21. Verlorene Kinder

21. Verlorene Kinder

Die Meldung geht mir nicht aus dem Kopf. Ein vermisstes Mädchen. Vor wenigen Augenblicken noch auf dem Spielplatz gesehen. Dann nicht mehr da. Zuerst denken sich die Eltern nichts dabei. Sie wird wohl mit einer Freundin nach Hause gegangen sein. Der Abend kommt. Sie ist immer noch nicht da. Die Suche beginnt. Niemand weiß, wo sie steckt. Die Polizei wird eingeschaltet. Eine Großfahndung beginnt. Die Medien werden aufmerksam. Bald zittert die ganze Nation mit. Ist sie einfach fortgelaufen? Ist sie in die Hände einer Kinder-Porno-Bande geraten? War es ein Sexualmord? Lebt sie noch? Ist sie schon tot?
Ich muss gestehen, dass ich auch in der Gefahr stehe, abzustumpfen. So etwas passiert einfach in unserem Land.
Wo kommt das her? Wie kann es sein, dass Menschenleben zur Wegwerfware wird, wenn der Kick des Augenblicks es erfordert? Hängt es damit zusammen, dass im Namen des Fortschritts und der Selbstverwirklichung am Menschenrecht auf Leben gesägt wird, zuerst bei den noch nicht Geborenen, dann vielleicht bei den Alten und Behinderten, bei den Embryonalzellen, bei den „Vorformen“ von Menschsein? Könnte auch die Feindseligkeit gegen Ausländer und Andersdenkende ein Ergebnis davon sein, dass jeder nur noch sich selbst in den Mittelpunkt stellt?
Könnte es damit zu tun haben, dass wir in ein nachchristliches Zeitalter rutschen, wo es keinen Gott mehr gibt, und deshalb auch kein letztes Gericht, keine absolute Wahrheit und Verantwortlichkeit, kein Schwarz oder Weiß, sondern nur noch unterschiedliche Töne von Grau?
Oder sind das zu altmodische Gedanken? Sollte ich mich einfach damit abfinden, wie die Gesellschaft nun mal ist?

Der Gedanke ist verführerisch. Nur nicht anecken. Als Christ soll ich doch andere gewinnen, und das mache ich am besten, wenn ich immer nett und konform bin. Nur nicht den Kopf zu sehr aus der Masse herausstrecken und mich angreifbar machen! Ich will der nette Christ sein, angepasst, lässig, tolerant. Also lasse ich lieber die Finger von Gesellschaftskritik. Spreche ich lieber nicht gegen den herrschenden Egoismus, die Übersexualisierung der Medien, das Jagen nach Geld und die Schnelligkeit, mit der das, was seit Jahrhunderten als anerkannte Moral gegolten hat, über die Schiffswand gekippt wird.
Aber dann denke ich an die vermissten Kinder. Daran, dass es immer kälter wird um mich herum. Ich fange an, mich aufzuregen, dass auf der Jugendmesse YOU statt Bibeln Kondome als letzter Schrei verteilt wurden, als würde das die Probleme des Lebens lösen. Ich werde sauer, dass auf der Love Parade Drogen verteilt werden und dieses „Event der Liebe“ zum Einstiegstag für Hunderte Drogenkarrieren wird. Und ich werde traurig, dass viele in der Elterngeneration den Kids nicht mehr weiterzugeben haben als ein paar hohle Ratschläge und Knete. Ich merke, dass Jesu Voraussage anfängt, sich zu bewahrheiten: Ungerechtigkeit wird herrschen und die Liebe wird in vielen Menschen kalt werden.
Am meisten aber macht mich betroffen, dass wir Christen keine Alternative zu haben scheinen. Wir sehen, wie eine ganze Generation in einer gott-freien Zone heranwächst und stattdessen den Göttern der Geldverherrlichung, des Körperkultes und des totalen Kommerzes überlassen wird. Ich bin traurig, dass es so wenige echte Väter und Mütter in Christus gibt, die ein Herz für die junge Generation haben.

Vielleicht sagst du jetzt: Roland, du bist aber negativ drauf! So schlimm ist das nicht! Es gibt doch auch viele Gegenbeispiele!
Sicher. Aber selbst ein einziges verlorenes Kind ist zu viel. Mich hat es aus meiner Gleichgültigkeit gerissen, als ich mitbekam, dass ein Kind, das vor wenigen Wochen tot und verstümmelt aufgefunden wurde, die Nichte einer Mitarbeiterin war. Das hat mich geschockt. Da stand die Frage auf einmal groß im Raum: Was ist ein Menschenleben wert -– das Leben eines achtjährigen Mädchens?
Die Gleichgültigkeit war wie weggeblasen. Und dann habe ich angefangen nachzudenken. Dabei bin ich darüber erschrocken, dass in unseren Jugendstunden, Predigten und Planungsmeetings die Frage so selten vorkommt: Wie können wir so etwas verhindern? Wie können wir als Christen an einer besseren Zukunft bauen? Was können wir tun, dass das Evangelium wieder ins Zentrum der Gesellschaft kommt und deshalb mehr für Menschen getan wird, die in der schwächeren Position sind?

Ich bin zornig über eine Kirche, der es scheinbar egal ist, dass eine ganze Generation aus der Kirche auswandert. Und erschüttert darüber, dass vielen Verantwortlichen ihre Traditionen wichtiger sind als dass junge Leute einen Ort in den Gemeinden finden. Dabei ist die junge Generation offen für Gott wie seit Jahren nicht. Sie suchen nach etwas, das wirklich ihr Leben erfüllen kann. Wo ihnen Jesus pur angeboten wird, kommen sie zu Hunderten und nehmen es auf wie trockene Schwämme. Der Run zu Jesus hat ganz neu begonnen. Erschreckend ist, dass viele Freikirchler und Landeskirchler das noch nicht gemerkt haben. Aber wer sich für zu fein und zu gebildet hält, einer verlorenen Generation Jesus zu verkündigen, und zwar nicht nur durch Worte, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.
Andres und Christian, Juliane und Nadine, Per und Marvin, Silja und Friederike warten auf Menschen, die ihnen die wahrste aller Nachrichten überbringen: Dass es einen Vater im Himmel gibt, der sie ganz persönlich sieht und segnen will.
Wenn Christen heute wach wären, würden sie überall Kinder- und Teenclubs aufmachen wie die Blöden. Die Zeit ist reif, dass wir die Kids nicht mehr dem Teufel überlassen. In den Siebzigern lautete ein christlicher Hit: Why should the Devil have all the good music? Heute müsste ein neuer Ohrwurm geschrieben werden: Why should the Devil have all the kids?

In diesem Sinne herzlich
euer hoffnungsvoller
Roland Werner

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