17. Holy Ghost Power

17. Holy Ghost Power

Ich stamme ja noch aus der Zeit der Jesus-Revolution Anfang der siebziger Jahre. Ja, das stimmt, wer mich ansieht, sieht ein Stück antiker Kirchengeschichte. In diese Zeit fallen meine ersten Begegnungen mit dem Heiligen Geist — genauer gesagt: Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass der Heilige Geist da ist. Denn seine Geschichte mit mir ist sicher viel länger, als ich es bewusst wahrgenommen habe.
Es war in Duisburg, wo ich geboren und aufgewachsen bin. In der Innenstadt, direkt vor dem Karstadt, gab es einen Bereich, der bei uns „Heiratsmarkt“ hieß. Ein Platz, auf dem viele junge Leute sich regelmäßig trafen, und wo neben interessierten Blicken aufs andere Geschlecht auch Drogen wie Hasch usw. getauscht wurden. Kleiderzwang herrschte zwar nicht gerade, aber es war doch von Vorteil, wenn man ausgefranste Jeans, selbst gebatikte Hemden oder wenigstens bestickte Hemden aus dem Indienshop trug — und an den Füßen sogenannte Jesuslatschen oder Clogs (eine Kreuzung zwischen holländischen Holzpantoffeln und Krankenpflegerschuhen). Die Haare waren lang — und wer schon konnte, trug auch einen Ziegenbart, allerdings etwas länger als er neuerdings wieder in Mode gekommen ist.

Auf diesem „Heiratsmarkt“ traf ich sie öfter nach der Schule — ein Clique von fünf, sechs Leuten, die sich mit Taschen voller Traktakte um die Schulter und buntbemalten Bibeln in der Hand unters Volk mischten und mit einzelnen sprachen. Als frischgebackener Christ war ich von dieser Gruppe christlicher Untergrundkämpfer beeindruckt und nahm mit ihnen Kontakt auf. Sie waren vom Stil und Auftreten her ungefähr das, was den Bildern, die ich von den Jesus-People in Kalifornien gesehen hatte, am nächsten kam. Von ihnen hörte ich, wie wichtig der Heilige Geist ist, und bekam zum ersten Mal mit, wie jemand in Sprachen betete.
Klar, dass ich beeindruckt war. Die Begegnung mit ihnen hatte zur Auswirkung, dass ich mich auf die Suche machte. Auf die Suche nach dem Heiligen Geist, nach seinen Gaben und seiner Kraft. Und natürlich auch nach dem Lebensstil, der von Paulus als „Frucht des Heiligen Geistes“ beschrieben wird.

Es war eine Suche mit Hindernissen. Denn schließlich gab es ja nicht nur meine frisch-fromm-fröhlich-freien Freunde mit ihren Heilig-Geist-Erfahrungen. Es gab ja auch noch die anderen, die bei der bloßen Erwähnung des Wortes „Heiliger Geist“ die Hände in die Luft warfen, die Finger warnend schwenkten und manchmal so weit gingen, jeden, der etwas mit dem Heiligen Geist erlebt hatte, als wahrscheinlich dämonisch verführt und deshalb gefährlich ansahen. So sah ich mich in einer Spannung, die mich mit meinen sechzehn oder siebzehn Jahren fast zu zerreißen schien.
Auf der einen Seite sang ich die Lieder der Jesus-People, machte erste Erfahrungen mit den Geistesgaben und der bewegenden Kraft des Geistes, und auf der anderen Seite las ich wissbegierig und fast süchtig die Anti-Geist-Bücher und kämpfte mit der Frage, ob dies nicht alles Blendwerk des Teufels ist.

