Ritze dringt. Die bettelnden Kinder zu sehen, deren Eltern im Krieg umgekommen sind, und die jetzt auf den Straßen der Hauptstadt um ihr Überleben kämpfen. Zu erfahren, daß nur wenige hundert Meter von dem Haus entfernt, in dem wir wohnen, ein Mann wegen des Besitzes von Alkohol öffentlich ausgepeitscht wird, während die schaulustige Menge gafft und grölt.
Von Freunden, Muslimen und Christen, zu hören, wie sehr sie unter der gegenwärtigen Situation leiden.
Mitten drin begegne ich ihnen. Denen, über die nie ein Buch geschrieben oder ein Film gedreht werden wird. Denen, die keiner kennt, deren Lebensspuren in den Sand geschrieben sind. Den unbekannten Helden, die aber bei Gott bekannt sind.
Und während ich das schreibe, höre ich die Stimmen von einigen von euch, die das lesen: Roland, meinst du das ernst? Willst du schon wieder was über den Sudan schreiben? Wen interessiert das schon, was Leute dort irgendwo im Nordosten Afrikas erleben? Das wahre Leben, das spielt doch ganz woanders — in Hollywood, in Cannes, in New York, Berlin und Paris. Dort geht der Punk ab. Dort ist die Action. Wer da ist, der hat es wirklich geschafft! Über die sollte man schreiben, die erfolgreich, schön und millionenschwer sind. Über die Berühmten, Bekannten und Beliebten.
Oder schreib doch zumindest etwas über die, die in der christlichen Szene bekannt und beliebt sind, Musiker, Künstler, ja, auch Prediger. Aber Leute, die keiner kennt, die in einer ganz anderen Kultur leben, die keine Ahnung von unserer Musik, unseren Problemen, unserer Lebenswelt haben … was gehen die uns an?
Meet my world. Für mich ist das wie ein Wort von Gott: Laß dir die Augen öffnen für die wahre Welt, die reale Welt. Die Welt, in der es wirkliches Leiden gibt, wirkliche Angst, wirkliche Hoffnung und wirkliche Helden.
Einer zum Beispiel starb vor zwei Monaten in einem großen Gefängnis. Er hatte seinen Bruder umgebracht. Seine ganze Familie — Mitglieder der koptischen Kirche, ursprünglich aus Ägypten stammend — wollte, daß er seine Tat mit dem Tod büßte. Er war auch zum Tod verurteilt worden. Im Gefängnis war er durch Mitgefangene Christ geworden. Er wurde dort getauft und erzählte allen von seinem neuen Glauben. Der Tag der Hinrichtung kam nahe. Die Aufseher gaben ihm eine letzte Chance: Wenn du sagst: Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet, wenn du Muslim wirst, dann lassen wir dich leben.
Doch er lehnte ab. Er ließ vor der Hinrichtung noch zwei Christen kommen und gab ihnen einen Brief, in dem stand: Wenn sie sagen, daß ich vor meinem Tod doch noch Muslim geworden bin, dann glaubt ihnen nicht! Ich gehöre zu Jesus und im Glauben an ihn sterbe ich.
So starb er. Einer der unbekannten Helden, der sein Leben ganz leicht hätte retten können. Er hätte nur Jesus aufgeben müssen. Doch er ist kein Einzelfall.

Es gibt sie, auch in unserer Zeit. Die, von denen die Bibel sagt: Sie haben überwunden durch das Wort ihres Zeugnisses und durch das Blut des Lammes und haben ihr Leben nicht geliebt bis an den Tod. Immer wenn ich einer oder einem von ihnen begegne, spüre ich den Atem Gottes in meinem Gesicht. Es gibt sie, mehr als wir denken, diese unbekannten Helden. Auch bei uns. Es sind die, die nicht mehr für sich selbst leben, nicht für ihre Ehre, ihre Selbstbestätigung, ihre Organisation, ihr Recht, sondern die Jesus wirklich kennen und deshalb nicht anders können als für ihn zu leben. Sie reden nicht viel. Sie kommen nicht groß raus. Sie verlieren nicht viele Worte. Aber sie sind durch Jesus Salz der Erde und Licht der Welt. So möchte ich auch sein.

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