18. Christenverfolgung im Christus-Treff und anderswo

18. Christenverfolgung im Christus-Treff und anderswo

Ich weiß nicht, ob du schon einmal donnerstags abends bei uns in Marburg in der Lutherischen Pfarrkirche warst. Je nach Wetterlage und Jahreszeit versammeln sich dort jede Woche um acht Uhr zwischen 300 und 400 Leute, manchmal auch ein paar mehr, zu einem Gottesdienst. Locker, flockig, rockig ist die Musik – meistens -, spontan und kreativ viele Beiträge und vor allem eine relaxte Atmosphäre bei gleichzeitigem Tiefgang. Für viele ein Trend-Gottesdienst, wobei die Ansichten auseinander gehen könnten, ob es der Trend von heute, von morgen oder von gestern ist. Auf jeden Fall ein attraktiver Gottesdienst — vielleicht vor allem wegen der Möglichkeit, hinterher noch in eine der vielen Kneipen der Oberstadt zu gehen — und sicher kein Ort, wo man das Thema Christenverfolgung vermutet.
Um es klar zu stellen: Mit Christenverfolgung meine ich nicht das Phänomen, dass junge Männer deshalb in den Gottesdienst kommen, weil dort eine attraktive junge Dame anwesend ist, deren Spuren sie errötend folgen.
Und ich meine auch nicht die Buhrufe, die auf manchen Ein-Meter-achtzig-oder mehr- Mann niederprasseln könnten, weil er während des Worships mit erhobenen Händen dasteht und für die hinten Sitzenden den Blick auf die Leinwand verdeckt.

Als Christenverfolgung will ich es auch nicht bezeichnen, wenn wir wieder einmal — wie es regelmäßig alle Jahre geschieht — in irgendwelchen Blättern und Zeitschriften aus dem Uni-Bereich angegriffen werden. Das erhöht nur die Öffentlichkeitswirksamkeit nach dem Motto „Viel Feind — viel Ehr'“. Selbst wenn es teilweise zu massiverer übler Nachrede kommt, ist das noch nicht unter dem Thema Verfolgung zu verbuchen. Da wird höchstens ein bisschen das Ansehen und der Name beschädigt, etwas, das völlig normal ist in der realen Welt. Ich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass uns alle lieb haben werden, wenn wir bewusst als Christen leben.

Aber es gibt schon krassere Dinge. Zum Beispiel dies: Gestern Abend erhielt ich eine e-mail. Freunde von mir, Christus-Treffler, bauen in einem arabischen Land ein medizinisches Dorfprojekt auf und zwar in einem Teil des Landes, wo es kaum medizinische Versorgung gibt. Sie wohnen in einer Stadt und betreuen von dort aus eine Reihe von Dörfern, in denen kein Arzt, keine Krankenversorgung und häufig auch kein Wasser und Strom ist. Außerdem haben sie Kontakt zu verschiedenen Beduinensippen, denen sie helfen. Sie engagieren sich in Gesundheitserziehung und Dorfentwicklung, was besonders für die armen Leute dort ein echte Hilfe bedeutet.
Jetzt ist Folgendes passiert: Am letzten Freitag wurde während der Freitagspredigt in allen Moscheen im Umkreis von 100 Kilometern gleichzeitig vor unseren Freunden gewarnt. Sie wurden mit verschiedenen Vorwürfen beschuldigt — und die Leute aufgefordert, keinen Kontakt mit ihnen zu haben. Wenn es nur in einer Moschee gewesen wäre, hätte das vielleicht keine große Bedeutung. Hier handelt es sich aber anscheinend um eine durchorganisierte und abgestimmte Aktion. Wie geht es weiter? Das ist nicht klar. Eine Möglichkeit ist, dass alles wieder abflaut und im Sand verläuft. Eine andere, dass der Druck steigt und unsere Freunde das Land verlassen müssen. Oder auch, dass sie verhört und möglicherweise sogar verhaftet werden. Obwohl sie als Europäer sicher schonender behandelt werden als die einheimischen Christen in diesem Land. Denn es ist dort bei Todesstrafe verboten, Christ zu werden und Christ zu sein. Und das im Jahr 2001 nach Christus.