Irgendwann steckte ich mitten drin in der Geist-Krise. Ich wusste nicht mehr, was richtig war. War alles vom Teufel — und ich war verführt, und merkte es nur nicht? Würde ich irgendwann am Ende meines Lebens aufwachen und Gott zu mir sagen: Mein Lieber, du hast dich getäuscht. Das, was du für den Heiligen Geist gehalten hast, war ein Trick des Teufels, tut mir leid? Oder war ich Gott ungehorsam, wenn ich nicht noch mehr Erfahrungen mit dem Heiligen Geist suchte, noch mehr auf Konferenzen fuhr, wo solche Erlebnisse zu finden waren? Ich wollte mir einerseits Gottes Geist nicht miesmachen lassen und meine geistliche Erfahrung auf ein scheinbar sicheres Mittelmaß beschränken, nur aus Angst, etwas falsch zu machen. Auf der anderen Seite wollte ich aber auch nicht von irgendwelchen Geistern oder Mächten an der Nase herumgeführt werden und am Ende dumm und mit leeren Händen dastehen. In den inneren Kämpfen, die ich durchlebte, wurden mir ein paar Dinge klar.

Erstens: Gott spielt kein falsches Spiel mit uns. Weil er der liebevolle Herr über alles ist, wird er nicht zulassen, dass ich in die Irre gehe, wenn ich ernsthaft nach seinem Willen suche. Er ist liebevoll und täuscht seine Kinder nicht. Und er ist allmächtig und kann und wird uns deshalb behüten und bewahren vor dem Bösen. Wenn ich ihn um ein Brot bitte, wird er mir nicht einen Stein geben. Das hat Jesus klar versprochen. Darauf kann ich mich verlasen.

Zweitens: Ich kann nie genug Heiligen Geist haben. Das gibt es nie: „genug“. Denn ich werde immer bedürftig, schwach und armselig sein. Sicher erfüllt uns Gott mit seinem Geist. Aber unser Problem ist, dass wir Lecks haben, undichte Stellen, wo die Kraft und Gegenwart Gottes verloren geht. Solche Lecks können alles mögliche sein: Sünden, Schwächen, Unglaube, falsche Zielsetzungen, die Hektik des Alltags und vieles mehr. Deshalb will ich nie aufhören zu beten: Komm, Heiliger Geist, erfülle mich neu! Das ist für mich eins der grundlegenden Gebete und ist in der zweiten Bitte des Vaterunsers mit enthalten, wo Jesus uns lehrt zu beten: Dein Reich komme!

Drittens: Der Heilige Geist ist kein niedliches Spielzeug, sondern ist die kraftvolle Gegenwart Gottes. Er ist wirklich Power. Wer den Heiligen Geist wirklich haben will, muss deshalb bereit sein, die Kontrolle abzugeben. Als es vor einigen Jahren eine Welle von Kraftwirkungen des Heiligen Geistes gab, war die Hauptfrage die Frage nach der Kontrolle. Die einen wollten den Geist Gottes so kontrollieren und bestimmen, dass er ja nichts Außergewöhnliches tun sollte. Die anderen wollten den Heiligen Geist dazu bringen, immer dann etwas zu tun, wenn sie es gerade wollten. Sowohl die Befürworter wie auch die Gegner der Bewegung standen letztlich vor der Frage der Kontrollierbarkeit. Doch beim Heiligen Geist haben wir schlechte Karten bei allen Versuchen, ihn zu beherrschen, ihn entweder einzuengen oder zu drücken. Denn schließlich ist der Heilige Geist niemand anderes als der Herr selbst, wie Paulus sagt (2.Kor. 3, 18), und wie die ganze Bibel deutlich macht.

Es sind jetzt fast dreißig Jahre seit meinen ersten bewussten Erlebnissen mit der Kraft des schöpferischen Geistes. Ich muss sagen, dass mein größtes Bedauern da liegt, wo ich ihn nicht genug gesucht, erbeten und ihm Raum gegeben habe. Aber vielleicht gibt mir Gott ja noch ein paar Chancen, das zu ändern. Ich jedenfalls will kein Christsein ohne Heiligen Geist. Das wäre fad und kraftlos, bedeutungslos und letztendlich auch schädlich. Ich will weiter darum beten: Komm, Heiliger Geist. Und ich bin gewiss, dass dann meine Erfahrungen mit ihm, wenn ich siebzig bin und vielleicht im Rollstuhl sitze, noch spannender sein werden, als sie es waren, als ich siebzehn war.

In diesem Sinne herzlich Euer Roland Werner

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