Ist doch normal, oder? Nicht, dass ihr mich missversteht. Aber Christenverfolgung ist nichts Ungewöhnliches in diesen Tagen. Während wir uns über der Frage die Köpfe einschlagen, wie viele moderne Lieder in einem Gottesdienst gesungen werden dürfen, werden in Indonesien Kirchen abgefackelt und zwar charismatische und nicht-charismatische, evangelische und katholische.

In Nordnigeria passiert genau dasselbe. Im schönen Urlaubsparadies der Malediven ist es den Einheimischen verboten eine Bibel oder christliche Literatur zu besitzen, geschweige denn Christen zu sein. Während wir uns am Strand räkeln, sitzen im gleichen Land Menschen in Gefängnissen, weil sie an Jesus glauben.

Mich lässt das nicht kalt. Denn die Beispiele ließen sich vielfältig vermehren. Im 20. Jahrhundert sind nach unserem Wissen mehr Christen um ihres Glaubens willen verfolgt, ins Gefängnis geworfen, gefoltert und getötet worden als in jedem anderen vorher. Und zwar nicht nur bei den Nazis im Dritten Reich, nicht nur unter Lenin und Stalin in der Sowjetunion, nicht nur im Tschad in den Siebzigerjahren (wo Christen in den Sand gegraben wurden, sodass nur der Kopf herausschaute und sie so entweder langsam starben oder von einem Elefanten kurz und klein gemacht wurden), nicht nur in den islamischen Ländern, nicht nur bis noch vor wenigen Jahren in Nepal und Albanien, sondern auch gegenwärtig zum Beispiel in Indien und selbst in Israel. Israel? Ja, wenn die Gemeindehäuser messianischer Juden mit Steinen beworfen oder angezündet werden – und das nicht etwa von Arabern, sondern von ultra-orthodoxen Juden.

Christenverfolgung war eine Realität im 20. Jahrhundert und wird es aller Voraussicht nach auch im 21. Jahrhundert sein. Lächerlich ist dagegen das, was ich auf manchen amerikanischen christlichen Fernsehstationen erlebe: die endlosen theoretischen Sendungen über die neuste Erkenntnis zur Prophetie und dem Ablaufplan der Zukunft. Da werden die genaueren Umstände der Erscheinung des Antichristen diskutiert und terminiert und das, obwohl Jesus uns eindeutig gesagt hat, dass wir nicht Zeit noch Stunde wissen werden. Klar, antworten sie, aber Monat und Jahr können wir schon errechnen! Eindringlich wird vor Augen gemalt, dass dann eine Zeit der großen Bedrängnis für Christen kommen wird, wo sie um ihres Glaubens willen Verfolgung erleben, verhaftet und getötet werden. Christen in anderen Ländern erleben das längst und haben gar keine Zeit, sich mit dem Zeitplan des Antichristen zu beschäftigen.
Christenverfolgung ist ein Thema hier und heute und nicht erst irgendwann in der so genannten Endzeit. Und als Christen sollten wir wachsam sein und solidarisch, sollten uns zu unseren Schwestern und Brüdern stellen, die verfolgt werden. Wir sollten uns informieren, protestieren, beten und praktische Hilfe und Unterstützung leisten.
Denn so weit weg ist das Thema dann doch nicht. Und es fängt auch hier und jetzt schon bei uns an. Wie zum Beispiel bei der Person aus dem Christus-Treff, die vor wenigen Wochen von ihren Eltern enterbt wurde, weil sie Christ ist. Irgendwie beschäftigt mich das Thema Christenverfolgung. Dich auch?

Herzlich
dein
Roland Werner

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